Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Zu Bethlehem geboren

Zu Bethlehem geboren

Predigt am 1. Weihnachtstag
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 25. Dezember

Predigt zu dem Weihnachtslied "Zu Bethlehem geboren"

Liebe Gemeinde,

„Zu Bethlehem geboren“ so haben wir eben gesungen. Dieses Weihnachtslied ist ein Wiegenlied. Heute am Weihnachtsmorgen stellen wir uns an die Krippe und wiegen das Jesuskind in unseren Armen: eia – eia. Der Refrain, der sich in jeder Strophe wiederholt, besteht nur aus diesen zwei Worten. Das Lied musste sich des­wegen schon als „himmlisches eia-Popeia“ verspotten lassen. Dabei hat es gar nichts Kitschig-Idyllisches, wenn man es auf dem Hinter­grund seiner Zeit betrachtet:

Das Lied stammt aus einer schweren Zeit. Es ist während des 30-jährigen Krieges entstanden. Geschrieben hat diese Zeilen der Priester Friedrich Spee, der eine faszinierende, auch tragische Lebensgeschichte hat. Friedrich Spee muss ein kluger Kopf gewesen sein. Er trat jung dem Jesuitenorden bei, studierte Philosophie und Theologie, und wurde dann von seinem Orden als Professor nach Paderborn geschickt. Soweit war alles noch in Ordnung. Aber dann kam der 30-jährige Krieg und Spee erhielt von seiner Kirche bald eine ganz spezielle Aufgabe: Er sollte als Beichtvater die Frauen begleiten, die als Hexen angeklagt waren. Und die Anklage war meist auch schon das Urteil. Wir wissen, wie un­christlich, wie unmenschlich diese Frauen behandelt wurden. Die Grausamkeit, die Spee dabei hautnah erlebte, hat den jungen Priester für immer geprägt.

Später als er wieder als Professor arbeiten konnte, hat er darüber in einem seiner Vorträge gesprochen. „Wehe dass in unserem Land statt der Wahrheit die Scheiter­haufen leuchten“ soll er gesagt haben. So eine offene Anklage hat ihn natürlich bei den Verant­wortlichen nicht besonders beliebt gemacht. Er wurde dafür prompt seines Amtes enthoben. Auch ein Buch hat er geschrieben über das Unrecht, das diesen Frauen angetan worden war. Freunde von ihm haben dieses Buch – ohne sein Wissen und ohne seinen Namen zu nennen – veröffentlicht. Und natürlich wusste jeder, von wem es stammen musste. Wieder hat die kirchliche Hierarchie reagiert. Wieder bekam er eine Sonderaufgabe: Spee wurde ins Kriegsgebiet nach Trier geschickt, wo er Kranke und Verletzte pflegen sollte. Damals ein Himmelfahrtskommando: Er ist dort schnell an einer Seuche gestorben.

Aber dieser mutige Priester hat uns viel hinterlassen: die deutliche Mahnung nämlich, dass Frömmigkeit und Menschlichkeit zusam­mengehören. Glaube darf nie unmensch­lich werden. Und er hat uns dieses schlichte, aber eindringliche Weihnachtslied hinterlassen:

Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein,


das hab ich auserkoren, sein eigen will ich sein

eia, eia – sein eigen will ich sein.

„Uns ist ein Kind geboren“ – das klingt fast wie eine Familien­anzeige. Aber diese Worte sind schon sehr alt. Friedrich Spee greift auf den Propheten Jesaja zurück, wir haben es vorhin in der Lesung gehört: „Uns ist ein Kind geboren und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“. Wem diese Prophezeiungen vertraut sind, für den klingt die ganze Hoffnung mit, die Jesaja in seinem Sehnsuchts­text Jahrhunderte zuvor formuliert hat – übrigens auch er mitten im Krieg. Die „dröhnenden Stiefel, der Mantel durchs Blut geschleift“ – das war die Realität, die Jesaja erlebte, und in der sich auch Friedrich Spee und seine Zeitgenos­sen wieder­fanden.

Aber der Dichter hat etwas anderes „auserkoren“ als diese Realität – den Friedefürst. „Auserkoren“ – ein ungewöhnliches Wort für diese Zeit. Als ob irgendjemand damals die Chance gehabt hätte, sich etwas frei zu wählen. Ende des 16. Jahrhundert gab es kein Wahl­recht, Fürsten waren meist käuflich, Berufe wurden vom Vater auf den Sohn vererbt und seinem Schicksal konnte niemand ent­rinnen. Aber Spee wählt sich seinen Herrn: „Sein eigen will ich sein“. An der Krippe von Bethlehem wird das Besitzrecht umge­dreht: Nicht mehr „uns ist ein Kind geboren“ – nicht wir haben dieses Kind, sondern „Sein eigen will ich sein“, ich gehöre diesem Kind. Ihm weihe ich mein Leben: Das ist die eigentliche Weihe von Weih-nachten.

Wie das geht: diesem Kind mein Leben zu übereignen, das beschreibt die 2. Strophe

In seine Lieb versenken, will ich mich ganz hinab,
mein Herz will ich ihm schenken und alles, was ich hab.
Eia, eia – und alles, was ich hab.

Diese Strophe spricht an, wie das ist, wenn ein Mensch sich ganz aus den Händen gibt. Sich versenken und tiefer und tiefer hinab lassen in den Grund, das haben die Ordensleute früher geübt, gerade die, zu denen Spee gehörte. Spee ist Mystiker – auf der Suche nach dem göttlichen Funken in sich selbst. Und eben da kommt schnell der Vorwurf des eia-Popeia-Kitsches auf, der nur dazu dient, die Menschen einzulullen und ruhig zu stellen. Ein Wiegenlied eben, das einschläfert und ein reines Gefühls­christen­tum propagandiert.

