Franz von Assisi
Pastor Christof Jaeger
Predigt zu Franz von Assisi
Biblischer Text:
Und als er hinausging auf den Weg, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als der eine Gott. Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.« Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf. Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach! Er aber wurde betrübt über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter. (Mk 10,17-22)
Predigt:
Liebe Gemeinde!
Die meisten religiös Interessierten würden heute bei dem Begriff Mystik wohl an Kontemplation, Versenkung und Konzentration auf die innere Erfahrung denken – Rückzug aus der lauten, geschäftigen Welt, um dem göttlichen Funken auf die Spur zu kommen. Räume für Stille und Meditation wären vielleicht weitere Assoziationen. In diesem Sinne war Franziskus von Assisi wohl kaum ein Mystiker. Sonst hätte er sich womöglich dauerhaft von den Menschen zurückgezogen und als Eremit sein Leben der Gottessuche geweiht. Oder er hätte sich entschieden, sein Leben abseits in einem Kloster als Mönch zu führen. Doch sein Leben verlief ganz anders.
Aus dem vielen, was zu Franziskus gesagt werden kann, will ich mich auf einige Grundzüge seiner Biographie und seine Haltung zur Armut konzentrieren.
Franziskus gehörte zur aufstrebenden Elite in den an Macht und Einfluss gewinnenden Städten im Italien des ausgehenden 12. Jahrhunderts. Als Sohn eines erfolgreichen Kaufmanns in Assisi genoss er eine privilegierte Jugend. Im Kreis seiner ebenso begüterten Gefährten fiel er durch besondere Großzügigkeit auf. Er gab das Geld seines Vaters mit vollen Händen aus. So erlangte er schnell eine besondere Stellung unter ihnen und wurde zu ihrem Anführer. Kaufmännisches Denken war ihm fremd.
Man vermutet, dass französische Romane über adlige Ritter seinen Ehrgeiz angestachelt haben. Er wollte zu diesen Kreisen gehören und kämpfte auch tatsächlich hoch zu Pferd in einer kriegerischen Auseinandersetzung mit einer Nachbarstadt. Dabei geriet er in Gefangenschaft. Erst nach einem Jahr wurde er daraus befreit, blieb aber lange krank als Folge der Haftbedingungen. Auch nach dieser Erfahrung wollte er noch Ruhm in der Schlacht erlangen und brach zu einem Feldzug nach Apulien auf. Doch seine Gesundheit ließ das nicht zu, so dass er schon bald unverrichteter Dinge wieder nach Assisi zurückkehren musste.
Erst nach diesen gescheiterten Versuchen, seinem Leben eine andere Richtung als das Kaufmannsleben seines Vaters zu geben, begann seine Hinwendung zum Evangelium. Zunächst scheint er in einer für ihn schwierigen Zeit der Orientierungslosigkeit für viele Monate, vielleicht Jahre seine frühere Selbstsicherheit und Fröhlichkeit verloren zu haben und sich immer wieder in Höhlen zum Gebet zurückgezogen zu haben. Aber eine quälend lange Zeit fand er keinen Weg für sich und sein Leben. In seinem Testament, das er kurz vor seinem Tod aufschreiben ließ, beschreibt er den entscheidenden Durchbruch dann so:
„So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und als ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt. Und danach hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt.“
Franziskus sah am Ende seines Lebens diese Erfahrung als den entscheidenden Wendepunkt. Im Alter von etwa 24 Jahren verzichtete er auf sein Eigentum und Erbe, geriet dadurch in Konflikt mit seinem Vater und begann sein Leben in Buße. Konkret bedeutete das für ihn, seine Familie zu verlassen, sein Leben ganz nach dem Evangelium auszurichten und zunächst einige kleinere Kirchen außerhalb der Stadt wieder herzustellen.
