Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Du bist mein

Du bist mein

Predigt am 12. Juli
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 6. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zu 5. Mose 7, 6–12

Biblischer Text:

Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. 

Predigt:

Der biblische Text aus dem Alten Testament führt uns heute an eine Grenze. Jahrzehnte lang sind die Israeliten durch die Wüste ge­wandert, jetzt steht das Noma­nden­volk an der Schwel­le dazu, sesshaft werden. Der gealterte Mose schaut in das gelobte Land, in das er selbst nicht mehr einziehen wird, und hält den Israeliten seine Abschiedsrede. Er holt weit aus, er blickt zurück in die Geschichte Gottes mit seinem Volk: Er erinnert an das göttliche Versprechen an die Erzväter, an den Auszug aus der Knechtschaft in Ägypten, an den Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat und an die Gebote, die den Weg in die Freiheit ermög­lichen sollen. Gewichtige Sätze sind das, die wir heute hören:

„Du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.“

Israel als das erwählte Volk – hier an dieser Stelle wird der Gedanke zum ersten Mal in aller Deutlichkeit so ausge­sprochen. Mit der ganzen Ambivalenz und Fragwürdigkeit, die das mit sich bringt. Ein Volk ist erwählt. Heißt das – alle anderen Völker sind verworfen? Sind nicht geliebt von Gott oder zumindest nicht gleichermaßen? Alle sind Gottes Kinder, aber es gibt Lieblingskinder?

Der Erwählungsgedanke ist missverständlich, weil man die Zurücksetzung der anderen gleich mitdenkt, weil der Ver­dacht einer Begünstigung aufkommt. Macht das nicht die, die in den erlauchten Kreis gehören, stolz und hochmütig, halten die sich für was Besseres? Und führt das nicht automatisch zu Neid und Missgunst auf der anderen Seite?

Wenn man in die Geschichte schaut, könnte schon auch fragen: Was hat den Juden ihre Erwählung denn gebracht? Es gibt eine Anekdote, die erzählt von einem Vater, dessen Söhne in einer der vielen Auseinandersetzungen mit den Nachbarn Israels an der Front stehen. Am Jom Kippur, am Versöhnungstag, begibt er sich in die Synagoge und betet. ‚Lieber Gott, ich weiß, wir sind das auserwählte Volk. Ich bin dir auch dankbar für alles – aber könntest du mir nicht einmal einen Gefallen tun und statt unseres Volkes ein anderes auser­wählen?“

Auch für uns Christinnen und Christen ist dieses theologische Thema der Erwählung des Volkes Israel zum heiligen Volk immer eine Herausforderung gewesen, denn wie sollen wir uns als „Nach-Gläubige“ da einordnen? Jahrhundertelang haben sich christliche Theo­log:­innen und Gläubige diese Erwählung einfach angeeignet – und zwar mit folgender Argumentation: Weil die Juden so verstockt waren, in Jesus nicht den von Gott verheißenen und gesandten Messias zu erkennen, ist die Erwählung an uns übergegangen. Die Kirche ist jetzt das aus­erwählte Volk Gottes, sie hat die legitime Nachfolge angetre­ten. Wozu diese unheilvolle Haltung, dem jüdischen Volk die Erwählung einfach abzusprechen, ge­führt hat, wissen wir auch.

Im Erwählungsgedanken steckt viel heikle Geschichte und böses Blut. Und zwar von Anfang an – schon die biblischen Texte muten uns da einiges zu. Wenn man so ein bisschen drumherum liest um diese Verse, die wir heute als Predigttext gehört haben, dann findet man vieles, was uns sehr archaisch und grausam anmutet:

„Wenn dich der HERR, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er ausrottet viele Völker vor dir her, (…), so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken. Du sollst keinen Bund mit ihnen schließen und keine Gnade gegen sie üben.“

Das steht direkt vor unserem Abschnitt. So ungefiltert gelesen, ergibt sich das Bild eines grausamen Gottes und manche mögen sich bestätigt fühlen: Der Gott des Alten Testaments ist der rächende und strafende. Wie gut, dass wir den liebenden und barmherzigen Gott des Neuen Testa­mentes kennen und verehren. Und schon sind wir dabei, das Christentum als die bessere Variante abzugrenzen von den jüdischen Wurzeln.

Um so wichtiger, diese Texte historisch einzuordnen! An dieser Schwelle zwischen Wüstenwanderung und Seßhaftwerden gab es keine brutale Land­nahme, also keine militä­rische Erobe­rung mit viel Blutvergie­ßen, sondern das lief über einen längeren Zeit­raum ab: Fremde Stämme wanderten in diesen Land­strich ein­ und mischten sich mit der dortigen Bevölkerung.

Die biblischen Berichte, die das so anders darstellen, sind viel später entstanden, nämlich im Exil, als man das Land, auf das Mose da schaut, längst wieder verloren hatte. Diese Erzählung von der Erwählung hatten ihre Trostfunktion im Glaubensleben der Menschen damals und hat in dieser Hinsicht ihren wahren Kern. Denn das Volk war eben nicht stark und groß, sondern das kleinste unter den Völkern. Und so hat es sich damals auch gefühlt.

Aber ich will nicht alles Anstößige mit einer historischen Ein­ordnung wegreden. Das Gottesbild dieser Texte bleibt span­nungsgeladen: Wir begegnen hier Gott, der treu ist, der zu seinen Versprechen steht, der sein Volk begleitet und schützt – wir sehen den liebenden, fürsorgenden Gott. Und im gleichen Atemzug wird berichtet von Gott, der vergilt und umbringt, die ihn hassen.

