Marguerite Porete
Predigt am 16. Sonntag nach Trinitatis
Vorstellung Marguerite Porete
Als ich in Paris gelebt habe, bin ich natürlich immer mal wieder über den zentralen Rathausmarkt gekommen. Gut 700 Jahre früher, damals hieß der Platz noch Place Grève, wurde dort eine Frau hingerichtet, die eigentlich nicht mehr verbrochen hatte, als von ihrer Sehnsucht nach Gott schreiben, von einem innigen Lieben, in dem die Seele eine tiefe Ruhe finden kann.
Das Wenige, das wir über Marguerite Porete wissen, stammt aus den Prozessakten, die sie als Ketzerin verklagen und verurteilen, manches Persönliche kann man zwischen den Zeilen ihres Buches herauslesen und in ein paar Chroniken wird sie ebenfalls erwähnt. Mitte des 13. Jh wurde sie in Hennegau geboren, einer Region im Norden Frankreichs an der Grenze zu Belgien. Einige Zeit hat sie dort in der Stadt Valenciennes in einem Beginenhof gelebt. Beginen – das waren Frauen, die in losen spirituellen Gemeinschaften, also ohne Ordensgelübde, zusammenlebten. Sie verbanden dabei ein intensives religiöses Leben mit karitativer Arbeit, waren also in der Kranken- und Armenfürsorge oder im Schulunterricht tätig. Auch hier in Hamburg gab es einen Beginenkonvent an der Steinstraße in der Nähe von St. Jacobi und einen weiteren am Pferdemarkt.
Beginen waren der kirchlichen Ordnung oft suspekt, weil sie sich außerhalb des etablierten kirchlichen Systems bewegten und deswegen nicht gut kontrollierbar waren. Es war für Frauen eine Möglichkeit, außerhalb von Ehe und Familie ein relativ freies Leben zu führen, auch frei zu denken und sich zu äußern. Dieser sehr vielschichtigen Bewegung ist Marguerite Porete zuzuordnen.
„In geistlichem Wissen sehr bewandert“ – so wird sie in einer Chronik beschrieben. Und in ihrem Buch zeigt sich eine umfassende Kenntnis der Theologie, der Mystik, aber auch der höfischen Literatur, der Poesie der Troubadoure und des Ritterromans. Sie war eine Intellektuelle. Und da Bildung für Frauen damals fast nur im Privatunterricht zugänglich war, vermutet man, dass sie zur Oberschicht gehörte.
Ihr Buch „Der Spiegel der einfachen Seelen“ schrieb sie in der Volkssprache, also auf Altfranzösisch. Es sorgte für ziemliches Aufsehen wegen seines freiheitlichen Geistes. Schon im 1. Kapitel heißt es:
„Der Liebe nämlich ist alles erlaubt, ohne dass sie jemanden Schaden zufügt“ (Kap 1, S. 50) Und später: „Ihr Tugenden, Abschied nehme ich nun von euch! (Kap 6, S. 57) (…) Die Wahrheit ist, dass die Seele Abschied genommen hat von den Tugenden, was den Umgang mit ihnen und was das Verlangen nach dem, was sie vorschreiben betrifft.“ (Kap 19, S. 93)
Obwohl Kirchenväter wie Augustin vor ihr ähnliches unbehelligt geäußert haben, entstand bei ihr der Verdacht, dass diese Freiheit des Geistes die Moral untergraben könnte. Das Urteil der Theologen über ihre Äußerungen war zwar nicht eindeutig, aber schon die Tatsache, dass eine Frau öffentlich lehrte und eine eigene theologische Sicht predigte, überhaupt predigte, war damals nicht zulässig.
Der Bischof von Cambrai zog 1305 die Konsequenzen und sorgte dafür, dass ihr Buch vernichtet, sprich verbrannt wurde. Marguerite aber trat weiter für ihre Überzeugungen ein und so wurde sie von der Inquisition zum Verhör geladen. Als sie der Einladung nicht folgt, wird sie 1308 festgenommen und zwangsvorgeführt. Ihr Inquisitor, der Dominikaner Wilhelm von Paris, niemand Geringeres als der Beichtvater des französischen Königs, setzt eine Expertenkommission von 21 Theologen ein. Das lässt ahnen, welche Bedeutung man ihr und ihrer Wirkung auf andere zumisst. Im Prozess wird dann nicht über ihr Buch an sich verhandelt, sondern über 15 Sätze, die man aus dem Zusammenhang gerissen hat und die schließlich ausreichen das Urteil einer todeswürdigen Irrlehre, nämlich der Häresie des freien Geistes über sie zu fällen.
Man hofft, dass sie einlenkt und Reue zeigt. Tut sie nicht. Sie schweigt einfach im ganzen Verfahren. Und so wird sie nach 1 ½ Jahren Haft auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Ihre Schrift blieb natürlich verboten, wurde aber nach ihrem Tod anonym weiterverbreitet. Und sie fand in spirituellen Kreisen viele Anhänger:innen, die gar nicht wussten, dass sie eine verboten Autorin lasen. Der Spiegel wurde ins Lateinische übersetzt, auch ins Mittelenglische und Altitalienische. Bekannt ist, dass Mitte des 15. Jh, also mehr als 100 Jahre nach Marguerites Tod die päpstliche Zensurbehörde wiederum einige Exemplare konfiszierte, die Schrift war also zur Untergrundliteratur geworden, wurde z.T. auch pseudonym, also unter dem Namen anderer bekannter (und natürlich nicht wegen Ketzerei verurteilter) Mystiker verbreitet.
