Mit Gefühl – 7 Wochen ohne Härte
Sonntag Invocavit
Bibeltext:
Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt. Denn er spricht: »Ich habe dich zur willkommenen Zeit erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!
Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit dieser Dienst nicht verlästert werde; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.
Predigt:
Liebe Gemeinde!
Seht doch! Jetzt ist die rechte Zeit. Seht doch! Jetzt ist der Tag der Rettung!
Es war ihr Tag, ein Kairos-Moment, etwas für die Rettung der Welt zu unternehmen. Eigentlich hatte sie gar nicht vor, diese mutige Rede zu halten und damit berühmt zu werden. Der Gottesdienst, in dem sie als zuständige Bischöfin predigen sollte, ist seit den 1930 Jahren eine feste Tradition und wird stets in ihrer Kirche gefeiert, der National Cathedral von Washington. Doch noch nie war die Situation so aufgeladen wie an diesem Tag. Nach einem spaltenden wie verletzenden Wahlkampf war das Land zutiefst zerrissen. Lange rang sie um die richtigen Worte. Als Seelsorgerin wollte sie etwas Versöhnendes sagen, wollte helfen, Wunden zu heilen, wollte über die Einheit des Landes reden, der Härte der politischen Macht ihr Mitgefühl entgegensetzen. Sie überlegte sich, was Gott ihr in diesem Moment wohl zu sagen hätte, suchte Rat in der Bibel. Wie konnte sie leise und doch unmissverständlich daran erinnern, dass Gebete um die Einheit des Landes ihren Klang verlieren, wenn das Handeln von Verachtung geprägt ist? Wie konnte sie denen, die in ihrer Menschenwürde herabgesetzt worden waren, ein Gesicht und Würde zurückgeben? Und mit aller Ruhe und allem Respekt, den sie aufbringen konnte, um Barmherzigkeit bitten?
Bischöfin Marianne Edgar Budde hat ihre Rede gehalten. Im traditionellen interreligiösen Gottesdienst zur Amtseinführung sprach sie dem neuen Präsidenten ins Gewissen. Fein und bescheiden im Ton, aber klar in ihrer moralischen Haltung. So konfrontierte die Kirchenfrau die politische Macht mit der Barmherzigkeit desEvangeliums. Sie erinnerte an die Menschenwürde, Ehrlichkeit, Toleranz und die Demut als die Fundamente des gesellschaftlichen Zusammenhalts:
Mr President, have mercy on the people in our country who are scared. Haben Sie Erbarmen für Menschen in unserem Land, die jetzt in Furcht leben. Es sind die Menschen, die unsere Ernten einholen und unsere Büros putzen, die das Geschirr spülen, von dem wir gegessen haben und im Krankenhaus die Nachschicht übernehmen. Sie sind gläubige Mitglieder unserer Kirchen, Moscheen und Tempel. Haben Sie Erbarmen mit denen, die aus Kriegsgebieten und Verfolgung fliehen, um hier Mitgefühl und Aufnahme zu finden.
Die eindringlichen Worte der Bischöfin gingen um die Welt. In den letzten Wochen meldete sie sich zusammen mit vielen anderen Geistlichen in den USA erneut zu Wort. In Minneapolis erhoben sie ihre Stimmen gegen das brutale Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde ICE und riefen zum christlichen Widerstand auf. Hunderte unterschrieben einen christlichen Appell für eine anderes Amerika.
Eine Kirchenfrau, die der Obrigkeit trotzt – das erinnert mich an Martin Luther auf dem Wormser Reichstag. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Ungewollt stellte sich die Bischöfin in die Reihe so vieler Christinnen und Christen, die für die Menschenwürde, Anstand und Mitgefühl aufgestanden sind. Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King oder den in dieser Woche verstorben Bürgerrechtler Jesse Jackson.
Einer der ersten in der Reihe war der Apostel Paulus. Auch er saß wegen seiner Glaubensüberzeugungen im Gefängnis. In der Gemeinde von Korinth erlebte er Streit und Spaltungen, gegenseitige Verletzungen und Anfeindungen. Auch persönlich wurde er von Gemeindegliedern angegriffen. Seine Autorität wurde massiv infrage gestellt. Vor diesem Hintergrund beschreibt Paulus im Predigttext, was einen Christenmenschen ausmacht und mit welcher Haltung er oder sie in die gesellschaftliche Auseinandersetzung gehen soll. Er schreibt:
Wir erweisen uns als Diener Gottes in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen, im Wachen, im Fasten.
