Vier Freunde
11. Oktober 2026
Predigttext: Markus 2, 1–12 (gekürzt)
Und nach einigen Tagen ging Jesus wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. 2 Und es versammelten sich viele Menschen, sodass sie nicht genug Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür. Und er sagte ihnen Gottes Wort. 3 Da kamen einige, die brachten zu ihm einen Gelähmten, von vieren getragen. 4 Und weil sie ihn wegen der Menge der Menschen nicht zu ihm bringen konnten, deckten sie das Dach auf, wo er war, und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. 5 Als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Kind, deine Sünden sind dir vergeben. 11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! 12 Und der stand auf und nahm sein Bett und ging hinaus vor aller Augen, sodass die Menschen sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen! Amen.
Predigt
Gnade sei mit euch und Friede von Gott!
Und nach einigen Tagen ging Jesus wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war.
So wie die Geschichte beginnt, fangen viele Geschichten in den Evangelien an. Geschichten von Jesus, aufgeschrieben ein oder zwei Generationen nach seinem Tod. Besondere Ereignisse oder besonders prägnante Worte, Sätze von Jesus, die seine Jüngerinnen und Jünger früh angefangen haben zu sammeln. Später wurden daraus Lebensgeschichten von Jesus.
Letzte Woche haben wir im Konfirmandenunterricht angefangen, uns mit der Bibel zu beschäftigen: wann und wo sie entstanden ist, aus welchen Büchern sie besteht, wo man in der Bibel etwas findet … Die erste Geschichte, die wir zusammen gelesen haben, ist die vom Gelähmten und seinen vier Freunden. Ihr werdet noch mehr Geschichten kennenlernen.
Und zu eurer Konfirmation werdet ihr euch einen Spruch, einen Vers aus der Bibel aussuchen, der so etwas wie ein Lebensmotto für euch sein soll. Ein Wort Gottes, das euch in besonderer Weise anspricht. In dem ihr Gott versteht oder erkennt – und euch selbst von Gott verstanden wisst. Ein Wort, das sich mit eurer Lebensgeschichte verbunden hat oder erst noch verbinden soll – und niemand weiß, wann und wie Gottes Wort für euch zum Tragen kommen und wichtig sein wird.
Gottes Wort, das wir in unserem Leben oft sehr unterschiedlich hören – mal näher, mal ferner, mal rätselhaft, mal klar und hilfreich.
Jesus sagte ihnen – der Menge in Kapernaum – Gottes Wort. Da kamen einige, die brachten zu ihm einen Gelähmten, von vieren getragen.
Diese prägnante Szene der Geschichte haben wir eben gesehen und gehört: Pina als Erzählerin, die vier Freunde, die eine Kranke tragen und für sie den Weg frei machen, Lona als Jesus, der allein durch sein Wort heilen kann – ohne viel Hokuspokus, Frida als Gelähmte, die plötzlich aufstehen kann, und Elisa als Echo der Menschenmenge.
Als wir Freitagabend in unseren drei Gruppen diese Szene gespielt haben – vier Leute tragen eine Person in einer Wolldecke – da wollte sich zuerst fast niemand tragen lassen. Die allermeisten wollten lieber tragen. Wollten lieber auf eigenen Füßen stehen, lieber selbst anpacken, lieber den Überblick und die Kontrolle haben, als einfach nur liegen. Darauf vertrauen müssen, dass die anderen mich nicht plötzlich fallen oder irgendwo liegenlassen, dass sie ihre Absprachen nicht über meinen Kopf hinweg ohne mich machen oder mich ausschließen – das war viel schwerer. Unangenehmer und riskanter.
Vertrauen ist ein Risiko. Glauben ist nicht Wissen. Keine Sicherheit im landläufigen Sinn. Glauben ist wie Vertrauen ein Wagnis. Unsichtbar, fluide, luftig.
