Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Die große Dürre

Die große Dürre

Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 18. Januar

Predigt zu Jeremia 14, 1-9

Bibeltexte:

Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maß. Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speise­meister! Und sie brachten’s ihm. Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn. Danach zog er hinab nach Kapernaum, er, seine Mutter, seine Brüder und seine Jünger, und sie blieben nur wenige Tage dort.  (Johannes 2, 1–11)

Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre: Juda liegt jämmerlich da, seine Städte ver­schmach­ten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst. 
Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht! (jeremia 14, 1-9)

Predigt:

Heute bieten uns die biblischen Texte großes Kino:
Die erste Szene: Ein rauschendes Hochzeitsfest. Die Leute essen und trinken, trinken so viel, dass der Wein ausgeht. Aber die Peinlichkeit wird abgewendet, der Wein noch besser. Ein erleichterter Bräutigam gibt seiner Liebesten einen Kuss, alle sind fröhlich. Glückliche Menschen heben ihr Glas auf die Liebe. Und mittendrin Jesus mit seinen Freunden. Er feiert mit, er rettet das Fest. Ein sympathischer Jesus. Da zeigt sich Gott, so, wie wir ihn haben wollen: Er kümmert sich um die Men­schen, versorgt sie, macht sie glücklich.

Und dann ein harter Schnitt: Nächste Szene: Die große Dürre. Da gibt es keinen Wein, da gibt es nicht mal mehr Wasser. Die Menschen sind nicht ausgelassen am Feiern, sondern ver­zweifelt am Klagen. Keine Festtagskleidung, sondern die Häup­ter verhüllt, keine Musik, sondern Weinen und Wut. Jeremia malt uns vor Augen, was geschieht, wenn der Regen nicht kommt: Die Erde wird steinhart und rissig, nichts Grünes ist mehr zu sehen. Die Brunnen sind leer, Tiere verdursten.

Dieser Text ist mehr als 2 ½ Tausend Jahre alt und trotzdem haben wir alle aktuelle Bilder vor Augen: Äcker, auf denen die dürftigen Setzlinge verwelken, aufgerissene Böden, leer gefal­lene Stauseen, Knochen von veren­deten Tieren. Ganze Land­striche, in denen kein Leben mehr möglich ist. In Afrika weitet sich die Sahelzone aus und Länder wir Somalia, Kenia und Äthiopien leiden unter extremer Trockenheit. Der Iran erlebt gerade eine der schlimmsten Dürrephase, Indien ver­zeichnet in mehrerer Bundesstaaten Wassermangel, weil der Monsun aus­gefallen ist. Im Amazonasgebiet kam es zu einer Rekorddürre. Und auch aus Südeuropa hört man, dass die Wasserreserven in den Stauseen knapp sind. Die große Dürre.

„Ach, Herr, so hilf uns doch!“ – ruft Jeremia in dieser Not. Damals waren die Men­schen beim Ackerbau der Natur auf eine Art und Weise ausge­liefert, die wir uns heute nicht mehr vor­stellen können. Sie waren angewiesen auf Regen und Sonne und fruchtbare Böden, auch auf die eigene Körperkraft, um die Felder zu bebauen, sich und die Familien zu versorgen – einfach um zu überleben. Das Wetter, die eigene Gesund­heit – das alles stand in Gottes Hand. Unverfügbar. Angewiesen auf die Gnade Gottes, die sich mal zeigte und mal entzog. Not­zeiten, Dürre­perioden wurden als Strafe Gottes gedeutet für die eigenen Sünden. „Unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben!“ – so Jeremia.

Wenn wir heute über Extremwetterereignisse sprechen, über Trockenheiten oder auch über Stürme und Überschwem­mungen, redet keiner mehr von Gott. Wir wissen, der Klima­wandel ist menschengemacht. Von Schuld wird allerdings immer noch gesprochen: Der Mensch ist schuld an dem, was mit Gottes guter Schöpfung passiert.

Ist Gott selbst damit raus aus der Verantwortung? Spiegeln diese biblischen Texte ein vormodernes Denken, das Gott ins Spiel brachte, wenn man Dinge nicht erklären konnte? Sind wir heute sozusagen darüber hinaus? Ich glaube, so einfach ist es nicht, denn die Unverfügbarkeit des Lebens, die erfahren wir ja auch heute noch. Anders als damals. Unsere Lebensmittel können wir im Supermarkt kau­fen, auch wenn es ein trockenes Jahr ist. Wir sind in unserem Alltag der Natur nicht mehr annähernd so ausgeliefert, wir versichern uns gegen Risiken und sind es gewohnt, unser Leben ziem­lich gut selbst steuern, unsere Biographie nach eigenen Vorstellungen ge­stalten zu können.

Aber dann durchkreuzt das „Schicksal“ doch unsere Pläne: Dann kommt eine Diagnose, die das Leben auf den Kopf stellt, oder ein betrunkener Autofahrer übersieht eine Radfahrerin. Dann wünscht man sich so sehr ein Kind und es klappt einfach nicht mit der Schwanger­schaft oder das Kind wird nicht gesund geboren. Dann baut die Firma Arbeitsplätze ab und verschlankt die Leitungsstruktur und plötzlich steht der sicher geglaubte Lebensstandard in Frage. Da findet das erwachsene Kind nicht den Start ins eigene Leben, sondern muss mit schwerer De­pression in eine Klinik.

