Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Unter dem Kreuz

Unter dem Kreuz

Predigt an Karfreitag
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 3. April

Predigt zu Lukas 23, 32–49

Bibeltext:

Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! 38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen! Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles. (Lukas 23,32–49)

Predigt:

Lukas ist der Maler unter den Evangelisten – schon in der Weih­nachtsgeschichte ist er derjenige, der die eindrücklichsten Bilder malt von der Herbergssuche, dem Stall, den Hirten, den Engelschören. Auch am Lebensende von Jesus liefert er keinen neutralen Bericht dieser Hinrichtung, sondern er zeichnet er uns ein Bild vor Augen, ein Andachtsbild. Er lässt in seiner Erzäh­lung den Scheinwerfer über dieses Bild wandern: Zuerst kommen die beiden Übeltäter in den Blick, die rechts und links von Jesus gekreuzigt werden, dann die, die das Los über seine Kleider werfen, das Volk, das da so drumrum steht und gafft, die Oberen die spotten. Und später – als Jesus gestorben ist – lenkt Lukas unseren Blick auf den Hauptmann, auf Jesu Bekannte und Nachfolger:innen, auf die Frauen aus seiner Heimat Galiläa.

Jeder und jede in diesem Bild spielt eine Rolle, schenkt uns seine je eigene Perspektive, ermöglicht uns einen anderen Zugang zu dem Geschehen. Es gibt nicht die eine Wahrheit. In diesem hochemotionalen Moment des Sterbens hängt die eigene Sicht­weise davon ab, in welcher Beziehung man zu dem steht, der da stirbt. Und das ist eine Frage, die Karfreitag auch an uns stellt:

Wie stehe ich zu dem Gekreuzigten?

Interessanterweise stehen die, die ihm eigentlich nahestanden, in Lukas Bild von ferne – so heißt es. Vielleicht haben sie Angst, vielleicht halten sie das Grauen nur mit Abstand aus. Ich bin mir sicher, auch sie haben ihre Fragen.

Stirbt da gerade unsere Hoffnung? Unser Glaube?

Ich weiß, dass auch heute viele einstimmen in diese Frage: Stirbt mein Glaube angesichts von sinnlosem Leid? Es ist die Theodizeefrage, die Menschen schon immer umtreibt. Kann ich an einen Gott glauben, der Leid zulässt? Oder stirbt mein Glaube an diesem Punkt, hält er diesen Widerspruch vom liebenden Gott und der lieblosen Welt nicht aus. Wir haben auf jeden Fall einen Gott, der dieser Frage nicht ausweicht, sondern der sie an Karfreitag auf die Spitze treibt. In diesem Bild von Lukas wird diese Frage inszeniert und in allen Facetten ausgeleuchtet. Eine Facette heißt:

Warum muss der Gerechte leiden?

Auch das leider immer noch hochaktuell. Immer noch und immer wieder wandern Menschen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen ins Gefängnis. Men­schrechts­anwälte, Aktivistinnen oder Journalisten werden bedroht, verurteilt und verschwinden. Es macht mich wütend und hilflos, dass so viele, die gegen Ungerechtigkeit kämpfen, das mit ihrem Leben be­zahlen müssen. Es ist unerträglich, dass Menschen Macht in Händen halten, die nicht gut damit umgehen können, die dies nicht mal wollen. Es ist nicht auszu­halten, dass es so ungerecht zu­geht auf der Welt. Aber einer hält es aus – der am Kreuz. Der hält die Ungerech­tig­keit aus – bis zum bitteren Ende.

