Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Gesalbt und gesegnet

Gesalbt und gesegnet

Predigt am Palmsonntag
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Palmarum, 29. März 2026

Predigt zu Markus 14, 3–9

Predigttext: Markus 14, 3–9

Und als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Die Schriftstellerin Luise Rinser erzählt in ihrem Buch „Mirjam“ vom Leben, von der Verkündigung, dem Sterben und Auferstehen von Jesus aus Nazareth. Das Buch, Anfang der 80er Jahre erschienen, ist einerseits ein historischer Roman. Man erfährt viel über Politik, Gesellschaft und Lebensverhältnisse in Palästina unter römischer Besatzung vor 2.000 Jahren. Andrerseits erzählt Luise Rinsers Buch vom Ringen darum, ob und wie man an den Menschen und Messias, den Lehrer und König Jesus glauben und ihn verstehen kann.

Rinser erzählt ihre Jesus-Geschichte aus der Sicht der Maria von Magdala, deren aramäischer Name „Mirjam“ dem Buch den Titel gibt. Sie nennt die aus den Evangelien bekannten Personen nicht mit ihren griechischen Namen wie wir es gewohnt sind: Jesus, Maria, Johannes, Petrus – sondern im aramäischen Dialekt wie er damals auch von Jesus gesprochen wurde: Jeschua für Jesus, Mirjam für Maria, Jochanan für Johannes, Schimon für Simon Petrus.

Maria von Magdala, die eine Jüngerin Jesu war, wird zur Ich-Erzählerin Mirjam. Aus ihrer Perspektive schreibt Rinser sozusagen ein neues, ein fünftes Evangelium. Sie nimmt darin viele neutestamentliche Überlieferungen auf, auch die Geschichte von der Salbung in Bethanien, den heutigen Predigttext aus dem Markus-Evangelium. Ich lese ihre Schilderung:

„Ich sah die kleine Gruppe vom See her kommen … Es war Mittag, Zeit für die Mahlzeit. Er und die Seinen … traten ins Haus ein. Ich sah ihnen nach, das Tor blieb offen. Wie, wenn ich einträte, uneingeladen, eine Frau, eine Fremde, oder vielleicht erkannt als ‚die aus Magdala‘, ‚die mit dem bösen Blick‘ …? Was geschähe? Man wiese mich hinaus. Sicherlich. Und ER? Gleichviel, ich übersprang die Hürde, es musste sein, die Stunde war da, jetzt, oder aber nie: ich trat ein. Keiner hielt mich zurück. Es wurde nur sehr still im Raum, als hielten alle den Atem an. Als hielte das Schicksal selbst den Atem an. Da stand ich nun vor ihm.
Ich zog eins meiner Alabasterfläschchen heraus und zerschlug es an der Tischplatte. Der Raum füllte sich mit Wohlgeruch. Das Salb-Öl der Könige. Ich goß ein wenig davon auf sein Haar, den Rest über seine Füße … Die Szene hatte die Männer sprachlos gemacht. …
Der Gastgeber murrte, peinliche Mißstimmung breitete sich aus. Der Rabbi wartete das Ende des Mahles nicht ab. …
Er winkte seinen Jüngern und mir, und wir gingen hinaus. Ein Skandal. Einer von vielen, die ich später miterlebte.“
[Luise Rinser: Mirjam. Frankfurt a.M. 1987, S. 52f]

Ein Skandal. Die Geschichte, die Markus überliefert, die Rinser überliefert, ist anstößig, sie stößt an und auf. Sie rüttelt an Grenzen und sprengt sie:

Eine Frau durchquert allein und uneingeladen die Schwelle eines Hauses. Betritt einen Raum, in dem Männer beim Essen sitzen. Eine Frau steht – die Männer sitzen. Sie stört beim Essen und vermutlich auch ein Lehrgespräch. Aber sie wird weder vom Hausherrn hinausgeworfen noch von Jesus zurechtgewiesen.

Dann zerbricht sie ihr Alabasterfläschchen und gießt Jesus Öl über den Kopf. Die Männer wissen: Das tun Propheten und Priester, wenn sie einen neuen König in Israel salben. Der Duft des Nardenöls breitet sich im ganzen Raum aus. Die Männer wissen: So riecht es, wenn ein Toter einbalsamiert wird.