Ich finde, Friedrich Spee mit seinem Einsatz erst für die verfolgten Frauen und dann für die Verletzen des Krieges war der lebende Beweis dafür, dass Spiritualität und aktives christliches Handeln sich nicht ausschließen, sondern zusammengehören. Er hat Wiegenlieder geschrieben und Streitschriften. Die Fürsorge für ein Kind kann sich eben nicht nur im Stillsitzen und Armeschwenken ausdrücken. Ein Kind auch muss auch versorgt und beschützt werden.

Was hier dem menschgewordenen Gott gilt – die Zärtlichkeit und Fürsorglichkeit – das muss sich auswirken als Haltung und als Tat auch im Verhältnis zum Mitmenschen. Spees Buch über die Hexen­prozesse, von dem ich schon gesprochen habe, heißt: „Cautio criminalis“ – zu deutsch etwa: „Behutsamkeit bei der Recht­sprechung“. Wenn man über das Leben eines Menschen urteilt, muss man ganz vorsichtig sein wie mit einem kleinen Kind – so der Appell.

Und man muss ja leider sagen, dass das Buch, das Spee damals schrieb und das manche als die kühnste Schrift des 17. Jhs bezeichnet haben, auch im 21. Jh noch aktuell ist: Menschen werden auch heute noch zum Sündenbock gemacht, denunziert, vorverurteilt. Rechtsbeistand wird verweigert, Gefangene von der Außenwelt isoliert und gefoltert. Angstkampagnen machen das Leben unerträglich.

Spee ist nicht einer der einlullt, sondern der genau darauf aufmerk­sam machen will, damals wie heute. Er will sie aufwecken – alle vom Landesherren bis zum Zuschauer, vom Priester zum Henker, alle, die sich mitschuldig machen an der Vernichtung von Men­schen, denen Schuld gar nicht nachzuweisen ist.

Spee beruft sich dabei zum einen auf das geschriebene Recht, das nicht eingehalten wird. Und zum anderen auf Jesus, der nicht wollte, dass man dem ewigen Gericht vorgreift, sondern Liebe geboten hat. „Nächstenliebe verzehrt mich und brennt wie Feuer in meinem Herzen“ schreibt Spee.

Sein Eia an der Krippe ist zu einem Appell geworden beim Umgang mit den Menschen Recht walten zu lassen und das heißt: Vorsicht, Sorgfalt, Würde.

O Kindelein von Herzen will ich dich lieben sehr
in Freuden und in Schmerzen je länger mehr und mehr,
eia , eia je länger mehr und mehr.

Nun spricht der Dichter nicht mehr über das Kind, sondern zu dem Kind: ein Gebet – nur ein paar Worte. Was er meint ist: Wenn ich mich dir zuwende, Kind, – und das will ich ja – dann lass das nicht nur etwas Vorübergehendes sein, ein bisschen Weihnachts­stimmung eben, sondern eine Lebensverbundenheit, die Krisen überdauert, die bleibt und die wächst, je länger je mehr. Wenn man ein modernes Wort benutzen will, so besingt er hier die Nach­haltigkeit des Glaubens. Und er besingt sie nicht nur, er hat sie auch gelebt bis zu seiner letzten Lebensstation in der Kranken­pflege, die ihn schließlich das Leben gekostet hat. Er wurde nur 44 Jahre alt.

Die ersten drei Strophen formulieren gute Vorsätze: Ich will, ich will, ich will: sein eigen sein, mich in seine Liebe versenken, dich lieben mehr und mehr. In der vierten Strophe macht Spee deutlich, dass alle frommen Wünsche nichts wert sind, wenn nicht Christus sie gelingen lässt:

Dazu dein Gnad mir gebe bitt ich aus Herzensgrund,
dass dir allein ich lebe jetzt und zu aller Stund.
Eia, eia jetzt und zu aller Stund.

Für ihn leben, das ist das Einzige, was er will, und damit schließt sich der Kreis zur ersten Strophe: Sein eigen will ich sein.

„Zu Bethlehem geboren“ ist ein kleines, einfaches Lied, an keiner Stelle besonders originell, fast kindlich, ein Wiegenlied. Aber mich berührt es doch immer wieder, wenn ich es auf dem Hintergrund des Lebens von Friedrich Spee sehe. Dann zeigt mir dieses Lied, woher wir die Kraft zu einem glaubwürdigen Leben nehmen können, woher die Energie für andere Menschen einzustehen und uns zu kümmern, sei es nun in der eigenen Familie, im Beruf oder im sozialen Engagement. Die Kraftquelle dafür finden wir bei dem Kind. Dort können wir einen Moment ruhig stehen bleiben, „uns versenken“, wie Spee sagt, und uns wieder klar machen, was das Wichtigste im Leben ist. Aktionismus geht eben nicht ohne Spiri­tualität – d.h. das geht schon, aber dann geht es an die Substanz.

„Zu Bethlehem geboren“ – dieses Lied, es kommt so harmlos daher. Aber es stellt uns die entscheidende Frage: Wem wollen wir gehören? „Sein eigen will ich sein“ – wer das wirklich mit Überzeugung mit­singen kann, für den ist das ganze Jahr Weihnachten. Amen.