Zumutung und Trost
Gottesdienst am 1. Februar
Bibeltext:
Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea. Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme 15 und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. (Offenbarung 1, 9-18)
Predigt:
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Er segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde,
Wenn Sie in unsere Kirche kommen und nach oben zu den Kirchenfenstern auf der Empore schauen, dann können Sie auf dieser Seite, von mir aus gesehen links ganz hinten ein Fenster entdecken, das den Seher Johannes zeigt, den Autor der Offenbarung. Über ihm schwebt mit zum Segen ausgebreiteten Armen ein Engel. Der Künstler, der das Fenster gestaltet hat, hat darin die ersten Verse der Offenbarung ins Bild gesetzt:
„Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat, (…) er hat sie gesandt durch seinen Engel zu seinem Knecht Johannes. (…)“
Dieser Johannes, so haben wir gerade aus seiner Feder gehört, sitzt auf der kleinen Inseln Patmos in der Verbannung. Ob er selbst geflohen ist, um sich in Sicherheit zu bringen, oder man ihn zwangsweise dorthin abgeschoben hat, damit er die Botschaft von Jesus nicht mehr unter die Leute bringen kann – das wissen wir nicht. Wir wissen, er musste seine Heimat verlassen wegen seines Glaubens. Es war die Zeit, in der die frühen christlichen Gemeinde auf römischem Gebiet mit dem Kaiserkult in Konflikt kamen und verfolgt wurden. Eine Zeit der Bedrängnis, wie Johannes schreibt.
Aber nicht nur. Johannes schickt seiner Ausführungen einen Dreischritt voraus, in den er seine Glaubensgeschwister – und in zeitlicher Verlängerung auch uns – mit hineinnimmt: Er stellt sich nämlich vor als „euer Bruder und Mitgenosse in Bedrängnis und am Reich Gottes und an der Geduld“. Dieser Dreischritt erinnert mich ein bisschen an das Gelassenheitsgebet: Es gibt schwere Dinge, die wir nicht ändern können – die Bedrängnis. Es gibt Dinge, die wir ändern können und die sich ändern werden – da blitzt die Hoffnung auf das Reich Gottes auf. Und es erfordert Gelassenheit und Geduld, das zu unterscheiden und abzuwarten.
Johannes auf seiner kleinen griechischen Insel in der östlichen Ägäis braucht vielleicht Geduld am meisten – ist der doch auf unabsehbare Zeit abgeschnitten von all den Menschen, die ihm nahestehen. Aber nicht abgeschnitten von Gott. Der lässt sich auch in der Fremde blicken und wie! Johannes kriegt etwas zu hören und zu sehen – und den Auftrag, er soll es aufschreiben. Festhalten für seinen Zeitgenossen, von denen er schmerzhaft getrennt ist, und für uns, von denen ihn Jahrhunderte trennen.
So werden wir mit hineingenommen in seine erste Vision: Da ist eine große Stimme zu hören wie von einer Posaune, oder wie eine großes Wasserrauschen, goldene Leuchter tauchen auf und der Menschensohn selbst – in gleißendem Licht, weiß wie Schnee, Augen wie Feuerflammen, Sterne in der Hand, ein zweischneidiges Schwert aus dem Mund.
Wenn man sich das wirklich einmal vor Augen malt, sich vielleicht auf einer großen Kinoleinwand mit Dolby surround sound vorstellt, sich hineinversetzt, wie Johannes da umtost wird von Geräuschen und Bildern – dann ist das ganz schön überwältigend. Kein Wunder, dass es Johannes umhaut. „Und als ich ihn sah, viel ich zu seinen Füßen, wie tot.“, schreibt er.
Ich muss gestehen, auch ich habe – wie oft bei diesen visionären Texten der Offenbarung – das Gefühl, der Text donnert über mich hinweg, bleibt mir auch unverständlich. Ein Buch mit sieben Siegeln – eine Redewendung, die ja aus genau diesem letzten Buch der Bibel stammt. Eine ganz schöne Zumutung jedenfalls für unsere Vorstellungskraft und unser Verständnis.
