Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Gott segne dich

Gott segne dich

Predigt zu Trinitatis
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Sonntag Trinitatis, 31. Mai 2026

Predigt zu 4. Mose 6, 22–27

Predigttext: 4. Mose 6, 22–27

Und der HERR redete mit Mose und sprach: 23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: 24 Der HERR segne dich und behüte dich; 25 der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 26 der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. 27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

 

Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

„Sich regen bringt Segen.“
„Viel Kinder, viel Segen …“
„An Gottes Segen ist alles gelegen.“

Wie im Deutschen, so gibt es in vielen Sprachen und Kulturen Sprichwörter dazu, was Segen bedeuten kann. Was vielleicht dabei helfen könnte, ihn herbeizuführen – im Deutschen die Überzeugung, dass „sich regen“ und arbeiten sicherlich helfen müsste! Oder die Frage, woran man Segen im Leben eines Menschen ablesen kann: vielleicht an vielen Kindern oder an Eltern, die einen lange durchs Leben begleiten. Und die Überzeugung, dass Segen etwas Unverfügbares ist. Dass Segen in Gottes Hand liegt. Und dass Segen vielleicht das ist, was wir Menschen am meisten von Gott brauchen.

Im letzten Jahr gab es hier in der Kirche in der Reihe „Stille & Segen“ drei Abende zum Thema Segen. An einem Abend ging es um die Frage: Woran erkenne ich, ob oder dass ein Mensch gesegnet ist?

Was würden Sie sagen? An wen denkt ihr? Bei welcher Person habt ihr den Eindruck: Sie oder er ist wirklich ein gesegneter Mensch? Gesegnet vielleicht mit guter Gesundheit oder mit Kindern, gesegnet mit Kreativität, Intelligenz oder Erfolg, gesegnet mit Liebe oder Zuversicht …

Bei manchen Menschen kann man den Eindruck haben, dass sie mit allem gesegnet sind, was man sich im Leben nur wünschen kann. Und bei anderen staunt man über die innere Kraft oder Haltung, die sie auch in widrigen Lebenssituationen an den Tag legen – durch ihre Gelassenheit, Dankbarkeit, Hoffnung oder Bescheidenheit.

Wenn ich ein kleines Kind taufe, dann spreche ich Gottes Segen zu im Vertrauen, dass Gott ihm Kraft für seinen Lebensweg schenken wird, besondere, individuelle Gaben und Begabungen und Gottes unverbrüchlichen Beistand. Wenn ich im Trauergespräch mit Familien oder Partnern über einen verstorbenen Menschen spreche, dann frage ich oft danach, wie Gottes Segen im Leben des Verstorbenen spürbar war – durch welche Begabungen, Fügungen oder innere Haltungen?

Nach biblischer Überlieferung, nach den Erfahrungen unserer Urväter und Urmütter im Glauben ist Gottes Segen etwas, das uns immer wieder geschenkt werden kann. Es gibt nicht ein bestimmtes Paket, das uns zur Geburt geschenkt wird, sondern Gott wendet sich uns mit seinem Segen immer wieder zu, vielleicht sogar Tag für Tag …

Unsere Urväter und -mütter haben ihre Erfahrungen mit Gottes Segen als herausgehobene Momente beschrieben: wie Abraham nachts zum Sternenhimmel aufschaut – und da weiß er sich mit Nachkommen, Heimat und Zukunft gesegnet. Wie Sarah von Gott wider alles Erwarten und Hoffen mit einem Baby gesegnet wird. Wie Jakob nach langem Ringen am Fluss sicher ist: Gott vergibt meine Schuld und geht weiter mit mir durchs Leben.

Besondere, datierbare, ortsgebundene Momente, in denen sie Gottes verwandelnde Kraft gespürt haben. Gottes liebevollen Blick, sein Verständnis und seine Ermutigung.

Aus so einer konkreten Situation stammt auch der sog. Aaronitische Segen, durch den wir Sonntag für Sonntag am Ende des Gottesdienstes Segen empfangen. Auf der langen Wüstenwanderung, als das Volk Israel vor dem Pharao und seinen Kriegern flieht, auf der Suche nach einer neuen Heimat, da redet Gott mit Mose und spricht:

Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
(4. Mose 6, 23-26)

Ein besonderer Moment der Gottesnähe für das Volk Israel in der Wüste. Aarons Söhne heben die Hände, halten sie über die Köpfe, breiten ihre Hände über die Versammelten aus. Und legen Gottes Segen auf sie. Mit alten poetischen Worten, die klingen, als kämen sie vom Himmel oder aus der Ewigkeit … Gottes Angesicht leuchtet auf über ihnen; Gott kommt ihnen ganz nah; Gott ist da. Mit seiner Kraft, seinem Schutz, seiner Gnade und seinem Frieden.

