Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Mache dich auf, werde licht …

Mache dich auf, werde licht …

Predigt zu Epiphanias am 4. Januar
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Epiphanias, 4. Januar 2026

Predigt zu Jesaja 60, 1–6

Predigttext: Jesaja 60, 1–6

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! 2 Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. 3 Und die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. 4 Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt, kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arm hergetragen werden. 5 Dann wirst du es sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. 6 Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verkündigen. 

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Liebe Gemeinde!

Zum Jahreswechsel war im Kalender „Der Andere Advent“ ein Text von Julia Engelmann abgedruckt. Eine junge Sängerin, Schauspielerin und Bestsellerautorin, die vor etwa zehn Jahren zuerst durch ihre beeindruckenden Auftritte in Poetry Slams bekannt wurde. Einmal habe ich sie im Schauspielhaus mit ihren eindringlichen, druckreifen Texten erlebt.

Im Kalender „Der Andere Advent“ waren nun „Silvestergedanken“ von ihr zu lesen:

„Wenn ich an das letzte Jahr denke, dann denke ich vor allem daran, dass alles anders gekommen ist, als ich erwartet hatte, und daran, dass sicher auch weiterhin alles anders kommen wird, als ich erwarte. Ich denke nicht an Meilensteine, sondern daran, dass Glück am Ende des Tages eine lose Collage aus tausend kleinen Momenten ist: als die untergehende Sonne einen Mückenschwarm golden angeschienen hat. […] Wie du mich angelächelt hast, als ich gedankenverloren am Frühstückstisch gemalt habe. Die Extrarunde beim Spazierengehen. Blühende Lilien. Im Wohnzimmer tanzen.“

Nachdem Julia Engelmann schreibt, was sie sich für das neue Jahr wünscht, was sie hofft und will, beendet sie ihren Text:

„Es gibt immer noch etwas, von dem ich denke, dass ich es noch werden oder sein sollte, aber die Wahrheit ist: Ich möchte nicht mehr, ich möchte weniger. Weil alles genug ist. Weil ich genug bin.“
[aus: Der Andere Advent 2025/26, 31. Ausgabe, Hamburg 2025, 31. Dezember]

Ich verstehe diese Gedanken. Ich verstehe, dass es im Persönlichen wie im Gesellschaftlichen und vor allem im Blick auf unseren Konsumismus und unseren Optimierungswahn darum geht, weniger zu wollen. Weniger Güter, Rohstoffe und Energie zu verbrauchen. Weniger Leistung von den Leistungsträgerinnen und Spitzenkräften zu verlangen. Weniger, stattdessen menschenfreundlichere und fehlerfreundlichere Ansprüche an mein Leben, meine Mitmenschen und mich selbst zu haben.

Das alles verstehe und teile ich. Und doch stießen mir diese Sätze auf, stieß ich mich an ihnen:

„Es gibt immer noch etwas, von dem ich denke, dass ich es noch werden oder sein sollte, aber die Wahrheit ist: Ich möchte nicht mehr, ich möchte weniger. Weil alles genug ist. Weil ich genug bin.“

Ja, wir sind – gerade vom christlichen Glauben her – „genug“. Wir sind von Gott geliebt und gewollt. Wir sind „genug“ als Menschen und müssen keine Götter, auch keine Roboter oder Cyborgs sein.

Aber ich glaube zutiefst daran, dass wir „werden“ sollen – und auch dürfen. Dass wir nicht fertig, perfekt oder in unserer Entwicklung abgeschlossen sind, so wie wir sind. So wie wir alle jetzt hier sind. Ganz unabhängig von unserem Alter, unserer Ausbildung, unserer familiären Situation, unseren Talenten und Neigungen.

Ich glaube, ich hoffe, ich wünsche mir, dass wir noch „werden“. Uns verändern, uns vielleicht in manchem verbessern und anderes verlieren. Uns verwandeln und immer mehr zu denen werden, als die wir von Gott gedacht, gewollt und geliebt sind: als Menschen zu seinem Bilde und Gegenüber.

Zu Epiphanias, dem Fest der Erscheinung des Herrn und des Lichtes, das von Jesus Christus ausgeht, gehört ein besonders schöner Text aus dem Alten Testament, aus dem Buch des Propheten Jesaja. Tilman Seidel hat ihn uns eben vorgelesen.

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt,
und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! (Jes 60, 1)

Ein großes, verheißungsvolles Bibelwort, das ermutigt, tröstet und stärkt! Im Sprachduktus an Zion gerichtet, an den heiligen Berg, der als Gottes irdische Wohnung vorgestellt wurde, galten die Worte von Jesaja denen, die sich zu Gott hielten, zu seiner Gegenwart in Zion, zu Gottes Kraft und Licht, die von dort ausgingen. In diesem Sinn sind auch wir angesprochen:

Machet euch auf, werdet licht; denn euer Licht kommt,
und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über euch!

Ihr, die ihr euch zu dem einen Gott haltet, an seine Kraft glaubt und seinen Verheißungen vertraut, die ihr auf seine Liebe, seine Barmherzigkeit und Gerechtigkeit setzt – ihr sollt, ihr dürft „licht werden“.

