Welche Rolle spielst du?
Gottesdienst am 24. Dezember
Predigt von Vikarin Olivia Graffam
Liebe Gemeinde,
wenn ich Sie jetzt ganz spontan zu einem Krippenspiel auffordern würde – welche Rolle würden Sie übernehmen? Maria oder Josef? Einer der Hirten oder eine Hirtin? Oder – in der Bibel nicht erwähnt, aber in vielen Krippenspielen unverzichtbar: der abweisende Wirt? Oder aber eines der Tiere: ein Schaf, Ochs oder Esel?
Die Kinder, die in den Gottesdiensten heute Nachmittag tatsächlich im Krippenspiel mitgespielt haben, hatten im Vorfeld jedenfalls recht genaue Vorstellungen von ihren Rollen: Ich will ein Engel sein. Ich auch. Ich auch.
Einmal ein Engel sein – die mit Abstand beliebteste Rolle. Ich will ein Hirte sein, der ganz viel sagt. Ich will Maria sein und gar nichts sagen. Ich will ein Schaf sein, das aber sprechen kann und genau einen Satz sagt, den man aber zur Not auch weglassen könnte.
Ganz schön kompliziert. Aber am Ende entstand ein Krippenspiel, in dem alle ihren Platz gefunden haben. Denn es braucht jede Rolle, damit diese Geschichte erzählt werden kann – damit Gottes Sohn zur Welt kommt.
Der Evangelist Lukas hat große, berührende Bilder geschaffen, um in Worte zu fassen, was er und andere erfahren haben: Gott kommt der Welt ganz nah. Gott wird für alle Menschen erfahrbar in diesem kleinen Kind.
Und wir rufen uns diese Bilder jedes Jahr aufs Neue ins Gedächtnis: Wir lassen sie erklingen als Lesung, in Liedern, malen und basteln sie und bringen sie auf die Bühne. Wir interpretieren und deuten die Bilder der Weihnachtsgeschichte damit jedes Jahr aufs Neue, setzen unterschiedliche Akzente und bringen unsere eigenen Erfahrungen, Hoffnungen und Verletzungen mit hinein.
Und je nachdem, wer auf die Bilder der Weihnachtsgeschichte schaut, tritt anderes in den Vordergrund: Wer in diesem Jahr vielleicht gerade selbst Eltern oder Großeltern geworden ist, den rührt der Säugling – das Wunder der Geburt eines Kindes – dieses Jahr vielleicht ganz besonders an. Andere sehen in der Zusammenkunft an der Krippe vielleicht, den Tag im Jahr, an dem endlich wieder alle nach Hause kommen.
Kinder staunen vielleicht am meisten über die Engel, die Tiere und das Licht in der Nacht.
Frauen solidarisieren sich womöglich mit Maria – der jungen Frau, mit ihrem Mut und auch mit ihren Geburtsschmerzen, von denen die Weihnachtsgeschichte nichts erzählt.
Für Menschen, die dieses Jahr Weihnachten das erste Mal ohne einen geliebten Menschen verbringen müssen, klingt die Botschaft der großen Freude schwer erträglich, vielleicht sogar zynisch.
Andere wiederum sehen Flucht, die Angst, die Unsicherheit, die prekären Verhältnisse – und erkennen darin ihr eigenes Leben wieder oder aber haben Mitgefühl mit ihren Nächsten, denen es so geht. Wieder andere halten sich an das Licht, weil es sonst zu dunkel wäre und an den Zuspruch der Engel: Fürchte dich nicht.
Die Weihnachtsgeschichte bleibt dieselbe. Aber sie spricht nicht zu allen gleich. Das ist die Stärke von Geschichten – In ihnen lässt sich eine Vielfalt von Erfahrungen ausdrücken, die sich kaum anders beschreiben lassen. Gott wird für alle Menschen erfahrbar.
Was wäre also ihre Rolle in dieser Weihnachtsgeschichte?
Maria
Wären Sie Maria? Diejenige, die die Herausforderung annimmt, ihrem eigenen Glauben Taten folgen lässt? Die beherzt „ja“ sagt, obwohl die Aufgabe alles andere als leicht ist? Maria entscheidet sich ganz bewusst.
Anders als viele andere Berufungsgeschichten der Bibel kennt die Verkündigungsszene zwischen Maria und dem Engel kein Unverständnis, keine Leugnung oder Ablehnung, sondern die bewusste Zustimmung Marias: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Dieses Ja fällt nicht in eine geschützte, sorgenfreie Situation hinein. Maria soll Mutter eines Kindes werden, dessen Herkunft gesellschaftlich höchst problematisch ist. Die Welt, in der das Kind geboren wird, ist keine friedliche Welt. Maria lebt in einem Land, das unter römischer Besatzung leidet. Sie gehört zum ärmeren Teil der Bevölkerung. Schwanger muss sie sich auf den weiten Weg machen.
Und Maria meistert diese schwierige Situation. Sie bringt kein ideales Umfeld zustande. Sie legt das Kind nicht in ein vorbereitetes Kinderzimmer, sondern in eine Krippe. Sie handelt pragmatisch, doch voller Liebe. Sie tut, was möglich ist – und genau darin wird Gott gegenwärtig.
Maria wird zur Prophetin der Armen und Unterdrückten. Nachdem sie ihrer Aufgabe zugestimmt hat, setzt sie zum Lobgesang an. In diesem sogenannten Magnificat zeigt sie, dass sie bereits verstanden hat, worum es hier gehen soll: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.“ „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“
Und so wird es Weihnachten. Auch durch Maria – ein Vorbild im Hören, Glauben und Handeln.