Man kann versuchen, ein bisschen was von der alten Symbolwelt aufzuschlüsseln:
Die Zahl sieben taucht mehrfach auf: Johannes soll an die sieben Gemeinden in Kleinasien schreiben, sieben Leuchter erkennt er, sieben Sterne in der Hand des Menschensohnes. Sieben erinnert an die Zahl der Schöpfungstage, die auch heute noch unsere Woche ausmachen. Die Zahl steht für etwas Vollständiges, für Vollendung.
Auch das Gold der Leuchter und des Gürtels und der Füße lässt sich für uns deuten, denn Gold war das wertvollste und reinste Material der damaligen Zeit.
Und dass der Menschensohn strahlt, dass er beschrieben wird als eine Lichtgestalt weiß und rein, das können wir füllen mit den biblischen Motiven, die wir sonst kennen: „Ich bin das Licht“ sagt Jesus von sich zu seinen Lebzeiten. Die Weihnachts- und die Epiphaniaszeit ist für uns eine Lichtzeit, die daran erinnert. Ganz fremd ist die Beschreibung des Menschensohnes für geübte Bibelleser:innen auch nicht, sie greift nämlich alttestamentliche Visionen des Propheten Daniels auf. Und verrät uns damit, dass auch Johannes ein geübter Bibelleser war, also vertraut mit den jüdischen Traditionen der Thora und darüber hinaus.
Sie sehen, ein bisschen was kann man entschlüsseln, aber die Vision bleibt doch verwirrend. Die Bilder wechseln in der Szene, verschwimmen ineinander, lassen sich nicht gut greifen und auch nicht rational vereinheitlichen. Ein bisschen wie wir das aus Träumen kennen. Die Formulierungen machen das auch deutlich: Johannes sieht etwas, das ist „wie“, das gleicht etwas anderem oder ähnelt etwas. Kleine Hinweise, die davor warnen, Bild und Wirklichkeit zu verwechseln. Diese Visionen malen „nur“ etwas aus, das sich eben gar nicht in konkreten Bildern fassen und verstehen lässt. Damit bleiben sie schwammig, vielleicht auch zweischneidig wie das Schwert, das aus dem Mund des Menschensohnes kommt. Es braucht eine Deutung. Und diese Deutung kommt in den Worten, die die Lichtgestalt spricht:
„Ich bin“ – sagt dieses Traumwesen um sich zu identifizieren: „Ich bin der Erste und der Letzte. Ich war tot und siehe ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ Damit gibt sich diese visionärere Gestalt zu erkennen als Jesus Christus, der gestorben ist und zu neuem Leben auferstand, als der, der schon immer da war, immer da sein wird und alles in Ewigkeit zusammenhält, als der Weltherrscher, der die Schlüssel in Händen hält.
Ich denke, emotional bleibt die Vision bleibt für Johannes zweischneidig: Da ist das überwältigende Donnern und Rauschen und Gleißen, umwerfend, beängstigend. Eine Zumutung. Und dann – dann kommt eine zarte Geste, die wir schnell überlesen oder überhören. Diese mächtige Gestalt legt dem Seher seine Hand auf. Und dann spricht sie: Fürchte dich nicht. Den, der wie tot am Boden liegt, berührt die Hoffnung. Der, der verbannt in der Einsamkeit sitzt, den Gewalten des römischen Reiches ausgeliefert, erhält einen Blick hinter die Kulissen, eine Ahnung auf das Reich Gottes, in dem ein anderer die Macht in Händen hält. Eine Vision, wie es sein könnte, wie es sein wird. Da ist der Trost in all der Verwirrung und Furcht. Und diesen Trost, diese Hoffnung, diesen Blick auf eine andere Welt, gibt Johannes weiter. Ein Visionär.
