Sichtweisen
Predigt zum 8. Sonntag nach Trinitatis
Bibeltext:
Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder. (Johannes9 1–7)
Predigt:
Liebe Gemeinde,
Jesus ging vorüber – so beginnt die Erzählung vom Blindgeborenen. Eine Geschichte en passant sozusagen. Jesus geht vorüber, aber er geht eben doch nicht vorbei. Denn er sieht. Er sieht den, der nichts sieht.
Und dann kommt sie auch schon, die Frage aller Fragen. Warum? Hier fragen die Jünger. Aber Menschen aller Zeiten haben im Anblick von Leid so gefragt; ich auch, sie sicher auch schon: Warum? Warum muss ich, warum muss diese oder jener leiden? Und hier eben: Warum ist dieser Mann krank? Hat er gesündigt? Eigentlich absurd, denn er es ist blind geboren, wie soll er schon davor schuldig geworden sein, so dass Gott ihn mit Blindheit geschlagen hat? Also: Wahrscheinlicher: Haben seine Eltern gesündigt? Hinter der Frage steht die Vorstellung: Wer leidet, muss etwas verbrochen haben, so dass Gott ihn straft. Alles andere wäre ja nicht gerecht. Man nennt das theologisch den Tun-Ergehens-Zusammenhang: So wie ich handle, ergeht es mir dann auch. Diese Vorstellung von Gottes vergeltender Gerechtigkeit gab es schon immer und sie wurde auch schon immer in Frage gestellt, denn sie hält der Realität nicht stand. Es ist ja nicht so, dass schlechte Menschen leiden und es guten gut geht. Das biblische Buch Hiob beschäftigt sich in aller Ausführlichkeit mit dieser Frage.
Und doch ist das Thema nie ausverhandelt. Es sitzt zu tief in uns Menschen: Die Vorstellung von der eigenen Schuld am Schicksal begegnet uns noch heute in verschiedenen Varianten und vielleicht ertappen wir uns auch selbst dabei: Wer keine Arbeitsstelle findet, müsste sich vielleicht ein bisschen mehr anstrengen. Wer krank wird, hat sich eventuell falsch ernährt, nicht genug bewegt, Vorsorgeuntersuchungen verpasst. Lungenkrebs zum Beispiel fordert die meisten Krebstoten, aber seine selteneren Formen sind am schlechtesten erforscht. Und ja, es gibt einen Zusammenhang mit dem Rauchen – manchmal zumindest. Die Schuldfrage wabbert doch immer wieder mit.
Umgekehrt ist ja auch richtig: Schuld kann krank machen. Sie kann einen Menschen seelisch zermürben und körperlich zeichnen. Sogar die Schuld der Eltern kann das Leben der Nachgeborenen überschatten und nachhaltig belasten. Es gibt viel gute Literatur über die Nachkriegsgeneration z.B., die diesen Zusammenhang aufgreift. Aber der Umkehrschluss ist eben nicht mehr stimmig: Weil Schuld krank machen kann, heißt es nicht, dass wer krank wird, schuldig geworden ist.
Wer hat gesündigt: er oder seine Eltern? Jesus sagt: „Weder noch. Vergesst die Schuldfrage! Sie führt nicht weiter, sie hilft niemandem, sie heilt nichts.“ Auch das eine Erfahrung, die ich in Seelsorgegesprächen immer mal wieder mache: Die Warum-Frage ist total verständlich. Sie kann, darf, muss gestellt werden. Aber wer sich auf Dauer in diese Frage verbeißt, verbittert oft. Erst wenn es Menschen gelingt, diese Frage loszulassen, öffnet sich ein neuer Blick, eine neue Sichtweise.
Und genau davon handelt die Geschichte. Es geht ja ums Sehen. Aber eben nicht nur um das Sehend Werden des einen, der für alle sichtbar blind ist. Sondern Blindheit hat viele Formen: der Mangel an Durchblick, an Weitsicht oder auch Nachsicht. Auch der Anspruch, allein den Überblick zu haben, kann eine Form von Blindheit sein. Wir alle haben unsere blinden Flecken, wer wüsste das nicht. Diese biblische Geschichte erzählt davon, dass den Jüngern, dass den Zuschauer:innen dieser Szene und auch uns – als zeitlich weit entfernten Zuschauer:innen – die Augen geöffnet werden sollen. Uns sollen die Augen geöffnet für das Handeln Gottes in dieser Welt. Und das bleibt uns ja oft genug verborgen.
Johannes nennt in seinem Evangelium die Wunder Jesu nicht Wunder, so wie Markus, Matthäus und Lukas das tun, sondern er benutzt das Wort „Zeichen“. Das wunderhafte Handeln Jesu soll etwas zeigen, etwas sichtbar und anschaulich machen. Es soll uns hinweisen auf Gottes Wirken in dem Leben anderer Menschen und in unserm eigenen. Es soll uns erhellen.
Jesus sagt von sich: „Ich bin das Licht der Welt“. Auch in diesem Gespräch mit den Jüngern, vor den Ohren des Blinden sagt er es wieder. Und er macht mit dem, was er sagt und tut, anschaulich, was das konkret bedeutet. Ich bin das Licht heißt: Jesus sieht – er sieht den Blinden. Er sieht den an, der allen Blicken ausgesetzt ist, ohne selbst sehen zu können. Den, der den Wertungen der andern ausgesetzt ist. Jesus sieht ihn – und zwar nicht behaftet mit einer möglichen Schuld, sondern allein in seiner Bedürftigkeit nach Heilung und Heil.
