Predigt
Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!
Am Anfang war der Psalm. So könnte man im Blick auf die Kirchenmusik sagen. Für alle geistlichen Lieder, jedes Stück aus der Liturgie, jeden mehrstimmigen Choralsatz gilt: Am Anfang war der Psalm. Zuerst, vor etwa 3.000 Jahren – und so blieb es fast 2.000 Jahre lang – ein Wechselgesang zwischen zwei Gruppen oder zwischen Vorsänger und Chorgruppe. Wenige Töne, begleitet von Instrumenten wie Harfe, Zimbel oder Handpauke. Eine Art Sprechgesang, in den man leicht einstimmen konnte, auch wenn er uns heute fremd geworden ist.
Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.
Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet!
(Ps 98, 1+4)
Diese Verse aus Psalm 98, den wir vorhin versucht haben, im alten gregorianischen Stil gemeinsam zu singen – sie bilden inhaltlich den Cantus firmus der Psalmen: die Aufforderung zum Lobpreis Gottes. Die Ermutigung und Erinnerung, Gott zu loben und zu ehren, ihm zu danken, uns zu freuen, zu singen und zu jubeln.
Die ersten Christinnen und Christen im 1. Jahrhundert versammelten sich nach einem Bericht von Plinius dem Jüngeren an Kaiser Trajan jeden Sonntagmorgen noch vor Sonnenaufgang, um für Christus im Wechselgesang ein Loblied zu singen. Jeden Sonntag wurde in aller Frühe Ostern gefeiert bzw. besungen. So wie wir in jedem Gottesdienst das Evangelium mit dem österlichen Halleluja begrüßen und einmal den Ostergesang anheben.
Der Lobpreis, die Verehrung oder Anbetung Gottes – das sind nach biblischer Vorstellung tiefe Kennzeichen unserer Beziehung zu Gott. Gott loben, ihm danken, ihn ehren … – so merkwürdig uns das vorkommen mag. Und wir vielleicht denken: Zeigt sich der Glaube nicht vielmehr in unseren Taten? Besteht unser Glaube nicht im Vertrauen auf Gott? Und steckt im Loben, Anbeten und Verehren nicht allzu viel Unterwerfung und Gehorsam?
Ja, das stimmt – teilweise. Und doch setzen wir uns im Glauben in Beziehung zu einem Gott, den wir größer, mächtiger, phantasievoller und vor allem anders denken als uns selbst. Und ja, Glaube ist ein Tu-Wort. Glauben heißt Lieben, Hoffen und Vertrauen. Glaube braucht vielleicht nicht immer und überall Musik.
Und andrerseits erinnere ich mich an die Corona-Pandemie: als wir im Gottesdienst oder überhaupt in geschlossenen Räumen nicht singen durften, als die Bläser die am wenigsten erwünschten Musikerinnen und Musiker waren … Wie still es da zu werden drohte. Wie manche der Gedanke beschlich: Ohne Musik brauche ich eigentlich nicht zur Kirche zu gehen. Eine Predigt kann ich auch zuhause lesen; ein Gebet kann ich auch alleine sprechen.
Wie froh wir hier in der Gemeinde waren über den großen Kirchraum, der es erlaubte, dass wir auch in der Pandemie Gottesdienste mit Musik feiern konnten: mit Abstand voneinander im Kirchenschiff sitzend, mit Christopher Bender oben an der Orgel, mit Gruppen von Chorsängerinnen und -sängern auf der Empore. Mit Musik, mit Psalmen, Lobgesängen und Liedern.
Am eigenen Leib konnten wir erleben, was passiert, wenn die Lieder fehlen. Der Lobpreis Gottes, der gesungen anders klingt als gesprochen. Die Lieder, in denen wir von unserem Glauben und unserer Hoffnung in Worten singen, die wir von uns aus nicht so sagen oder dichten würden. In geliehener Sprache und geschenkten Melodien, für die wir nicht immer selbst zu hundert Prozent geradestehen müssen. Durch die wir in den Glaubensmantel der Generationen vor uns schlüpfen – mal verwundert, mal lächelnd, mal beseelt.
Ohne Musik wurden die Gottesdienste trocken und still, so habe ich es erlebt. Schwer, sich miteinander und auch mit dem Kirchraum zu verbinden. Schwer, aus unserem Kopf, den immer gleichen Gedanken und Gefühlen wirklich herauszukommen und in andere Worte, Klänge und Empfindungen einzustimmen. Unseren inneren Raum zu weiten hin zu den anderen Menschen, hin zu dem gekreuzigten und auferstandenen Christus hier vorne, hin zu Gott.
