Predigttext:
Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen. Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen? Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben. Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen. Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen. (Mk 8)
Predigt
Liebe Gemeinde,
ich nehme Sie heute Morgen mit auf den See Genezareth. Jesus und seine Jünger sind mal wieder im Boot unterwegs. Und sie hatten vergessen – so erzählt Markus – Brot mitzunehmen, und hatten nicht mehr mit sich im Boot als ein Brot. (…) 16 Und sie überlegten hin und her, weil sie kein Brot hatten. 17 Und er merkte das und sprach zu ihnen: Was bekümmert ihr euch, dass ihr kein Brot habt? Versteht ihr noch nicht, und begreift ihr noch nicht? Habt ihr ein erstarrtes Herz in euch? 18 Habt ihr Augen und seht nicht und habt Ohren und hört nicht? Und denkt ihr nicht daran: 19 Als ich die fünf Brote brach für die fünftausend, wie viele Körbe voll Brocken habt ihr da aufgesammelt? Sie sagten: Zwölf. 20 Und als ich die sieben brach für die viertausend, wie viele Körbe voll Brocken habt ihr da aufgesammelt? Und sie sagten: Sieben. 21 Und er sprach zu ihnen: Begreift ihr‘s denn noch nicht? (Mk8)
Geschickt inszeniert der Evangelist Markus die Jünger für uns als Identifikationsfiguren. Sie sorgen sich. Sie sorgen sich zuerst um die Tausende, die Hunger haben, und dann um sich selbst. So wie sich viele Menschen bei uns heute fragen: Ist genug für mich da? Reicht das für die ganze Überfahrt? Ist noch was im Topf der Pflegekassen, wenn ich mal darauf angewiesen bin? Wird meine Rente reichen, kriegen meine Kinder auch noch was ab? Muss die Wirtschaft nicht angekurbelt werden, damit wir unseren Lebensstandard wahren können und was heißt das für das Klima und die Umwelt und für die Ressourcen für nachkommende Generationen? Die Angst, es könnte nicht reichen, wir müssten verzichten, reduzieren, downgraden – die kann ich gut nachvollziehen. Ein Brot für die gesamte Bootsfahrt – das ist zu wenig, da werden die Mägen knurren.
Dieser Sorge stellt Jesus die Erfahrung der Fülle gegenüber – das ist definitiv ein Wunder. Tausende Mägen haben geknurrt – erinnert Jesus seine Freunde, und keiner ging hungrig nach Hause. Begreift ihr’s denn nicht?
Dabei haben die Jünger es doch gleich zweimal hintereinander erlebt und wir haben es zig-mal gehört: Denn die Geschichte von der wundersamen Brotvermehrung gibt es in unterschiedlichen Varianten fünfmal im Neuen Testament. Man könnte meinen, da hätte Markus und die anderen nicht gut aufgepasst beim Zusammenstellen der Jesus-Geschichten, aber die Dublette ist gewollt, wie wir beim Gespräch mit den Jüngern im Boot merken. Hunger wiederholt sich. Mangel wird es immer wieder geben – im echten und im übertragenen Sinn. Und wir müssen immer wieder – wie die Jünger – austeilen, damit alle genug kriegen.
Für die Hörer:innen damals war der Hunger durchaus real. In ihrem trockenen, heißen Landstrich fielen häufig Ernten aus, die Bibel kennt viele Berichte von Hungersnöten. Und leider war das nicht nur damals so, auch heute leiden knapp 700 Mio Menschen an Unterernährung, d.h jeder 12. hungert. Wir könnten hier mal durchzählen, wen es von uns treffen würde – wäre denn der Hunger auf der Welt gleichmäßig verteilt.
Ich finde, Erntedank ist als Fest sehr ambivalent ist: Es ist schön und schwierig:
„Aller Augen warten auf dich. Herr, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.“ Was wohl eine Frau aus dem Sudan mit hungigem Magen dazu sagt? Ein Mann aus dem Jemen, ein Kind auf Haiti? Und ja natürlich, das macht mich sehr dankbar, dass ich ganz zufällig in einem der reichsten Fleckchen der Erde geboren bin.
Aber auch, wenn ich nicht in die weite Welt schaue, sondern mit dem Augenmerk bei uns bleibe, dann ist mir das Fest seltsam entrückt: Denn was sehen wir denn noch wachsen und reifen und was ernten wir selbst? Von dem, was hier im Altarraum liegt, sehe ich gerade noch Äpfel und Birnen an den Bäumen, aber viel mehr auch nicht. Ich stehe nicht auf dem Kartoffelacker und lebe nicht neben einem Maisfeld. Ernten im wörtlichen Sinne tue ich gar nichts mehr. Früher vielleicht die Himbeeren im Garten meiner Eltern, ich selbst aber habe keinen Garten und Himbeeren kaufe ich –mit Ausnahmen weniger Wochen im Jahr – tiefgekühlt.
