Predigttext: 2. Korinther 8, 7–9
Wie ihr aber in allen Stücken reich seid, im Glauben und im Wort und in der Erkenntnis und in allem Eifer und in der Liebe, die wir in euch erweckt haben, so gebt auch reichlich bei dieser Wohltat. 8 Nicht als Befehl sage ich das; sondern weil andere so eifrig sind, prüfe ich auch eure Liebe, ob sie echt sei. 9 Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, auf dass ihr durch seine Armut reich würdet. Amen.
Predigt
Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!
Liebe Weihnachtsgemeinde!
Womit wurden Sie, womit wurdet ihr zu Weihnachten beschenkt? Was hast du geschenkt bekommen? Kinder können auf diese Frage meistens sehr schnell und spontan antworten: eine Puppe, ein Fahrrad, ein Puzzle … Meistens antworten sie umso schneller, je mehr ein Geschenk ihren Wünschen entspricht, sie überrascht oder beeindruckt hat.
Meine Töchter sprachen ein Weihnachtsfest lang von nichts anderem als von dem großen Holzpferd, das Heiligabend auf der Terrasse stand, durch vorgezogene Vorhänge verborgen. Endlich ein Pferd zum Reiten, Voltigieren und Spielen … So ein Glück!
Womit wurdet ihr beschenkt? Gab es in diesem Jahr Geschenke oder auch Begegnungen oder Erlebnisse an Weihnachten, die euch besonders gefreut haben, euch überrascht, euch glücklich und reich gemacht haben?
Im heutigen Predigttext aus dem 2. Korintherbrief spricht der Apostel Paulus die Gemeinde in Korinth so an, als reiche, beschenkte Menschen: „Ihr seid in allen Stücken reich …“
Wir selbst bezeichnen uns gewöhnlich nicht als „reich“. Reichtum erscheint uns relativ – und in diesem unverblümten Ausdruck auch etwas anstößig.
Aber wenn wir nicht ans Geld denken, an unser Einkommen, die Rente, unsere Immobilien und Reisen – sondern an unsere Freundinnen, Freunde und Familien, an die Musik, die Sonne, den Kerzenschein und das gute Essen zu Weihnachten, an Zeichen der Zuwendung und Freundlichkeit, die wir erfahren haben …
Wenn wir Reichtum für uns einmal anders buchstabieren als mit Geld? Dann sind wir vielleicht beziehungsreich, hilfreich, geistreich, erfolgreich, ideenreich oder trostreich …
„You always focus on numbers“ – „Ihr fokussiert euch immer auf die Zahlen!“, sagte der Erzbischof in Nigeria zu einer deutschen Delegation des Lutherischen Weltbundes, als es um die Zukunft der lutherischen Kirchen weltweit ging. „Ihr denkt immer zuerst in Zahlen: Mitglieder, Kirchenaustritte, Steuermittel, Spenden, Baukosten, wenn es um die Kraft, um die Ausstrahlung und den Reichtum eurer Gemeinden geht.“
Worauf könnten wir als Christinnen und Christen uns sonst fokussieren? Welche Schätze, welche Erfahrungen oder Gaben machen uns jenseits von Zahlen reich? Was prägt unsere christliche Identität?
Paulus, der sagt: „Ihr seid in allen Stücken reich“, ruft der Gemeinde in Korinth damals fünf Gaben wach, an denen sie reich, in denen sie stark sind: „Ihr seid glaubensreich, wortreich und erkenntnisreich, aktivitätsreich und liebreich.“ (vgl. 2. Kor 8, 7) So viel, so reich!
„Ihr seid reich an Glauben“, stellt Paulus fest. Er problematisiert nicht den Glauben der Korinther, er bewertet nicht, fragt nicht, ob und wieviel … Ganz anders als ich es oft in Gesprächen erlebe, wenn Menschen mir sagen, was sie nicht glauben können oder wollen oder worin sie im Glauben unsicher sind. Paulus stellt fest und spricht es der Gemeinde zu: „Ihr seid reich an Glauben. Das ist euer Schatz.“
Und es ist letztlich gleich, wer von uns woran ganz besonders und was vielleicht weniger glaubt, was uns fraglich oder schwierig erscheint. Unser Glaube als Gemeinschaft ist reich durch die Vielfältigkeit unserer Glaubenserfahrungen und Glaubenssätze. Unser Glaube – nicht mein, nicht dein individueller Glaube – macht uns reich.
„Ihr seid reich an Worten“, sagt Paulus und meint damit das Reden und Sprechen, die Verkündigung. Dass wir unseren Glauben nicht nur verborgen, wortlos und zeichenlos im Herzen tragen, sondern davon sprechen, singen und uns darüber austauschen können. Dass Gottes Wort, seine Offenbarung in Jesus Christus in unsere Worte und unser Leben kommt und uns bereichert, uns neue Dimensionen von Sprache, Verständigung und Verbundenheit eröffnet.