In der Moderne kam das Büchlein an, als es 1927 ins heutige Englisch übersetzt wurde – und zwar als Schrift eines unbekannten französischen Mystikers. Es war ziemlich spektakulär, als 20 Jahre später eine italienische Forscherin herausfand, dass Zitate aus den Prozessakten Poretes wörtlich mit dieser Schrift übereinstimmten. Im 20. Jh erst wurde also wiederentdeckt, wer dieser „unbekannte französische Mystiker“ war – nämlich: Marguerite Porete.
Was aber hat sie geschrieben, was so gefährlich und doch so faszinierend war?
Predigt
Gucken wir jetzt also gemeinsam in den Spiegel. „Den Spiegel der einfachen Seele“, d.h. korrekt lautet der Titel von Poretes Schrift: „Spiegel der einfachen vernichtigten Seelen, die nur im Wunsch und in der Sehnsucht nach Liebe verharren.“
Vernichtigte oder zunichte gewordene Seelen – diese Formulierung stößt uns neuzeitlichen Menschen vermutlich auf, war aber in der Mystik, z. B. auch bei Poretes Zeitgenossen Meister Eckhardt durchaus gebräuchlich. Da wird vom Nackt- oder eben Nichtigsein vor Gott gesprochen. Es geht nicht darum, dass das Ich bzw. die Seele mangelhaft oder nichts wert wäre, sondern dass sie frei werden kann. Eine vernichtige Seele meint eine freigewordene.
Und genau das ist das Thema der Schrift: Sie schildert eine etappenweise Befreiung der Seele von allen Abhängigkeiten. Mehr als 200 Jahre bevor Luther von der Freiheit des Christenmenschen schreibt, finden wir bei Porete vorreformatorisches Gedankengut. Z.B., wenn sie sagt,
„dass die Seele durch den Glauben ganz ohne Werke Rettung erlangt (…) und wenn sie (also die Seele) ohne Werke glaubt, dass Gott gut ist und unser Fassungsvermögen übersteigt, dann ist sie genügend entschuldigt und gerechtfertigt. Sie erwirbt das Heil ohne Werke, denn der Glaube übertrifft jegliches Werk; so bezeugt es die Liebe selbst.“ (Kap 11, S. 70f)
Die Befreiung der Seele schildert die Mystikerin als ihren Aufstieg zu Gott. Es ist ein Weg der Selbsterkenntnis, den sie in sieben Stufen oder Seinsweisen ausmalt. Dabei verabschiedet sich die Seele von den herkömmlichen Tugenden, wenn sie als moralischer Zwang empfunden werden. Sie verabschiedet sich von der menschlichen Vernunft, wenn sie als konventionelle Denkweise daherkommt. Sie verabschiedet sich letztlich vom eigenen Willen, der immer mehr mit dem göttlichen Willen verschmilzt:
„Diese Seele hat durch göttliches Licht das Wesen des Landes wahrgenommen, wo sie sein soll, und das Meer durchquert, um das Mark aus der hohen Zeder zu saugen. Denn niemand bekommt und erlangt etwas von dem Mark, wenn er nicht die hohe See durchquert und seinen Willen nicht in deren Wellen versenkt hat (Kap 80, S. 142)
„Eine solche Seele durchläuft die Schule der Gottheit selbst; das Tal der Demut und die Ebene der Wahrheit sind ihr Ort, und sie findet Ruhe auf dem Berg der Liebe.“ (Kap 9, S. 67)
Mehr und mehr entdeckt die Seele die göttliche Besessenheit in sich, wobei auch dieser Begriff positiv gemeint ist. Die 7. und höchste Stufe kann die Seele erst nach dem Tod des Körpers in der Seligkeit erreichen. Aber die sechste Stufe, also die höchste hier auf Erden, entspricht einem besonderen spirituellen Erlebnis. Marguerite nennt es einen „Herrlichkeitsaugenblick“, in dem sich das Land der Freiheit öffnet (S. 31).
„Oft wird (die Seele) auf die sechste Stuft entrückt, wenn auch nur für kurze Zeit. Denn diese tut sich auf wie ein kurzer Blitz und schließt sich rasch wieder. Man kann hier nicht lange verweilen.“ (Kap 58, S.124). „(Es ist) die allerhöchste Entrückung, die mich überrascht und mich mit dem Bereich des Innersten der göttlichen Liebe verbindet, in das ich hineingeschmolzen bin.“ (Kap 80 S. 144)
Hier ist man mittendrin im Bereich des Geheimnisvollen, das sich eigentlich der Sprache entzieht. Marguerite findet eine kreative Lösung, um ihre Hörer:innen trotzdem mit hineinzunehmen. Ihre ganze Schrift ist als Dialog von verschiedenen Stimmen verfasst. Am häufigsten treten die Seele, die Liebe und „la raison“, also die Vernunft oder der Verstand auf. Da werden Fragen gestellt, Zweifel geäußert, Argumente ausgetauscht.