Josef
Wollen Sie Maria spielen? Oder wären sie doch eher Josef? Derjenige, der bleibt, auch wenn die Situation kompliziert wird? Der vertraut, auch wenn alles uneindeutig ist? Derjenige, der dranbleibt, auch wenn er überfordert ist?
In der Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums spielt Josef keine große Rolle. Er wird nur zweimal erwähnt. Eine gute Rolle also, wenn man lieber nicht so viel sagen möchte. Und doch trägt Josef diese Geschichte entscheidend mit. Josef macht sich auf. Das ist das Erste, was wir über ihn erfahren und es bleibt seine einzige Handlung innerhalb der Weihnachtsgeschichte. Vor ihm liegen ca. 146km. Und Josef macht sich auf nach Bethlehem mit seiner schwangeren Verlobten.
Von Josefs Sorgen, Ängsten und Überforderung auf dem langen Weg erfahren wir nichts – die Weihnachtsgeschichte macht einen Sprung. Josef macht sich auf, mit Maria. „Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.“ Und Josef bleibt. Er steht an Marias Seite. Er vertraut. Er übernimmt Verantwortung. Er hält durch. Er unterstützt. Was Josef dazu bewegt, erfahren wir bei Lukas nicht. In den entscheidenden Verkündigungsszenen durch die Engel bleibt Josef außenvor.
Bleibt er aus Pflichtbewusstsein, aus Verantwortungsgefühl, aus Glauben, aus Liebe? Wir wissen es nicht. Das Nächste, was wir über Josef erfahren ist, dass er gefunden wird – von den Hirten und Hirtinnen: „Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.“
Es wird Weihnachten. Gott kommt der Welt nah, auch durch Josef. Ein Vorbild im Vertrauen, Durchhalten und Versuchen das Richtige zu tun. Gott wird erfahrbar im sich Aufmachen, im Bleiben, im Mitgehen, im Aushalten.
Engel
Wäre Josef Ihre Rolle? Oder wären Sie wie die meisten Kinder gern ein Engel?
Vielleicht sogar genau der Engel, der Maria ihre Aufgabe überbringt? Oder den Hirten Bescheid sagt, was passiert ist? Sie dürften die Weihnachtsbotschaft verkündigen: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ Engel sind Boten, die ganz hinter ihre Botschaft zurücktreten. Sie treten in der Weihnachtsgeschichte immer dann auf, wenn Menschen an ihre Grenze kommen würden. Sie erscheinen, wenn das, was geschieht, kaum einzuordnen ist. Und jedes Mal lautet die erste Botschaft: Fürchte dich nicht! – der häufigste Satz der Bibel.
Die Engel verkünden Freude. Sie verkünden den Frieden auf Erden. Wäre das Ihre Rolle? Könnten Sie ihn verkünden – diesen Frieden? Hoffnungsvoll, gegen alles, was dagegenspricht?
Es braucht die hoffnungsvolle Verkündigung vom Frieden auf Erden! Denn wenn wir uns den Frieden nicht immer wieder erträumen, wenn wir ihn nicht immer wieder aussprechen und stark machen – wie soll er dann Wirklichkeit werden? Der Frieden braucht Menschen, die ihn sich nicht ausreden lassen. Menschen, die träumen, hoffen, beten – und handeln.
Es wird Weihnachten, auch durch die Engel, die festhalten an Gottes großem Versprechen.
Hirte
Wäre Sie also gern ein Engel? Oder wären Sie lieber ein Hirte oder eine Hirtin? Draußen bei den Tieren, abwechselnd schlafend und wachend, damit eben jenen nichts passiert. Eigentlich nichts besonderes erwartend. Eher pessimistisch als optimistisch in die Zukunft blickend – realitätsnah eben, das Leben ist hart. Die Hirten gehen gewissenhaft ihrem Beruf nach. Und aus eben diesem werden sie ganz plötzlich herausgerufen. Die Hirten und Hirtinnen zögern nicht lange: „Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.“ Und sie gehen los, sofort und gemeinsam. Sie bleiben eine Gruppe, niemand versucht, der oder die erste zu sein. Und als sie zurückkehren, sind sie nicht dieselben. Sie behalten das Erlebte nicht für sich. Sie erzählen weiter, was sie gesehen und gehört haben, was ihnen Hoffnung gegeben hat. Sie werden zu Zeuginnen und Zeugen.
Und so wird Weihnachten, auch durch die Hirten und Hirtinnen, die sich unterbrechen lassen, die losgehen, obwohl sie müde sind, die zusammenhalten und die uns zeigen: Egal, wer du bist! Komm zur Krippe. Gott ist keine Nacht zu dunkel, kein Stall zu dreckig, kein Weg zu weit.
Josef, Maria, ein Engel oder ein Hirte, eine Hirtin?
Durch sie alle wird es Weihnachten. Durch Menschen, die sich von Gott bewegen lassen – zu mehr Menschlichkeit, zu Mut, zu Mitgefühl.
Durch Maria, die ihr Leben riskiert.
Durch Josef, der bleibt, obwohl er gehen könnte.
Durch die Engel, die hoffnungsvoll die frohe Botschaft verkündigen.
Durch die Hirten, die sich bewegen lassen und ihre Arbeit unterbrechen.
Menschen ohne Macht, ohne Absicherung, gerade sie werden Teil der Geschichte.
Weihnachten wird es, wenn sie wegen des kleinen Kindes in der Krippe alle zusammenkommen. Wenn ihnen doch noch ein Platz gegeben wird. Wenn im Anblick dieses kleinen Kindes für einen kurzen Moment die ganze Welt vollkommen in Ordnung zu sein scheint. Gott kommt nicht anders in diese Welt als so: Mitten hinein in das Miteinander ganz unterschiedlicher Menschen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen