Liebe ist …
Valentinstag, 15. Februar 2026
Predigt
Gnade sei mit euch und Friede von Gott!
„Liebe ist … gemeinsam älter zu werden. Liebe ist …, den zweiten Handschuh anzugeben. Liebe ist … Vertrauen und Zärtlichkeit.“
Drei Szenen, drei Aussagen zur Liebe, die ich eben wahllos von der Wäscheleine im Altarraum abgenommen habe. Drei Sätze, die uns ansprechen und anrühren, vielleicht schmunzeln lassen. Die Bilder in uns wachrufen, Erinnerungen anstoßen, uns neugierig machen. Welche konkreten Erlebnisse stehen in diesem Satz? Welche Geschichte liegt ihm zugrunde? Und um welche Beziehung geht es hier – um die eigene oder eine Liebesbeziehung anderer, um eine vergangene oder eine ersehnte?
Bei jedem der Sätze zur Liebe, die jetzt hier an der Leine hängen, ahnen wir, dass dahinter ein Schatz, eine ganze Welt liegt.
Die Unterschiedlichkeit von zwei Menschen, die sich erst finden mussten. Ihre Freude an bestimmten Ritualen. Die Familien, die sie mitbringen in ihre Partnerschaft oder Ehe; Eltern, Werte und Haltungen, die sie geprägt haben: Küsst man sich in der Öffentlichkeit – oder nicht? Macht man einander Geschenke auch außer der Reihe – oder nur zu Weihnachten und zum Geburtstag? Benutzt man Kosenamen – „Schatzi“, „Bärchen“ oder „Wuschelmausi“ – oder ist das völlig verpönt? Zeigt man Liebe in Worten oder lieber in Taten, durch Backen, Bügeln, Reparieren oder Erledigen unangenehmer Dinge? Macht man alles zu zweit – oder achtet man darauf, dass beide eigene Spielfelder und Freunde haben?
Jedenfalls ein Teil solcher Themen ist wahrscheinlich enthalten in dem kurzen Satz „Liebe ist …“, den wir heute aufgeschrieben haben. Ein Teil der großen Welt der Liebe, die jede und jeder von uns in sich trägt.
Dass es so eine große, unsichtbare, geheimnisvolle Welt der Liebe überhaupt geben könnte, haben mir als Kind die amerikanischen Comics gezeigt. Sie wurden von der Neuseeländerin Kim Casali für ihren Freund und späteren Mann Roberto gezeichnet, waren zuerst rein private Liebesbotschaften. Bis ihr Mann die ersten Comics ohne ihr Wissen veröffentlichen ließ, und diese dann ab 1970 in den „Los Angeles Times“ zur Erfolgsserie wurden.
Die Zeichnerin Kim Casali war eine schüchterne junge Frau. Nicht gewohnt, ihre Liebe durch viele Worten auszudrücken oder laut auszusprechen. Es fiel ihr leichter, ihrem Geliebten kleine Zettel zu schreiben, eine Zeichnung aufs Blatt zu werfen, wenige Worte, konkret und persönlich. Auf eine eher schüchterne Weise romantisch und verliebt.
Als Kind habe ich mehr oder weniger bewusst verstanden, dass hinter ihren Comics eine große Welt lag. Eine Welt der Liebe, die für Erwachsene offenbar etwas Besonderes, Aufregendes und Exklusives war. Neugierig war ich, fasziniert, voller Vorfreude und Spannung, was da später einmal vielleicht auch auf mich zukommen würde. Was es zu entdecken geben würde in diesem Kosmos der Liebe …
Sie mögen, ihr mögt euch erinnern an die Bilder, Bücher oder Filme, die euch zuerst etwas von diesem Geheimnis enthüllt haben. Ob es die „Bravo“ war oder verbotene Zeitschriften, ob es Nachbarn waren, ältere Geschwister oder Freunde …
Früh ahnen wir – sofern unsere Ahnungen, Gefühle und Sehnsüchte nicht als Kind missbraucht wurden – dass Liebe, Romantik und Erotik, tiefes Vertrauen und Treue etwas Wunderbares sind.
Wie wunderbar – davon schreibt auch der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief im 13. Kapitel, dem sog. Hohelied der Liebe im Neuen Testament.
Die Liebe ist langmütig und freundlich,
die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen,
sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,
sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit,
sie freut sich aber an der Wahrheit;
sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
Die Liebe hört niemals auf. (V. 4-8)
Man spürt beim Zuhören, wie Paulus, der unseres Wissens unverheiratet war, sich geradezu in das hohe Lob der Liebe hineinschreibt. Wie seine eigenen Sehnsüchte, Gefühle und Gedanken über die Liebe ihn beflügeln, vielleicht berauschen.
