Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Feuer und Flamme

Feuer und Flamme

Predigt an Pfingsten
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 24. Mai

Predigt zu Apostelgeschichte 2, 1–18

Biblischer Text:

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinan­der an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zun­gen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Mutter­sprache? Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. (Apostelgeschichte 2, 1–18)

Predigt:

Liebe Gemeinde,

Was begeistert Sie? Wofür sind Sie Feuer und Flamme? Eine Woche lang war diese Frage vorne im Vorraum unserer Kirche auf der Stellwand zu lesen – mit der Bitte, die persönlichen Be­geisterungserfahrungen auf den kleinen Feuerzungen schrift­lich zu hinterlassen. Die Resonanz war ehrlich gesagt eher zögerlich. Vielleicht ist es gar nicht so einfach, sich für etwas zu begeistern oder das zu benennen. Bei meiner privaten, mündlichen Umfrage diesbezüglich wurde relativ oft irgendwas mit Musik genannt – Miteinander singen, das begeistert, ein bestimmter Gospelchor, das Abendlied des Enkelkindes, das gerührt hat, oder draußen an der Pinnwand findet sich z.B ein Grönemeyerkonzert.

Es gibt viele Geschichten, die von der Begeisterung durch Musik erzählen. Eine der rührendsten ist im französischen Kino verfilmt worden. Die 16-jährige Paula Bélier meldet sich für den Schul­chor an, eigentlich nur, weil dort ihr Schwarm mitsingt. Aber bald begeistert sie die Musik mehr als der Mitschüler. Und sie wiederrum begeistert mit ihrer Stimme den Musik­lehrer so sehr, dass der sie fördert und ermutigt, sich für ein Gesangs­studium in Paris zu bewerben. Gar nicht begeistert von diesen Plänen sind dafür ihre Eltern. Sie sind nämlich gehörlos. Sie kennen Paulas Stimme nicht und brauchen ihre Tochter als Übersetzerin im Kontakt mit der hörenden Umwelt. „Verstehen Sie die Béliers?“ heißt der Film in der deutschen Übersetzung – und der Titel trifft das Thema, denn im Endeffekt geht es um Ver­stän­digung und um Verstehen über Sprachbarrieren hinweg – so wie in der Pfingst­geschichte auch.

Als Paula dann tatsächlich für die Aufnahmeprüfung vorsingt, sitzen ihre Eltern im Publikum. Sie können ihre Tochter nicht singen hören, aber sie spüren die Kraft ihrer Begabung. Obwohl Paulas Lied für sie nur aus Gebärden und Lippenbewegungen besteht, springt der Funke über und am Ende applaudieren sie begeistert. Und ich zumindest habe beseelt das Kino verlassen.

Begei­ste­rung ist schwer zu erzählen. Die Pfingstge­schichte versucht es, versucht es auf unterschiedlichen Ebenen: Da gibt es etwas zu hören – ein Rauschen und Brausen – und auch etwas zu sehen – Feuerflammen, die über den Begeisterten schwe­ben. Die Wirkung ist wie ein Rausch, aber sie verrauscht nicht ein­fach, sondern sie führt ganz konkret zu Ver­ständigung, zur Verständigung derer, die sich eigentlich gar nicht verstehen können.

Die Apostel­geschichte beschreibt ja in einer Zungenbrecher-Aufzählung wie sich an Schawuot, einem Wallfahrtsfest die ganze Vielfalt der damals bekannten Welt in Jerusalem trifft. Da draußen auf den Straßen herrscht bunter, lauter Trubel, da treffen unter­schiedliche Sprachen und Kulturen aufeinander mit all den Schwierigkeiten, die das mit sich bringt. Fremdes, wer weiß: Bedrohliches, Gefährliches kommt da in die Stadt – es stellt die Werte und Wünsche der Einheimischen in Frage.

Abgeschottet von dem Trubel draußen – sitzen die Jünger im Obergemach. Sie sind unter sich, unter Gleichgesinnten. Türen dicht. Sie feiern nicht mit. Sie sind mit sich beschäftigt, mit dem, was sie erlebt haben, mit dem Abschied von Jesus, mit der Unsicherheit, was die Zukunft bringen mag.

Und dann geschieht das Wunder: Die Jünger werden aus ihrer Lethargie und Angst heraus in das bunte Treiben draußen geweht. Es sprudelt aus Petrus heraus wie im Rausch und der Funke springt über. Menschen verstehen sich – und zwar trotz ihrer Unterschiedlichkeit. Die Parther und Meder und Elamiter und wie sie alle heißen sprechen nicht plötzlich alle hebräisch. Der Geist macht nicht die Unterschiede platt. Die Menschen bleiben alle, wer sie sind in ihrer Ver­schieden­heit. Es geht eben nicht um Uniformität, sondern um echte Verständigung.

Wir brauchen solche Geschichten von Petrus und Paula, biblische Erzählungen und moderne Varianten davon. Sie sprechen ein tiefes men­schliches Be­dürfnis an, nämlich zu verstehen und verstanden zu werden. Es sind Gegenentwürfe zu dem, was wir so oft sehen und erleben, nämlich dass Verständigung in Fragen gestellt wird, an Grenzen kommt, scheitert. Es scheint soo schwierig, sich auf Schritte aufeinander zu überhaupt zu ver­ständigen. Nicht nur zwischen Feinden, zwischen Kriegsparteien, sondern auch zwischen Partnern, zwischen Bündnispartnern, Koalitions­partnern, man­chmal auch zwischen Ehepartnern, zwischen Sitznach­barinnen im Klassenzimmer oder in der S-Bahn.