Er hatte in einer Vision den Auftrag für sich erkannt, die Kirche wieder aufzubauen. Das verstand er ganz wörtlich und machte sich ans Werk. Dabei lebte er in Armut und von dem Lohn für seiner Hände Arbeit. Denn er hatte die Geschichte vom reichen Jüngling, die wir gerade als Evangeliumslesung gehört haben, ebenso wörtlich verstanden. Die Nachfolge Jesu bedeutete für ihn, ohne feste Behausung und die Sicherheit von Besitz von Gelegenheitsarbeit zu leben und durch sein beispielhaftes Leben das Evangelium zu predigen.
Es dauerte einige Zeit, bis erste Menschen zu ihm kamen, um sich ihm anzuschließen. Sie lebten in einfachsten Verhältnissen außerhalb der Stadt. Für Franziskus war das eine Überraschung. Er hatte es nicht darauf angelegt, eine Gemeinschaft zu bilden. Er empfand das Interesse an seiner Lebensform und Frömmigkeit als Geschenk und Aufgabe Gottes. Als es immer mehr Brüder wurden, suchte er den Kontakt zum Papst. Er fühlte sich immer als Teil der Kirche und achtete von Anfang an darauf, nicht in Gegensatz zu ihr zu geraten. Gleichzeitig sah er sich von Gott selbst mit einem Predigtauftrag versehen, um sein schlichtes Verständnis vom Evangelium auch anderen nahezubringen. Diese Berufung ließ er sich vom Papst persönlich bestätigen und die Berechtigung zur Bußpredigt für sich und seine Mitbrüder erteilen.
Als Kaufmannssohn hatte er Lesen und Schreiben gelernt, war aber kein Gelehrter. Deswegen bestanden seine Predigten nicht aus langen Reden, sondern er überzeugte lieber mit seinen Handlungen. Das Leben auf Wanderschaft um seine Heimatstadt Assisi herum brachte ihn mit Vielen in Kontakt. Seine Großzügigkeit und offensichtliche Liebe zu den Menschen, besonders zu den Armen wie den Aussätzigen, beeindruckte seine Zeitgenossen tief. So kamen immer mehr und mehr zu ihm und wollten ihr Leben mit ihm teilen.
Das war der Beginn einer komplizierten und spannungsreichen Beziehung zwischen seiner besonderen Lebensform und der Institution Kirche. Genauso schwierig gestaltete sich das rasante Wachstum der Bruderschaft. Er selbst lebte nach wenigen, klaren Grundsätzen, die er auch von seinen Brüdern und bald auch Schwestern erwartete. Keinerlei persönlicher und gemeinschaftlicher Besitz, das war ihm besonders wichtig. Denn das war nur der äußerliche Ausdruck einer inneren Haltung, sich jedermann und jederfrau gegenüber als Diener zu verstehen. Daraus entsprang für ihn ein universaler Zugang nicht nur zu allen Menschen, sondern darüber hinaus zur ganzen Schöpfung.
In den zahlreichen späteren Bildern und legendarischen Erzählungen über ihn konnte er genauso den Vögeln wie auch seinen Mitmenschen predigen. Alles und alle um ihn herum waren von Gott geschaffen und dienten ihm auf je eigene Weise. In dem berühmten Sonnengesang, den er am Ende seines Lebens vollendete, kommt das gut zum Ausdruck.
Durch die gemeinsame Armut waren alle, die nach seiner Weise lebten, umso stärker aufeinander angewiesen. Dadurch entstand eine besonders enge Gemeinschaft, die offenbar auf die Menschen seiner Zeit anziehend gewirkt hat. Die Bruderschaft des Franziskus zeigte neben dem klösterlichen einen neuen Weg auf, geistlich zu leben. Sie erarbeiteten sich das Nötige für ihr Leben – Betteln war von Franziskus nur als Notlösung gedacht. Besitzlosigkeit bildete für Franziskus eine wichtige Voraussetzung für ein friedliches Miteinander, das er überall versuchte zu fördern. Die Minderbrüder, wie sie sich später selbst nannten, grüßten Menschen, die sie trafen, immer mit demselben Gruß: „Der Herr gebe dir den Frieden!“ oder „Friede diesem Haus!“. Tatsächlich konnte Franziskus durch sein Wirken mehrfach Konflikte befrieden.