Man mag sich da schnell auf die Seite des barmherzigen Gottes flüchten. Gott, der das Verlorene sucht und rettet, der Fehltritte vergibt, Neuanfang ermöglicht, Heil und Heilung verspricht. Aber nicht alle können mit dieser weichgespülten Variante des „lieben Gottes“ etwas anfangen. Sie finden das zu harmlos, ein Gottesbild, schön handlich und verkraftbar – menschlich eben. Wo bleibt da der Gott, der Recht Recht und Unrecht Unrecht nennt. Ein stets verzeihender Gott ist auch ein Hohn für alle Opfer von Gewalt, von Miss­brauch, von Ausbeutung. Der vergeltende Gott ist ihre Hoffnung auf ausgleichende Gerech­tigkeit.

Diese Ambivalenz im Gottesbild lässt sich nicht auflösen. Wir finden sie in den uralten Texten des Alten Testamentes, und ebenso in den etwas jüngeren des Neuen. Wir lesen davon bei Luther, der vom deus revelatus und dem Deus absconditus – dem offenbarten und dem verborgenen Gott schreibt. Und in unserer alltäglichen Realität erleben wir es ja genauso: Es gibt Menschen, die wirklich viel Leid oder Unrecht erleben. Wie glaub­würdig ist für sie der liebende und fürsorgende Gott? Und andererseits erleben wir, dass Menschen, die sich auf Kosten anderer bereichern, damit durchkommen, dass Gott da nicht mit all der Härte aufräumt, die doch hier beschworen wird. Unsere Glaubenswirklichkeit spricht weder für den stets sanft­mütigen noch für den konsequent vergeltenden Gott. Mir selbst bleibt Gott auch oft rätselhaft und unverständlich, ich werfe ihm sein Nicht-Eingreifen vor und doch weiß ich mich bei ihm geborgen. In dieser Spannung leben wir unseren Glauben. Diese Span­nung müssen wir aushalten. Sie einseitig aufzulösen ist gefähr­lich.

Und zwar gerade beim Erwählungs­gedanken gefährlich. Wo Menschen sich für etwas Besonderes halten, wo Völker glauben, das sie „first“ sein sollten, also immer in erster Stelle stehen, da macht sich Intoleranz und Gewalt breit.

Wichtig sind mir deswegen zwei Punkte, die sich mit dem Erwählungsglauben verbinden – hier in diesen Zeilen, wo er das erste Mal benannt wird:

Zum einen: Erwählung ist nicht eine Auszeichnung, ein Selbst­zweck. Sie verbindet sich mit einem ganz konkreten und ernst gemeinten Anspruch: „So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust“ – so sagt es Mose in seiner Abschiedsrede in Gottes Namen. Nur mit diesen Geboten ist Freiheit möglich, nur damit ist friedliches Zusammenleben möglich, nur damit ist gerechter Ausgleich zwischen den Generationen möglich.

Zum anderen: Gott wählt sein Volk nicht, weil es besonders groß oder gut wäre. Im Gegenteil: „Denn du bist das kleinste unter den Völkern“. Gott wählt schon aus! Er wählt nämlich die Seite der Schwachen und Unterdrückten. Gott sieht die Not der Israeliten in Ägypten, er hört ihr Schreien und steigt herab, um sie aus ihrer Not zu retten. Wenn überhaupt, dann ist das Gottes Auswahl­kriterium für Erwählung. Ein konsequentes Eintreten für die, die es brauchen, weil sie ohnmächtig sind.

Kein Wunder deswegen, dass die Zusage an dieser Schwelle kommt, als das Volk aus der Wüste heraustritt. Wer sind die Israeliten denn? Migranten sind sie, die aus Unterdrückung und Armut kommen, auf der Suche nach dem gelobten Land, in dem sie besser leben können. In diesem reichen, grünen Land versuchen sie Fuß zu fassen. Sie sind die Frem­den, die sicher von den Einheimischen mit Argwohn be­trachtet werden. Das dahergelaufene Nomadenvolk versucht, bei den alteinge­ses­senen besser entwickelten Kulturen Lebens­raum und Sicherheit zu finden. Gott stellt sich an die Seite der aus Ägypten Ge­flüch­teten, der zu Unrecht Verfolgten und Bedrohten.

Da gibt es auch keinen Unterschied zwischen dem Gott des Alten Testa­mentes und dem des Neuen. Konsequent geht Jesus diesen Weg zu Ende – auch er auf der Seite der Schwachen und Unterdrückten, der zu Unrecht Angeklagten, unschuldig Verurteilten und Ermordeten. Er wählt das Kreuz.

Wenn wir heute gemeinsam Abendmahl feiern, erinnern wir an diese Hingabe Jesu. An seine Hinwendung zu allen Völkern. Wir sind eingeladen an seinen Tisch. Wir sind die, die Brot und Wein miteinander teilen. Die, die unter dem Zuspruch und Anspruch Gottes stehen. In diesem Spannungs­feld gehen wir unseren Weg im Glauben. Wir gehen in gemein­sam. Wir gehen ihn im Vertrauen darauf, dass Gott auch mit uns durch Wasser und Wüste geht, an unserer Seite. Amen.