Wir hören diesen biblischen Text ja in einer politischen und gesellschaftlichen Stimmungslage, in der Differenzen und Verschiedenheiten eher betont werden, in der die kleine Einheit von Gleichgesinnten, „die Bubble“, an Bedeutung gewinnt, in der das eigene Interesse, die eigene Meinung vielfach absolut gesetzt, Verschiedenheit skandalisiert und wenn möglich unterdrückt wird.

Sich gegenseitig zu verstehen, gerade wenn man unter­schiedlich denkt, handelt, glaubt, das geschieht nicht auto­matisch. Daran müssen wir arbeiten, dafür müssen wir kämpfen, das ist mit Anstrengung verbunden, mit genauem Hinhören, mit der Bereitschaft, das, was man selbst unbedingt mitteilen will, erstmal zurückzustellen. Verständigung braucht die Fähigkeit, den eigenen Standpunkt zu bestimmten – und die Bereitschaft ihn zu verlassen oder zumindest zu verschieben. Das ist emotional sehr anstrengend. Ja, da braucht es einen guten Geist. Und es ist beglückend, wenn es dann gelingt, ein heiliger Moment. Das kann wie ein Rausch sein.

Das ist doch naiv! – höre ich die Gegenstimmen sagen. Und diese Stimmen entwickeln ihre eigenen Geschichten, die das Gegenteil bewirken wollen und bewirken: Sie schildern Unter­schiede als gefährlich, kreieren Spannung, provozieren Spaltung. Solche Narrative sind oft viel einleuchtender, ein­facher gestrickt, sie haben leichtes Spiel. Wie will man sich mit einem Putin verständigen, wie will man Brückenschlagen zwischen der Hamaz und israelischen Siedlern hinkriegen? Naiv! Ja, da kann man leicht spotten und die Spötter gab es schon damals in Jerusalem. „Die sind doch besoffen“ – haben sie den Jüngern vorgeworfen. Lächerlich machen ist immer wirkungsvoll.

Aber heute möchte ich dagegenhalten – zusammen mit Sacharja:

Es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr Zebaoth.

Die Pfingstgeschichte versichert uns, dass wir nicht allein aus eigener Kraft Verständigung bewirken und Brücken schlagen müssen, sondern dass Gott seinen Geist dazu gibt.

Manchmal sind die Gegenstimmen aber auch in uns selbst. Es sitzt sich ja ganz gut da im Obergemach. Warum sollen wir uns denn draußen ins Getümmel schmeißen? Könnte ja gefährlich werden. Wie die Jünger da in Jerusalem so verängstigt zusam­mensitzen, erinnern sie mich ein bisschen an manche unserer kirchlichen Strukturen. Und ich frage mich, ob wir nicht manch­mal auch zu einge­mauert beieinandersitzen, verängstigt von dem, was da draußen an Entwicklung um uns herumbraust und uns in Frage stellt in unserer Existenz als Kirche und Gemeinde. Wir merken ja, wie das Gemach immer kleiner wird. Das das beunruhigt, ist nur zu verständlich. Und wir mühen uns auf unterschiedlichen Ebenen, Antworten zu finden, Konzepte zu entwickeln, Reformen auf den Weg zu bringen.

Pfingsten, das oft als Geburtstag der Kirche definiert wird, erinnert uns Christ:innen daran, worin unsere eigentliche Stärke liegt – nämlich darin, dass wir Türen öffnen, uns bewegen und verändern, uns zusammentun, Unterschiede akzeptieren und Brücken schlagen. Unsere Stärke liegt nicht – zumindest nicht nur, in unsere klugen Strategien, wie wir unsere Obergemächer restaurieren – sondern sie liegt glück­licherweise im Geist Gottes, der manches auch heilvoll aufwirbelt.

Und deswegen ermutigt es uns, wenn wir an Pfingsten und auch sonst unsere Begeisterungs­ge­schichten miteinander teilen: Geschich­ten von dem, was uns beseelt, bewegt und verändert. Von spiritu­ellen Erlebnissen, erfüllenden Begeg­nungen, von gelungener Verständigung und gelebter Gemeinschaft.

Wir brauchen diese Gegenerzählungen und wir haben sie. Draußen an der Stellwand hängt in einzelnen Stichworten festgepinnt das, was sich gar so gut nicht festhalten lässt und doch Spuren hinterlässt – Momente, in denen der Geist wirkt, in denen er uns aufeinander zu bewegt, ergreift, tröstet und stärkt. Momente wie Musik, die etwas in uns zum Klingen bringt und frei macht. Daran erinnern wir uns heute gegenseitig, das feiern wir und das erleben wir hoffentlich gleich, wenn wir gemeinsam zusammenstehen – in all unserer Verschiedenheit – und Brot und Wein miteinander teilen – im Vertrauen darauf, dass Gottes guter Geist bei uns ist. Amen.