Predigttext Römer 8, 18–24a
Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt.
Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin.Amen.
Predigt
Gnade sei mit euch und Friede von Gott!
Liebe Gemeinde!
Vor sechs Wochen war ich im Altonaer Museum in einer Ausstellung von Kinderbuch-Illustratorinnen und Illustratoren. Es wurden bekannte Künstler vorgestellt wie Wolf Erlbruch („Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“), von Jutta Bauer („Opas Engel“ und „Schreimutter“) oder Nadia Budde („Ein zwei drei Tier“) – und daneben mir bisher unbekannte Illustratorinnen wie Lena Hällmayer, Jahrgang 1981, die als Zeichnerin und Kunstpädagogin in Hamburg arbeitet.
Von Lena Hällmayer gab es eine große Wandzeichnung, fast ganz in Rot gehalten. Ein phantasievolles, netzartiges Gebilde: gekordelte Schnüre, geflochtene Zöpfe, Häkel- und Strickmaschen, gewebte Strukturen, dicke und dünne Fäden, lose Enden und Knoten …
Die große rote Zeichnung gleicht nichts, keinem Baum, keiner Landkarte – sie stellt nur ein unregelmäßiges Geflecht und Gewebe dar. Im unteren Teil des Bildes sieht man einige in Schwarz gezeichnete Menschen: einer schaukelt an einem dicken Tau, einer schneidet mit einer Schere Fäden durch, eine zieht an einem Band, eine sitzt und webt …
Es ist ein irgendwie unfertig und chaotisch wirkendes Bild, nicht im engeren Sinne „schön“ – aber interessant, anregend und überraschend. Mich hat es inspiriert.
Auch für diesen Gottesdienst heute. In dem es um unsere Verbundenheit mit unserer Mitschöpfung geht. Um Töne und Rhythmen, die Pilze – also Nicht-Pflanzen – und Gletscher erzeugen. Von Gott geschaffene Kreatur, die wir Menschen als „nicht-belebte Natur“ bezeichnen. Aber sind Pilze oder Gletscher bloß „tote Materie“?
Einer der stärksten und zugleich erstaunlich unbekannten Bibeltexte, der Abschnitt aus dem Römerbrief im 8. Kapitel, den wir eben gehört haben, spricht von dem „ängstlichen Harren der Kreatur“, von der „Vergänglichkeit“ und „Knechtschaft“ der Schöpfung (Röm 8, 19-21). Der Apostel Paulus macht hier keinen Unterschied zwischen Tieren und Menschen, Pflanzen, Steinen oder Gewässern, zwischen „belebter“ und „nicht-belebter“ Schöpfung. Alles ist für ihn Kreatur, also durch Gott Geschaffenes. Irdisch, leiblich und vergänglich.
Dem Schöpfungswillen oder der Schöpfungskraft Gottes entsprungen – der Zerbrechlichkeit und Endlichkeit alles Lebendigen unterworfen – aber auf Hoffnung hin. Auch unseren Mitgeschöpfen und der Schöpfung als Ganzer gelten Gottes Verheißungen: Frieden, Gerechtigkeit, Erlösung und Liebe.
Die Mitschöpfung ist schon bei Paulus nicht bloß „Umwelt“. Sie ist in ihrem Sein nicht auf den Menschen hin ausgerichtet. Gott hat sie nicht nur geschaffen, um den Menschen zu ernähren und zu erfreuen, um ihn mit Wasser, Nahrung, Licht und Boden unter den Füßen zu versorgen. Unsere Mitschöpfung ist ebenso sehr von Gott geschaffen, gewollt, geliebt um ihrer selbst willen wie wir. Wir Menschen sind für Gott und füreinander, für Palmen, Pilze und Pinguine ebenso Mitgeschöpfe wie sie für uns.
Der Vergleichspunkt für Paulus ist unser Geschaffensein: Weil Gott uns als irdische Wesen ins Leben gerufen hat, sind wir lebendig – aber deshalb auch vergänglich, verletzlich und sterblich.
Das macht uns Menschen jeder Lilie, jedem Leoparden, jedem Lavagestein vom Wesen her ähnlich. Es verbindet uns und alle Geschöpfe auf eine Weise, die uns zutiefst verwundern und berühren kann – die uns aber auch erschrecken und in Abstand und Abwehr bringen kann: Wir sollen so wesentlich oder eben unwesentlich und vergänglich sein wie Schneeglöckchen? Oder wie Spatzen, Lilien und Gras, mit denen Jesus uns in seinen Gleichnissen vergleicht?
Wer von uns mag das schon … Solche harten Relativierungen unserer Bedeutung und unserer Macht, wo wir doch so viel tun, um stark, gesund und langlebig zu sein – durch manches Handeln oder Wirken vielleicht sogar unsterblich?
Es gibt eine große Abwehr, uns mit unserer Mitschöpfung in dem Sinne zu identifizieren, wie der Apostel Paulus von uns spricht: als gemeinsam seufzende, ängstliche, ausharrende, hoffende, lebendige und vergängliche Kreatur …
Das hat mir auf geradezu erschreckende Weise auch ein Blick in die Predigtliteratur zu Römer 8 und unserem Predigttext gezeigt. Fast immer geht es in den Auslegungen um das menschliche Seufzen, Flehen und Leiden; fast nie kommt unsere Mitschöpfung in den Blick, obwohl sie von Paulus ja explizit genannt wird. Es zeigt sich hier ein für unsere westliche Theologie wohl typischer, ungeheurer Anthropozentrismus. Eine Fixierung auf den Menschen, seine Sorgen, Nöte und Wünsche, die die Mitschöpfung oder das Bild einer Gesamt-schöpfung radikal ausblendet.
