Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Von Gottes Treue

Von Gottes Treue

Predigt zum 4. Advent
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

4. Advent, 21. Dezember 2025

Predigt zu 2. Korinther 1, 18–22

Predigttext: 2. Korinther 1, 18–22

Bei der Treue Gottes, unser Wort an euch ist nicht Ja und Nein zugleich. 19 Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern das Ja war in ihm. 20 Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre. 21 Gott ist’s aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt hat 22 und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat. Amen.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

„Und wie feiert ihr Weihnachten?“

Ich weiß nicht, wie oft ich das in den letzten Wochen gefragt wurde – und auch selbst gefragt habe! Die Frage gehört sicher zu den beliebtesten Gesprächsaufhängern in der Adventszeit. Wie und mit wem wir Weihnachten feiern, wen wir besuchen, wen wir an Heiligabend, am 1. oder am 2. Feiertag sehen – das ist für viele von zentraler Bedeutung für das Gelingen des Festes.

Aber wenn die Familienfeier abgesagt würde oder der erwartete Besuch nicht käme, was wäre dann? Würde es dann für uns trotzdem Weihnachten werden?

Im Predigttext heute aus dem 2. Korintherbrief geht es um etwas Ähnliches: Der Apostel Paulus hatte der Gemeinde in der Hafenstadt Korinth mehrmals seinen Besuch angekündigt. Er war mit dieser Gemeinde besonders verbunden. Hatte sie selbst gegründet, kannte alle Männer und Frauen, die von Anfang an dabei gewesen waren, und stand mit ihnen durch Briefe und Boten in engem Kontakt.

Man könnte sagen, Paulus und die Gemeinde in Korinth hatten ein geradezu familiäres Verhältnis, innig und spannungsreich!

Vielleicht hegte Paulus selbst ambivalente Gefühle gegenüber dieser weltoffenen Gemeinde, die interessant, aber auch fordernd war, die ihn mit immer neuen Streitfällen und theologischen Fragen in Atem hielt. Es fällt auf, dass Paulus gerade dieser Gemeinde mehrfach seinen Besuch ankündigt, um ihn dann wieder abzusagen.

Den Korinthern mag es mit Paulus im Laufe der Zeit so ergangen sein, wie es in dem Volkslied heißt:

„Heut kommt der Hans zu mir,
freut sich die Lies.
Ob er aber über Ommerammergau
oder aber über Unterammergau
oder aber überhaupt nicht kommt,
ist nicht gewiss …“

Vorfreude gepaart mit Unsicherheit. Hält der Hans, der Paul, was er der Lies, was er Korinth verspricht? Was für ein Vertreter ist dieser Liebhaber überhaupt? Und wenn jemand so ein windiger Typ ist, kann man dann seinen Worten überhaupt trauen?

Unsicherheit und Enttäuschung breiten sich in der Gemeinde aus. So wie in Freundschaften, in familiären Bezügen oder einer Liebesbeziehung irgendwann der Punkt erreicht ein kann, wo wir beginnen uns abzuwenden, auf Durchzug zu schalten oder aufzugeben …

In bröckelnden oder abgebrochenen Beziehungen können die Beteiligten, wenn sie ehrlich sind, meistens ziemlich genau sagen, an welchem Punkt, bei welchem Ereignis oder Gespräch etwas zerbrach. Ab wann man nicht mehr geglaubt, geliebt, gehofft hat.

Paulus ist insofern ein guter Liebhaber, Vater, Mentor oder Freund, als er diese Enttäuschung und Verunsicherung bemerkt. Sie trifft ihn umso härter, als es nicht nur um seine Person geht, sondern um seine Botschaft, seine Verkündigung der Liebe Gottes. Es droht nicht nur eine zwischenmenschliche Beziehung zu zerbrechen, sondern eine noch relativ frische Glaubensbeziehung.

Unsicher ist jetzt nicht nur, ob der Hans kommt, sondern ob das Christkind kommt, ob Gott kommt, ob auf Gott und sein Wort Verlass ist.

Deshalb antwortet Paulus auf die Enttäuschung der Korinther so grundsätzlich:

Der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch gepredigt worden ist durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern das Ja war in ihm. (2. Kor 1, 19)

Mag auch Paulus mal Ja und dann wieder Nein sagen, Besuche ankündigen und dann wieder absagen, so ist doch Gottes Ja in Jesus Christus unumstößlich.

