Zwei Seelen in meiner Brust
Gottesdienst am 11. Sonntag nach Trinitatis
Biblischer Text:
Jesus sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
Predigt:
Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten – so beginnt unsere biblische Geschichte. Es kommt ein Mensch heute in den Gottesdienst, um zu beten. Er sitzt in der Kirchenbank und spricht bei sich: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin, wie dieser selbstgerechte Pharisäer, von dem wir heute gehört haben. Ich weiß glücklicherweise, dass es nicht meine Leistung ist, die mich vor dir gerecht macht, sondern deine Barmherzigkeit. Ich kenne ja Paulus und Luther: Allein aus Glaube wird der Mensch gerecht und nicht durchs Fasten und Almosen geben, wie der Pharisäer damals geglaubt hat.“
Man könnte es heute neu erzählen, das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner, vielleicht muss man es neu erzählen. Vielen von uns ist es ja vertraut, vielleicht allzu vertraut. Holzschnittartig kommt es daher und die Deutung ist klar: Daumen runter für den Pharisäer, den Prototypen des Hochmuts, Sympathie für den, der demütig ist.
Aber nichts im Leben ist schwarz-weiß, und so möchte ich neu erzählen, ein bisschen drumherum erzählen: Ich blende mich einen Tag vorher in die Geschichte ein. Der Zöllner sitzt am Stadttor. Eine lukrative Stellung, eine mächtige. Um ihn kommt keiner drumrum und das weiß er. Er hat sich gut gestellt mit der römischen Besatzungsmacht. Er weiß, was die treibt, er kennt ihre Grausamkeit. Das nimmt er hin, er kann ja eh nichts machen. Er stellt sich lieber gut mit ihnen, es zahlt sich aus. Und das könnten die anderen auch machen. Selbst schuld, wer es nicht tut. Jetzt kommt eine Frau mit ihrem blinden Sohn ans Stadttor. Sie will auf dem Markt Waren verkaufen. Er kennt sie schon, jedes Mal bettelt sie ihn an, dass sie weniger zahlen will wegen ihres Kindes. Aber er hat seine Tarife und seine Prinzipien und Mitleid gehört nicht dazu.
Als die Frau endlich mit ihrem Sohn und ihrem Bündel durch das Stadttor geht, weint sie. Sie fühlt sich gedemütigt von dem Zöllner und vor allem ist sie verzweifelt, weil sie weiß, dass ihr Sohn heute wieder hungrig schlafen gehen wird. Ein Pharisäer hat die Szene beobachtet. Ihm tut die Frau leid, er spricht sie freundlich an. Auch er muss seine Familie durchbringen. Vom Frommsein allein, kann man nicht leben, er arbeitet als Handwerker, das reicht gerade so. Aber er kennt die Gebote Gottes in- und auswendig: Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist, heißt es beim Propheten: Gottes Wort halten und Liebe üben. Zur Nächstenliebe gehört nicht nur ein zugewandtes Wort, sondern auch konkrete Hilfe. Deswegen gibt er der Frau, von dem, was er bei sich hat. Als er sich zum Gehen umdreht, sieht er den Zöllner. Der hat die Begegnung genau beobachtet.
Am nächsten Tag ist Sabbat. Zwei Menschen gehen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine der Pharisäer, der andere der Zöllner. Wir begleiten erstmal den Pharisäer. Ich kann mir vorstellen, dass er denkt: „Was will dieser korrupte Kerl hier im Tempel? Die Woche über ein Römerfreund, am Sabbat plötzlich wieder Jude. Gestern noch zieht er den Leuten das Geld aus der Tasche und heute will er fromm tun. Was für ein Heuchler! Gott sei Dank, bin ich nicht so wie der.“ Ehrlich gesagt, ich kann seine Gedanken nachvollziehen. Der Pharisäer versucht, seinen Glauben authentisch zu leben. Dazu gehört seine Beziehung zu Gott, sein Gebet, sein Fasten, dazu gehört auch seine Beziehung zu den Mitmenschen, sein diakonisches Engagement. Erst beides zusammen ist glaubwürdig. So lebt er. Daran ist nichts Verwerfliches.
