Gnade sei mit euch Friede von Gott!
„Es begab sich aber zu der Zeit … Es war einmal …“ So beginnt die biblische Weihnachtsgeschichte, so beginnen Märchen und Legenden, die zu ganz anderen Zeiten und Orten spielen, um uns hineinzunehmen in ihre ferne Welt. Auch die schwedische Schriftstellerin Selma Lagerlöf fängt so eine ihrer Weihnachtslegenden an. Sie heißt: „Die Heilige Nacht“ und beginnt so:
[vgl. Selma Lagerlöf: Ein Weihnachtsgast. Insel Verlag Berlin 2023, S. 7-16.]
„Es war einmal ein Mann, der in tiefer Nacht hinausging, um sich Feuer zu leihen. Von Hütte zu Hütte lief er und klopfte an: ‚Bitte helft mir, liebe Leute! Meine Frau hat gerade ein Kind geboren, und ich muss Feuer machen, um sie und das Kleine zu wärmen.‘“
Und dann erzählt Selma Lagerlöf von dieser besonderen Nacht: wie der Mann immer weiter lief, bis er schließlich ein Feuer im Freien sah. Um das Feuer lagen Schafe. Ein alter Hirte stand dabei und wachte; drei große Hunde lagen ihm zu Füßen. Als der Mann sich näherte, sprangen sie auf und rissen die Mäuler auf, um zu bellen, doch es war kein Laut zu hören. Ihr Fell sträubte sich, ihre scharfen Zähne blitzten, sie schnappten nach seinen Beinen – doch ihre Kiefer und Zähne gehorchten ihnen nicht. Der Mann blieb unversehrt.
Als er das Feuer erreichte, blickte der Hirte auf. Ein grimmiger Kerl, unfreundlich und hart. Kaum sah er den Fremden, packte er seinen langen, spitzen Stab und warf ihn nach ihm. Der Stab flog direkt auf den Mann zu, doch bevor er ihn treffen konnte, bog er ab und sauste über das Feld davon.
Der Mann sprach zu dem Hirten: „Bitte helft mir und leiht mir ein wenig Feuer! Meine Frau hat ein Kind geboren, und ich muss Feuer machen, um sie und das Kleine zu wärmen“
Der hartherzige Hirte hätte es ihm am liebsten abgeschlagen, aber er dachte daran, wie die Hunde ihn nicht hatten beißen können, wie die Schafe nicht weggerannt waren und wie sein Stab ihn verfehlt hatte. Da wurde er ängstlich und traute sich nicht, ihm die Bitte abzuschlagen. „Nimm dir, so viel du brauchst“, sagte er.
Der Mann bückte sich, nahm mit bloßen Händen einige Kohlen aus der Glut und wickelte sie ihn seinen Mantel. Weder verbrannte er sich die Hände, noch fing sein Mantel Feuer. Er trug die glühenden Kohlen einfach so weg.
Als der Hirte das alles sah, fragte er sich, was dies bloß für eine Nacht sei, in der die Hunde nicht beißen, der Speer nicht töten und das Feuer nicht brennen wollte. Er rief den Fremden zurück und fragte: „Was ist das für eine Nacht? Und woher kommt es, dass alle Dinge sich dir gegenüber barmherzig zeigen?“ Der Mann antwortete: „Das kann ich dir nicht sagen, wenn du es nicht selbst siehst.“ –
„Was ist das für eine Nacht?“, fragt misstrauisch der Hirte. „Das kann ich dir nicht sagen, wenn du es nicht selbst siehst …“
Was ist das für eine Nacht für uns? Was ist diese Nacht heute für uns? In der wir suchen und uns sehnen, in der wir gefunden und berührt werden möchten …
Wer von uns wäre schon hier, wenn er oder sie nicht eine Ahnung oder ein Empfinden für das hätte, was diese Nacht von allen anderen Nächten unterscheidet … Eine Sehnsucht nach Licht und Wärme in dunkler Nacht. Nach Frieden, Sanftmut und Vergebung. Nach einem neuen Anfang, den Gott mit dem Neugeborenen in der Krippe setzt. Eine Ahnung von Trost und Geborgenheit.
Es ist schwer zu beschreiben. „Ich kann es dir nicht sagen, wenn du es nicht selbst siehst …“
In der Weihnachtslegende heißt es weiter: Der Hirte wollte nun erfahren, was das alles in dieser Nacht zu bedeuten hatte. Er ging los, folgte dem Mann nach Hause und sah, dass dieser nicht einmal eine Hütte hatte, sondern dass seine Frau und das Kind in einer kalten Felsgrotte lagen.
„Das arme Kind“, dachte da der Hirte. „Es wird noch erfrieren.“ Und obwohl er so ein harter Kerl war, rührte ihn das, und er zog ein warmes, weißes Schaffell aus dem Ranzen und gab es dem Mann, um sein Kind darauf zu betten. Und in diesem Moment, in dem er zeigte, dass auch er barmherzig sein konnte, wurde ihm die Augen geöffnet.
„Es wurden ihm die Augen geöffnet …“ Nicht weil er genauer hinsah oder mit dem Kopf verstand, dass dies ein besonderes Kind war, womöglich der langersehnte Retter. Sondern weil „er zeigte, dass auch er barmherzig sein konnte“. Weil er sich anders verhielt, seine Hände anderes taten, sein Herz anders fühlte.
