Gott als Mutter
Gottesdienst am 10. Mai
Bibeltext:
Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt! 38 Siehe, »euer Haus soll euch wüst gelassen werden« 39 Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! (Matthäus 23, 37–39)
Predigt:
Herr, du bist meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. Stärke uns mit Deinem Wort, dass wir Dein Wort der Hoffnung hinaus tragen mögen in Deine Welt. Amen.
Hier in Deutschland ist heute, am zweiten Sonntag im Mai, Muttertag. Es ist ein Tag, um Dank zu sagen — denen, die uns das Geschenk des Lebens gespendet haben; denen, die uns mit ihrer Fürsorge, mit ihrer kostspieligen Hingabe und ihrem steten Zuspruch auf unserem Lebensweg begleitet, behütet und ermutigt haben. Für die meisten unter uns, sind diese lebensspendenden Unterstützerfiguren natürlich zuallererst unsere leiblichen Mütter; doch ist heute für uns auch ein Tag, Dank zu sagen denjenigen, die uns, im allerbesten Sinn dieses Wortes „bemuttert“ haben: denjenigen, die mit uns ihre Lebenserfahrung und -weisheit geteilt haben, die uns mit ihrer Liebe umgeben haben, ob sie nun Frauen, Männer, Verwandte, Freunde, lebenslange oder bloß kurzweilige Mitpilgerinnen und -pilger auf unserer Reise durch das Abenteuer Leben gewesen sind. Und so lädt uns der Muttertag, der zweite Sonntag im Mai, ein eben und gerade auch Dank zu sagen unserem dreieinigen Gott, in dessen grenzenloser Liebe wir, seine grenzenlos geliebten Kinder, allezeit unseres Lebens wandeln.
Nicht zuletzt ist heute auch für mich persönlich ein ganz besonderer Tag. Es ist ein ganz besonderer, ein ganz besonders schöner Zufall, dass ich gerade heute am Muttertag bei Ihnen an St Johannis zu Besuch sein darf. Denn es ist heute das erste Mal, dass ich im „Mutterland“meiner Kindheit predigen darf; es ist das erste Mal, dass ich in der Sprache, die mich während meiner Schulzeit und Jugend hat „zuhause“ sein lassen, über Gottes barmherzige Liebe sprechen darf; es ist das erste Mal, dass ich — wie es eines meiner Lieblingslieder aus meiner Schulzeit am lutherischen Gymnasium auf den Punkt bringt — geladen bin, den Gott zu preisen, der „das Leben kennt, der mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten”, ganz egal welche Sprache ich nun sprechen mag, ob Deutsch, ob Englisch, ganz egal, welches Land ich nun gerade mein zuhause nenne. So gebe ich heute, an diesem besonderen Muttertag, ganz besonderen Dank für meine eigene Mutter, die mir nicht nur das Leben geschenkt, mich behütet und begleitet hat, sondern mir eben auch die wunderbare Gabe meiner Muttersprache mit auf den Weg gegeben hat, die es mir erlaubt heute bei Ihnen zu sein und Teil der Partnerschaft zwischen der Church of England und der evangelisch-lutherischen Kirche in Norddeutschland zu sein, auf der Suchen nach gegenseitigem Verständnis, in dem Versuch das grenzenlose Reich Gottes sich über unsere menschlichen, politischen, nationalen Grenzen hinweg ausfalten zu lassen.
Bei aller Dankbarkeit jedoch trage ich heute, am Muttertag, gemischte Gefühle im Herzen. So denke ich heute nicht nur zurück, mit Dankbarkeit, an meine eigene Erfahrung der Liebe, der Zuneigung und Geborgenheit, sondern ich denke eben auch mit traurigem, schweren Herzen an all die Mütter unserer Welt, die den heutigen Muttertag in Angst verleben, deren Herz gebrochen ist. Ich gedenke derer, die ihr liebgewonnenes „Mutterland“ haben verlassen müssen, aus Angst vor Verfolgung, Gewalt, oder Ausgrenzung; ich denke an all die Mütter, deren Herzen tränen, weil ihre Kinder oder Familien gefangen sind in den nicht enden wollenden Zyklen der Gewalt, von denen wir tagtäglich in den Nachrichten hören; ich denke an die Mütter, denen heute wohl kaum zu feiern zumute ist, deren Körper und Seelen zermürbt, zerbrochen sind von den zahllosen Ungerechtigkeiten unserer alles andere als heilen Welt.