In Minneapolis waren es so viele Menschen, die in ihren Kirchengemeinden und Nachbarschaften Bedrängnisse, Schläge und Hetze ausgehalten haben und dafür das Gefängnis riskierten. Sie hakten sich unter, machten sich Mut und gingen miteinander auf die Straße, standfest und unerschrocken. „Neighborism“ bezeichnet man diese neue Art der Widerständigkeit, die sich gegen die Gewalt und Willkür der Regierung gebildet hat: „Neighbor“ in seiner doppelten Bedeutung als „Nachbar“ und als „Nächster“. Es geht um den in der US- Gesellschaft auf einmal entstandenen beispiellosen Zusammenhalt von Kommunen, Bürgermeister*innen, lokaler Polizei, Zivilgesellschaft mit Kirchengemeinden, Synagogen und Moscheen. Schon sehr beeindruckend, wie sich hier das andere Amerika zu Wort meldet. Auch hierzulande sind wir als Kirche immer mehr gefordert, gegen Hass und Hetze für den demokratischen Zusammenhalt einzutreten. Weiter schreibt Paulus:
Ein Christenmensch erweist sich als Dienerin Gottes in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit in der rechten und in der linken Hand.
Starke Worte. In diesem Tugendkatalog klingt an, was unsere jüdisch-christlichen Werte trägt: Demut und Bescheidenheit, Geduld und Freundlichkeit im Umgang miteinander, Liebe und Mitgefühl, Mut zur Wahrheit und der Sinn für Gerechtigkeit. Dazu gehören der Glauben und die Hoffnung, dass Gott uns die Kraft dazu gibt. Paulus macht uns Mut, für das einzustehen, wovon wir als Christinnen und Christen überzeugt sind, und daran festzuhalten, selbst wenn es gefährlich wird. Lebendig, resilient und fröhlich die Liebe Christi zu kommunizieren, wo Menschenhass sich ausbreitet, Mitgefühl zu zeigen, wo herzlos miteinander umgegangen wird, wahrhaftig zu bleiben, wo gelogen wird.
Die beginnende Passionszeit ist eine gute Gelegenheit, dies einzuüben, liebe Gemeinde. Sieben Wochen ohne Härte. Sieben Wochen Mit-Gefühl. Nicht nur in Minneapolis begegnen Menschen einer bislang unvorstellbaren Verhärtung des gesellschaftlichen Klimas. Ob in China, in Russland, im Iran, weltweit gehen Machthaber mit ungeheurer Brutalität gegen Bürgerinnen und Menschenrechtsaktivisten vor. Auch hierzulande erleben wir eine nie dagewesene Infragestellung unserer demokratischen Institutionen. Die schlimmsten Härten müssen im Moment die Menschen in der Ukraine aushalten, in eiskalten Kellern ohne Strom und Heizung.
Härten begegnen uns auch im Kleinen, mitten im Alltag: die Kälte dieses Winters, die Erschöpfung einer Long-Covid-Erkrankung, die Angst in der Krebs-Chemo, die Enttäuschungen einer zerrütteten Ehe, die Belastung durch Arbeitslosigkeit und manchmal auch die Härte, mit der wir uns selbst begegnen. All das verdient unsere Aufmerksamkeit und Mitgefühl. Mir klingt dabei das Lied von Wolf Biermann im Ohr: Du lass dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit.
Die Passionszeit ist eine Chance, sensibel zu werden für die Härte des Lebens um uns herum, Menschen anzusprechen, Mitgefühl zu zeigen und zu helfen. Vielleicht auch, uns selbst zu öffnen und von dem eigenen Leid zu sprechen. Es gilt, sieben Wochen lang der Verletzlichkeit des Lebens nachzugehen und der Sehnsucht nach einem heilen Leben Raum zu geben. Die Aktion Sieben Wochen ohne spielt bei dem Wort „Mit-Gefühl“ mit der doppelten Bedeutung des Begriffs. Es geht einmal darum, in der Passionszeit Gefühle zuzulassen und Gefühl zu zeigen, sensibel zu werden für die Bedürftigkeit der anderen. Zum anderen um das Mitgefühl als unsere Entschlossenheit, sich vom Leid des anderen berühren zu lassen und etwas zu tun.
