Ein Herz und eine Seele
Gottesdienst zum 1, Sonntag nach Trinitatis
Biblischer Text:
Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte 35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.
Predigt:
Liebe Gemeinde,
hier unter mir an dieser Kanzel sehen Sie vier Männer ins Holz geschnitzt. Es sind die vier Evangelisten, die die Geschichten von Jesus aufgeschrieben haben: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Nur einer von Ihnen, Lukas, hat eine Fortsetzungsgeschichte daraus gemacht. Auf Band 1 – das Leben Jesu – folgt Band 2: die Apostelgeschichte: die Erzählung also von dem, was auf Jesus folgt, oder besser von denen, die auf Jesus folgen. Und sein 2. Werk beginnt mit einem ziemlichen Paukenschlag: Begeisterung pur am Pfingstfest, eine fulminante Predigt von Petrus, Tausende lassen sich taufen und diese ersten Christ:innen leben in einer perfekten Gemeinschaft, sie sind ein Herz und eine Seele, so haben wir gerade gehört. Es klingt wie ein Werbeclip für die christliche Gemeinschaft: Harmonie pur, kein Streit, kein Neid, im Gegenteil: der gemeinsame Glaube drückt sich nicht nur in Worten aus, sondern in Taten, genauer in ganz konkreter Großzügigkeit: Keiner klebt an seinem Besitz, Bedürftige werden von denen versorgt, die die Mittel dazu haben. Armut gibt es folglich nicht mehr. Und dieser authentisch gelebte Glauben hat eine enorme Ausstrahlungskraft in die Umwelt hinein.
Das ist zu schön, um wahr zu sein! Und so wurde der Realitätsgehalt dieser Beschreibung schon immer in Frage gestellt. Manche meinen: Doch – in der anfänglichen pfingstlichen Begeisterung hätte es urchristliche Gütergemeinschaft gegeben. Als Liebeskommunismus hat man das manchmal bezeichnet. Andere sagen: Ein quasi konfliktfreies Gemeindeleben – das ist eine idealisierte Beschreibung, eine Vision.
Ein Faktencheck, wie es wirklich war, ist von heute aus schwierig. Aber wenn wir ein bisschen weiterlesen bei Lukas, verändert sich das Bild schon:
Eben haben wir noch von Josef gehört, der so freimütig seinen Acker verkauft und das Geld den Aposteln zu Füßen legt. Im nächsten Kapitel folgt das Negativbeispiel. Ein Ehepaar, Hananias und Saphira, macht es genauso. Sie verkaufen ihren Acker. Aber ganz so großzügig sind sie eben doch nicht und behalten heimlich einen Teil des Geldes für sich. Petrus durchschaut sie, spricht sie darauf an und beide fallen auf der Stelle tot um. Ob aus Schreck oder Scham oder ob man das als göttliches Urteil verstehen muss, das bleibt offen. Ein grausiges Ende jedenfalls. Die Geschichte zeigt, dass nicht jeder und jede für diesen frühchristlicher Sozialismus geschaffen war. Und auch nicht jeder dafür geschaffen sein musste, denn Petrus sagt im Gespräch mit Hananias: Du hättest den Acker behalten können, du hättest ihn auch verkauften und einen Teil des Erlöses für dich und deine Frau zur Seite legen können. Was Petrus den beiden vorwirft, ist, dass sie die Gemeinschaft belogen haben. Noch wichtiger als Großzügigkeit ist Ehrlichkeit, ist gegenseitiges Vertrauen als Basis.
Diese Erzählung macht deutlich, welche Debatten und Schwierigkeiten es auch damals gab. Und blättert man bei Lukas noch ein bisschen weiter, erfährt man, dass die Gemeinde, als sie wächst, Armenpfleger einsetzen musste. Es scheint also doch Armut gegeben zu haben. Das klingt ganz anders als diese erste etwas idyllisch anmutende Beschreibung.
Warum also war es Lukas wichtig, dieses Heile-Welt-Bild zu überliefern? Und wie hören wir das heute?
Vielleicht ja mit ganz sehnsuchtsvollen Ohren: Ein Herz und eine Seele. Und wenn alle zusammenlegen, haben alle genug. Eine gerechte Welt im Kleinen. Ein Laborsystem in dem das klappt, wovon wir im Großen nur träumen können und weit entfernt sind. Wie ungleich das Vermögen auf dieser Welt verteilt ist, das wissen wir alle. Nicht nur auf der Welt: In Deutschland besitzen 1% der Reichsten so viel wie ungefähr ein Drittel der ganzen Bevölkerung. Was das mit einer Gesellschaft macht, wissen wir auch. Geteilter Reichtum ist auch eine Sehnsuchtsvision.
