Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Dreieck der Liebe

Dreieck der Liebe

Predigt am Israelsonntag, 9. August
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Israelsonntag (10. So. n. Trin.), 9. August 2026

Predigt zu Markus 12, 28–34

Predigttext: Markus 12, 28–34

Und es trat zu Jesus einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? 29 Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, 30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« 31 Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« Es ist kein anderes Gebot größer als diese. 32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm; 33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. 34 Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen. 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Liebe Gemeinde!

Heute – in der Mitte der sommerlichen Trinitatiszeit – feiern wir den sog. Israelsonntag. Ein Sonntag, der dazu einlädt, das Verhältnis zu Israel, das Verhältnis zwischen Juden und Christen zu bedenken. Wie Sie, wie ihr euch vorstellen könnt, ist dies im Laufe der Kirchengeschichte auf sehr unterschiedliche Weise geschehen: als Abrechnung, als Vorwurf, als Bitte um Vergebung oder Versöhnung, als Friedensbitte für Israel …

Einer der biblischen Texte, die zum heutigen Israelsonntag gehören, ist die Passage aus dem Markus-Evangelium, in der Jesus nach dem wichtigsten Gebot, der höchsten ethischen Richtschnur gefragt wird. Woran sollen wir uns orientieren?

In dieser Geschichte – wie es manchmal in biblischen Geschichten der Fall ist – passen Form und Inhalt perfekt zusammen. Das Zusammenspiel von Gesprächssituation, -verlauf und -inhalt zeigt geradezu bildlich, worauf es im Verhältnis zwischen uns Christen und den Juden als unseren älteren Geschwistern im Glauben ankommt. Worauf es vielleicht generell zwischen Geschwistern oder Menschen ankommt. Woran wir uns im Zusammenleben orientieren können.

In der biblischen Geschichte ist die Stimmung schon vor dem geschilderten Gespräch aufgeheizt. Es wurde bereits um das Pro und Contra von Steuern für die römische Besatzungsmacht gestritten und auch um die Frage, ob es eine Auferstehung gibt und wie man sich diese vorstellen könne. Also um nichts Geringeres als Geld und Glauben …

Da stellt ein studierter jüdischer Theologe Jesus eine Frage. Aufgrund der großen Spannungen, die zwischen den Vertretern der etablierten jüdischen Religion und der neuen, ebenfalls jüdischen Jesus-Bewegung bestanden, ist anzunehmen, dass in der Frage eine Finte steckte. Dass die Frage weniger aus einem echten Interesse heraus gestellt wurde, als mehr um die neue religiöse Leitfigur Jesus herauszufordern. Zwei Gegner treten auf den Plan.

Wie man es aus den Dramen verfeindeter Geschwister kennt: Tritt A auf den Plan, muss B auf der Hut sein – und andersherum. Seien es Kain und Abel, Esau und Jakob, die Cousinen Maria Stuart und Elisabeth I., vielleicht William und Harry …

Aufgeladene, explosive und unglückliche Geschwisterbeziehungen mit langen Geschichten. Oft ist gar nicht mehr zu erklären oder zu verstehen, worin der Konflikt eigentlich besteht. Meistens sind auch die Eltern oder Verwandten beteiligt. Oft geht es um Wertschätzung, um Rollenverteilungen, um Geld, ums ideelle oder materielle Erbe …

In unserm Text fragt der vermutlich ältere, angesehene Schriftgelehrte den Jüngeren, den Neuen: „Welches ist das höchste Gebot von allen?“ Und Jesus antwortet: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer.“ (5. Mose 6, 4)

Jesus zitiert hier das „Schema Israel“, das wichtigste jüdische Gebet.

„Höre!“, so beginnt Jesus – und fordert sein Gegenüber mit den bekannten Worten der gemeinsamen jüdischen Tradition auch konkret dazu auf, vor allem zuzuhören. Jesus versucht, sich erst einmal Raum zum Reden zu verschaffen, Ruhe ins Gespräch zu bringen.