Mit diesen gemischten Gefühlen im Herzen wende ich mich dem Wort Gottes zu — und ich find dort, in unserer heutigen Lesung aus dem Matthäusevangelium, einem Jesus, dem das Herz ebenfalls schwer ist. Ich finde dort einen Jesus, der das Unheil dieser Welt beklagt. In den Worten Jesu hören wir die Klage Gottes über die Gebrochenheit seiner guten Schöpfung.
„Jerusalem, Jerusalem,“ klagt Jesus, „die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind“. In seinem eindringlichen Klagen reiht sich Jesus ein in die zeitgenössische Praxis der sogenannten Klageweiber. Zu seiner Zeit war die öffentliche, lautstarke Klage nicht nur prophetischen Figuren wie Jesaja, Jeremias, oder auch Johannes dem Täufer vorbehalten, sondern eben auch und vor allem Aufgabe der Frauen. Zwar hören wir in den Geschichten der Bibel fast ausschließlich männliche Stimmen, doch wissen wir — sowohl aus der Bibel als auch aus anderen zeitgeschichtlichen Quellen — von professionellen Klagefrauen, deren Aufgabe es war, der gesellschaftlichen Klage ganz öffentlich Ausdruck zu geben. Mit seinen Worten der Klage spiegelt Jesus zugleich den Aufschrei der Frauen Israels, dem wir gleich zu Beginn des Matthäus-Evangeliums, und zwar nur hier, begegnen. Seine eindringlichen Worte spiegeln den Aufschrei der Mütter, die den grausamen Mord an ihren Kindern durch den Despoten Herodes beklagen. Gott selbst, in der Person Jesu, zeigt sich uns hier als Mutter, die den Verlust ihrer Kinder beklagt: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind“. Diese mütterliche Klage des Gottessohns wird dann noch greifbarer, noch deutlicher, in der Metapher, die er im Folgenden verwendet.
„Wie oft“, hören wir Jesus klagen, „[Jerusalem], wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel“. Jesus versteht sich selbst als Mutter — als Mutter, die sich um ihre Kinder sorgt. Ganz wie er selbst, so zeigen uns seine Worte, so sind wir alle Kinder Gottes. Aus diesen Worten schöpfe ich Hoffnung und Stärke. Ja, natürlich, erkenne ich in der Klage Jesu die Gebrochenheit unserer Welt wieder: unsere Selbstgefälligkeit, unsere Abwendung von Gott, unsere Abwendung vom Gottesgebot der Liebe. Die Klage Jesu über die harten Realitäten seiner Gegenwart erinnert mich an die Ungerechtigkeiten unserer Gegenwart, und nicht zuletzt auch an den Aufschrei unserer Mutter-Erde, der wir wieder und wieder, allen wissenschaftlichen Warnungen zum Trotz, Gewalt antun.
Zugleich aber finde ich hier, in dieser Klage Trost: die Worte Jesu erinnern mich daran, dass Gott uns alle, Sie und mich, liebt wie eine Mutter. Ich erinnere mich daran, dass Gott uns nicht nur versteht, sondern uns, ganz wie eine gute, von Liebe erfüllte Mutter, begleitet: in guten, wie in schlechten Tagen. Ich erfahre von neuem, das Gott für uns, über uns, mit uns weint. Unser Gott ist ein Gott mit Herz. Aus den Liebes-Tränen Gottes schöpfe ich Hoffnung und Kraft: die Hoffnung, das Gott sich nie unserer Welt abwendet, sondern barmherzig, stets treu, jeden Tag aufs Neue zu uns kommt und bei uns bleibt, bis an der Welten Ende; die Kraft, gemeinsam, über die Grenzen unserer Kirchen, über die unzähligen Schranken unserer allzu engstirnigen, ängstlichen und hoffnungslosen Gesellschaft nach einer Welt zu streben, in der die Klage gebrochener Mütter nicht mehr zu hören ist: eine Welt des Friedens, der gegenseitigen Fürsorge und Liebe. Amen.