Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Ungesehen – angesehen

Ungesehen – angesehen

Predigt am 6. September
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 14. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zu Lukas 19, 1–10

Bibeltext:

Und Jesus ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. 

Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. 

Predigt:

Heute also die Geschichte von Zachäus. Sie ahnen es wohl schon, das wird eine Kletter­party. Heute müssen Sie mit mir rauf auf dem Baum. In der Hoffnung, dass es für uns alle ein Baum der Erkenntnis werden möge. Und ich muss Sie vor­warnen. Was da so als einfache Kinder­gottesdienst­geschichte daherkommt, ist vielschichtig, mehrdeutig. Ich habe zwei An­läufe genommen und ich möchte Ihnen auch zwei Deutun­gen anbieten, die sich gar nicht unbe­dingt gegenseitig aus­schließen.

Also: Anlauf Nr. eins:
Zachäus klettert auf den Baum – auch er, weil er etwas er­kennen will, er will Jesus sehen. Ich habe keine Ahnung warum, vielleicht ist er einfach nur neugierig, vielleicht hat er von Jesus gehört, vielleicht treibt ihn eine Sehnsucht um. Jedenfalls ist Zachäus zu klein, um sich einfach an den Straßen­­rand zu stellen. Zachäus ist zu klein, um gut zu sehen. Vermutlich ist er auch zu klein, um gut gesehen zu werden. Kleine Menschen werden schnell über-sehen.

Der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann hat ihm deswegen ein Problem diagnostiziert, das in seiner Bio­graphie weit zurückreicht: Der kleinwüchsige Zachäus – so vermutet er – muss eine frühe Kränkung aus der Kindheit über­kompen­sieren und deswegen aufsteigen. Gemeint ist erst­mal gar nicht, dass er auf den Baum steigen muss, sondern er muss aufsteigen die Karriereleiter hinauf. Zöller allein reicht nicht, er ist Ober­zöllner, auf jeden Fall in einer Position, in der er sich über andere erheben kann, in der er Macht hat. Allerdings isoliert er sich damit auch von anderen. Er wird zwar gesehen, aber nicht gerne gesehen.

Wir als Zuschauer:innen kriegen Zachäus ziemlich genau zu sehen, auffällig detailreich wird er geschildert. Biblische Ge­schichten skizzieren ihre Figuren, – vor allem die, die nur einmal auftauchen – normalerweise nur knapp. Zachäus ist da eine Ausnahme. Wir erfahren eine ganze Menge über ihn: Seinen Namen, den Beruf, sein Aussehen, seinen sozialen Status und indirekt können wir erschließen, dass er auch ge­witzt sein muss. Zumindest hat er eine ziemlich kreative Art sein ganz konkretes Problem zu lösen: Er will Jesus sehen und er wird Jesus sehen.

Und dabei geschieht das, was der Geschichte eine Wendung gibt: Jesus sieht ihn auch. Wen Jesus da wohl sieht?Einen unbeliebten, korrupten Zöllner, der sich vor den anderen auf einem Baum versteckt? Einen Menschen, der ein schlech­tes Gewissen hat? Einen der immer schon übersehen wurde, der einsam ist? Verloren? Jesus sieht ihn anders als die anderen, zumindest be­handelt er ihn anders. Er holt ihn runter vom Baum und lädt sich bei ihm zuhause ein. Und Zachäus freut sich. An diesem Tag geschieht Zachäus Heil, so heißt es in der Moral von der Geschicht‘ ganz am Ende. Was heilt, ist, dass Zachäus angesehen wird, er erhält An-Sehen, ein unverdientes und un­er­wartetes Verstanden werden.

Ich denke, wir alle kennen Situationen, in denen wir uns klein vorkommen: Dann fühle ich mich unter­legen, nicht gut genug oder eben nicht gesehen. Aus Gesprächen weiß ich, dass selbst Menschen, die nach außen selbstsicher wirken, diese Unsicherheit kennen. Und wir alle wissen auch, wie gut es tut, wenn andere uns dann mit Wert­schätzung begegnen. Wer sich wertgeschätzt weiß, hat weniger Angst vor Fehlern, arbeitet lieber und meistens auch besser. Man geht dann offener mit seinen Mitmenschen um. Die Wertschätzung anderer holt die guten Anteile in uns heraus und genau das können wir in der Geschichte von Zachäus beoba­chten. Er wird zu einem besseren Menschen. Wertschätzung kann Wunder wirken.

Die Geschichte von Zachäus ist eine Heilsgeschichte. Sie erzählt von vorlaufender Gnade: Nicht Zachäus muss erst Bes­serung geloben und dann spricht Jesus ihm Heil zu, sondern Jesus schenkt ihm An-Sehen und deswegen kann er zu dem werden, den Jesus schon in ihm sieht. Jesu Blick, seine Zuwendung ist heilsam.

Soweit die erste, ziemlich verbreitete Deutung: Der gierige, korrupte Zöllner wird unter Jesu liebenden Blicken bekehrt zu einem besseren Menschen.

Bei einem zweiten Anlauf habe ich mich gefragt, ob ich wirklich genau genug hingeschaut, ob ich Zachäus wirklich gesehen habe. Ich habe mir Zachäus immer vorgestellt als einen skrupel­losen Typen, der als Zöllner damals in der Position ist, sich un­recht­mäßig Geld in die eigene Tasche zu stecken. Aber nirgend­wo steht, dass er das tatsächlich tut. Die Menge nennt ihn einen Sünder – aber dafür reicht seine Position: Wer mit der Be­satzungs­macht der Römer und ihrem Geld zu tun hat, gilt als religiös unrein.