„Hör zu!“ Wie oft eskalieren Konflikte dadurch, dass wir einander nicht zuhören. Dass wir einander ins Wort fallen, schon meinen zu wissen, was die andere gleich sagen wird, keine Lust haben, uns auf den anderen einzulassen. Nicht die Geduld, den Respekt oder die Freundlichkeit für ein echtes Gespräch aufbringen. – Und andrerseits: Was kann man nicht alles gewinnen durchs Zuhören!

In Beziehungskrisen oder auch zur Beziehungspflege sind sog. Zwiegespräche oft die Rettung. Es handelt sich um eine Methode der Paartherapie. Im Zwiegespräch hat jeder Partner zweimal 15 Minuten Zeit, zu sprechen und ebenso oft zuzuhören. Das heißt, ein Paar redet nicht im Dialog, sondern eher in einem wechselseitigen Monolog. Beide sprechen nacheinander über das, was sie beschäftigt, was ihnen durch den Kopf, sie ärgert oder freut – und dürfen in ihrer Redezeit nicht vom anderen unterbrochen werden, weder kommentiert noch bewertet.

„Höre, Israel!“, sagt Jesus. „Hört zu!“ Und meint damit nicht das politische Israel, weder damals noch heute. Im Namen „Israel“ steckt die Gottesbezeichnung „El“. Der Name bezeichnet ein Volk, das sich an „El“, an Gott, bindet und an das Gott sich bindet. Zu dem Gott sagt: „Ihr sollt mein Volk und ich will euer Gott sein.“ (3. Mose 26, 12; Jer 30, 22)

Jesus spricht diejenigen an, die zu diesem symbolischen Gottesvolk gehören wollen – das sind aus unserer Perspektive Juden und in der Nachfolge von Jesus auch Christen. Jesus spricht Menschen an, die Gott suchen, dich und mich. Uns ist gesagt: „Höre!“

Im familiären oder gesellschaftlichen Kontext, auf dem politischen oder religiösen Parkett: Auch wenn ihr Lust habt zu streiten, zu provozieren, Recht zu haben … Auch wenn ihr am liebsten sofort kontern würdet … „Hört zu! Hört erst einmal zu, was die anderen zu sagen haben, was sie erlebt haben, was sie beschäftigt.“

Und dann zitiert Jesus das große jüdische Gebet: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ (5. Mose 6, 4f) Er bezieht sich im Gespräch mit dem Schriftgelehrten auf die gemeinsame Basis, stellt das Verbindende heraus, das gemeinsame Dritte: den Glauben an den einen Gott, den Schöpfer, Befreier, den Schutz und Trost seines Volkes.

So wie wir uns im Streit mit Geschwistern, Partnerinnen, Kollegen und Freundinnen oft am ehesten wieder einkriegen, wenn wir uns auf das Verbindende besinnen: auf das, was wir schon zusammen erlebt oder erreicht haben, auf Konflikte, die wir bereits bewältigt haben, auf unsere gemeinsame Herkunft oder Geschichte.

Wo treffen wir uns? Worin sind wir uns ähnlich? Gibt es eine Erfahrung oder Überzeugung, die uns verbindet? Wenn wir das Verbindende mit nahen oder auch fremden Menschen finden, ist oft viel gewonnen. Gute Beziehungen, ob als Paar, im Freundes- oder Kollegenkreis, brauchen oft ein gemeinsames Drittes.

Das Dritte schafft Raum, führt aus der Enge einer Zweierfixierung heraus, eröffnet neue Perspektiven. In der Psychologie spricht man von Triangulierung, wenn ein Kind sich von der Mutter löst und dem Vater zuwendet, ohne die Mutter aufgeben zu müssen. Dadurch findet ein Kind seinen eigenen Stand, kann sich zwischen seinen Eltern und auch zwischen verschiedenen Standpunkten frei bewegen.

So ein gemeinsames Drittes, das Menschen verbindet, ohne sie aufeinander zu fixieren, erlebe ich hier in der Gemeinde zum Bespiel im Theologischen Gesprächskreis. Wenn wir uns Woche für Woche durchaus kontrovers mit biblischen Texten beschäftigen. Wir diskutieren, reiben uns, ärgern uns manchmal oder sind voneinander genervt – aber wir sind auch tief verbunden durch unser gemeinsames Interesse am Text, unsere Bereitschaft einander zuzuhören und durch das, was wir uns voneinander schon erzählt haben.