Und doch bekommt er von Lukas keine Sympathiepunkte. Allzu arrogant tritt er hier auf. Er beginnt zwar mit „Ich danke dir Gott, dass …“, aber bei uns Zuhörer:innen bleibt doch das Gefühl, dass er seine hohe Moral im Endeffekt sich selbst zugute hält. Lukas zeichnet ihn als jemanden, der zum einen vor Gott damit herumprahlt, wie toll er ist, und außerdem andere abwertet und auf sie herabschaut.
Wir kennen alle solche unsympathischen Moralapostel. Sie erzählen uns, dass sie nicht mehr in Urlaub fliegen, weil das zu umweltschädlich ist, und quittieren unsere eigenen Flugpläne mit einem vielsagenden Blick. Andere berichten stolz, dass sie nie krank werden, weil sie sich gesund ernähren und Sport treiben, und übersehen dabei, dass Gesundheit im Endeffekt unverfügbar ist. Sicher man kann, man muss für Umwelt oder Gesundheit etwas tun – sie haben ja recht – aber Sympathiepunkte holen sie damit nicht.
„Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie diese Moralapostel, dass ich nicht bin wie dieser Pharisäer…“ Bin ich aber leider doch immer wieder. Das Gleichnis hält uns den Spiegel vor – und darin erkenne ich, dass auch ich Pharisäerseiten in mir habe. Sich mit anderen zu vergleichen, das steckt tief in uns Menschen. Woher weiß ich, wer ich bin? Wie definiere ich mich? Oft genug im Vergleich mit anderen. Und häufig gerade dann, wenn ich unsicher bin:
Was ich neulich zu Sabine gesagt habe, das war echt nicht nett, das hat sie verletzt, das habe ich gesehen. Aber gerade Sabine muss sowas eigentlich abkönnen. Sie teilt sonst immer am allermeisten aus. So bin ich ja zum Glück nicht.
Oder: Vielleicht habe ich als Mutter meinen Kindern zu viel abverlangt mit mehreren Umzügen, die ich ihnen zugemutet habe. Aber immerhin sind sie nicht so verwöhnt wie die Kinder von Nadine und Thorsten. Bei denen hat sich immer alles nach den Bedürfnissen der Kinder gerichtet und jetzt sieht man was rauskommt, sie sind überhaupt nicht selbstständig. Zum Glück habe ich meine Kinder nicht so erzogen wie die.
Oder: Aus unserer Kirchengemeinde treten immer weiter Menschen aus, die Zahlen sinken, das schmerzt. Aber anderen Gemeinden geht es auch so und dort kommen viel weniger Leute in den Gottesdienst. Zum Glück haben wir hier noch ein einigermaßen lebendiges Gemeindeleben.
Sich mit anderen vergleichen, das machen wir alle. Unsere Gesellschaft ist darauf angelegt und die digitalen Welten verstärken das noch. Aber meistens tut es uns nicht gut. Entweder wir kommen bei dem Vergleich schlecht weg, dann fühlen wir uns hässlich, dumm oder klein. Oder wir nutzen den Vergleich, um uns zu vergewissern, dass wir gar nicht so schlecht sind. Das geht meist einher mit der Abwertung von anderen. Wenn ich mich vergleiche, bin ich nicht bei mir selbst. Der Pharisäer tritt in seinem Gebet vor Gott, aber er schielt gleichzeitig um sich herum auf die Ungerechten, Räuber, Ehebrecher und auf den Zöllner.
Lassen wir den Pharisäer mal da stehen und wenden uns dem Zöllner zu: Er kommt nur zögerlich zum Tempel, vielleicht war er schon lange nicht mehr da. Zumindest bleibt er ferne stehen. Er traut sich auch nicht, die Augen zum Himmel aufzuheben. Er schlägt sich an die Brust – Zeichen der Reue – und betet: Gott sei mir Sünder gnädig!
Ich stelle mir vor, er hat eine schlimme Nacht hinter sich. Vielleicht haben ihn die blinden Augen des Kindes verfolgt. Vielleicht haben sie ihm einen anderen Blick auf sich selbst aufgezwungen. Bisher hat er sich gesehen als einen gewieften Geschäftsmann, der seine Chancen klug zu nutzen weiß. Er war der Meinung, er darf sich nehmen, was er kriegen kann. Vielleicht hat ihm das Kind klar gemacht, dass es Menschen gibt, die sich einfach nichts nehmen können. Die darauf angewiesen sind, dass andere ihnen geben.