Warum eigentlich? Auch diese Frage wird unter dem Kreuz gestellt. Lassen wir den Scheinwerfer von Lukas noch einmal zurückwandern zu den anderen. Zu denen, die Jesus nicht nahestanden, für die er kein Hoffnungsträger war. Die Oberen und auch einer der Verbrecher – sie sehen da einen am Kreuz hängen, der sich zuvor groß aufgespielt hat, der sich sogar göttliche Autorität angemaßt hat – und nun so lächerlich scheitert. Jetzt, wo er sich nicht mehr wehren kann, verspotten sie ihn. Sie fragen:

„Bist du nicht der Christus? Wenn du der Christus bist, warum hilfst du dir nicht selber und steigst runter vom Kreuz?“

Es ist eine rhetorische Frage. Aber ich möchte sie einmal ernst nehmen. Warum hält er das aus? Warum hilft er sich nicht selbst? „Hilf dir und uns“ – sagt der Mit-Gekreuzigte und das heißt: Erst wenn du dir helfen kannst, glauben wir dir, dass du auch uns helfen kannst. Wäre es also nicht viel überzeugender gewesen, Jesus wäre herab­gestiegen? Dann wäre das Ganze eine klare Sache gewesen. Dann wäre das ganze irdische Leben, Reden und Wirken von Jesus mit einem Paukschlag ins Recht gesetzt worden. Dann hätten sicher alle Umstehenden einstimmen können in das Bekenntnis des Hauptmanns. Wer hätte nicht gerne einen Gott, der sich so unüberseh­bar, so eindeutig zeigt. Ich gebe zu – ich tappe immer wieder in diese Falle und muss mich dann fragen:

Wann ist Gott Gott?

Wenn er uns beweist, dass er helfen kann?
Wenn er mich vor Lebenskrisen bewahrt, meine Gebete erhört?
Wenn er für Gerechtigkeit sorgt?
Den Mächtigen die Macht aus der Hand nimmt?
Wenn er Kriege beendet?

„Wenn du der Christus bist, warum hilfst du dir nicht selber und steigst runter vom Kreuz?“ Es ist nicht nur eine rhetorische Frage. Es ist sogar eine teuf­lische. Jahre zuvor hat der Teufel höchstpersönlich sie an Jesus gerichtet bei ihrem Stelldichein in der Wüste: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann tu dies oder das. Mach aus Steinen Brot, wirft dich vom Tempel oder eben steig herab vom Kreuz.“

Jesus macht nichts davon. Er steigt auch nicht herab vom Kreuz. Er schreit und stirbt. Er widerspricht damit unseren Forderungen nach Klarheit und Eindeutigkeit, nach Beweisen seiner Macht und Stärke. Er spielt unser Spiel nicht mit, greift nicht ein, rettet weder sich durch ein spektakuläres Wunder, noch diese Welt vor der Ungerechtigkeit. Er hält einfach aus.

Der am Kreuz macht sich nicht gemein mit unseren Gottes­bildern, die oft so menschlich und so wenig göttlich sind. Er lässt uns mit unseren Fragen stehen bzw. er fragt uns, ob wir ihm vorschreiben wollen, wie er als Gott doch bitte zu sein hat, damit wir an ihn glauben können. Er fragt uns, ob wir Gott Gott sein lassen, ob wir ihn sterben lassen können. Er beendet mit seinem Tod unser „Wir-wissen-besser-wie-Gott-sein sollte“-Spiel.

Karfreitag stellt schon immer unser Gottesbild in Frage. Wir bekennen jeden Sonntag im Glaubensbekenntnis den all­mächtigen Gott – und hier begegnet er uns ohnmächtig. Lässt sich das aushalten? Lässt sich umgekehrt der Glaube an einen allmächtigen Gott aushalten angesichts dessen, was wir erleben – sei es privat oder mit einem Blick in die Welt? Ich merke immer wieder, wie sehr ich das Kreuz brauche für meinen Glauben, weil es das, was wir gern ausblenden oder schönreden, offensichtlich macht. Weil es das aushält. Da hält einer aus, was nicht auszuhalten ist. Hält es für uns aus, besser mit uns aus.