Mich anderen Menschen, einer Gruppe oder Gott anzuvertrauen, bedeutet so etwas wie einen Sprung zu machen – so stelle ich es mir vor – von einem Ufer zum anderen. Etwas loslassen, was mir sonst im Leben Sicherheit gibt – oder jedenfalls ein Gefühl von Sicherheit. Meine Kraft, mein Intellekt, meine Beziehungen, mein Geld …
Und stattdessen auf die Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft oder Liebe von anderen Menschen und von Gott vertrauen. Dass sie mich nicht fallenlassen oder abhängen, sondern mich auffangen. Bei mir bleiben, mich mögen und unterstützen, auch wenn ich nicht schön, stark und selbstständig bin.
Das ist eine Frage, ein Wagnis, ein Thema nicht nur von euch Jugendlichen, sondern mindestens genauso von uns erwachsenen und älteren Menschen: Was hält mich? Wer hält zu mir? Gibt mir der Glaube Halt, wenn ich in einer Krise bin und Hilfe brauche?
Jesus reagiert – so erzählt es die Geschichte – auf den Glauben; er antwortet darauf. Aber er reagiert nicht auf den Glauben der gelähmten, kranken Person, sondern auf den Glauben der vier Freunde:
Als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Kind, deine Sünden sind dir vergeben. Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!
Das Wunder, die plötzliche Heilung geschieht, so könnte man sagen, als gemeinschaftliche Aktion zwischen denen, die einem anderen Menschen in Not helfen, und dem, der alle seine Geschöpfe liebt. Vier glauben an Gott, tragen das Leid eines Menschen mit, hoffen auf Heilung – und einer, Jesus als Gottes Sohn, verbindet sich mit ihrer Hoffnung, mit ihrer Nächstenliebe und innerer Kraft.
Wunder passieren wohl am ehesten so, dass es ein Zusammenspiel gibt zwischen Hoffen und Handeln, Beten und Antworten, so etwas wie einen gemeinsamen Energiefluss zwischen Gott und den Menschen.
Wenn man sich gemeinsam und mit Gottes Hilfe etwas traut zu tun, wovor man eigentlich Angst hatte, was man für unmöglich oder unüberwindbar hielt: zum Beispiel völlig Fremde um Hilfe oder Rat bitten; im Klettergarten gemeinsam die Höhenangst überwinden; eine bestimmte Aktion starten … Wenn durch Gottes Liebe und menschliches Vertrauen etwas Neues möglich wird, wir aus Lähmung und Enge herauskommen und freier, weitherziger und beweglicher werden.
Jesus spricht: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!
Viele von euch Konfirmandinnen und Konfirmanden haben gesagt, dass sie in der biblischen Geschichte am liebsten der Gelähmte wären. Zwar wolltet ihr nicht getragen werden und abhängig von anderen sein, aber den Moment der Heilung würden viele von euch sehr gerne erleben, Gottes Wunder am eigenen Leib erfahren – die Freude, die Überraschung, die Befreiung!
Wunder, auf die wohl jede und jeder von uns hofft: dass sich das Blatt wendet, ein Knoten in angespannten Beziehungen platzt, ein anderer Ton zwischen uns einzieht, ein neuer Anfang möglich wird … Dass wir selbst verwandelt werden, aufstehen und gute Wege gehen können. Nach Hause – wo auch immer das für uns im Wesentlichen ist.
Eins macht diese Wundergeschichte jedoch ganz klar: Der oder die Gelähmte, die frei, glücklich und gesund wird, hat sich zuvor von den anderen tragen lassen. Hat Vertrauen gewagt in die Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Mitmenschlichkeit der anderen. Hat geglaubt an Nächstenliebe und Gottvertrauen, die uns tragen und frei machen.
Und so wünschen wir – Paul, Tobias, Jan und ich, und ich glaube, wir alle als Gemeinde – euch für die Konfirmandenzeit vor allem dies: Vertrauen auszuprobieren und Glauben zu wagen. Manchmal die üblichen Sicherheiten wie das Handy, den Spielplan, die Zurückhaltung und Kontrolle loszulassen – und den Sprung zu wagen. Euch von anderen tragen zu lassen. Euch anzuvertrauen. Auf Gott zu vertrauen.
Glauben ist ein Wagnis. Aber die meisten von uns hier würden aufgrund ihrer Erfahrungen sagen: Der Glaube, das Vertrauen trägt. Amen.