Der Herr ist mein Hirte
Sonntag Miserikordias / "Hirtensonntag", 19. April 2026
Psalm 23
Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar. Amen
Predigt
Gnade sei mit euch und Friede von Gott!
Wenige biblische Texte sind bis heute so bekannt wie Psalm 23. „Der Herr ist mein Hirte … ist das der mit dem ‚dunklen Tal‘?“ So werde ich oft gefragt, wenn ich für eine Taufe oder Trauerfeier Psalm 23 vorschlage. Die Frage oft verbunden mit der Sorge, dieser Text könnte zu abgegriffen oder zu gewöhnlich sein.
„Ist das der Text mit dem ‚dunklen Tal‘?“ Tatsächlich sind für viele Menschen, mit denen ich spreche, diese Verse mit am wichtigsten:
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir. (Ps 23, 4)
Ein Bild, eine Vergewisserung, eine Bitte um Beistand und Begleitung. Unsere größte Angst, im Dunkeln, in drückender Not oder bedrohlicher Unsicherheit verloren zu gehen. Unser größter Wunsch, die Angst, die Bedrängnis aushalten, überleben zu können dadurch, dass eine Freundin, ein Partner, ein Begleiter uns zur Seite steht. Dass Gott mit uns durchs Leben geht, gerade auf den beängstigenden Etappen. Wenn unsere Pläne nicht aufgehen wie erhofft; im Streit oder in Trennung; in finanzieller oder Wohnungsnot; in Krankheit, Entwurzelung oder Einsamkeit.
Der Hirtenpsalm als ein Text, der uns auf allen Wegstrecken unseres Lebens begleiten kann – im Glück wie im Unglück. Der uns den guten Hirten zur Seite stellt, sei es Gott, unseren Schöpfer, oder Jesus Christus, unseren Bruder und Freund.
Diesen Psalm zu sprechen, kann so etwas sein wie ein „performativer Akt“, bei dem im Sprechen etwas geschieht: Die benannten Bilder werden dabei lebendig und spürbar, stellen für uns eine neue Wirklichkeit her. Der Psalm bleibt nicht ein Buchstabentext, sondern wir rufen Gott mit diesem Psalm wirklich herbei … Wir hüllen uns innerlich, im Geiste in seinen warmen Hirtenmantel. Laufen barfuß über eine taufrische Wiese. Wissen in der dunklen Schlucht einen starken Freund an unserer Seite. Vertrauen darauf, ausreichend Nahrung zu bekommen und von anderen mit Wohlwollen empfangen zu werden …
Wie eine Vertrauensübung, bei der wir immer mehr und immer tiefer lernen zu vertrauen.
Darum geht es im Glauben – oder: Das ist Glauben – Vertrauen. Nicht Wissen, nicht Sicherheit. Sondern in uns pflegen, wachhalten und bejahen, womit wir zur Welt kommen: mit der radikalen Abhängigkeit von der Zuwendung anderer und der lebensnotwendigen Bereitschaft, anderen zu vertrauen. Wir wissen, dass dies ein vorübergehender und auch ein äußerst verletzlicher Zustand ist. Es ist gut, dass wir selbstständig werden. Es ist gut, nicht jeder, nicht jedem, nicht jeder Situation zu vertrauen.
Aber es ist auch wichtig, das Vertrauen nicht zu verlernen, es nicht zu schnell als naiv und kindisch abzutun, es immer wieder zu üben – im Gebet, in der Stille, im Nichtstun, im Nichtplanen, im Warten und Hoffen …
Vertrauen üben, Vertrauen stärken wird umso wichtiger, je mehr sich in unserer Gesellschaft eine „Intoleranz von Unsicherheit“ ausbreitet, wie Psychologen es formulieren.
Zur Toleranz von Unsicherheit gehört, dass wir Unruhe, Angst und Spannung aushalten können; dass wir Mehrdeutigkeit, Ratlosigkeit und offene Fragen akzeptieren; dass wir Entscheidungen treffen, obwohl uns nicht alle Informationen vorliegen, und anerkennen, dass das Leben grundsätzlich unvorhersehbar ist.
Diese Toleranz von Unsicherheit – oder anders: dieses Vertrauen in ein fragiles, unverfügbares und kompliziertes Leben – geht vielen Menschen mehr und mehr verloren. Unsicherheit wird als intolerabel, inakzeptabel empfunden. Eine Zumutung, der man ausweichen will und kann. Das liegt, so die Psychologie, an der permanenten Verfügbarkeit von Antworten. Während früher eine Frage oft bedeutete: warten, nachdenken, aushalten, mit anderen sprechen – bedeutet eine Frage heute oft: googlen. Dadurch verkümmert unsere Fähigkeit, im Nichtwissen, in der Unsicherheit zu verweilen; unangenehme Gefühle von Ratlosigkeit, Unentschlossenheit und Verunsicherung eine Zeitlang zu ertragen – im Vertrauen darauf, dass Antworten und Lösungen Schritt für Schritt entstehen können.
Hingewiesen wird auch auf die Auslagerung der sozialen Rückversicherung. Statt mich selbst zu befragen, statt mit anderen zu sprechen oder Gott meine Fragen vorzulegen, recherchieren wir oft schnell im Internet: Was sagen, was machen, was raten andere? Wir verlagern unsere emotionale, spirituelle und soziale Rückversicherung von innen nach außen und verlieren Gefühle von echter Verbundenheit und Integrität und für unsere persönlichen Ressourcen.
Es geht mir nicht um: Internet – Ja oder Nein. Sondern darum, wie wir mit Unsicherheit umgehen und Vertrauen üben können. Selbstvertrauen, Gottvertrauen, Vertrauen in andere und ins Leben angesichts unserer Welt heute und ihren Möglichkeiten.
Auf einer anderen, der gesellschaftlichen Ebene sprechen Soziologen heute davon, dass wir in einer „Misstrauensgesellschaft“ leben. Eine Tendenz, die seit der Corona-Pandemie stark zugenommen hat. In einer zunehmend komplexen Gesellschaft, Wirtschaft, Forschung und Technologie können wir viele Prozesse nicht mehr verfolgen oder verstehen. Damit wir uns dennoch als wirksamen, wichtigen Teil der Gesellschaft begreifen und handlungsfähig bleiben können, müssen wir vertrauen – in andere, in Experten, in gesellschaftliche Systeme und Institutionen.
Misstrauen hingegen macht handlungsunfähig, unzufrieden, passiv. Und um dies, die eigene Handlungsunfähigkeit und Überforderung nicht fühlen zu müssen, gibt es einen plausibel erscheinenden Ausweg: Man vertraut denen, die ebenfalls misstrauen. Nicht aufgrund ihrer Kompetenz oder Erfahrung, sondern allein wegen ihres Misstrauens, das dem eigenen Misstrauen entspricht.
Solche Misstrauensgemeinschaften sind anfällig für Verschwörungstheorien, für Populismus und Erlösungsversprechen. Das geht viel subtiler als Trumps gotteslästerliche Inszenierung als „Arzt“ und „Erlöser“ …
Große Themen tun sich auf, wenn wir heute über Vertrauen und Misstrauen, Unsicherheit und Sicherheit nachdenken …
Im Glauben setzen wir auf Vertrauen. Gesunder Menschenverstand, Bildung, Wissen, Erfahrung, Fragen, nicht alles glauben, nicht jedem vertrauen – das ist wichtig. Aber ohne Vertrauen kommen wir in einer Welt voller Ungewissheiten und auch in unserem eigenen Leben voller Unwägbarkeiten nicht weiter. Verheddern wir uns, straucheln, bleiben hängen in Selbstmitleid oder Handlungsunfähigkeit, in zu schnellen, zu einfachen Antworten, in Angst oder Rückzug …
„Der Herr ist mein Hirte …“ steht für ein radikales Gegenmodell: Anerkennen, dass ich nicht die Herrin meines Lebens bin, ja nicht einmal „Herr im eigenen Hause“, wie Siegmund Freud es formulierte. Dankbar sein für die „grünen Auen“ und das „frische Wasser“, an die ich geführt werde, die mir begegnen – ohne dass ich sie selbst geschaffen oder gekauft hätte. Auf den harten Wegstrecken nicht verzweifeln durch die Bitte um Begleitung und den Glauben an Jesus Christus, der alle Täler, alle Finsternis des Lebens und des Todes kennt. Uns freuen über gedeckte Tische und geteiltes Essen, über Mahlgemeinschaften, Einladungen, Feste und Freundschaften; darüber zur christlichen Gemeinschaft dazuzugehören. Uns von Gott gesehen und geliebt zu glauben … Das alles und noch viel mehr gehört zum Glauben, wie der Hirtenpsalm ihn in seinen so konkreten Bildern beschreibt.
Vertrauensbilder, die wir wachrufen und uns vergegenwärtigen können – und es entsteht ein anderer, neuer Raum, eine andere Freiheit und Hoffnung.
An einem überraschenden Ort habe ich so etwas ähnliches letzte Woche bei einem Konzert in Berlin erlebt: „Moor Mother“, eine amerikanische Dichterin, Musikerin und Aktivistin, die selbst elektronische Hip-Hop-Musik macht, trat zusammen mit einem klassischen Symphonieorchester und einem Streichquintett auf. Auf die instrumentalen Klangteppiche des großen Orchesters rappte sie Texte über Ungerechtigkeit, Unterdrückung und rassistische Willkür. Mitreißend, aufwühlend, intensiv, mitunter schwer auszuhalten … Erdrückend die beklagte Gewalt und Not!
An einer Stelle schließlich sagte sie: „Somebody’s gotta tell Moses, somebody’s gotta tell God. Somebody’s gotta tell Joseph, somebody’s gotta tell God.” (Jemand muss es Mose erzählen, jemand muss es Gott erzählen.)
Wie eine Öffnung der bedrückenden Situation, wie ein Ausweg – die Hoffnung auf Gehör, Hilfe und Rettung: „Somebody’s gotta tell God.“
Dass wir nicht allein sind, nicht allein auf uns selbst und auch nicht allein auf Menschen angewiesen. Sondern Gott wie ein Hirte uns behütet, wie eine Mutter uns hört und wie ein Freund mit uns geht. Mit uns hier – und mit den anderen Menschen, die auf Gott hoffen und ihm vertrauen. Amen.