Ich erlebe es auch, anders in der großen gemeinsamen Anstrengung, bis zum Herbst das Kita-Haus fertigzustellen und die Umbauten im Gemeindehaus abzuschließen. Ein Projekt, ein Ziel, etwas Drittes, das eine ganze Reihe von Menschen in unterschiedlichen Rollen, mit verschiedenen Fähigkeiten und Ressourcen verbindet. Uns gemeinsam beschäftigt und aneinander verweist – im Wissen, dass keiner von uns dieses Projekt alleine stemmen könnte und wir einander dazu brauchen.

Im Glauben oder für das Gottesvolk – so wie auch wir hier heute versammelt sind, so wie der Schriftgelehrte und Jesus damals aufeinandertrafen – ist dieses gemeinsame Dritte Gott. So unterschiedlich unsere Glaubensvorstellungen und -wege sein mögen … So viele Zweifel und Vorbehalte wir in uns tragen mögen … ist uns doch die Sehnsucht nach Gott, nach einer Verbindung mit Gott gemeinsam.

Im Gespräch fügt Jesus an das gemeinsame Dritte – die Erinnerung an das Gebet „Schema Israel“ – nahtlos eine zweite Erinnerung an. Er zitiert aus der Tora: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (3. Mose 19, 18)

Darin besteht das kluge ethische Dreieck der jüdisch-christlichen Tradition – und das führt Jesus in dem angespannten Gespräch mit seinem Gegenüber plastisch vor: dass unsere Liebe, unsere Kraft und unser Herz Gott gehören sollen und unseren Nächsten und uns selbst.

Gott als das geheimnisvolle gemeinsame Dritte. Gott, auf den wir hoffen und an dem wir hängen. Gott, nach dessen Segensworten und Weisungen wir suchen.

Unsere Nächsten, die uns bei unserer Suche nach Sinn an die Seite gestellt sind. Mit denen wir durchs Leben gehen. Die uns in die Quere kommen. Die wir lieben und die uns fertig machen. Mit denen wir gemeinsam „Kinder Gottes“ sind. Auch ihnen soll etwas von unserem Herzen und unserer Kraft gehören.

Und schließlich wir selbst. Uns selbst lieben – ohne in Egoismus oder Selbstzentrierung zu fallen. Uns selbst lieben und annehmen mit dem, was wir an uns nicht leiden können. Uns selbst Gutes tun und gönnen, uns freuen an unserem Körper, unserem Verstand, unserer Phantasie – unserem einmaligen geschenkten Leben.

Als Jesus so geredet hat – mit dem Verweis auf die Liebe zu Gott, unseren Nächsten und uns selbst – da sagt der ältere Schriftgelehrte: „Meister, du hast wahrhaftig recht geredet.“ (V. 32) Er lobt den Jüngeren als „Meister“ oder „Lehrer“; er erkennt Jesu Einsicht und Autorität an. Muss ihn nicht übertrumpfen mit seinen eigenen Erkenntnissen, seinem Wissen oder seinen Erfahrungen. Er muss nicht das letzte Wort haben.

Und Jesus seinerseits antwortet ihm darauf: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“ (V. 34) Mit anderen Worten: Auch du hast Einsicht in Gottes Willen und Wort. Ich vertraue dir. Wir sind gemeinsam auf dem Weg, wie Geschwister.

Von dem großen jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber durften wir die Rede vom „Du“ lernen. Das Du, das Gott im Menschen sucht und das wir Menschen in Gott und in unseren Nächsten suchen. Wie ein Dreieck, in dem wir von Gott und unseren Mitmenschen angesehen und gesegnet sind. In dem wir miteinander verbunden sind – mit unseren unterschiedlichen Perspektiven und Geschichten, mit unserem Glauben und unserer Liebe. Amen.