Als Zachäus später mit Jesus spricht, sagt er: „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen.“ Das ist auch im griechischen Originaltext – Präsenz, nicht Futur. Also nicht: Ab heute und weil ich dir begegnet bin, werde ich mich künftig um Arme kümmern. Vielleicht hat Zachäus schon immer von seinem Reichtum an Arme gespendet. „Wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ – „Wenn“, das kann passiert sein, es klingt aber nicht danach, dass Zachäus systematisch Menschen übervorteilt hat. Und dann gibt es da noch einen Hinweis: Zachäus, sein Name, er bedeutet „der Reine, der Unschuldige, der Gerechte“.

Viel­leicht war er nie der korrupte Zöllner, für den ich ihn immer gehalten habe. Dann bin ich einfach nur meinen Vorurteilen gegenüber dieser Berufsgruppe auf den Leim gegangen – wie alle anderen Einwohner Jerichos auch. Alle Zöllner sind eben miese Typen! So viel Reichtum kann ja gar nicht rechtmäßig erworben sein! Vielleicht kann man die Geschichte auch so lesen: Zachäus ist als Oberzöllner immer schon gefangen im Urteil der anderen.

Eine Bekannte, Lehrerin an einer Stadtteilschule, erzählte mir neulich, dass sie ein neues Mädchen in die Klasse bekommt. Eine Chantalle. Sie verdrehte die Augen. „Da weiß ich ja schon, was mich erwartet!“ Und sie berichtet von früheren Erfah­rungen, von anderen Chantalls und Kevins. Ich merke, dass ich mich dabei unwohl fühle, aber ich weiß: Auch ich denke in Schub­­laden. Wenn ich Menschen neu kennenlerne, versuche ich auch sie zu begreifen und einzu­ordnen. Eine der ersten Fragen ist dann meistens: Was machst du so? Und wenn wir dann hören Juristin, Hausfrau, Polizist, Markler – dann haben wir natürlich sofort Bilder im Kopf.

Unser Hirn sortiert vor und steckt in Kategorien. Das hilft, Infor­mationen zu verarbeiten. Das birgt allerdings auch Risiken. Denn es reduziert nicht nur komplexe Sachverhalte, es re­duziert auch Menschen in ihrer Vielschichtigkeit. Typisch Zöllner eben, typisch kleiner Mann, typisch Chantalle. Bei irgendeinem „typisch“ haben wir uns sicher alle schon ertappt.

Und vermutlich kennen wir das auch umgekehrt, dass wir ein­sortiert werden. Was machst du denn so? Pastorin – aha. Ich höre förmlich die Schubladen knirschen – positive, wie negative, neugierige, wie befangene – je nachdem, was für Vorer­fahrungen mein Gegenüber gemacht hat. Dann kann es sein, dass die Schublade aufgeht: Jetzt muss ich mal loswerden, was ich schon immer an Kirche blöd fand. Oder – jetzt kann ich endlich mal Fragen stellen zu dem, was ich selbst an spirituellem Suchen nicht so recht zu greifen kriege. Oder auch – Sackgasse: dazu kann ich gar nichts sagen, weil das so weit ab ist von meiner Lebensrealität. Da wende ich mich lieber der nächsten Gesprächspartnerin zu.

Schubladendenken betrifft nicht nur Berufs­gruppen oder Vor­namen. Wir werden eingeordnet mit unserer Persönlichkeit, mit dem, wie wir auftreten, was wir ausstrahlen. Es ist schwer aus den Festlegungen der Umwelt herauszu­treten. Das kann wie ein Gefängnis sein. Manchmal höre ich davon in Seelsorgegesprächen. Eine junge Frau erzählt mir: Alle halten mich für arrogant, dabei bin ich einfach nur schüchtern. Ich baue einen Schutzwall um mich, aber so traut keiner sich keiner an mich ran und ich bin einsam. Ein anderer kämpft damit, dass er sich nicht gut strukturieren kann. Sein Umfeld erlebt ihn als unzuverlässig. Man arbeitet um ihn herum mit der Begründung „Wenn wir dir das überlassen, klappt es ja sowieso nicht!“. Wie soll er lernen, wie beweisen, dass er sich bemüht. Du bist nie pünktlich, Du machst das immer so und so…

Was machst du so? Zöllner – oha, diese Halsabschneider. So ist es Zachäus vielleicht ergangen. Vielleicht hat er immer schon für Arme Almosen gegeben, aber gesehen wurde nur, seine reiche Kleidung, sein großes Haus. Und dann kommt Jesus. Er schaut hoch und sieht Zachäus im Baum hängen. Ein lächerlicher Anblick: der kleine Mann im feinen Zwirn zwischen den Zweigen. Aber Jesus fällt kein Urteil. Er durchbricht so das Muster und befreit ihn aus dem Narrativ, das andere über ihn geschrieben haben – das auch ich weiter­geschrieben und erzählt habe in vielen Kindergottes­diensten.

Beim zweiten Hin­gucken erkenne ich eine andere oder eine zusätz­liche Dimen­sion dieser Heilsgeschichte. Heil geschieht, wenn Vorurteile überwunden, wenn Menschen aus Fest­legun­gen befreit werden. Dafür lohnt es sich, einen zweiten Blick zu wagen. Nicht nur auf Zachäus und seine Geschichte, auch auf die Menschen, denen wir begegnen, auf Sachverhalte, die wir glauben, ganz schnell einordnen zu können.

Wer mit Zachäus auf dem Baum klettert, kann viele Facetten von Heil entdecken. Lassen Sie uns solche Heilsgeschichten weitererzählen hinein in unseren Alltag. Dann wenn wir Schub­laden zu lassen, offen auf andere zugehen, genau hingucken, uns mit Wertschätzung begegnen. Weil wir wissen, dass wir bei Gott angesehen und wertgeschätzt sind. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unser Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.