„Und jedermann ging … ein jeglicher in seine Stadt“.
So ist das oft heute noch an Weihnachten. Zu den Festtagen kehren viele nach Hause zurück. Kinder, die schon längst erwachsen sind und anderswo leben, fahren in ihre Heimat, zu ihrer Ursprungsfamilie.
„Und jedermann ging … ein jeglicher in seine Stadt“.
Damals war’s der Befehl von oben – aus Rom: zurück in den Herkunftsort, auf dass alle Welt geschätzt würde. Eine Idee, die noch heute ziemlich gut funktioniert: Du sollst nach Hause gehen, um geschätzt zu werden, denn zuhause kann man die Menschen am besten einschätzen. Wenn wir wissen, wo jemand herkommt, können wir Menschen besser einordnen – das glauben wir zumindest. „Woher kommst du?“ ist deswegen eine Frage, die naheliegt, wenn wir jemanden kennenlernen. Eine Frage die Menschen, die hier in Deutschland geboren sind, aber nicht unbedingt danach aussehen, meistens nicht besonders schätzen. Heißt das doch: Ich glaube, dass du nicht von hier bist, dass du hier nicht zuhause bist, und genau das macht es oft schwer, sich hier zuhause zu fühlen. Ich habe selbst lange im Ausland gelebt und kenne diese Frage: „Woher kommst du?“ Damit glaubte man, mich besser einschätzen zu können – in meinem Fall sicher auch zutreffend.
Wo also kommen wir her? Wo ist unser Zuhause? Dort, wo wir geboren wurden? Wo Geburt und Anfang waren, der erste Schrei? Dort, wo wir die ersten Wurzeln schlugen, je länger, desto tiefer und prägender. Die Kindheit, die Eltern schaffen normalerweise Heimat. Erwachsen werden heißt dann, von zuhause auf- oder sogar ausbrechen, wohltuende oder auch schmerzende Distanz zur Heimat aufbauen, Trampelpfade verlassen, neue Schneisen ins Lebens schlagen. Und mit dem Altwerden ist es andersherum, da entsteht das Bedürfnis, den Weg nach Hause suchen. Manche wenden sich dann der Vergangenheit zu und die ältesten Erinnerungen werden wieder am lebendigsten.
An Weihnachten auf jeden Fall stellt sich die Frage nach der Heimat deutlicher als sonst: Denn, wo will man Weihnachten verbringen: zu Hause oder gerade nicht? „Wo feiert ihr Weihnachten in diesem Jahr?“ – So habe ich Freundinnnen und Bekannte in den letzten Tagen gefragt: In den eigenen vier Wänden? Als Familie, als Großfamilie? Reist man zur Verwandtschaft oder verreist man weit weg? Heute Abend gehen sicher viele Menschen zurück in ihr ursprüngliches Zuhause, vielleicht sogar ihr Elternhaus, nicht weil sie müssen – wie zu Zeiten des Kaisers Augustus – sondern weil sie wollen. Es kaum ein Datum im Jahr, das uns so nach Hause zieht, wie der Heilige Abend.
Ist es die Sehnsucht nach dem, was einmal heil war: die Kindheit, der kindliche Glaube, die Liebe von und zu den Eltern? Ist es die Hoffnung darauf, dass etwas heil werden möge? Der Wunsch, dass die Seele sich erholt – weil sie erschöpft oder heimatlos geworden ist. Die Sehnsucht nach „heiler Welt“, nach kindlicher Geborgenheit, sie liegt in allen von uns, egal, ob wir sie tatsächlich als Kind erlebt haben oder nicht. Und weil die Sehnsucht so groß ist, wird die „heile Welt“ manchmal auch auf Biegen und Brechen aufrechterhalten, weil’s doch so schön wäre, wenn und so schwer auszuhalten, wenn nicht. Aber „heile heimatliche Welt“ als Fassade, das funktioniert nicht. Unsere Seele nimmt das Verlogene wahr.
Und dann tut die biblische Weihnachtsgeschichte mit ihrer Ehrlichkeit gut. „Ein jeder ging… in seine Stadt“ – für Josef und Maria war das keine Rückkehr in den Schoß der vertrauten Familie, sondern eine Zumutung. Tagelanger Weg nach Bethlehem, Geburtswehen auf holprigen Pfaden, ein Futternapf als Kinderbett. Keine heile Welt, auch wenn unsere Weihnachtskrippen die Szene oft idyllisch darstellen.
Und doch überkommt mich beim Anblick einer Weihnachtskrippe ein heimatliches Gefühl, egal wo auf der Welt ich bin. Die bekann–ten Weihnachtslieder, die altvertrauten Worte „Es begab sich aber zu der Zeit“ – das löst bei mir ein Gefühl von Geborgenheit aus. In diesen Melodien, in diesen Worten fühle ich mich zuhause, da finde ich – nicht heile Welt – aber doch Heimat. Vielleicht ist uns das gemeinsam, wenn wir hier heute Abend zusammenkommen: Hier vor dieser Krippe im Altarraum wollen wir zur Besinnung kommen, wollen wir ankommen, wollen wir zu uns kommen. Die Atmosphäre hier in diesem Raum, sie ist voll von Gedanken und Empfindungen, voll von Ängsten und Hoffnungen, die ihren Platz vor der Krippe suchen.
Ach, Gott im Himmel und auf Erden, hier sind wir mit unserer Sehnsucht. Wenn du doch auch in uns etwas Neues zur Welt bringen könntest – eine erlösende Idee, um in einer verfahrenen Situation einen Ausweg zu finden, ein heilendes Wort, um den Bruch in einer Beziehung zu kitten, einen zuversichtlichen Gedanken, der dem Schwierigen trotzt.
„Ein jeder ging, dass er sich schätzen ließe…“.