Gottes Ja in Jesus Christus – das ist die Weihnachtsbotschaft in a nutshell, kompakt wie in einer Nussschale: Gottes Ja ist in Jesus Christus. Gottes Ja zur Gemeinde in Korinth wie zu unserer Gemeinde hier. Gottes Ja zu dir und zu mir. So oft wir selbst mal Ja und mal Nein sagen, so schwache Boten, so wankelmütige Freundinnen, so unzulängliche Eltern wir mitunter sein mögen … Auf Gottes Ja zu uns, auf seine Anwesenheit und Gegenwart in Jesus Christus ist Verlass.

Ich muss bei der Rede von „Gottes Ja“ immer an mein Vikariat denken, an meinen Anleiter. Er sagte bei der Taufe immer den Satz, der sich mir tief eingeprägt hat: „Gottes Ja in der Taufe gilt auch dann, wenn manches Nein das Leben durchkreuzt.“

Was auch kommen mag, welche Hoffnungen enttäuscht, welche Pläne durchkreuzt werden – es gilt das Ja zum Leben, das Gott in Jesus Christus spricht und Gestalt werden lässt. Es ist Gottes Überschrift für unser Leben; das Wasserzeichen unserer Biographie.

Jesu Mutter Maria, von der wir heute gehört und deren Loblied wir eingangs gesprochen haben, hatte die besondere Gabe, Gottes Ja zu hören und es für sich und ihr Leben anzunehmen. Zu begreifen, dass in dem, wie ihr – jung und unverheiratet – gegen ihren Willen geschah, dennoch Gottes Ja zu ihr und zur Welt lag. Dass Gott sie sah oder ausersah, dass er sie befähigte, begabte und begnadete, sein Ja, sein Kind in die Welt zu tragen.

Und wie für Maria gilt dies ganz grundsätzlich auch für uns: dass wir durch die Taufe von Gott befähigt, begabt und begnadet sind, sein Ja zu hören, es Gott zu glauben und für uns anzunehmen. Dass wir je nach unseren Möglichkeiten Gottes Liebe zum Leben, seine Zuversicht, Barmherzigkeit oder Freude an der Schöpfung, sein Ja lebendig werden lassen.

Paulus beschreibt das mit anderen Worten etwas später so:

Gott ist’s aber, der uns fest macht in Christus und uns gesalbt hat und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat. (2. Kor 1, 20f)

Wir sind gesalbt und versiegelt, sagt Paulus, wir sind von Gottes Geist durchdrungen und auf diese Weise eingebettet in Gottes Ja.

Das uns mitunter umso kostbarer werden kann, je mehr Nein wir erleben, uns selbst oder unseren Mitmenschen gegenüber. Ob es unsere Familie, unsere berufliche Laufbahn oder unsere Gesundheit betrifft, oder andere, die leiden und um ihr Leben betrogen werden.

Maria hat Gottes Ja zu sich selbst, zu den Niedrigen und Hungrigen, den Frauen und den Armen gehört und darüber laut gejubelt. Elisabeth wurde schwanger, als sie und ihr Mann schon alle Hoffnung auf ein Kind aufgegeben hatten – und konnte ihr Glück kaum fassen. Und Jakob, der seinen Bruder Esau betrogen hatte, ist umgekehrt, hat sich mit ihm versöhnt und durfte nach Hause zurückkommen.

Viele Menschen vor uns haben Gottes Ja oft besonders deutlich erfahren in den Dunkelheiten ihres Lebens, an Schwellen oder in Krisen. Davon erzählt die Bibel, und auch in manchen Gemeinden und Familien sind solche Geschichten präsent.

Gottes Ja zu Maria und zu uns, zu unserer Schwäche und Schuld wie auch zu unseren Stärken leuchtet im Advent. Es bereitet uns vor auf das große Ja, das Gott durch Jesus Christus in der Heiligen Nacht zu dieser Welt spricht. Das Ja zur Zerbrechlichkeit, zum Risiko des Lebens, zum Wagnis der Liebe. So fragil uns dies im Blick auf unser eigenes Leben und auf diese Welt scheinen mag …

Der Schweizer Dichter und Theologe Kurt Marti hat es in einem Gedicht so formuliert:

„Ich wurde nicht gefragt / bei meiner Geburt
und die mich gebar / wurde auch nicht gefragt
bei ihrer Geburt / niemand wurde gefragt
außer dem Einen / und der sagte ja.“

Gottes Ja mögen wir hören, es ihm glauben und im Herzen tragen, wie auch immer wir in diesem Jahr auf Weihnachten zugehen, ob wir voller Vorfreude oder eher abwartend gestimmt sind, ob wir Besuch erwarten oder auch nicht.

Gottes Ja möge durch alle Dunkelheit und alle Türen an unser Ohr rühren. Es möge durch unsere vielen Gedanken und Sorgen an unser Herz rühren. Und es möge uns versiegeln in Jesus Christus, damit wir fest werden im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung. Amen.