Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Roswitha von Gandersheim

Roswitha von Gandersheim

Gottesdienstreihe Mystik
13. September
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Sonntag, 13. September 2026

Predigt zu 2. Korinther 5, 1-10 und Roswitha von Gandersheim: Dulcitius (968)

Predigt zu 2. Korinther 5, 1-10 und Roswitha von Gandersheim: Dulcitius (968)

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

„Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide …
Weg mit allen Schätzen, du bist mein Ergötzen, Jesu, meine Lust!“
(EG 396, 1+4)

Was dieses Lied – von dessen Strophen 2-6 wir heute innerlich oft Abstand nehmen – in emotionaler Barocksprache ausdrückt, ist die innige Liebe zu Jesus Christus als dem Bräutigam der Seele. Ein Motiv, das in der mittelalterlichen Mystik in verschiedenen Spielarten entfaltet wird: die verborgene, mystische Herzensverbindung mit Christus, die den Menschen von innen heraus verwandelt und ihn aus der äußeren Welt ein Stück heraustreten lässt.

Roswitha von Gandersheim ist keine Mystikerin im klassischen Sinne, wie es zum Beispiel Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert oder Mechthild von Magdeburg im 13. Jahrhundert oder Teresa von Avila im 16. Jahrhundert waren. Roswitha, die im 10. Jahrhundert lebte und schrieb, gehört zum Frühmittelalter und kann als eine Vorläuferin der Mystik gelten oder als eine Brückenbauerin zwischen frühchristlicher und mittelalterlicher Theologie. Sie ist in ihren Veröffentlichungen eigenständig und einzigartig, kaum einer anderen Strömung zuzurechnen. Das kann aber auch daran liegen, dass uns insgesamt wenige Schriftzeugnisse aus der Ottonischen Epoche im 10. Jahrhundert überliefert sind – schon gar nicht von Frauen.

Geboren um 935, wurde Roswitha wahrscheinlich schon als Kind ins Kloster Gandersheim gegeben, das der benediktinischen Regel folgte. Nonnen mit Schleier und sog. Kanonissen ohne Schleier lebten hier gemeinsam. Roswitha war wie viele andere adlige Mädchen Kanonisse; das heißt, sie musste weniger strenge Klosterregeln als die Nonnen beachten: Sie war Gehorsam, Keuschheit und den sieben Gebetszeiten verpflichtet – nicht aber der Armut. Kanonissen durften persönliches Eigentum haben, Gäste empfangen, Bücher erwerben und Dienerinnen halten.

Zu ihrer Ausbildung berichtet Roswitha von zwei Lehrerinnen, den Äbtissinnen Rikkardis und danach Gerberga. Sie unterrichteten sie im Kloster in den sieben freien Künsten, den artes liberales: Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie, Grammatik, Dialektik und Rhetorik. Selbstverständlich lernten die adligen Töchter Lateinisch lesen, schreiben und sprechen. Üblich war im Kloster das Vorlesen – bei Tisch, bei Handarbeiten, zur Bildung und zum Zeitvertreib. Die Bibliothek muss das beeindruckende intellektuelle Zentrum des Klosters gewesen sein – das belegen Roswitha Kenntnisse antiker und religiöser Literatur. Wahrscheinlich brachten die reichen Mädchen wertvolle Manuskripte ins Kloster mit und kopierten sie hier auch.

Roswitha teilt ihre Schriften in drei Bücher ein: 962 – also mit etwa 30 Jahren – verfasste sie acht Heiligenlegenden; 968 schloss sie sechs Dramen ab; später fertigte sie als Auftragsarbeiten zwei Helden-Epen an, welche die Taten von Otto I. und die Entstehung des Klosters Gandersheim schildern. Gedruckt wurden ihre Schriften erst viel später: Der Humanist und Autor Konrad Celtis gab sie im Jahr 1501 mit Holzschnitten von Albrecht Dürer heraus.

