In den Tagen dazwischen
Gottesdienst am 28. Dezember
Bibeltext:
Jesus aber rief: Wer an mich glaubt, der glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat. Und wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat. Ich bin als Licht in die Welt gekommen, auf dass, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. Und wer meine Worte hört und bewahrt sie nicht, den richte ich nicht; denn ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt richte, sondern dass ich die Welt rette. Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht an, der hat schon seinen Richter: Das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage. Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, der hat mir ein Gebot gegeben, was ich tun und reden soll. Und ich weiß: Sein Gebot ist das ewige Leben. Darum: Was ich rede, das rede ich so, wie es mir der Vater gesagt hat. (Johannes 12, 44-50)
Predigt:
Noch sind wir dazwischen: Weihnachten ist vorbei, der Silvesterabend noch nicht da. Sie haben immer eine seltsame Atmosphäre diese Tage „zwischen den Jahren“, wie man sagt. Man blickt zurück, man blickt voraus. Und man wird manchmal etwas schwindelig davon.
Also langsam: Blick zurück: Vor wenigen Tagen haben wir Weihnachten gefeiert. Es ist ja alles noch da: Der Baum steht noch, die Krippe, die Weihnachtsbeleuchtung, die Dekoration in den Häusern, die Geschenke unter dem Baum – das meiste ist noch da. Und in unseren Köpfen und Herzen sind auch noch die Bilder von den Festtagen, oft im Familienkreis gefeiert. Manch einer hat wohl zu viel gegessen oder auch zu viel gestritten. Waren die Tage für Sie geprägt von schönen Begegnungen, bereichernden Momenten oder mehr von enttäuschten Erwartungen? So viel ist da drumrum um das, worum es eigentlich geht: Das Kind, das neugeborene. Die Worte vom Frieden und der Freude, das Licht des Sterns, der uns leitet, die Sehnsucht, die Hoffnung. Selbst wenn wir uns über die Kommerzialisierung von Weihnachten ärgern, selbst wenn uns die Festtagsstimmung und der Besuch anstrengt, selbst wenn am 24. und 25. Dezember die Einsamkeit für manche am deutlichsten spürbar ist, selbst dann empfinden viele diese Tage doch als eine besondere Zeit. Wir singen gerne die alten Lieder, hören die bekannte Geschichte von den bedeutungslosen Hirten und den einflussreichen Königen – alle auf dem Weg zum Stall und wir mit ihnen. Dort stehen wir und staunen, sind ergriffen und berührt.
Und dann? Was kommt dann?
Die Hirten brechen auf und verkünden, was sie gesehen haben, die Könige machen sich auf dem Heimweg, ohne bei Herodes vorbeizuschauen und das Kind zu verraten, Maria und Joseph müssen dennoch fliehen, um sich und ihr Kind zu retten. Sie alle sind also schon wieder unterwegs – und wo bleiben wir?
Auch wir müssen weiter, den Blick nur rückwärts gewandt, das funktioniert nicht. Und der Bibeltext, der für diesen Sonntag vorgesehen, der schubst uns sozusagen in die Zukunft. In die Zukunft des Kindes nämlich, vor dem wir gerade noch staunend standen. Jesus ist jetzt kein Kind mehr, sondern ein junger Mann, ein Wanderprediger und er ruft uns zu:
„Wer an mich glaubt, der glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat. Und wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat. Ich bin als Licht in die Welt gekommen, auf dass, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe.“
Wer an mich glaubt…. Glauben wir das eigentlich? Das, was wir an Weihnachten gerade alles wieder einmal gehört haben? Glauben wir, dass Gott sich wirklich in diesem Kind gezeigt hat und dass das die Welt verändern kann? Glauben wir an den Friedefürst, der es seit mehr als 2000 Jahren nicht schafft, Frieden auf diese Erde zu bringen? Die Sehnsucht, sie rührt uns jedes Jahr wieder an – aber gibt es auch eine Erfüllung? Hat er schon irgendwas heil gemacht in unserem Leben, in unserer Welt, dieser Heiland? Oder ist „nach Weihnachten“ einfach „vor Weihnachten“ und das Spiel mit der Sehnsucht und der Hoffnung beginnt von vorn? Man kann schon fragen, wo Gott ist in dieser oft so gott-losen Welt.
Schon vor mehr als 2700 Jahren trieb das die Menschen um, wie wir in der Lesung aus dem Jesajabuch gerade gehört haben:
Zion aber sprach: Der HERR hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen.
Immer wieder hatten und haben Menschen das Gefühl der Gott-verlassenheit, vor allem in Krisenzeiten. Besonders eindrücklich stellt diese Frage der Kriegsheimkehrer Beckmann im Roman „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert: „Wir haben nach dir gebrüllt, geweint, geflucht! Wo warst du da, lieber Gott? … Geh, alter Mann. Die Theologen haben dich in den Kirchen eingemauert, wir hören einander nicht mehr. Wir stehen alle draußen. Auch Gott steht draußen und keiner macht ihm mehr eine Tür auf.“
Gott – draußen vor der Tür. Kein Raum in der Herberge eben. Wo ist Gott denn? Vielleicht wagt sich gerade in diesen Tagen dazwischen – zwischen Weihnachten und dem neuen Jahr – diese Frage verschämt oder auch drängend hervor.