Unsere Lebenshaltung ist ja nicht oder vielleicht müsste ich besser sagen: nicht mehr auf „Aus­halten“ trainiert. Das war vielleicht bei meinen Großeltern noch so, die haben gelernt, sich zu fügen. Aber wir haben gelernt, dass wir selbstwirksam sein können und sollen. Das ist ja auch gut so. Und gleichzeitig belehrt uns die Welt immer mal wieder eines Besseren. Dann nimmt uns ein Schicksalsschlag die Hand­lungs­möglichkeiten aus der Hand. Dann müssen wir Ohnmacht aushalten. Für manche ist Gott damit gestorben. Den kann es nicht geben. Andere rufen nach Gott – nach einem deus ex machina, der müsste und könnte und sollte das doch jetzt bitte regeln. Ich glaube, dass Gott sich in solchen Krisen nicht zum All­mächtigen auf­spielt, sondern dass er vielmehr unsere Ohnmacht mit uns teilt, mit uns teilen kann, so wie er es am Kreuz getan hat. Das ist keine fertige Antwort auf all die Fragen, die hier vor dem Kreuz im Raum stehen. Eher ein Herantasten.

Das Kreuz stellt immer weiter Fragen:
Es fragt, wie wir umgehen mit dem Kreuz, das wir tragen müssen. Welchen Raum dürfen eigene Verletzungen und Krän­kungen in unserem Leben haben? Manche von uns tendieren ja dazu, schnell alles schön zu reden und zu verdrängen. Andere fühlen sich im Gegenteil im Selbst­mitleid ganz wohl und reden von nichts anderem.

Wie tragen wir unser Kreuz?

Das Kreuz fragt uns auch, wie wir mit dem Leid anderer um­gehen: Trauen wir uns nahe ran oder stehen wir dann lieber von ferne. Wehren wir es ab? „Im Grund bist du ja selbst schuld“, auch wenn wir das natürlich nur denken und nicht sagen. Oder haben wir gute Ratschläge parat, wie andere ihr Leid mindern könnten? „Steig doch herunter von deinem Kreuz!“ Sind wir unsicher, haben Angst etwas Falsches zu machen oder zu sagen und bleiben deswegen lieber auf Distanz?

Können wir das Leid anderer aushalten, mittragen?

 

Karfreitag ist ein Tag der Fragen. Sie dürfen sein, sie müssen sein. Und dann tritt einer in dieser Szene auf, der scheint seine Antwort gefunden zu haben. Der Hauptmann: Fürwahr dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen, sagt er. Nach der Überlieferung bei Matthäus sagt er sogar: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn ge­wesen. Und nicht er allein sagt es, sondern auch die, die mit ihm waren. Sind wir auch mit ihm?

Können wir uns seine Ant­wort zu eigen machen?

Das Bild, das Lukas für uns Nachgeborene malt, zeigt die Menschen vor dem Kreuz. Alle Augenzeugen reagieren auf das, was sich da vor ihnen abspielt – sei reagieren mit ihrer Haltung, mit Schweigen, mit Worten. Es ist ein bisschen wie ein Wimmel­­bild und in der christlichen Kunst wurde die Kreuzi­gungsszene oft auch so dargestellt. Da tummeln sich Hunderte von Menschen unter dem Kreuz, oft in der Kleidung, die der Zeit des Malers entspringt, in manchen Gesichtern ließen sich dann wohl auch Zeitgenossen erkennen. Solche Bilder, auch das Bild das Lukas malt, laden dazu ein, uns dazuzustellen, mit hinein ins Bild.

Wo würden wir stehen – weit weg oder nah dran? Wenden wir uns ab oder gucken wir hin? Wie stehen wir zu dem Gekreuzig­ten? Dieser Frage können wir nicht ausweichen. Denn auch Ausweichen ist eine Antwort. Zu­mindest eine vorläufige. Karfreitag sagt: Da ist ein Kreuz in dieser Welt. Auch wenn wir nicht hingucken, es ist da. Und wir stehen in dieser Welt und damit auch irgendwie zu diesem Kreuz. Wir stehen selbst in diesem Bild.

Wo ist dein Platz?