Einen Auszug aus Roswithas Drama „Dulcitius“ haben wir eben gehört. Inhaltlich greift sie hier auf eine Heiligenlegende zurück, nach der die drei Schwestern Agape, Chionia und Irene von Thessaloniki wegen ihres christlichen Glaubens von dem römischen Offizier Dulcitius hingerichtet wurden. Stilistisch folgt sie in ihren ursprünglich auf Latein verfassten Dialogen dem antiken römischen Dichter Terenz, einem der berühmtesten und meistgelesenen Komödiendichter bis ins Mittelalter.

Spannend ist, wie kreativ Roswitha mit ihren Vorlagen umgeht und welche theologischen Themen sie in den Vordergrund stellt! Wie sie in ihrer Vorrede schreibt, versucht sie, Terenz „in seiner Darstellungsweise nachzuahmen, um in der gleichen sprachlichen Form, in der die verwerflichen Laster liederlicher Weiber geschildert werden, die löbliche Keuschheit heiliger Jungfrauen […] zu rühmen.“ (Hrotsvitha von Gandersheim. Werke in deutscher Übertragung. Hg. von H. Homeyer, Paderborn 1973, S. 176, 3-4)

Sie dreht also das Sujet um: In ihren Dichtungen soll es nicht um die schrecklichen Taten gottloser Menschen und „liederlicher Weiber“, sondern um das geheiligte Leben exemplarischer Christen und „heiliger Jungfrauen“ gehen. Dabei hat sie Frauen besonders im Blick!

Auch die traditionellen Heiligenlegenden schreibt Roswitha um: Während in den Legenden die christlichen Jungfrauen zwar vorbildhaft, aber zumeist als stumme Opfer ihrer autoritären Väter, egoistischen Ehemänner oder brutalen Machthaber geschildert werden, lässt Roswitha die Märtyrerinnen selbst sprechen. Sie entkommen zwar nicht dem Tod, aber im Glauben an Jesus Christus, durch ihre ausgesprochenen theologischen Gedanken und ihre Gebete triumphieren sie letztlich über den Tod – und über die als dümmlich und gewalttätig dargestellten Männer.

Wie Roswitha, so hat viele Christen seit den Anfängen der Kirche die Frage beschäftigt, wie ein gottgefälliges, ein christusförmiges, ein Leben aus dem Glauben aussehen könne. Dabei ging es immer auch um das Verhältnis zur Welt: Inwieweit sollte oder wollte man sich als Christin, als Christ den Sitten und Gebräuchen der sog. äußeren Welt anpassen – und wo verliefen Grenzen? Wo war, wo ist das Leben der Gesellschaft, in der wir leben, möglicherweise nicht mit den Grundsätzen christlichen Lebens vereinbar?

Konkret ging es um die christliche Spannung zum Beispiel in der Frage von persönlichem Besitz versus freiwilliger Armut und gemeinschaftlichem Besitz; von eigenem Willen bzw. Selbstbestimmung versus freiwilligem Gehorsam; von Waffengebrauch versus Friedfertigkeit und Wehrlosigkeit; von Sexualität in oder außerhalb der Ehe versus sexueller Enthaltsamkeit.

Für Roswitha von Gandersheim spielt das Thema der Jungfräulichkeit oder sexuellen Enthaltsamkeit eine wesentliche Rolle, wenn sie darüber nachdenkt und sich vorstellt, wie sich die Seele eines Menschen mit Christus verbinden kann. Der Begriff „Jungfräulichkeit“ legt für uns nahe, dass dies ein Thema für Frauen war oder ist. Das Konzept bezieht sich aber in der christlichen Tradition auf Frauen und Männer gleicherweise. Roswitha behandelt es in einem anderen Drama sogar für hetero- wie homosexuelle Menschen. Sexuelle Enthaltsamkeit oder Reinheit ist für sie – wie für viele Nonnen und Mönche, Schwestern und Priester bis heute – die Voraussetzung der unio mystica, der inneren Verbindung oder Vermählung mit Jesus Christus. Uns Protestanten ist dieses Konzept fremder als Katholiken und Orthodoxen; es war und ist aber für viele Christinnen und Christen bis heute anziehend, überzeugend und befreiend.