Und dieses Kind, aus dem ein Wanderprediger geworden ist, antwortet uns heute auf unsere Frage nach Gott:
„Wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat. Wer mich sieht, der sieht Gott.“
Gott ist also nur zu finden, draußen vor der Tür, in einer Krippe, in einem Kind. Hilflos, ohnmächtig. Immer wieder stellt Weihnachten unser Gottesbild auf den Kopf. Ein paar Tage lang im Dezember finden wir es ja süß, das Christkind. Aber danach wollen wir eigentlich einen mächtigen Gott, einen, der die Welt zurechtrückt und unser Leben auch. Einen, der am besten mit seiner göttlichen Macht alles heil macht. Aber – so ruft der Wanderprediger – Gott ist anders.
„Wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat“
Sehen wir also Jesus an: ein Kind armer Leute, ein Flüchtling, einer, der Unbequemes zu sagen hat und polarisiert, einer, der Menschen anspricht, ruft, verwandelt, einer, der Lahme gehend macht, Blinde sehend, Tote auferstehen lässt, einer der verraten wird, verleugnet, gefangen, gefoltert, einer der – nach menschlichen Maßstäben – scheitert.
„Ganz der Vater“, „Ganz die Mutter“ so sagen wir, wenn Kinder ihren Eltern ähnlich sind. „Ganz der Vater“ – ist auch dieses Kind in der Krippe. Wer den Vater sucht, der muss in die Krippe schauen, nicht nur an Weihnachten. Er wird dort Zartheit finden, Verletzlichkeit, einen, der nicht richtet, sondern rettet. Einen, der das Licht bringt. Denn das bleibt gleich bei Krippenkind und Wanderprediger: das Licht. Das verbindet unseren Text mit den Erzählungen, die wir noch von Weihnachten im Ohr haben:
„Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe.“
Jetzt zwischen den Jahren ziehen wir ja oft Bilanz, zerren unser Tun und Lassen der vergangenen Monate ans Licht. Und dieser Rückblick ruft nicht nur die hellen Seiten und Zeiten in Erinnerung. Jeder und jede von uns kann benennen, wie er auch Finsternis im zu Ende gehenden Jahr erlebt hat. Als Verlust vielleicht, weil eine Beziehung, eine Freundschaft zerbrochen ist, ein geliebter Mensch gestorben ist; als Gefühl, nicht gebraucht zu werden; als Wissen, Menschen mit Worten verletzt zu haben oder verletzt worden zu sein; da fehlt es uns an Bereitschaft einzulenken, Versöhnung zu suchen. Da lähmt uns die Angst, zu kurz zu kommen, da wollen wir nicht auf die zugehen, die uns nerven. Jeder und jede kennt die dunklen Seiten der eigenen Seele. Und manchmal bringen sie uns zum Verzweifeln.
Wäre da nicht die Botschaft, dass Licht in diese Finsternis kommt. Dieses Licht verharmlost die Finsternis nicht, löst all die dunklen, schweren, traurigen Erfahrungen nicht auf. Sie gehören ja zu unserem Leben dazu. Aber der Lichtschein, den das Kind bringt und den der erwachsene Mann weiterträgt, dieser Lichtschein bewahrt mich davor, mich hoffnungslos in den Dunkelheiten zu verfangen.
Gegen Ende des Jahres, wenn wir unsere Bilanz ziehen, sind wir selbst oft unsere unerbittlichsten Richter. Wir fällen das Urteil über uns selbst. Zu wenig ist uns gelungen, zu wenig haben wir geschafft, zu wenig genossen, zu wenig gelebt. Hier gescheitert, dort versagt. Unser Urteil über uns selbst ist oft gnadenlos. Und dann ist da einer, der sagt: „Ich bin nicht gekommen zu richten, sondern zu retten.“ Ein Wort wie ein Lichtstrahl.
Wenn wir also in diesen Tagen den Blick langsam nach vorne richten, auf das, was kommen mag, im neuen Jahr, dann können wir uns ausrichten zu diesem Lichtstrahl hin. Der Wanderprediger zeigt ganz klar die beiden Möglichkeiten auf: Er bringt das Licht, in das wir treten können. Wenn wir uns auf ihn hin zubewegen, seine Nähe suchen, dann stehen wir im Licht. Aber es gibt die Finsternis. Und es ist unsere Entscheidung, ob wir ins Licht treten oder im Dunklen bleiben. Es gibt durchaus die Möglichkeit, sich selbst zu verfehlen. Jesus räumt in seinen Worten der Figur des Richters einen Platz ein. Aber nicht seinen. „Wer meine Worte nicht annimmt, der hat schon seinen Richter“ sagt Jesus. Wer sich nicht nach ihm ausrichtet, der bleibt im Dunkeln, der bleibt sein eigener, unerbittlicher Richter. Nicht Jesus richtet uns, sondern wir uns selbst.
Was der Wanderprediger Jesus sagt, ist ein Lockruf, ins Licht zu treten. Und das Kirchenjahr will uns genau dazu ermutigen. Mitten in der dunkelsten Jahreszeit wird es licht. Wir hängen die weißen Altartücher auf. Und nach Weihnachten folgt die Epiphaniaszeit. Epiphanias – das heißt Erscheinung. Gott erscheint, Gott offenbart sich, er will Antwort geben auf unsere Frage: Wo bist du Gott? Er zeigt sich. Sich und sein Licht. Eine Lichterzeit ist diese Epiphaniaszeit, weil sie das Weihnachtslicht weiterträgt – über die Festtage hinaus in den Alltag, in das neue Jahr hinein.
„Ich bin nicht gekommen zu richten, sondern zu retten.“
Das ist die Zusage Jesu. Und nun kommt es auf unseren Standpunkt an. Nutzen wir doch die „Tage dazwischen“ für eine Standortbestimmung – auf dass wir das Weihnachtslicht nicht aus dem Blick verlieren. Amen.