Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Unter Gottes Segen

Unter Gottes Segen

Predigt zur Goldenen Konfirmation
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 22. März

Predigt zu 4. Mose 6, 22-27

Predigt

Der Herr segne dich und behüte dich
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.

Liebe Gemeinde,

es ist ungewohnt, diese Worte mitten im Gottesdienst zu hören. Sie gehören eigentlich ans Ende. Aaronitischer Segen werden diese kurzen Sätze genannt. Und die biblische Geschichte erklärt warum: Aaron, der Bruder von Mose, bekommt den Auftrag so zu segnen, wie wir das noch heute am Ende des Gottesdienstes tun.

Der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
Der Herr segne dich und behüte dich
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.
Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne. (4. Mose 6, 22-27)

Meinen Namen auf die Israeliten legen – dieser Name schützt, er macht klar, wo jemand hingehört, er verspricht den Segen. Ein großes Versprechen in einer Zeit, in der die Israeliten es bitter brauchen. In der Wüste nämlich. Sie tragen all ihr Hab und Gut mit sich, sie tragen ihre Last und – sie tragen den Namen Gottes. An der Schwelle bekommen sie seinen Segen: Das Alte ist vergangen, sie haben es zurückgelassen; das Neue ist bisher nur ein Luftschloss, lebt nur in ihren Träumen. Sie sind dazwischen, im Niemandsland, in der Wüste. Der Segen gibt ihnen Gewissheit für einen ungewissen Weg.

Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse leuchten sein Angesicht. Er schenke Frieden.

Diese Worte gehören zu den ältesten geschriebenen Worten der hebräischen Bibel. Die Alten, die die Worte zuerst gehört hatten, sagten sie ihren erwachsenen Söhnen und Töchtern weiter; die wieder sagten sie ihren Kindern und Enkelkindern. Die Tempel­diener sprachen sie den Gläubigen zu, manche auch Fremden. Bis die Sätze schließlich aufgeschrieben wurden, sogar auf kleinen Silberplatten hat man sie gefunden. Es sind Worte wie Edelsteine, kostbar. Worte für die besonderen Momente. Für die großen und kleinen Schwellen des Lebens, an denen wir Schutz und Beistand besonders brauchen.

Deswegen segnen wir ja genau in solchen Situationen: vor Reisen, beim Umzug, beim Abschied und eben auch am Ende des Gottes­dienstes, wenn wir diesen besonderen Ort verlassen und wieder ins „normale Leben“ treten. Deswegen sprechen wir Segensworte auch an den biographischen Schwellen: Zum Beginn eines Lebens – bei der Taufe, später zum Beginn eines gemeinsamen Lebens ­– bei Trauungen und noch viel später am Ende eines Lebens bei der Aussegnung am Sarg. Und dazwischen eben auch – und daran erinnern wir heute – bei der Kon­firmation: Dann, wenn Jugendliche erwachsen werden, reli­gions­­mündig.

Einige von Ihnen sind hier, um zu feiern, dass Sie vor 50 oder sogar noch mehr Jahren hier oder anderswo eingesegnet worden sind. Vielleicht erinnern Sie sich noch, wie Sie sich damals gefühlt haben mit 14 Jahren. Ein Niemandsland ist dieses Alter allemal: Nicht mehr Kind, aber oft noch so behandelt, auch noch nicht erwachsen, aber oft schon gefordert, das zu sein. Manch einer fühlt sich unwohl im eigenen Körper, der mitten in der Veränderung ist. Manche eine sucht nach einer stimmigen Rolle in der Familie, im Freundeskreis, in der Schule. Man weiß nicht so genau, wohin mit sich. Man hat Träume für das Leben, aber noch keinen rechten Plan. Man fühlt sich nicht ernst genom­men und gleichzeitig überfordert. Man irrt so ein bis­schen durch die eigene Welt, in der sich die Parameter verschieben, und sucht Orientierung. Man hat tausend Fragen und kann mit den Antworten der anderen oft wenig anfangen. Man probiert sich aus, Dinge gelingen, andere scheitern und man weiß oft nicht so recht, warum. Man guckt sich im Spiegel an und spiegelt sich in den anderen. Und eigentlich sehnt man sich danach, dass man ange­nommen ist, so unfertig, wie man ist, so seltsam, wie man sich selbst gerade findet. Man will eigentlich nur hören und spüren: Du bist wertvoll und kost­bar, du wirst deinen Weg machen und du musst ihn nicht alleine gehen.

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Gott geht deinen Weg mit und hält dich.

Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig.

Gott lässt sein Blick auf dir ruhen, er guckt dich an, er sieht dich, er sieht auch deine Fehler und Macken, und liebt dich trotzdem.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.

Er richtet dich auf und du kannst in Frieden leben – mit dir, mit den anderen und Gott.

Bei der Konfirmation legt Gott seinen Namen auf dich. Es ist ja auch die bewusste Entscheidung, ich will dazugehören zu dieser Kirche, ich nenne mich Christ, Christin.