Vielleicht stößt uns das Bild dieser alles teilenden Urgemeinde aber auch auf. Es stellt ja unsere Realität als Gemeinde, als landeskirchliche Institution in Frage. Vielleicht lässt es sogar unseren persönlichen Glauben, bzw. die Art, wie wir ihn leben, in schlechtem Licht erscheinen. Selbst wenn wir großzügig spenden – wer von uns verkauft schon seinen Acker? Müssen wir uns jetzt als schlechte Christen und Christinnen fühlen? Wenn man den Text mit dem Appell-Ohr hört, dann wird er zu einer ganz schönen Zumutung.
Es gibt Menschen, die sich dieser Zumutung stellen. Auch heute leben Menschen in Ordensgemeinschaften oder christlichen Kommunitäten in Gütergemeinschaft. Sie fällen bewusst die Entscheidung, auf persönlichen materiellen Besitz zu verzichten. Hier in Hamburg gibt es die diakonische Basisgemeinschaft Brot & Rosen. Sie betreiben ein Haus der Gastfreundschaft, in dem sie mit Migrant:innen zusammenwohnen. Und sie leben alle davon, dass die, die arbeiten und Geld verdienen, ihr Einkommen für alle zusammenlegen. Daneben finanzieren sie sich auch durch unsere Solidarität – also durch Spenden und Kollekten. Ja, das hat Strahlkraft. Ich zumindest finde das sehr authentisch und überzeugend.
Aber ich sage ganz ehrlich: Meins wäre es nicht. Es ist schon eine gewaltige Entscheidung, auf den Unterschied von meins und deins zu verzichten. Auch darauf zu verzichten, Nähe und Distanz zu anderen selbst zu bestimmen. Wer will schon immer ein-Herz-und-eine-Seele sein mit seiner Kirchenbanknachbarin?
Für die meisten Menschen, auch für die meisten Christ:innen, ist das nicht lebbar. Es funktioniert sicher auch nur in kleinen Gemeinschaften und nicht in Einheiten mit Tausenden von Mitgliedern. Da sollte man – so wie Petrus es einfordert – auch ehrlich mit sich und anderen sein. Und doch bietet uns Lukas mit seinem Idealbild wertvolle Gedankenanstöße.
Zwei Fragen möchte ich hervorheben:
Zum einen: Wie ist das mit dem Geben und Nehmen? Wie gehen wir – ganz persönlich – mit dem um, was wir besitzen? Wie gerne teilen wir und mit wem? Nur mit denen, die uns nahe sind, oder vielleicht geben wir viel lieber anonym für Menschen weit weg?
Damals wurde das Geld – Zitat – „den Aposteln zu Füßen gelegt und man gab einem jeden, was er nötig hatte.“ Diese Unmittelbarkeit ist heute verloren gegangen. Die Bedürftigen sind weiter weg, die Spendenzwecke sind vielfältiger. Die Frage „Kommt das wirklich das an?“, ist berechtigt. In unserer Gemeinde gab es lange eine Lebensmittelausgabe für Bedürftige – und dafür wurde immer gerne gespendet. Das war so schön konkret. Aber in unseren Stadtteil kommen kaum Bedürftige. Der Mangel hier macht sich nicht am Hunger fest.
Hunger oder andere handfeste Bedürftigkeit gibt es natürlich weiterhin: Wir unterstützen mit Spenden und Kollekten Projekte im Ausland oder auch in anderen Hamburger Stadtteilen. Da sieht es schon ganz anders aus.
Und dieses Prinzip: „geben, was jede Gemeinde nötig hat“ verwirklicht sich für mich weiterhin auch durch die Kirchensteuer. In unserem Stadtteil, in dem viele Menschen höhere Einkommen haben, als z.B. in Jenfeld oder Mümmelmannsberg, wird natürlich absolut gerechnet viel mehr Kirchensteuer eingezogen als dort – aber es wird gleichmäßig auf alle Gemeinden verteilt, eine Pro-Kopf-Zuweisung. Ausgleichende Gerechtigkeit.