Eine mindestens doppeldeutige Zeichenhandlung vollzieht Mirjam vor den verblüfften Männern: Sie zeichnet Jesus als König Israels aus und sie bezeichnet ihn als Toten …

Das wird kaum zu verstehen gewesen sein, kaum zu fassen. Das zeigt auch die ärgerliche Reaktion der Jünger: „Hätte man das Geld für das teure Öl nicht besser den Armen geben sollen?“ (V. 5)

Und auch die Antwort von Jesus, der doch immer wieder Partei für die Armen ergreift, kommt überraschend und ist nicht leicht zu verstehen. Ein typisch radikales Jesus-Wort: „Arme habt ihr alle Zeit bei euch. Mich habt ihr nicht mehr lange bei euch. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch von dem reden, was sie getan hat.“ (V. 7+9)

Mit diesem letzten Satz qualifiziert Jesus Maria oder Mirjam als Evangelistin. Als Jüngerin, Bekennerin und Gerechte, an die wir Späteren uns erinnern sollen. Weil wir an ihrem Beispiel, an ihrer irritierenden, anstößigen Zeichenhandlung verstehen können, worum es in der Nachfolge von Jesus geht: um eine Suche nach der Nähe Jesu, die Grenzen überschreitet. Die sich von Sitte und Anstand nicht einengen lässt. Weil der Glaube selbst Grenzen – und manchmal auch Regeln – sprengt. Weil sich das Bekenntnis, die Verbundenheit und Liebe zu Jesus Christus oft eher in zeichenhaften Handlungen und Taten zeigt als in Worten.

In der letzten Woche wurde in England die erste weibliche Erzbischöfin der anglikanischen Church of England eingeführt. Sarah Mullally, 63 Jahre alt, verheiratet, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, war in ihrem ersten Beruf Krankenschwester, bevor sie Theologie studierte. Im Alter von 40 Jahren wurde sie zur anglikanischen Priesterin geweiht, mit Mitte 50 zur Bischöfin von London. Im Herbst 2025 wurde sie als erste Frau zur Erzbischöfin von Canterbury ernannt und jetzt feierlich eingeführt.

In der kurzen Ansprache in ihrem Einführungsgottesdienst erzählt sie von dem Pilgerweg, den sie in den letzten Wochen von London nach Canterbury zurückgelegt hat. Der 140 km lange, historische Pilgerweg, auch „Becket Way“ genannt, führt von der Southwark Cathedral in London bis zur Canterbury Cathedral. Seit Ende des 6. Jahrhunderts ist dies der Sitz der Erzbischöfe und das Zentrum der englischen Kirche.

Die neue Erzbischöfin Sarah Mullally erzählt von den Gesprächen, die sie mit Menschen am Rand des Pilgerweges führte. Und sie spricht über ihren eigenen Lebensweg: wie die Geschichte oder die Zeichenhandlung der Fußwaschung Jesu ihre christliche Berufung geprägt habe – als Krankenschwester, Priesterin und Bischöfin. Wie sie an der Fußwaschung ablesen kann, worum es im christlichen Glauben geht: um „truth, compassion, justice and action“. Um Wahrheit, Wahrhaftigkeit, um Mitgefühl, Mitleid, Mit-Passion, um Gerechtigkeit und um Aktion, ums Handeln. Truth, compassion, justice and action.

Darin folgt sie in vieler Hinsicht Maria von Magdala oder Mirjam, die sich ehrlich, offen und wahrhaftig zeigte in ihrem Wunsch, Jesus nahe zu sein. Die wohl mehr fühlte und mitfühlte als die Männer am Tisch, als sie Jesus zum König salbte und auch sein Begräbnis vorwegnahm. Die auf ihre Weise für Gerechtigkeit eintrat, als sie ihr teures Öl an den unerkannten Messias verschenkte. Und die uns durch ihre Zeichenhandlung, ihre Aktion – nicht durch Worte – in Erinnerung ist bis heute.

Ich bin gespannt, was wir von der neuen Erzbischöfin Sarah Mullally noch sehen und hören werden! In der Diözese London hat sie sich gegen interne Widerstände erfolgreich für die Aufarbeitung von sexuellen Missbrauchsfällen eingesetzt. Sie spricht sich für die Segnung von homosexuellen Paaren aus, die in der anglikanischen Kirche bisher nicht erlaubt ist. Und sie tritt für Verbundenheit und Vielfalt ein, wenn zum Beispiel in ihrem Einführungsgottesdienst ein afrikanischer Chor auftritt – wobei die afrikanischen Geistlichen in der anglikanischen Kirche die Frauenordination am heftigsten ablehnen …

Truth, compassion, justice and action … Dafür will sie in der Nachfolge von Jesus und der Maria von Magdala eintreten.

Woran du dabei wohl denkst, liebe Brikenda, die auch du dich hast rufen und heute taufen lassen? Ob du an deinen Lebensweg denkst, der dich heute hierher geführt hat? An die Menschen, die dich auf deiner Suche begleitet und unterstützt haben … Die dir wahrhaftig, mitfühlend, gerecht und aktiv zur Seite gestanden haben … Und dir so etwas von der Liebe Gottes mitgeteilt haben, die in Jesus Christus Fleisch und Mensch geworden ist. Damit wir erkennen, wozu wir alle berufen sind: zu Nachfolgerinnen, Bekennern, Gerechten und Aktiven, denen die Liebe wichtiger ist als die Grenzen, Regeln und Gesetze der Welt.

Gott segne dich und uns alle und berufe uns in die Nachfolge Jesu Christi! Amen.