Menschen mit Visionen kommen nicht immer gut an. Von Helmut Schmidt ist das berühmte Zitat überliefert: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Gemeint ist, dass wir doch in der Realität leben und mit ihr zurecht kommen müssen und uns nicht daraus wegträumen sollen. Und doch glaube ich, dass wir Visionen brauchen. Gerade, wenn die Realität zu wünschen übrig lässt, brauchen wir Bilder, wie es sein könnte und sein sollte. Die Kraft solcher Bilder sollte man nicht unterschätzen. Innere Bilder einer wünschenswerten Zukunft sind mehr als nur mentale Wunschvorstellungen. Sie sind Motor für konkrete Handlungen und können die Realität oft mehr verändern als rationale ausgearbeitete Zielsetzungen.
Als ich in Kairo gelebt habe, hatte ich die Möglichkeit, die SEKEM Initiative 60 km nordöstlich von Kairo zu besuchen. Angefangen hat alles mit einer Vision: Ibrahim Abouleish stand in den 70er Jahren mitten in dieser unberührten Wüste und träumte davon, dieses Land grün zu machen. Er träumte davon, dass das ökologisch und nachhaltig möglich sein könnte und Menschen dort unter würdigen Bedingungen arbeiten sollten. Heute ist das Projekt viel mehr als ein Landwirtschaftsbetrieb, es ist Existenzgrundlage für zahlreiche ägyptische Familien und Hoffnung für viele mehr. Googelt man Sekem – lauter die erste Überschrift „Die Vision“. Mit der Kraft eines starken Bildes hat alles angefangen.
Wir brauchen heilsame Bilder, um sie der realen Welt entgegenzustellen, um Veränderungen anzustoßen. Solche Visionen sind nicht nur Hirngespinste, sie hinterlassen Spuren, sie geben Menschen Kraft und Kreativität. Sie sind widerständig gegen jedes „Das ist so und das bleibt so“. Es sind Hoffnungsbilder – und ja die dürfen gerne auch mal überwältigend und kraftvoll daherkommen wie bei Johannes. Er braucht die Vision, dass es Gott ist, der die Welt in Händen hält, der die Zukunft aufschlüsseln kann – und nicht irdische Herrscher, mögen sie auch noch so mächtig oder größenwahnsinnig daherkommen.
Viele Menschen haben im Moment das Gefühl, dass unsere Welt, unsere Werteordnung aus den Fugen gerät. Mir geht das oft auch so. Dann komme ich mir so ohnmächtig vor, so kaltgestellt wie Johannes auf Patmos: Was kann ich schon machen, wenn global Großmächte Grenzen verschieben: Grenzen auf der Landkarte und Grenzen im stabil geglaubten Moralkodex? In dieser Sorge kann uns der Blick hinter die Kulissen der Zeit helfen, der sich uns durch Johannes auftut. Ich vertraue darauf, dass es nicht weltliche Herrscher sind, die die Schlüssel zu unserer Zukunft, zu dieser Schöpfung, zu unserem Leben in der Hand halten. Ich schaue dann auf das Bild des Weltenherrschers, das wir hier vorne im zentralen Kirchenfenster haben: Jesus Christus, der in seinen Händen das Buch und die Schlüssel hält. Bei diesem Bild kann ich mich vergewissern: Er hält mich in seiner Hand, auch wenn die Realität scheinbar dagegen spricht. Er ist es, der uns auch heute noch mit zarter Geste berührt und uns sein Fürchte dich nicht! zuspricht.
Und wenn Ihnen Ihre inneren Hoffnungsbilder und Visionen abhanden kommen, dann kann vielleicht eines unserer Kirchenfenster Sie erinnern an die kraftvollen biblischen Bilder, die uns mit einem Blick in das Reich Gottes trösten, das hier und jetzt und unter uns schon begonnen hat. Amen.