Damit hängt „die Erkenntnis“ zusammen, von der Paulus spricht, das Verstehen und Begreifen im Glauben. Den Glauben nachbuchstabieren, ihn mit dem Verstand und dem Herzen fassen. In Jesus Christus Gottes menschliches Antlitz in der Welt erkennen, Gottes Wesen mehr und mehr verstehen und uns darin verankern. Dadurch werden mit einer besonderen Tiefe oder Weite, Fülle oder Farbigkeit des Lebens beschenkt.
Und schließlich nennt Paulus „den Eifer“ oder das Engagement und „die Liebe“. Ihr seid reich beschenkt, weil ihr tätig und aktiv sein dürft, weil ihr euch anstrengen, etwas anstoßen und bewirken könnt. Das erlebt ihr wohl als Musikerinnen und Musiker besonders, denke ich, wie ihr durch euer eifriges Üben und Musizieren etwas erschafft: Klänge, Stimmungen, einen Raum, ein reiches Geschehen, das ihr, so wie heute, anderen gebt. Wo ihr auch in anderen etwas bewegt.
Das erleben auch manche Ehrenamtliche in unserer Gemeinde, wie ihr Eifer und Engagement dazu führen, dass zum Beispiel der Seniorentreff am Montag so gut besucht wird. Oder dass ein wunderbares Krippenspiel auf die Beine gestellt wurde. Oder dass der Umbau im Gemeindehaus, wo ein Kita-Haus entsteht, so zügig vorangeht.
Auch das – unsere Aktivität, unser Engagement und unsere Leidenschaft – ist ein Reichtum, ein Geschenk.
Und schließlich „die Liebe“. Bei der wir wahrscheinlich am schnellsten an Glück und Erfüllung denken – und die bei Paulus vor allem Nächstenliebe meint. Liebe als Tu-Wort, als Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit. Wir sind, jedenfalls an guten Tagen, liebreich, liebenswürdig und liebevoll – das ist unser Reichtum als Gemeinschaft.
Was ihr wohl sagen würdet, woran ihr, woran du besonders reich bist, deiner Meinung nach? An Worten und Gedanken, an Liebe, an Energie und Aktivität, an Glauben oder Hoffnung … Welche deiner und unserer Gaben schätzt du besonders hoch ein? Und wovon könntest du am ehesten abgeben?
Denn, so Paulus, „weil ihr in so vieler Hinsicht so reich seid, darum gebt auch reichlich!“ (2. Kor 8, 7) Behaltet euren Reichtum nicht nur für euch selbst, sondern teilt ihn, vermehrt ihn!
Und dann verweist er auf Jesus Christus, geradezu wie auf eine Wunderformel, wie auf die Weihnachtsformel: „Ihr kennt sie, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.“ (2. Kor 8, 9)
Obwohl Christus Gott war – reich, mächtig, allgegenwärtig, ewig – wurde er doch ein Mensch. Um uns zu zeigen, wie Mensch-Sein geht, ohne Gott-Sein zu wollen. Er schenkt sich uns mit allem, was er hat und ist. Macht sich verletzlich, sterblich, abhängig und angewiesen – und offenbart uns zugleich, womit er und wir durch ihn überreich beschenkt sind: gewollt und geliebt zu sein, erfüllt von Gottes Gnade und seinen mannigfachen Gaben.
Ein Wechselspiel zwischen Christus und uns.
„Er äußert sich all seiner Gewalt, wird niedrig und gering
und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding …“,
haben wir eingangs gesungen.
Ein Wechselspiel und ein „fröhlicher Tausch“, wie es Martin Luther beschrieben hat: Gott ist reich an dem, woran wir arm sind, an Liebe, Barmherzigkeit, Güte und Vergebung. Und er schenkt sich, er schüttet all seinen Reichtum über uns aus, damit wir nur umso reicher werden.
Segensreich, hilfreich, trostreich, geistreich und liebreich …
Aus der Fülle dieses Reichtums lasst uns nicht aufhören, einander zu beschenken und uns an den unendlichen Möglichkeiten zu freuen, „wie’s Kind zur Weihnachtsgabe“.
„Ich danke Gott und freue mich“, wie es Matthias Claudius gedichtet hat in seinem Lied mit dem schönen Titel „Täglich zu singen“ (1777):
„Ich danke Gott und freue mich
Wie‘s Kind zur Weihnachtsgabe,
Dass ich bin, bin! Und dass ich dich,
Schön menschlich Antlitz habe.“
Das schöne menschliche Antlitz von unserem Bruder und Herrn Jesus Christus, der uns reich und selig macht. Amen.