Herausgehobene, konkrete Momente – nicht geträumt oder durch Ekstase herbeigeführt, sondern ganz und gar in der Realität. In der Realität von Menschen auf der Flucht oder von einer Frau wie Sarah mit unerfülltem Kinderwunsch oder von einem Mann wie Jakob, der nach Lügen und Betrügen mit seiner Familie in endlosem Streit liegt. Segensmomente in der Nacht, in der Wüste oder an einem Fluss …

Menschen spüren und erleben Gottes Segen so: im Alltag, in ihrem Leben, auch heute. Wenn sie in einer Krise oder bei einer Trennung spüren, dass sie getragen werden. Wenn ihnen in schwerer Krankheit neue Lebensfreude zuwächst. Wenn ihnen in harten Lebenssituationen Kräfte zufließen, von denen sie nichts ahnten.

Herausgehobene Momente, in denen Gott als Gegenüber erlebt wird, als tragender Grund oder als Hoffnungshorizont meines Lebens. In denen Gottes Angesicht mich freundlich ansieht, wie eine liebevolle Mutter, wie ein zärtlicher Vater sein Kind ansieht – freudig, wohlwollend, ermutigend, verständnisvoll oder tröstend: „Ich bin da.“ Ein kurzer Blick, ein Moment der Verbundenheit.

Das drücken manche Besucher nach dem Gottesdienst oder der Mittagspause aus, wenn sie mir am Ausgang sagen: „Ich wollte mir einmal kurz den Segen abholen!“ – Der Segen am Ende des Gottesdienstes als das Ereignis oder Erlebnis, in dem viele eine starke Verbindung zu Gott spüren.

Heute, am Sonntag nach Pfingsten, feiern wir Trinitatis, das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit oder Dreieinigkeit Gottes als Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Ich finde es eine interessante Idee, dass diesem Sonntag der Text des Aaronitischen Segens zugeordnet ist. Wie eine Erinnerung daran, dass Gott uns seinen Segen auf vielfältige Weise schenkt: als Schöpfergott, der uns das Leben geschenkt hat, uns mit Licht, Luft, Wasser und Nahrung versorgt. Als Jesus Christus, dessen Segenskraft Menschen von körperlichen Gebrechen heilt oder auch von inneren Verkrümmungen. Und als Heilige Geistkraft, die uns Geistesgaben schenkt wie Hoffnung, Freundlichkeit, Mitgefühl, Mut oder Phantasie …

Etwas von diesem zumindest dreifältigen Segen, mit dem Gott uns bedenkt, soll heute im Gottesdienst erfahrbar werden, wenn Sie und ihr nachher zu einem kleinen Segensweg eingeladen seid:

Zuerst ans Taufbecken, um in einigen Wassertropfen Gottes schöpferischen Segen zu empfangen. Das Element Wasser zu spüren, aus dem Gott der Schöpfer das Leben geschaffen hat, mit dem er das Leben von Pflanzen, Tieren und Menschen erhält, uns erfrischt und beglückt.

Dann kann man sich im Altarraum mit dem Zeichen Jesu Christi segnen lassen, mit dem Kreuz. Zeichen der Zugehörigkeit zu Jesus Christus. Vergewisserung, dass er als unser Bruder und Herr an unserer Seite ist in allen Höhen und Tiefen des Lebens.

Und schließlich unter der Kanzel der Segen mit dem Heiligen Geist, durch Weihrauch. Uns einmal in Gottes Geist und Atem stellen. Uns segnen lassen mit den Gaben des Geistes, die uns anwehen, entflammen oder beleben …

Ein dreifältiger Segen, weil wir vielfältige, ganzheitliche Menschen sind mit Kopf, Herz, Bauch, Körper und Sinnen … Ein dreifältiger Segen, weil Gott seinen Segen immer wieder auf so unterschiedliche Weise offenbart, damit wir fühlen, glauben, festhalten und verstehen: Gott ist da.

So lasst euch heute von unserem Gott segnen, der sagt:

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.
(Jes 41, 10)

Amen.