Wer heute hierher gekommen ist, kann die Stimme aus Bethlehem vernehmen. Du wirst geschätzt. Nicht so eingeschätzt, wie der kaiserliche Erlass das damals meinte, dessen Focus mehr auf den finanziellen Möglichkeiten der Menschen lag. Nein, Gott selbst schätzt uns. Er wertschätzt uns. Und wer sich so geschätzt weiß, kann auch Schätze bringen. Nichts Bares, darum geht es nicht, vielleicht Unschein-bares, dafür aber Kost-bares. Denn in jeden Fall bringen wir uns selbst mit, wenn wir heute Abend an der Krippe stehen. Und die Frage ist: Woher komme ich und was bringe ich mit? Lassen Sie uns einen Moment darüber nachdenken:
Melodie: „Ich steh an deiner Krippe hier“
Ich steh an deiner Krippe hier – spielte die Orgel. Vor meinem geistigen Auge sehe ich die unterschiedlichsten Menschen vor der Krippe stehen. Ich sehe die Frau, die dem ersten Heiligabend ohne ihren Mann entgegenzittert. In ihrer Tasche ein Brief von der Tochter: „Komm zu uns, nicht nur an Weihnachten. Wir wollen dir bei uns ein neues Zuhause schenken.“ Kann sie sich aufmachen, in ihrem Alter, sich in neuen Wänden wohlfühlen?
Ich sehe einen Angestellten, der sich das ganze Jahr abgeschuftet hat, ständig unterwegs, ständig auf Dienstreisen, und trotzdem ist der Job nicht sicher. Auch nicht sicher, ob er im nächsten Jahr noch ein Zuhause hat – ob er noch heimkommen kann zu Frau und Kindern oder ob sie sich zu fremd geworden sind.
Da steht eine Studentin an der Krippe, die alles andere will als nach Hause. Sie kann die verlogene Atmosphäre nicht ertragen, wenn die Eltern – die sich das ganze Jahr über streiten – ihretwegen einen auf Harmonie machen. Und dann nimmt sie sich doch ein Herz, macht sich nach Hause und zum Stall auf. Werden die Eltern den Frieden um ihrer Tochter will neu proben? Ehrlich versuchen?
Da stehen auch Flüchtlinge vor der Krippe, Menschen, die nicht wissen, wo sie hingehören. Wo sie sein wollen, sind sie nicht willkommen. Wo sie hinmüssen, fühlen sie sich fremd. Und sie schauen auf das Kind, das bald selbst auf der Flucht sein wird.
Und dann sehe ich vor meinem inneren Auge jemanden vor der Krippe knien, den ich nicht erwartet hatte. Jemand, der mir vor kurzem noch sagte: Er glaubt an nichts und kann mit Kirche, mit Religion nichts anfangen. Er kniet, Augen geschlossen, Hände gefaltet. Auch er ist da.
Und noch jemand, eine Unbekannte, die anonym bleiben will. Sie will dem Kind sagen, dass sie kein Zuhause hat. Sie sagt ihm leise, wie schwer es ist, sich als Erwachsene ein Zuhause zu schaffen, wenn man als Kind nie ein Zuhause gehabt hat. Ihre Eltern waren nicht zu arm, sondern zu reich, um ihr ein Zuhause zu schenken.
Da stehen noch viel mehr, so viele Menschen vor unterschiedlichen Krippen in verschiedenen Ländern – alle vor dem einen Kind. Und auch wir sind gekommen. Vielleicht haben wir manches mit den Krippengästen gemeinsam. Oder wir stehen ganz einfach staunend da und sind dankbar, dass das Kind in der Krippe auch für uns geboren ist, uns Heimat geben will. Uns Heimat geben kann, Heimat, die wirklich Geborgenheit meint.
Gott ist in der Welt zuhause. „Sein Wort zeltet unter uns“ – so sagt es das Johannesevangelium im ersten Kapitel, in seiner etwas anderen Weihnachtsgeschichte. Gott wählte die Welt als sein Zuhause, weil gerade dort der Mensch sich oft un-behaust fühlt. Als Erwachsener wird dieses Kind in der Krippe gerade zu diesen Unbehausten gehen, zu denen, die keine Heimat haben, die auf der Flucht sind vor ihren Feinden oder vor sich selbst.
An Heiligabend geht es uns wie Joseph und Maria, wir machen uns auf dorthin, wo wir herkommen, wir suchen Heimat am Heiligabend. Und was passiert, ist, dass Gott uns heimsucht, dass er, der Herbergslose, bei uns Obdach sucht. Und das Wunder könnte auch heute geschehen: Wenn Gott bei uns Heimat findet, sind wir nicht mehr heimatlos.
Die Weihnachtsbotschaft ist die Antwort auf die Frage derer, die sich fragen: „Wo ist Gott denn?“ Ein Rabbi stellte diese Frage mal einem Kind und sagte: Ich gebe dir ein Geldstück, wenn du mir sagst, wo Gott wohnt.“ Antwortete das Kind: „Und ich gebe dir eines, wenn du mir sagst, wo er nicht wohnt.“
An Heiligabend finden wir Heimat, wenn Gott in uns Heimat findet. Lassen wir ihn also in uns wohnen. Das heißt vielleicht Abschied nehmen von manchen Bequemlichkeiten, ausziehen aus starren Normen, sich auf den Weg machen, über holprige Wüstenwege ziehen und auch mal eine Nacht im Stall verbringen. Das bringt Geburtswehen mit sich. Aber darin liegt trotzdem die Verheißung von Heimat und Geborgenheit. Es gibt einen Ort, wo wir geschätzt werden. Das verspricht uns das Kind in der Krippe in dieser Heiligen Nacht. Amen.
* Anregungen aus Gottesdienstpraxis Serie A, 1996