Ich kann jeden verstehen, der sagt: Ich will keine Kirchensteuer zahlen. Ich will, dass MEINE Gemeinde das Geld bekommt. Ich bin dankbar für deren Spenden. Und ich freue mich auch über alle, die dem Solidaritätsprinzip der Kirchensteuer treu bleiben.
Ja, es gibt sie glücklicherweise weiterhin viele großzügige Christinnen und Christen, auch hier unter uns. Die Kirche lebt davon, die Gesellschaft lebt davon: Sonst gäbe es viele diakonische oder caritative Einrichtungen nicht: die Lebensmittelausgaben und Schuldnerberatungen, Seniorentreffs und Erziehungsberatungsstellen, Angebote für Menschen mit Behinderung, Hospize, Trauerbegleitung usw. Sie alle wirken mit Ihren Kirchensteuern, Kollekten oder Spenden daran mit. Hier sitzen viele Josefs, es muss nicht gleich der ganze Acker sein.
„Man gab einem jeden, was er nötig hatte“, heißt es. Das muss sich auch nicht unbedingt am Geld festmachen. Mangel, so habe ich vorhin schon gesagt, kennt auch andere Formen. Einsamkeit ist hier in der Stadt eine weit verbreitete Variante. Wenn wir den Blick da weiten, dann finden wir uns vielleicht auch auf beiden Seiten wieder: auf der Seite der Gebenden und der Nehmenden. Auf die eine oder andere Art sind wir alle bedürftig.
Wie schwer fällt es uns, einen Mangel zu benennen, wie beschämend erleben wir das oder gelingt in der Gemeinde Geben und Nehmen auf Augenhöhe?
Und damit sind wir bei der zweiten Frage, die ich aufgreifen möchte:
Was macht die christliche Gemeinschaft aus?
Es ist sicher kein Zufall, dass der Ausdruck, den Lukas vor fast 2000 Jahre gewählt hat, sprichwörtlich geworden ist. „Ein Herz und eine Seele sein“. Das spricht von großer Nähe, die Vernunft, Verstand und Gefühl mit einbezieht. Sich anderen Menschen so nahe zu fühlen, das ist ein wunderbares, seltenes Gefühl. Grundlage dafür ist bei Paulus der Glaube. Was Verbindung schafft, ist nicht Sympathie, gleiche Meinung, Lebenshaltung oder soziales Milieu, sondern die „Menge der Gläubigen“ waren ein Herz und eine Seele. Dadurch entsteht eine Gemeinschaft, in der das Teilen keine moralinsaure Aufforderung zum Opfer und Verzicht ist, sondern eine beglückende Erfahrung.
Ich kenne solche beglückenden Momente, wenn ich mich anderen Gläubigen sehr nahe fühle. Dann z.B. wenn ein Gespräch über Lebensfragen, auch über Scheitern und Verletzungen möglich ist, weil es gemeinsam im Licht der göttlichen Gnade wahrgenommen wird. Oder wenn – wie Anfang Mai– ein Kollege aus der Church of England in unserer Gemeinde zu Gast ist und wir eine tiefe Verbundenheit spüren, und das obwohl wir uns nie zuvor gesehen und sehr unterschiedliche Frömmigkeitsstile habe. Ja, da ahne ich, was Lukas beschrieben hat.
Und gleichzeitig ist es auch kein Zufall, dass der Ausdruck „ein Herz und eine Seele sein“ oft ironisch verwendet wird oder zumindest zwiespältig daherkommt. Dann klingt an, dass ein solches Gleichschwingen der Seelen oft nur eine Momentaufnahme ist. Und ja, die christliche Gemeinschaft ist oft nicht ein Herz und eine Seele. Man verkämpft sich über theologische Fragen oder verschiedene Auffassungen davon, wie Kirche zukunftsfähig gemacht werden sollte. Christliche Gemeinschaft zu leben, gerade wenn man nicht ein Herz und eine Seele ist, ist die Herausforderung. Und das gelingt zum Glück immer wieder.
Man mag diese Zeilen von Lukas, die die Urgemeinde in so rosiges Licht rücken, als Idealbild abtun, das keinem Faktencheck standhält, man mag sie als Überforderung ablehnen. Ich mag sie trotzdem. Sie halten in mir die Sehnsucht wach, nach einer gerechten Welt, in der wir in Gemeinschaft füreinander einstehen. Ein Stück Reich Gottes. Das steht noch aus, aber es liegt an uns, schon so viel wie möglich davon im Hier und Jetzt zu verwirklichen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.