Ganz konkret könnte das bedeuten: Wo werde ich in dieser harten Zeit gebraucht?
Wo könnte ich Mitgefühl zeigen und das Leben eines anderen erleichtern helfen?
Wem kann ich durch ein Wort, einen Besuch oder eine Einladung Freude machen?
Wo braucht es meine Stimme, um jemanden zu mehr Gerechtigkeit zu verhelfen?
Wo braucht es mein Engagement, um die Demokratie zu verteidigen?
Mich hat da in dieser Woche der junge Rodler aus der Ukraine beeindruckt, der seinen Start bei den olympischen Spielen davon abhängig machte, auf seinem Helm Fotos von gefallenen Sportlern zu tragen. Beschämend, dass die olympischen Regeln ein solches Zeichen des Mitgefühls nicht erlaubt haben.
„Mit Gefühl – sieben Wochen ohne Härte.“ Dieses Motto führt uns nicht zuletzt auf die Spur von Jesus von Nazareth, der selbst unermessliche Härten bis zur letzten Konsequenz durchlitten hat. Wie kein anderer hat er harte Verfolgung ausgehalten – und doch sein Mitgefühl nicht aufgegeben. Er ist nicht hart geworden. Er hat sich nicht vom Hass der anderen bestimmen lassen. Die Passionszeit lenkt unseren Blick auf seinen Weg – vom Einzug in Jerusalem über Verrat, Gefangennahme und Verhör bis zum Kreuzigung in Golgatha. Es ist ein Weg durch menschliche Abgründe. Und doch bleibt Jesus auf diesem Weg dem Leben zugewandt – den Schwachen, den Schuldigen, selbst denen, die ihn ans Kreuz bringen.
Paulus schreibt an die Gemeinde von Korinth:
„Wir sind vom Tod bedroht, und seht doch: Wir leben! Wir werden ausgepeitscht und kommen doch nicht um. Wir geraten in Trauer und bleiben doch fröhlich.“
Die Passionszeit trägt die neue Hoffnung schon in sich. Sie führt durch die Dunkelheit zum Licht. So hart sich manches anfühlt, von Ostern her scheint die die Hoffnung in unser Leben, dass alle Härten überwunden werden können durch das Liebe und das Licht Christi. Mitten im Tod, wir leben. Mitten im Leid, wir halten durch. In Trauer, aber fröhlich. Das beschreibt das Gefühl und Mitgefühl der Fastenzeit und ist die Quelle unserer Resilienz. Wer sich in der Passionszeit vom Leid berühren lässt, wer Mitgefühl wagt, wer sich nicht verhärten lässt – der geht schon Schritte ins Osterlicht. Jede Geste der Barmherzigkeit ist ein kleiner Ostermorgen. Jedes Wort der Wahrheit ein kleiner Durchbruch des Lichts. Manche Widerständigkeit ein Zeichen des Auferstandenen mitten in dieser Welt.
Und am Ende sind die sieben Wochen dann vielleicht auch ein Weg zu mir selbst und meinen manchmal widersprüchlichen Gefühlen Sieben Wochen Verzicht üben, dafür Zeit für die Dinge zu gewinnen, die wirklich wichtig sind. Sieben Wochen für Herz und Seele. Sieben Wochen, um meinen Mut auszutesten, aber auch meine Grenzen zu akzeptieren. Sieben Wochen, um abzuschütteln, was mich hart macht, und gnädig mit mir umzugehen. Sieben Wochen, eine aufrechte Haltung einzuüben und Gott in mein Leben zu lassen.
Dietrich Bonhoeffer hat dies in einem Brief aus dem Gefängnis so formuliert:
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und feste
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andre von mir sagen?
Oder bin ich nur, was ich selbst von mir weiß:
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge.
Wer bin ich? Der oder jener?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.
Der Friede Gottes bewahre unsere Herzen.
Amen.