So licht wie die Wintersonne auf dem Schnee glitzert. So zart wie sich die Sonne morgens aus den Schleiern der Nacht erhebt. So hell wie der Stern, der die drei Weisen aus dem Osten nach Bethlehem führte.

Mache dich auf, werde licht!

Weil du, weil wir zu dem Licht hinstreben, das mit Gottes Sohn in unsere Welt gekommen ist. Weil wir sein Licht, seine Liebe, seine Worte und Taten brauchen. Für uns – um zu werden, was wir noch nicht sind. Und für unsere Welt – damit sie anders wird als die, zu der wir sie gemacht haben.

Wie aber „wird“ man? Wie „werden“ wir? Neu, anders, licht …

Die meisten von uns würden wahrscheinlich antworten: Wir sind so geworden, wie wir jetzt sind, durch unsere Eltern und Familien, durch die Schule, die Ausbildung, das Studium. Durch bestimmte Menschen, die uns geprägt, und manche Erfahrungen, die wir gemacht haben, durch Erfolge wie Enttäuschungen und Krisen. Durch die Zeit und Kultur, in der wir leben.

Aber wie geht es weiter? Wie werden wir noch mehr und immer weiter zu denen, als die wir von Gott gedacht, gewollt und geliebt sind: als Menschen zu seinem Bilde und Gegenüber? Ist das ein bewusster Willensakt, Zufall oder Geschenk? Ist das überhaupt der Fokus, den wir für unser eigenes „Werden“, für unser Leben und Wachsen haben?

Wenn wir zu Gottes Bilde und Gegenüber, zu seinen Menschen werden wollen, dann werden wir dies wohl, indem wir uns sowohl auf Gott als auch auf diese Welt einlassen. Indem wir versuchen, die mitunter schmerzliche Spannung zu halten zwischen dem, was ist, und dem, was nach Gottes Willen kommen soll. Zwischen der gegenwärtigen irdischen Welt mit ihren Abgründen und dem kommenden Reich Gottes im Himmel und auf Erden. Indem wir mitten in dieser Welt, in der Zeit, der Umgebung und mit den Menschen, zu denen wir gestellt sind, an Gottes Verheißungen festhalten.

Uns an Gottes Licht ausrichten. An der Möglichkeit von Liebe und Verbundenheit. Versöhnung, Verständigung und Frieden. An dem, was alttestamentlich gesprochen, dem Schalom dient, Heil und Heilung, Erlösung und Frieden. Dass wir selbst zu einem Teil oder zumindest zu Wegbereiterinnen und Vorläufern von Gottes Schalom werden.

Als ich im Dezember auf einem Adventsmarkt in der Koppel 66 in St. Georg war, habe ich einen Mann kennengelernt, dessen Projekt für mich ein solches heilvolles „Werden“ versinnbildlicht:

Der New Yorker Künstler und Kunsttherapeut Drew Matott stellte dort im Keller Papier her. Aber nicht aus Altpapier, Zellstoff oder Holz, sondern aus Stoffresten, Fetzen und Fundstücken von der Straße. „Es gibt eigentlich nichts, aus dem ich kein Papier machen kann“, sagte er.

Er erzählte von den Masken aus der Corona-Pandemie, die er sammelte und zu Papier machte. Besonderes Papier, das sich weltweit verkaufte und ihm die Rechnungen bezahlte.

Noch mehr bewegte mich die therapeutische, die heilende Arbeit des Papierkünstlers: Er hat mit Menschen gearbeitet, die traumatisiert sind. Die den Krieg erlebt oder selbst gekämpft haben. Menschen, die fliehen mussten und Angehörige verloren haben. Vergewaltigte Frauen, Geflüchtete, Kriegsveteranen. Daraus ist das „Peace Paper Project“ geworden. Traumatisierte Menschen bringen ihm ihre Kleidung aus dieser Zeit, Stücke ihrer schmerzhaften Vergangenheit. Er lässt sie diese Kleiderstücke zerschneiden, zerreißen, zerfasern – und dann machen sie daraus neues Papier.

Auf diesem Papier schreiben die Menschen danach ihre Geschichten, ihre Gedichte oder Lieder. Sie überschreiben wortwörtlich die Verletzungen, schreiben ihre eigenen Geschichten dazu und nehmen den alten hierdurch die Macht. Sie schaffen ein neues Gewebe, wirken selbst daran mit, dass ihre Lebensgeschichten verwandelt werden.

Dass aus dem Zerrissenen, dem Verwundeten, dem Alten Neues werden kann, gehört zur erlösenden Botschaft unseres Glaubens. Dass Heilung und Verwandlung möglich sind und wir mit und aus dem, was uns geprägt, uns vielleicht auch verletzt oder korrumpiert hat, neu und anders werden dürfen – das ist unser großes Glück. Ein Geschenk aus Gottes Gnade.

Und so wünsche ich uns für das neue Jahr, dass wir uns „aufmachen“ und „licht werden“. Botinnen und Wegbereiter der Heilung, des Friedens und der Liebe, die Gott uns schenkt. Und zu der wir immer mehr hinwachsen und „werden“ mögen.

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt,
und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!

Amen.