Ich stelle mir vor, dass er, der Jude, nachts schlaflos nach der heiligen Schrift greift. Dass er liest von König David, der glaubte, dass er sich nehmen darf, was er kriegen kann, z.B. auch die schöne Batseba, obwohl sie verheiratet war. Und als der Prophet Nathan ihm die Augen öffnet, ist David erschrocken über seine Schuld. „Gott sei mir Sünder gnädig!“ betet er, „tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit. Schaffe in mir Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen beständigen Geist“. So hat David gedichtet, so steht es in den Psalmen, so liest unser schlafloser, vom schlechten Gewissen geplagter Zöllner. Und so betet er dann auch im Tempel.
Und wir sehen wieder in den Spiegel und ich bin sicher, wir erkennen auch die Zöllnerseiten in uns. Vielleicht erkennen wir, mit welcher Selbstverständlichkeit wir davon ausgehen, dass unser Wohlstand uns zusteht. Wohlstand, der global gesehen auf Kosten anderer geht. Das fällt uns hier ja im Vergleich mit den anderen auch gar nicht auf. Ich ertappe mich dabei, dass auch ich Seiten in mir habe, die darauf bedacht sind, dass ich nicht den Kürzeren ziehe, auch wenn ich mir dann Mitleid mit anderen nur dosiert leisten kann. Und ich kenne auch die schlaflosen Nächte, wenn ich mir nicht mehr schönreden kann, was ich gesagt oder getan habe. Wenn mich umtreibt, wie ich andere verletzt habe, wo ich manch einem nicht gerecht geworden bin, woran ich gescheitert bin.
Pharisäerseiten und Zöllneranteile gehören zu mir. Zwei Seelen in meiner Brust: simul iustus et peccator hat Luther das genannt – zugleich gerecht und Sünder, zugleich selbstgerecht und zerknirscht über meine Sünden könnte man hier sagen. Ich erliege immer wieder der Versuchung, mich mit anderen zu vergleichen. Manchmal schreibe ich mir dann meine Leistungen und Erfolge selbst zu und klopfe mir heimlich auf die Schulter. Und dann wieder erschrecke ich darüber, wie fehlbar ich bin, verunsichert, bedürftig nach Gottes Vergebung und Neuanfang.
Und wenn sie dann zum Beten gehen die zwei Seelen in meiner Brust, wenn ich mich damit vor Gott stelle, dann erkenne ich: das Wesentlich können wir immer nur empfangen: Liebe, Anerkennung, Zuwendung, Vertrauen – ja das Leben selbst kann uns nur geschenkt werden.
Da stehen sie also der Pharisäer und der Zöllner und beten. Ich möchte drumherum erzählen, habe ich zu Beginn gesagt. Ich stelle mir also vor, wie es weitergeht: Der Pharisäer tritt aus dem Tempel und streift den Zöllner mit einem verächtlichen Blick. Der Zöllner, der sich nach seinem Gebet wie befreit fühlt sagt: „Das hast du gar nicht nötig.“ – „Wie bitte?“ – „Du hast es nicht nötig, auf mich herabzuschauen. Du tust viel Gutes. Aber nicht deswegen liebt dich Gott. Sondern weil du Abrahams Sohn bist.“ Der Pharisäer bleibt erstaunt stehen. Er würde gerne einfach weitergehen, aber er schafft es nicht. Denn eine Frage kann er sich nicht verkneifen: „Was hast du gebetet?“ fragt er schließlich neugierig. „Psalm 51.“ Der Pharisäer versteht sofort: König David – seine Schuld und wie Gott sie ihm vergibt. Auch er ein Sohn Abrahams. Sie alle: der König, der Zöllner und er selbst. Alle Kinder Gottes. „Ich glaube, Gott vergibt mir“ sagt der Zöllner mit einem kleinen Fragezeichen in der Stimme. „Ja“! sagt der Pharisäer da mit fester Stimme und geht jetzt endlich los. Nachdenklich, den Kopf ein wenig gesenkt. Der Zöller geht auch los – mit erhobenem Kopf. Am nächsten Sabbat treffen sie sich wieder im Tempel, sie nicken sich kaum merklich zu. Und dann beten beide. Und zwar anders als beim letzten Mal.
Und wir beten auch heute und hier. Laut und leise. Vielleicht mit gesenktem Kopf oder mit erhobenem Herzen. Mit offenen Händen auf jeden Fall – in dem Wissen, dass wir Empfangende sind, angewiesen auf Gottes Liebe und geborgen in seiner Liebe. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unser Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.