Wir werden leben
Ostersonntag 2026
Predigt
Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!
Lasst uns gemeinsam beginnen:
Christus, Licht der Welt! (Gott sei ewig Dank!)
Der Herr ist auferstanden, halleluja! (Er ist wahrhaftig auferstanden, halleluja!)
Diese alten Osterrufe, die heute in jeder christlichen Kirche erklingen – sie verbinden uns in der Horizontale mit allen Christinnen und Christen um den ganzen Erdball, gleich welcher Konfession, Kultur oder Sprache. Ob sie den Ostermorgen in Tansania, Mexiko oder Südkorea begrüßen, mit welchen Liedern, Tänzen und Blumen auch immer, ob in schilfgedeckten Hütten, unter Wellblech, in Garagen oder Kathedralen. Wie ein Freudenband legen sich diese Worte heute um unsere zitternde Erde.
Die alten Osterrufe verbinden uns aber auch in der Vertikale, wenn man so will, in der geschichtlichen Achse durch die Jahrhunderte. Von Generation zu Generation, von Jesu Jüngerinnen und Jüngern über die Gläubigen zu allen Zeiten bis zu uns heute. „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“, in dem die Wechselrufe entstanden sind, in die wir heute einstimmen:
Der Herr ist auferstanden! (Er ist wahrhaftig auferstanden!)
Die Osterrufe sind unsere Gründungsdokumente, wirklich der Grund unseres Glaubens. Ostern – das größte Fest.
Weihnachten setzt Gott einen neuen Anfang, das stimmt. Gott wird Mensch, kommt auf die Erde, teilt unser menschliches Leben, wird schwach, verletzlich und mitfühlend. Ein Gott, der, die Beziehung sucht.
Aber Ostern setzt Gott einen noch größeren, anderen Anfang, schreibt er seine und unsere Geschichte um. Seit Ostern liegt der Tod nicht mehr außerhalb von Gott; Tod und Teufel, Schmerz und Schrecken sind nicht länger die Gegenspieler Gottes, sondern Gott selbst ringt damit in sich. Geht durch den Tod, verliert sich fast selbst, zweifelt an seiner, ihrer eigenen Kraft und Liebe zum Leben. Und steht doch aus der Finsternis des Todes auf zu neuem Licht. Überwindet die Mächte des Todes, lässt sie hinter sich und öffnet auch uns damit die Tore zu neuem Leben.
So rufen wir: Christus, Licht der Welt! (Gott sei ewig Dank!)
Auch der Predigttext heute, ein selten gehörter Text aus dem 2. Timotheusbrief, gehört zu den österlichen Gründungsdokumenten aus dem tiefen Brunnen unserer Vergangenheit. Der alte Hymnus ist im Gottesdienstblatt abgedruckt; ich möchte ihn gerne mit euch zusammen lesen. Ich beginne und bitte euch, die eingerückten Zeilen zu lesen:
Halt im Gedächtnis Jesus Christus,
der auferstanden ist von den Toten.
Das ist gewisslich wahr:
Sind wir mit gestorben, so werden wir mit leben;
dulden wir, so werden wir mit herrschen;
verleugnen wir, so wird er uns auch verleugnen;
sind wir untreu, so bleibt er treu;
denn er kann sich selbst nicht verleugnen. Amen.
(2. Timotheus 2, 8. 11-13)
„Das ist gewisslich wahr: Sind wir mit gestorben, so werden wir mit leben!“
Der Osterhymnus hält fest, was wir uns manchmal kaum zu glauben trauen: dass wir im Glauben an Jesus Christus Teil haben an seiner Kraft – im Leben wie im Leiden wie im Sterben wie im Auferstehen. Dass wir seinen Weg mit ihm gehen – und er unsere Wege durch Leben und Tod mit uns. Dass es keinen Ort, keine Wege, keine Lebenserfahrungen für uns gibt außerhalb von Gott – oder ohne Jesus Christus, den wir darum unsern Bruder und Herrn nennen.
„Sind wir mit gestorben, so werden wir mit leben.“
Wie unsere Lebenswege und -erfahrungen auch aussehen mögen, ob wir auch Angst haben vor den Kriegen, der Inflation, der Gewalt, ob wir Angst haben um die Zukunft unserer Kinder und Enkel … Wie auch die Lebenserfahrungen der Christinnen und Christen vor uns – auch in unseren Familien, auch in diesem Land – geprägt waren von Angst, Hunger und Gewalt …
„Wir werden mit leben. Wir werden mit auferstehen, mit herrschen.“
Herrschen im Sinne von Kraft, menschlicher Entfaltung und Angstfreiheit. Nicht „über andere“ herrschen, sondern wir alle „mit Gott“, in seiner Liebe und Gerechtigkeit, als seine Ebenbilder und Kinder, als geschwisterliche Menschen.
Große starke Zukunftshoffnungen, die eine leise Einschränkung im zweiten Teil des Osterhymnus erfahren. Überraschend heißt es da:
„Verleugnen wir, so wird er auch uns verleugnen.“
Die Zusagen des neuen Lebens und der offenen Ostertore – sie gelten denen, die wahrhaftig, ehrlich und aufrecht sind. Bei denen ihre Worte und Taten mit ihrem Glauben an Jesus Christus übereinstimmen. Für die der Glaube nicht nur ein schönes Gefühl oder eine Fluchtmöglichkeit aus dieser Welt ist – sondern eine Wahrheit in der Welt:
„Sind wir mit gestorben, so werden wir mit leben.“
Gegenüber anderen, aber auch mir selbst gegenüber nicht verleugnen, nicht vergessen, nicht klein reden, woran ich mit Leib und Seele hänge: dass Gottes schöpferische Macht größer ist als die zerstörerischen Mächte des Todes. Dass die Liebe sich durchsetzen wird. Dass Umkehr und Neuanfänge möglich sind. Und Jesus Christus das Licht der Welt.
„Sind wir auch untreu“, so schließt der Hymnus, mögen wir auch zweifeln oder straucheln, „so bleibt er treu; denn er kann sich nicht selbst verleugnen.“
Gott bleibt bei seinem Ja zum Leben. Am Anfang der Schöpfung, als er das Licht schuf. In der Taufe, als er Ja zu uns sagte: „Ja, du bist mein geliebtes Kind.“ In der Mitte der Nacht, in unseren Abgründen, wenn Gott uns neuen Atem schenkt. Und am Morgen eines jeden neuen Tages, wenn wir aufstehen, in dieser Welt und in der kommenden Welt, in unserer Zeit und in Ewigkeit.
Christus, Licht der Welt! (Gott sei ewig Dank!)
Der Herr ist auferstanden, halleluja! (Er ist wahrhaftig auferstanden, halleluja!)
Amen.