Natürlich lässt sich auch dann nach Schuldigen suchen – der betrunkene Autofahrer natürlich oder eine Ärztin, die die ersten Anzeichen einer Krankheit übersehen hat. Beliebt bei manchen auch: die Politik, die die Rahmenbedingungen schlecht steuert, die Migration, die meinen Arbeitsplatz gefährdet. Aber viele Erklärungen greifen zu kurz oder helfen auch einfach nicht weiter. Die „Warum“-Frage von Jeremia ist heute noch genauso aktuell. Warum geschieht das Schwere, das Lebensbedrohliche, warum geht uns manchmal nicht nur der Wein, sondern sogar das Wasser aus im Leben?

Jeremias Erklärungsversuch lautet: „Unsere Sünden verklagen uns“. Gott ist gerecht. Irgendwas muss der Mensch also falsch gemacht haben, dass Gott ihn so bestraft. Wenn ich an ein Unfallopfer, einen weg­rationalisierten Arbeits­platz oder einen unerfüllten Kinder­wunsch denke, dann möchte ich niemanden sagen: „Da hast du dich wohl irgendwo schuldig gemacht und Gott straft dich jetzt.“ Ich glaube das auch nicht. Auch die Menschen, die in der Sahelzone um ihr Überleben kämpfen, sind nicht schuld daran, dass ihre Brunnen vertrock­nen. Ich denke, Jeremias Erklärung sagt mehr über den Menschen als über Gott.

Es ist in der Psychologie oder besser in der Psychotrauma­tologie ein bekanntes Phänomen, dass Opfer die Schuld bei sich suchen. Denn wenn ich die Ursache bin für das, was mir Schlimmes widerfährt, dann kann ich vielleicht auch etwas daran ändern. Es ist ein Versuch, aus der totalen Ohnmacht wieder in die Handlungsfähigkeit zu kommen. Ich will dem Schick­sal nicht einfach ausgeliefert sein, ich will es doch wenigsten ein bisschen selbst bestimmen können. Eine ver­ständ­liche menschliche Reaktion. Wenn ich es mal zuspitze, könnte man sagen: Wenn der Mensch böse ist, dann bleibt Gott gut.

Und damit sind wir bei der Frage nach Gott. Darauf läuft unser prophetischer Text hinaus: Auf genau diese Frage:

„Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Land

und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt.

Warum bist du wie einer, der verzagt ist,

und wie ein Held, der nicht helfen kann.“

Ja, genau, warum? Wir wünschen uns Gott als Held, der die Widrigkeiten des Lebens aus dem Weg räumt, als einen, der es über uns regnen lässt, der uns heilt und tröstet und versorgt. „Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer“ – das ist keine Frage bei Jeremia, sondern eine Feststellung. Damit beruft er sich auf die Verheißungen, von denen doch das Volk und die Einzelnen seit Jahrhunderten leben und die sie doch auch als wahr erfahren haben.

Das Kontrastprogramm, das uns heute morgen serviert wird, zeigt uns ein komplexes Gottesbild. Natürlich, es gibt ihn, den menschenfreundlichen, zugewandten Gott, den Barmherzigen, der uns Wein serviert und nicht nur Regen, sondern manchmal auch Rosen über uns regnen lässt. Aber das ist nicht alles. Wenn wir Gott darauf reduzieren, haben wir ein sehr plattes Gottesbild, das schnell an der Realität zerbrechen kann. Es gibt ja beides im Leben: die Zeiten, wo der Tisch für uns reich gedeckt ist, wo wir aus dem Vollen schöpfen, in Gemeinschaft mit anderen feiern, satt und zufrieden sind. Und dann gibt es Dürrephasen, in denen wir hungern und dürsten nach einem guten Leben, nach Zuwendung und Beziehung, nach Gelingen und Sinnhaftigkeit.

Ein harmloser, handlicher „lieber Gott“ wird dem nicht gerecht. Den kann man im Endeffekt auch nicht ernst nehmen. Gott ist viel größer. Oft rätselhaft, geheimnisvoll und nicht zu greifen. „Wie ein Fremdling“, der nur einen kurzen Moment zu fassen ist, so beschreibt Jeremia diese Erfahrung und stellt die andere Erfahrung daneben: „Du bist ja doch unter uns, Gott“. Diese Spannung in müssen wir aushalten. Deus revelatus und deus absconditus hat Luther das genannt – der offenbarte und der verborgene Gott. Der nahe und nahbare einerseits, der ferne und unbegreifliche Gott andererseits. Jeremia klagt und hofft, er fühlt sich allein gelassen und weiß doch um Gottes Nähe. Dieses Kontrastprogramm lässt sich nicht auflösen.

Und wir – wir sind jetzt eingeladen. Gott lädt uns an seinen Tisch zu Brot und Wein. Wir feiern gemeinsam Abendmahl. Der Wein ist Zeichen der Freude und des Feiers, aber er steht auch für Christi Blut. Die ganze Ambivalenz ist auch hier zu greifen. „Zu seinem Gedächtnis“ kommen wir zusammen, wir denken an sein Leiden und Sterben. An seinen Durst. „Mich düstet!“ sagte Jesus, kurz bevor er starb. Am Kreuz sehen wir denn allmäch­tigen Gott ohnmächtig – und dürfen wissen: Wir sind in unserer Ohnmacht nicht allein. Gott ist bei uns. Die Ohnmacht spricht nicht gegen seine Gegenwart. Im Gegenteil. Gerade dort lässt er sich finden. Gott ganz unten, Gott auch ganz oben, klein wie ein Kind und groß als der Weltherrscher, gefühlt ganz nahe oder auch weit weg. All das ist in Gott vereint, auch wenn unser Verstand das schwer zusammenbringen kann. Und so stimmen wir heute ein in das Gebet des Jeremia, das die ganze Ambivalenz umfasst:

„Du bist ja doch unter uns, Gott“ – „Verlass uns nicht!“ Amen.