Doch seine Bewegung wuchs schnell und stark. Ohne klare Strukturen war eine so große Menge an Brüdern nicht zu führen. Dadurch war der Bezug zu Franziskus als dem Gründer nicht mehr so gegeben wie am Anfang. Über die Jahre verlor Franziskus so an Einfluss auf die Brüder. Er musste sich mit der Institution Kirche auf der einen Seite und den Mitbrüdern auf der anderen Seite auseinandersetzen und erleben, dass manches sich anders entwickelte, als er es gewünscht hatte. Am Ende seines Lebens war er außerdem durch Krankheiten geschwächt, so dass er schon mehrere Jahre vor seinem Tod die Leitung an einen Mitbruder abgab. Mittlerweile waren Tausende in zahlreichen Ländern zu Brüdern von Franziskus geworden. Es gab längst auch einen weiblichen Zweig der Bewegung, der von Klara von Assisi geleitet wurde und mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen hatte.
Mich hat in der faszinierenden Beschäftigung mit Franziskus am meisten beeindruckt, wie er mit dieser Entwicklung umzugehen wusste. Er persönlich hielt bis zu seinem Tode an den von ihm als wesentlich erkannten Lebensprinzipien fest. Für ihn waren Armut, Keuschheit und eine dienende Haltung gegenüber allen das Evangelium selbst. Wenn er selbst dem Evangelium nicht gerecht geworden war, scheute er sich nicht, öffentlich Buße zu tun und durch sein Beispiel andere zu ermutigen, es ihm gleich zu tun. Trotz des enormen Erfolges seiner Lebensweise hat er sich nicht auf Kompromisse einlassen wollen und lieber die Leitung abgegeben, als sich verbiegen zu lassen.
Für ihn muss die rasante Entwicklung der Minderbrüder, wie sich seine Mitbrüder nannten, mindestens ambivalent gewesen sein. Bestimmt freute er sich über diese Bestätigung. Gleichzeitig konnte er schon zu seinen Lebzeiten erkennen, dass sich seine ursprüngliche Idee einer ganz einfachen Lebensweise in unmittelbarer Nachfolge Jesu Christi kaum auf eine internationale Organisation innerhalb der weltumspannenden Kirche übertragen ließ. In der vielschichtigen Wirkungsgeschichte nach seinem Tod ist das schnell überdeutlich geworden. Doch Franziskus hat zwar am Ende seines Lebens unter diesen Entwicklungen gelitten. Aber er hat sich davon nicht in seiner eigenen Auffassung des Evangeliums irritieren lassen.
Seine Mystik bestand vielleicht in der unmittelbaren Gotteserfahrung, die er in jeder Begegnung mit dem Reichtum der Schöpfung insgesamt wie auch mit seinen Mitmenschen zu entdecken vermochte. Fröhlich, unmittelbar und ohne ausgeklügelte Theologie predigte er durch sein Handeln. Er verband damit Glaube und Werke genau so, wie es der Jakobusbrief vorhin in der Epistellesung verlangt hat. Aus seiner Armut und Anspruchslosigkeit gewann er eine kaum zu ermessende Freiheit. Die wirkte so ansteckend, dass er nicht nur einige kleine Kirchen rund um Assisi, sondern die Kirche insgesamt aufbauen konnte. Das inspiriert bis heute.
Angesichts der vielen bedrohlichen Veränderungen im politischen Gefüge in unserem Land und in der Welt insgesamt, angesichts der voranschreitenden Klimakrise und der riskanten technischen Umwälzungen, die wir erleben und angesichts der zunehmenden Konflikte und Kriege wünsche ich uns den Mut und die fröhliche Freiheit eines Franziskus, die Liebe Gottes ganz schlicht und einfach durch unser Leben und Beispiel in die Welt zu bringen. Friede diesem Haus und uns allen! Amen.