Befreiend – weil der Lebensentwurf sexueller Enthaltsamkeit vor der Ehe, vor mütterlicher und väterlicher Verantwortung bewahrte, mit allen emotionalen, praktischen und finanziellen Verpflichtungen, die damit verbunden sind.

Befreiend – weil dieses Konzept vor allem Frauen vor der körperlichen Gewalt und der Abhängigkeit von Männern schützt.

Befreiend – weil dadurch alternative gemeinschaftliche oder solitäre Lebensformen möglich wurden, außerhalb des üblichen Ehe- und Familienmodells, wie zum Beispiel das Leben im Kloster für Roswitha.

Befreiend auch – weil dieses Konzept das Herz, den Kopf, den Körper, das Begehren und Wünschen frei hält für den Freund und Liebhaber Jesus Christus – für den Glauben

Eine biblische Spur von vielen dazu haben wir heute aus dem 2. Korintherbrief gehört:

Denn wir wissen: Wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. (2. Kor 5, 1)

Das vergängliche „irdische Haus“, „diese Hütte“ als Relativierung unserer Körper, die unvollkommen und sterblich sind, verführbar und unberechenbar, die uns quälen, uns einengen und bestimmen können …

Deshalb heißt es im 2. Korintherbrief weiter:

Wir wissen: Solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Wir sind aber getrost und begehren sehr, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn. (2. Kor 5, 6-8)

Man kann Todessehnsucht und Leibfeindlichkeit aus diesen Bibelversen hören, den Wunsch, unseren Körper und unser Leben hinter uns zu lassen. Man kann daraus aber auch Hoffnung, Erwartung und Freiheit hören. Eine Befreiung aus den körperlichen Fesseln und Schmerzen dieser Welt – heißen sie Krankheit, Hunger oder Gewalt.

So sehr wir als Christen in der Welt leben und unser Glaube sich in unserem irdischen Leben bewähren soll, so sehr schöpft unser Glaube auch Kraft und Freiheit aus der Relativierung oder Überwindung der Welt und unseres begrenzten, zerbrechlichen Lebens. Im Glauben gehören wir auch und sehnen uns – mal mehr, mal weniger – nach unserem zukünftigen Zuhause, nach der himmlischen Welt der Liebe Gottes, in der es keine Gewalt, keinen Hunger, „noch Leid noch Geschrei noch Schmerz“ mehr gibt. (Offb 21, 4)

In farbigen Bildern, mit Situationskomik und Lust am Gruseln, mit Allegorie und Pathos schildert Roswitha von Gandersheim die Fallstricke, Versuchungen und Gefahren dieser Welt, ihrer Welt, deren Überwindung uns die Pforten zum Himmel öffnet. Zur eigentlichen, unsichtbaren Welt der Liebe Gottes, zu der wir berufen sind und wo Gott auf uns wartet.

Dies schätze ich an Roswitha von Gandersheim besonders: die Mischung aus Humor und Alltagsnähe, aus poetischer und intellektueller Begabung, ihrem Selbstbewusstsein als Frau sowie ihrer Beharrlichkeit in der Suche nach dem Glauben, nach der Verbindung der Seele mit Jesus Christus.

So wie sie, mögen auch wir versuchen, uns schon jetzt, zu Lebzeiten frei zu machen von allem, was uns allzu sehr bindet, sei es unser Besitzstreben, unser Eigenwille, Perfektionismus, Gesundheits- oder Arbeitswahn … Was uns die Wege versperrt zur inneren Verbindung mit Jesus Christus, zum Glauben an Gottes Liebe, die uns in dieser Welt umfängt und in der kommenden Welt auf uns wartet.

Denn ob wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. (Röm 14, 8) Amen.