Ich habe mal eine Müslipackung von dort unten gegriffen und versuche mal zu entziffern, was da drin ist: Weizen- und Hafer- und Gersteflocken, Rosinen, Datteln, Papaya, Cashewkerne. Was wurde da nicht alles hin- und hertransportiert, in welchen Ländern wurde geerntet, unter welchen Bedingungen und wie fair wurde gehandelt? Ich frage mich: Wie viele Hände, die mir mein Müsli bereiten, gehören zu einem hungrigen Magen.
Da sind wir bei dem ganzen wahnsinnig komplexen Thema der globalen Verflechtung in der Nahrungsmittelproduktion, die uns hier ein solches Überangebot auf den Markt bringt, dass in Deutschland pro Kopf mehr als 75 kg Lebensmittel jährlich im Müll landen. Und das bezieht sich nur auf die Privathaushalte. Das alles ist undurchsichtig und kompliziert und macht mir ein schlechtes Gewissen. Da wäre es doch netter, sich heute einfach an den schön drapierten Kürbissen und Kartoffeln aus dem alten Land zu freuen. Doch schon muss man sich fragen, ob für die Landwirte dort das Leben tatsächlich so idyllisch ist. Ich merke ich kriege schlechte Laune bei all diesen Gedanken – da sitze ich mit den Jüngern ganz und gar in einem Boot. Und Jesus sagt: Begreift ihr’s denn nicht?
Ich gucke auf den Hunger in der Welt, ich gucke auf meine Verstrickung darin, während Jesus mit fast leeren Händen austeilt. Und es reicht und wird zum Überfluss. Begreift ihr’s nicht? Bei allen berechtigten Sorgen, weist Jesus uns auf die Fülle hin, die wir in seiner Nähe erfahren – und für die wir wirklich dankbar sein können.
Jesus nahm die Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern – so erzählt Markus in dieser Speisungsgeschichte. Das klingt vertraut in unseren Ohren, das werde ich gleich fast wörtlich wiederholen, wenn wir Abendmahl feiern. Und natürlich ist das so gewollt. Der Hinweis auf das Abendmahl zeigt, dass es hier über knurrende Mägen hinaus geht. Es geht um unsere Bedürftigkeit um wörtlichen und übertragen Sinn. Um unsere Sehnsucht nach einem erfüllten Leben und um Gott, der darauf mit seiner Fülle antwortet.
Das Abendmahl steht symbolisch für all das, was er uns schenkt: das Brot für den Magen, also für unser alltägliches Überleben, den Wein als Zeichen der Feier und der Freude, denn wir wollen ja mehr, als nur überleben. Und dann auch die Gemeinschaft, in der wir beim Mahl stehen, denn wir sind Beziehungsmenschen, unbedingt angewiesen auf die Zuwendung anderer. Aber wenn wir hier vor dem Kreuz als Gemeinschaft im Kreis stehen, kreisen wir eben nicht um uns selbst, sondern wir sind auf Gott ausgerichtet. Denn wir selbst können all das, was wir brauchen, säen und uns um den Samen kümmern, aber wir können nie die Ernte garantieren. Wir können vorsorgen und absichern, aber die entscheidenden Dinge des Lebens können wir nicht herstellen, sondern uns nur schenken lassen.
Wir sind angewiesen darauf zu empfangen. Und dass wir empfangen – davon erzählen diese Geschichten in fünffacher Ausführung und ich glaube, wir können es gar nicht oft genug hören. Diese Erzählungen sind ein Echo all der Mahlzeiten, die Jesus mit anderen gehalten hat und die das Gefühl geprägt und überliefert haben: Wir werden satt. Es ist genug. Mehr als genug, da ist Fülle, da ist reichlich, wir sind reich. Begreift ihr’s denn nicht? Wir sind eingeladen. Und auch wenn es uns schwer fällt daran zu glauben, wenn es uns ein Wunder erscheint, so haben Menschen das in Gottes Nähe erlebt: Dass sie reich beschenkt und erfüllt werden.
Da kann man eigentlich nur eines: Danken. Ich korrigiere: Man kann zwei Dinge: Man kann danken und man kann dann auch Teilen. Wer wirklich dankbar ist, kann mit fast leeren Händen austeilen, mit vollen natürlich erst recht. Wir sind reich, denn Gott gibt nicht nur die konkreten Dinge des Lebens, er gibt das Leben selbst. Er gibt sein Leben. Er gibt uns unser Leben. Er gibt uns Lebens-mittel, damit wir Vermittler werden. Damit wir weitergeben, damit wir danken und teilen und von der Fülle erzählen.
Wenn ich hier vorne in den Altarraum schaue, dann freue ich mich, dass viele Menschen hier es begriffen haben: Wir haben genug und teilen macht reich! Wir können Sorgen teilen – das ist auch mal nötig und tut gut, aber wir können einander auch mittteilen, was uns erfüllt und die Dinge teilen, die wir haben. Damit alle satt werden. Amen.