Da sah der Hirte plötzlich kleine Engel mit silbernen Flügeln, die einen Kreis um ihn gebildet hatten und vom Heiland, dem Retter der Welt sangen. Ein solcher Jubel, so viel Glanz und Freude, dass er auf die Knie fiel und Gott dankte für diese Nacht. –
Wie hell es um einen werden kann, weil einem die Augen durch einen Akt der Barmherzigkeit geöffnet werden. Wie wir neue Klänge, Freude und Dank vernehmen können, weil uns die Ohren durch zartes Mitfühlen geöffnet werden. Wie ein Mensch in der Heiligen Nacht neu werden kann, wie neugeboren, weil er, weil sie sich von Gottes Liebe in Jesus Christus anrühren und verwandeln lässt!
Das ist das Wunder der Heiligen Nacht. Nach dem wir uns sehnen, nicht nur heute Nacht. Nicht nur wir, nicht nur hier. Es ist das Wunder des Heiligen in der Welt, das mit Jesus Christus seinen Anfang nahm, auf dass wir Menschen auf der Erde von Gottes Heiligkeit, von seiner himmlischen Macht der Liebe ergriffen würden.
Dass und wie dies geschehen kann, habe ich gehört und empfunden in einem beeindruckenden Interview, das die belarussische Musikerin und Bürgerrechtlerin Maria Kolesnikowa unmittelbar nach ihrer Freilassung gab. Sie ist eine von 123 politischen Gefangenen, die am 13. Dezember aus mehrjähriger Haft entlassen wurden, nachdem die USA einige ihrer Sanktionen gegen das Lukaschenko-Regime in Weißrussland aufgehoben hatten.
[vgl. https://www.tagesschau.de/tagesthemen/video-1535578.html; abgerufen am 20.12.2025]
In dem Interview, das sie nach ihrer Haftentlassung gab, betont Maria Kolesnikowa wieder und wieder – teils an den Fragen des Journalisten vorbei –, dass es im Gefängnis Menschen gab, die ihr geholfen hätten.
Seit September 2020 war sie inhaftiert gewesen wegen ihrer Teilnahme an den großen Demonstrationen gegen die Diktatur von Lukaschenko und für Demokratie. Sie war zeitweise in besonderen Strafzellen eingesperrt, verbrachte mehr als 600 Tage in Kontaktsperre. Sie war schwer krank und musste operiert werden.
Am Tag ihrer Freilassung sagt sie: „Es gab natürlich Probleme. Es war eine sehr schwierige Zeit für mich und meine Gesundheit. Aber nicht für meine psychische Gesundheit, weil ich im Innern immer frei war. Man kann sehr viel sagen über die Bedingungen in belarussischen Gefängnissen. Aber das Wichtigste war, dass es Leute gab, die mir geholfen haben, die mein Leben gerettet haben. Es gab immer Leute, die geholfen haben.“
Sie beharrt auf dem Wichtigsten: auf den Momenten der Barmherzigkeit, die sie erfahren hat. Auf dem unerwarteten Erlebnis, dem Staunen und der Dankbarkeit dafür, dass auch grimmige Aufseherinnen ihr geholfen und regimetreue Ärzte sie operiert haben. Dass es in gewaltvollen Strukturen, in Einsamkeit, Kälte und Dunkelheit Leute gab, die sich die Augen öffnen ließen und den Mitmenschen sahen, der sie brauchte.
„Die wichtigste Sache im Gefängnis war, dass Menschen mir geholfen haben“, sagt sie. Und: „Mein Ziel ist es, die Aggression und den Hass zu stoppen.“ –
In der schwedischen Weihnachtslegende von Selma Lagerlöf fragt der hartherzige Hirte: „Was ist das für eine Nacht?“ Wo die Hunde nicht beißen, der Speer nicht tötet und das Feuer nicht brennt …
Es ist eine Heilige Nacht, Gott sei Dank unter vielen anderen heiligen Nächten und Tagen. Damals wie heute, hier wie in Schweden, in Belarus oder der Ukraine. Wo die Barmherzigkeit Augen öffnet, sodass Engel zu erkennen sind. Wo die Nächstenliebe Ohren öffnet, sodass Musik, gute Worte und freundliche Stimmen zu hören sind.
In diesen heiligen Nächten und Tagen ist oft nicht ganz klar, wer gibt und wer empfängt – der Hirte oder das Kind, die Gefangene oder die Gefängnisaufseherin. Wer die Schenkende und wer der Beschenkte ist … Das löst sich zu einem wechselseitigen Geschehen auf, wenn wir im Raum oder im Licht der Liebe Gottes stehen.
Wenn wir im übertragenen Sinn an der Krippe knieen, singen und Gott danken. Wenn wir uns anderen Menschen zuwenden, die uns brauchen – oder uns von anderen helfen und beschenken lassen. Mit einem freien Blick, einem mitfühlenden Herzen, mit Hoffnung und Vertrauen.
„Sieh selbst!“ Wie es hell wird, wie die Kälte nicht beißt, wie der Hass nicht trifft und das menschliche Gift nicht tötet, wenn wir der heiligen Macht der Mitmenschlichkeit Gottes trauen.
Ja, „uns ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ (Lk 2, 11) Amen.