Vielleicht hat diese Sicht in der Theologie in den letzten Jahrzehnten sogar noch zugenommen: dass wir fast nur noch vom Menschen sprechen und wenig von dem Gott des Lebens und der Liebe und von seiner Schöpfung, die auf den Schöpfer verweist.
Vielleicht hat dieser Anthropozentrismus mit dem riesigen Egoismus der meisten Menschen zu tun. Mit unserer ewigen Sorge, nicht genug zu bekommen, nicht genug gesehen, nicht genug geliebt, getröstet und geachtet zu werden. Sozusagen mit unserer Ursünde, unserer Trennung von Gott und unseren Nächsten durch unsere Ich-Fixierung.
Vielleicht hat unser Kreisen um uns selbst auch zu tun mit der Angst und Abwehr unserer Begrenztheit, Verwundbarkeit und Sterblichkeit. Wir verfügen ja über immer wirkungsvollere Mittel, um uns unsere Schwäche und Bedeutungslosigkeit vom Hals zu halten … Auf touristischen Raketenflügen können Menschen sich einbilden, selbst Herrscher der Galaxien zu sein. Oder Unsterblichkeit in einem aus der eigenen Asche erzeugten Diamanten zu erlangen …
Und vielleicht hat die Leugnung unserer tiefen, wesensmäßigen Verbundenheit mit der Schöpfung auch zu tun mit unserer „Unfähigkeit zu trauern“, wie das berühmte Buch heißt, mit dem die Psychoanalytiker Margarete und Alexander Mitscherlich 1967 Furore machten. Weil sie aufdeckten, welche Folgen die kollektive „Unfähigkeit zu trauern“ der Kriegsgeneration, der Täterinnen, Täter, Mitläuferinnen und Wegseher für die Nachkriegsgesellschaft hatte. Wie Schuld, Trauer und Scham in Selbstmitleid umgewandelt wurden und man sich selbst als Opfer stilisierte, ohne Verantwortung oder Handlungsoptionen.
Dieses Muster können wir heute im rechts-außen Flügel der Politik beobachten – und anscheinend auch im Blick auf unsere Haltung gegenüber den ökologischen Katastrophen. Unsere „Unfähigkeit zu trauern“ oder mitzuleiden oder Schuld zu empfinden. Wir waren es nicht; wir wussten es nicht; wir können nichts tun … Oder auch: Was ich nicht sehe oder fühlen will, das gibt es nicht.
Die biblische Tradition macht dagegen Verantwortung und Verbundenheit stark, wenn sie von „Schalom“, von „Gerechtigkeit“ und „Nächstenliebe“ spricht. Und sie macht auch die notwendige Auseinandersetzung mit Trauer und Schuld stark. Das Leiden, Ächzen und Seufzen der Geschöpfe, die nach uns schreien und nach unserem Verhalten fragen.
Unsere Verbundenheit mit unserer Mitschöpfung in der Lebensfreude, der Schönheit und Vielfalt der Schöpfung – und ebenso unsere Verbundenheit miteinander im Leiden. So wie Gott in Jesus Christus unsere Wege der Liebe und unsere Wege des Leidens mitgeht. Unsere Verbundenheit auch in der Hoffnung, im Vertrauen auf Gottes Verheißungen: auf Erlösung von Gewalt, Kampf und Schmerz; auf Frieden miteinander und mit Gott.
Ich möchte schließen mit dem Text der Zeichnerin Lena Hällmayer, den sie im Altonaer Museum an die Wand gegenüber ihres roten Geflechtes geschrieben hat:
„In meiner Vorstellung sind wir alle in einer Art Geflecht, einem Gewebe miteinander verbunden.
Dieses Gewebe umgibt uns und umhüllt uns wie ein schützender Mantel.
Ich meine damit nicht nur uns Menschen, sondern auch nichtmenschliche Wesen. Tiere, Pflanzen, Flüsse, Wälder und Meere – wir alle gehören zusammen.
Wir sind über die Zeit hinweg auch mit den Generationen vor uns, mit unseren Wurzeln verbunden.
Gemeinsam weben wir an diesem System, in dem wir alle leben. Wir können Maschen auflösen, Fäden zusammen ziehen und gestalten damit Muster und Strukturen.
Wir können einfach mit dem Faden, der uns nahe liegt, anfangen.“
[17.01.2026 im Altonaer Museum, Hamburg]
In dieses Gewebe der Mitgeschöpflichkeit hat Gott uns hineingewebt. Er vertraut es uns an – nicht als Besitz, sondern als einen gemeinsamen Lebensraum, wie einen schützenden Mantel, den wir mit allem teilen, was atmet, wächst und sich verändert …
Möge Gott uns Achtsamkeit und Demut schenken, als Mitgeschöpfe unter Mitgeschöpfen zu leben und die Fäden des Lebens so zu halten, dass auch kommende Generationen in diesem Geflecht Leben und Geborgenheit finden. Amen.