Für die meisten von uns sind viele Jahre seit der Konfirmation ver­gangen. Vielleicht blicken Sie heute zurück und fragen: Wo und wie war Gottes Segen in meinem Leben eigentlich spürbar? Manch eine mag hier heute sehr dankbar sitzen und sich freuen an dem, was bisher geglückt ist im Leben: gute Freundschaften, Partner­schaft, Kinder, Familie, Ausbildung, Beruf, Reisen, Umzüge, Hobbies, Leidenschaften, Gesundheit.
Andere denken vielleicht auch an die Träume, die sich nicht ver­wirklicht habt, Türen, die verschlossen blieben, schwere Entschei­dun­gen, Krankheitsphasen, Verluste, Scheitern.
Vielleicht gab es glückliche Phasen, in denen Sie überhaupt nicht an Gott gedacht haben, weil Sie ihn gar nicht brauchten. Läuft doch alles, Gott ist an den Rand des Sichtfelds gerückt oder ganz daraus verschwunden.
Vielleicht gab es schwierige Zeiten, in denen Sie sich von Gott verlassen fühlten. Wo ist er, wenn man ihn braucht? Wo ist das Land, in dem Milch und Honig fließt oder doch zumindest Wasser und Brot zur Verfügung steht?

Gottes Segen ist keine Zauberformel, die ein erfolgreiches, pro­blemloses Leben verspricht. Davon können die Israeliten auf ihren 40 Jahren Wüstenwanderung ein Lied singen. Und wir alle haben das vermutlich genauso erlebt und erleben es noch. Und doch sind Segensworte nicht nur fromme Wünsche. Wir spüren ja immer wieder, wie der Segen unser Herz rührt. Es sind eben nicht nur Worte, sie machen etwas, sie verändern uns. Sie versprechen nicht nur Gutes, sie tun uns gut.

Lateinisch heißt Segen „benedicere“. Gutes sagen, Gutes wünschen, Gutes von jemandem denken. Solche Wünsche haben Kraft, weil sie die entsprechende Realität schaffen oder zumindest anstoßen. Das kennt man von sich und von anderen. Menschen, die gelobt werden, freuen sich, werden selbstsicherer, entfalten sich kreativ. Während Kinder, die häufig getadelt werden, von denen Eltern und Lehrer schlecht denken, ängstlich reagieren oder aggres­siv und in ihren Leistungen nachlassen. Es zeigt, wie sehr wir in Abhängigkeit leben. In Abhängigkeit davon, dass uns jemand liebevoll und gnädig anschaut. Das geht nicht nur 14-Jährigen so, das brauchen wir unser ganzes Leben lang.

Es gibt viele wunderschöne Segensworte. Vielleicht erinnern Sie noch Ihren Segensvers von der Konfirmation. Aber kaum ein Segen beschreibt so schön dieses liebevolle Angeschaut werden. In der Bibel wird sonst selten so direkt über das Gesicht Gottes ge­sprochen. Von seinem Gesicht, dass sich uns zuwendet, so wie sich das Gesicht von Vater oder Mutter dem Säugling zuwendet. Gott ganz nah.

Er kommt in diesem Segen immer näher zu uns. Ein Dreischritt fast:

Der Herr segne dich und behüte dich – das ist allgemein und umfassend.

Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir – im Hebräischen steht dort eine Präposition, die Bewegung ausdrückt: sein Gesicht wendet sich zu uns hin. Gott neigt sich zu uns – Zu-wendung, Zu-neigung ist damit gemeint.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich – Gott schaut uns an, sieht jedem einzelnen ins Gesicht. Wir werden angesehen, es geht um das Ansehen der eigenen Person.

Was für ein Segen, wenn mich jemand wirklich und wahrhaftig ansieht – sich mir zuneigt, mir seine Zuneigung zeigt. Wirklich ge­sehen und erkannt zu werden als die, die man ist, und darin nicht verurteilt zu werden, sondern liebevoll angenommen zu werden, das ist vielleicht der tiefste Wunsch des Menschen von Kind an.

Ich glaube, segnende Worte rühren uns so tief an, weil sie auf diese große Sehnsucht antworten: Wir brauchen den Segen. Er ist etwas, was wir uns nicht selbst geben können – niemand kann sich selbst segnen. Im Segen empfangen wir, was wir selbst nicht machen können. Im Segen wird inszeniert, was Gnade ist: nämlich mit dem beschenkt zu werden, wovon wir wirklich leben.

Gottes Segen ist uns zugesprochen, er hat seinen Namen auf uns gelegt. In der Taufe wird das gefeiert, in der Konfirmation wurde das bekräftigt. Gottes Segen nutzt sich nicht ab, so dass er immer wieder erneuert werden müsste. Er verblasst nicht, aber manchmal verblasst unsere Erinnerung daran. Deswegen ist es gut, sich an einem Tag wie heute daran zu erinnern, dass wir unter Gottes Segen stehen. Und es tut gut, sich dessen immer wieder zu versichern – deswegen hören wir es in jedem Gottesdienst am Ende und heute auch in der Mitte:

Gott segne dich und behüte dich

Gott lasse leuchten das Angesicht über dir und sei dir gnädig

Gott erhebe das Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.

Amen.