Die Musikstücke, die Lieder – gewöhnlich helfen sie uns, unseren inneren Raum zu öffnen oder zu weiten, so empfinde ich es.
In den Psalmen wird vor Gott von jeher zur Sprache gebracht, was wir fühlen, was uns beschäftigt. Mitunter starke Emotionen wie Glück und Dankbarkeit:
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin. (Ps 139, 14)
Oder Vertrauen:
Befiehl dem HERRN deine Wege … (Ps 37, 5),
Der HERR ist mein Hirte. (Ps 23, 1)
Oder Angst und Bedrängnis:
Wende dich zu mir; denn ich bin einsam und elend. (Ps 25, 16)
Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser,
so schreit meine Seele, Gott, zu dir. (Ps 42, 2)
Die Psalmen fassen in Worte, was uns Nacht und Tag umtreiben kann, worin wir wie gefangen sein können. Ausgesprochen, gesungen verlieren manche Gefühle oder Gedanken schon ihre bedrohliche Kraft. Das kennen wir auch aus vertrauensvollen Gesprächen mit Freunden oder aus einer Gesprächstherapie. Was ich aussprechen kann, muss ich nicht immerzu denken. Was ich denken kann, muss ich nicht tun; muss meinen Ärger, meine Eifersucht, meine Enttäuschung nicht in Taten umsetzen. Laut ausgesprochen verlieren sie schon etwas von ihrer Macht.
Im Singen und Beten, in Klage, Dank und Lob adressieren wir im Gottesdienst unsere Gefühle und Gedanken an Gott. Nehmen Beziehung zu Gott auf, rufen den oder die herbei, von der wir glauben, dass sie immer da sei.
Bloß Gott ist eben nicht immer so fraglos, so einfach da wie ein Baum oder ein Stuhl. Auch wenn Gott so ähnlich sein kann wie ein Fels, ein Hirte, eine Quelle …
„Einen Gott, den ‚es gibt‘, gibt es nicht“, hat Dietrich Bonhoeffer einmal zugespitzt gesagt. [vgl. Bonhoeffers Habilitationsschrift von 1931: Akt und Sein. Transzendentalphilosophie und Ontologie in der systematischen Theologie, München 1956, S. 94] Gott „ist im Personbezug“, sagt er. Er ist nicht dieses oder jenes, statisch und festgeschrieben. Gott kann man nur glauben oder herbeisingen; mit Gott können wir in Beziehung treten; Gott ereignet sich.
Und das geschieht oft leichter im Singen als im Sprechen. Leichter in der Stille als im Lärm.
Immer geht es um den Raum, den wir unserer Gottesbeziehung eröffnen – ohne genau zu wissen, wie Gott ihn füllen mag, wie Gott sich für uns ereignen mag.
Die Psalmen, die Lieder, das Singen – sie helfen, in Beziehung zu Gott zu treten: die Tür aufzumachen, uns zunächst einmal Luft zu verschaffen, innerlich aufzuräumen, den Boden, den Weg zu bereiten … Einen Raum öffnen, in dem wir Gott vielleicht erleben können. Einen Raum innerer Freiheit, aus dem wir äußere Kraft schöpfen können, wie wir es in diesen Zeiten so nötig haben.
Ich muss dabei an ein Foto aus den 90er Jahren denken, aus dem Bosnienkrieg: Ein Mann sitzt zwischen Mauern und Trümmern auf einem Stuhl und spielt Cello. Vedran Smailović, der als der „Cellist von Sarajevo“ bekannt wurde, spielte 1992 auf offener Straße 22 Tage lang zu Ehren von 22 Zivilisten, die durch einen Mörsereinschlag ums Leben kamen, als sie vor einer Bäckerei auf Brot warteten.
Ein Mann, der Cello spielt – das Adagio in g-moll von Albinoni – während der fast dreijährigen Belagerung von Sarajevo, inmitten von Handgranaten und Heckenschützen. Musik und Kultur als ein Contrapunkt zu den Verwüstungen des Krieges. Freundschaft, Verbundenheit, Respekt vor den Toten und denen, die um sie trauern, als ein Gegenraum zu Feindschaft und Gewalt. Ein Gegenklang zum dröhnenden Krieg. Ein Raum, ein Moment, in dem etwas ganz anderes erfahrbar werden konnte.
Immer wieder brauchen auch wir, braucht unsere Seele solche Räume, solche Momente: in dem ein anderer Geist lebendig werden und Gott sich ereignen kann.
Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder. (Ps 98, 1)
Damit wir Worte finden für das, worauf wir hoffen. Damit wir die Hoffnung, das Staunen und die Freude nicht verlernen. Und Gott Raum geben für seine Wunder in dieser Welt und in unserem Leben. Amen.