Ohne Liebe, so Paulus, hätte ich nichts und wäre ich nichts:
Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete
und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz …
Wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe,
und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. (V. 1+3)
Ohne Liebe wäre mein Leben eigentlich nichts wert. Unsere Worte und Taten, all unsere Anstrengungen wären in der Tiefe zu nichts nütze. Wir wären Hohlköpfe, Pappkameraden, leer und langweilig. Erst die Liebe – so meint Paulus, so meint Jesus – macht uns echt, lebendig, interessant und unverwechselbar. Erst die Liebe gibt unseren Gedanken die richtige Richtung, unseren Gefühlen Tiefe und unseren Taten einen guten Grund.
Relativ nahtlos geht Paulus von diesem ersten Teil seines großen Liebesgedichtes, in dem es um das menschliche Lieben geht, zum zweiten Teil über, in dem es eher um das Wesen der göttlichen Liebe geht:
Die Liebe ist langmütig und freundlich,
die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen …
sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu …
sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. (V. 4-7)
Was Paulus hier, in diesem zweiten Teil über die Liebe schreibt, ist nicht das, was das Neue Testament von Menschen fordert! Keine Frau, kein Mann muss aus Liebe „alles“ ertragen, „alles“ erdulden!
Es ist von Gottes Liebe gesagt, von Gottes Wesen, das wir als solche umfassende Liebe am ehesten verstehen, dem wir uns als Liebende und Geliebte am ehesten annähern können.
Die Liebe – nicht als romantische Liebe, sondern als Hingabe, Freundschaft, Verbundenheit, Empathie und Unterstützung – ist eins der großen Themen im Neuen Testament. Sie prägt den christlichen Glauben als ideale Grundhaltung des Menschen und als Wesensbeschreibung Gottes. Sie wird konkret im Leben von Jesus Christus, der den Weg der bedingungslosen Liebe gegangen ist, bis zur Hingabe am Kreuz.
Aus christlicher Sicht ist sie der schöpferische Ursprung, die ethische Richtschnur und der eschatologische Horizont unseres Lebens.
Diese „uneingeschränkte Liebesideologie gegenüber dem Nächsten und der ganzen Welt“, so sagte es kürzlich der Bonner Theologieprofessor Jan Rüggemeier in einem Interview mit DER ZEIT, war das außergewöhnliche, aufregende Charakteristikum der damals neuen Religion des Christentums. „Das werdende Christentum“, so sagt er, „entwickelte in der Folge eine ungekannte Empathie gegenüber jeder Form von Leiden. Das war anderen Kulten fremd.“ [https://www.zeit.de/2026/06/aufstieg-christentum-roemisches-reich-paulus-jesus; abgerufen am 14.02.2026]
Das ist bis heute manchen anderen Kulturen, Religionen und Lebensphilosophien fremd. Und es wird mitunter leider auch dem Christentum selbst fremd … Die „uneingeschränkte Liebesideologie“, die allen meinen Nächsten gilt, und nicht nur meiner Familie, meiner Blase oder meiner Nation.
Die Liebe sprengt Grenzen. Das wissen wir aus der karitativen oder diakonischen Arbeit, wo es ganz egal ist, welchen Reisepass, welche Hautfarbe, welche Familie oder Bildung ein Mensch hat, der in Not ist und Hilfe braucht. Das wissen wir auch – völlig anders gelagert – hier aus der Gemeinde, wo zum Beispiel jede und jeder zum Gottesdienst und zu anderen Veranstaltungen kommen kann, am Abendmahl teilnehmen oder sich segnen lassen darf.
Und schließlich wissen wir um die Sprengkraft, die Spontaneität und Gesetzlosigkeit der Liebe auch aus unseren persönlichen Liebesbeziehungen. Nicht immer verhält sich die Liebe moralisch korrekt. Nicht immer ereilt sie uns im richtigen Moment. Nicht immer passt sie in die Bilder, die wir uns von der Liebe machen, oder zu unseren Wünschen. Und manchmal – auch das gehört zur Unverfügbarkeit der Liebe – macht sie sich auch wieder aus dem Staub. Oder sie taucht an völlig unerwarteter Stelle auf …
Die Liebe führt als Gottes Macht ihr eigenes starkes, unberechenbares Leben. Mal freundlich, zärtlich und weich, mal lodernd und stürmisch, mal ganz nah und mal unerträglich fern … Ein ganzer Kosmos!
„The only thing more powerful than hate is love” – “Das Einzige, was mächtiger ist als Hass, ist Liebe”. So stand es schwarz auf weiß auf einem riesigen Banner im Hintergrund der Halbzeit-Show beim Superbowl in Santa Clara. Als der puerto-ricanische Rapper Bad Bunny in der Halbzeit des großen Baseballspiels mit vielen anderen Hispanics auftrat, sang und tanzte und ein großes Zeichen für Vielfalt und Zugehörigkeit in den USA setzte.
„The only thing more powerful than hate is love” – das ist die Kernaussage des christlichen Glaubens: Die Liebe ist stärker als Hass und Tod. Gottes Macht der Liebe sprengt alle Grenzen – und sei es die des Todes. Die Liebe ist die größte Macht im Himmel und auf Erden, Gott sei Dank! Amen.