Nun, Liebe, spricht die Vernunft, Ich bitte euch, dass ihr mir noch etwas über das Land sagt, in dem die Seele ihre Bleibe hat.
Ich sage euch, spricht die Liebe, dass jeder, welcher da ist, wo die Seele ist, aus sich selbst, in sich selbst und durch sich selbst ist, ohne irgendjemandem etwas zu nehmen, vielmehr hat er so viel allein aus sich selbst. Diese Seele, sagt die Liebe, ist also in ihm, aus ihm, für ihn.
Dann ist sie also in Gott, dem Vater, sagt die Wahrheit. (Kap 67, S. 132)
Auch die Wahrheit ist mal am Gespräch beteiligt, wie wir hier hören, oder auch die Furcht, die Hoffnung, die Sehnsucht. Ab und zu ergreift die Autorin selbst das Wort oder die Hörer:innen des Buches werden direkt angesprochen.
Besonders interessant ist eine Person, die als Une deité – eine Gottheit, im Französischen mit weiblichem Artikel, oder auch als Dame Divine Armour, Dame der Gottesliebe benannt wird (S.33). Gott erscheint hier als weibliche Figur. Dann wieder wird über ihn, Gott – mit männlichem Artikel – als „le Loing-Près“, der Fern-Nahe gesprochen. Sie bringt damit das Paradox auf den Punkt, dass Gott als der Transzendente alles übersteigt, und doch in seiner Schöpfung sichtbar ist, sich in Jesus mit dem Menschlichen verbunden hat und für uns in besonders geisteserfüllten Moment spürbar wird.
Manchmal kommt Gott uns überraschend und ergreifend nahe. Menschen früher und heute machen solche spirituellen Erfahrungen. Es sind individuelle Momente, die für die Bertoffenen etwas Besonderes sind, die sich einprägen, vielleicht sogar das Leben prägen. Eine Ergriffenheit die man nicht vergisst und die man doch schwer oder gar nicht beschreiben kann. Jedes Reden darüber macht den eigentlichen Moment kleiner und kann das Besondere nicht einfangen. Unsere Seele hat Heimweh danach, sich so von etwas Größerem angesprochen und berührt zu fühlen. Immer wieder sind wir auf der Suche nach dem, was und wer und wo Gott ist und wie wir vor ihm und bei ihm oder in sein könnten. Sonst würden wir vermutlich alle nicht heute morgen hier sein.
Vielleicht spielt sich das auch ab als stiller Dialog zwischen uns, die wir hier sitzen, oder als ein Dialog der inneren Stimmen und Anteile in uns. Wer würde sich da in uns zu Wort melden? Die Sehnsucht, der Zweifel, das innere Kind, die Unsichere, die Begeisterte, der göttliche Funken? Vielleicht so:
Warum bist du heute hier? fragt die, die es wissen will.
Ich brauche Orientierung, sagt der Verstand. Oder ist es die Moral? Gerade jetzt wenn alles so kompliziert wird und düster, geht es doch darum sich zu versichern, was gut und richtig ist. Ich will, dass Respekt gepredigt wird und Nächstenliebe, denn nur so geht friedliches Zusammenleben.
Ja, danach sehne ich mich auch, sagt die andere, ich will friedlich mit anderen zusammensein. Ich will spüren, dass wir gemeinsam glauben. Ich will Gesichter sehen und Stimmen hören. Ich will nicht allein sein.
Mich nervt das Gerede, sagt die Gleichgültigkeit, ich schalte jetzt ab.
Ich bin hier, weil mir das gut tut, sagt die nächste. Weil ich auf etwas warte und hoffe. Ich habe Sehnsucht.
Worauf wartest du? fragt die, die es genauer wissen will.
Ich weiß es nicht so genau. Nicht vorher, ich weiß es erst, wenn es geschieht. Wenn ich spüre, dass da mehr ist als ich, sagt die Seele. Ein großes Ganzes, zu dem ich gehöre und in dem ich mich aufgehoben fühle.
Das sind doch religiöse Träumereien! Verlangst du nicht zu viel? fragt der Zweifel.
Nein, das ist nicht zu viel, sagt die Liebe. Das ist uns versprochen. Davon wurde geredet und geschrieben, dafür wurde gelebt und gestorben. Das erleben Menschen immer wieder, ganz unterschiedlich. Mal ahnen sie es nur von Ferne und mal überwältigt es sie. Ein Herrlichkeitsmoment. Hört nicht auf, ihr alle, die ihr hier sitzt, hört nicht auf, danach zu suchen, darauf zu warten, daran zu glauben, sagt die Dame Divine Amour, die göttliche Liebe.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Die Zitate stammen aus: Marguerite Porete. Die Mystikerin, Textauswahl und Kommentar von Gerhard Wehr, Wiesbaden, 2014