Dann hilft Jesus den Jüngern klarer zu sehen, hört ihre Fragen, nimmt sie auf, beleuchtet sie aber anders. Entscheidend finde ich dabei, dass Jesus die Dunkelheit nicht ausblendet. „Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“ Rätselhafter Satz und doch so wichtig. Seit Jesus in die Welt gekommen ist, leben wir nicht nonstop im Sonnenschein. Es gibt die Dunkelheit. Es gibt Krisen und Katastrophen in dieser Welt und im Leben von einzelnen und all das Leid und die Tränen, die das mit sich bringt. Es kommt die Nacht und Nacht ist, wenn niemand wirken kann. Tatsächlich beweist die Resilienzforschung, dass das Schlimmste für Menschen ist, wenn sie sich selbst als total ohnmächtig erfahren. Menschen, die auch im Leid noch irgendwie selbstwirksam bleiben, können sich besser wieder aufrichten als die, die sich völlig ausgeliefert fühlen. Es gibt solche finsteren Phasen – Jesus nimmt das ernst.
Und dann zeigt er durch das Wunder, dass er das Licht ist und wie: Jetzt wird es seltsam konkret. Die Jünger und wir dürfen ihm dabei zusehen, wie er aus Spucke und Erde einen Brei macht. In der Wortwahl knüpft Johannes an das Schöpfungshandeln Gottes an, der aus Erde den Menschen formt. Hier haben wir es mit dem allmächtigen Gott zu tun, der Neues wirken und schaffen kann.
Diesen Brei streicht er dem Blinden auf die Augen. Er berührt ihn, er berührt seinen wunden Punkt. Ich glaube, es ist ein menschliches Bedürfnis, unsere wunden Punkte, unsere Kränkungen und Verletzlichkeit möglichst vor anderen zu verbergen. Und doch haben wir die Sehnsucht nach einer behutsamen Hand, die die schmerzhaften Seiten unseres Lebens streichelt. Das führt Jesus hier vor.
Mit dem Blinden wird allerdings nicht nur irgendetwas gemacht. Jetzt muss er selbst aktiv werden. Geh! sagt Jesus und schickt ihn los. Dieser Gedanke wird nochmal extra hervorgehoben, weil der Teich, zu dem geschickt wird, einen bezeichnenden Namen hat: Er heißt „Siloah“ auf deutsch gesandt. Da sind wir wieder bei der Selbstwirksamkeit. Der Blinde muss – als Blinder, er hat ja noch den Brei vor den Augen – er muss selbst seinen Weg zum Teich finden, er muss sich waschen.
Wir beobachten hier ein göttlich-menschliches Zusammenwirken, bei dem die Verletzung gesehen und berührt und dann an die eigene Stärke des Menschen appelliert wird. So geschieht Heil, so wird der Blinde sehend.
In diesem Moment hat sich die Frage nach dem Leid verändert. Es geht nicht mehr darum: Warum hat mich das Leid getroffen? Sondern wohin führt es mich? Wie verändert es mich? Der Blinde geht seinen Weg. Er wird sehend. Menschen, die durch eine leidvolle Phase gehen, verändern sich. Sie sehen das Leben anders als vorher.
Der Blinde wird sehend. Aber was passiert mit denen, die das beobachten? Werden auch ihnen die Augen geöffnet? Im Johannesevangelium wird die Geschichte weiterzählt: Fünfmal so lange wie die eigentliche Heilung, von der wir gehört haben, ist der Nachhall. Da tauchen die Nachbarn auf, die sich nicht sicher sind, ob der Geheilte tatsächlich der Blindgeborene ist. Offensichtlich kann er nicht nur sehen, sondern sieht auch anders aus. Dann wird er vor die Pharisäer geführt, die sich darüber ereifern, dass die Heilung am Sabbat geschehen ist. Sie sehen nur eines, nämlich den Verstoß gegen das Sabbatgebot. Schließlich werden seine Eltern befragt, die sich vor den Pharisäern und dem Ausschluss aus der Synagoge fürchten. Und immer wieder muss der Geheilte selbst bezeugen, wie er sehend geworden ist und – das ist wohl die entscheidende Frage: ob er in Jesus Gott sieht. Zum Schluss taucht Jesus selbst noch einmal auf und bringt die Frage auf den Punkt: Wer bleibt blind und wer wird sehend?
Das ist die Frage, die die Geschichte auch an uns stellt. Kann sie uns die Augen öffnen für den, der von sich sagt. Ich bin das Licht der Welt? Wie ist das mit uns, wenn wir im Dunkeln stehen, wenn wir Leid erfahren, wenn wir die Orientierung verlieren? Fragen wir nach dem Warum oder nach dem Wohin? Und wohin wenden wir uns mit unseren Fragen? Zu dem, der von sich sagt: Ich bin das Licht?
Wenn wir hierher in die Kirche kommen, dann richten wir uns automatisch zum Licht aus. Unsere Kirchen sind so gebaut: nach Osten, zur aufgehenden Sonne hin. Und zwar um uns daran zu erinnern, dass Jesus von sich gesagt hat: Ich bin das Licht. Auch die Osterkerze, die in jedem Gottesdienst brennt, veranschaulicht das. Und die biblischen Geschichten, die wir hier gemeinsam hören, erzählen auf ganz unterschiedliche Weise davon, dass wir im göttlichen Licht unsere Realität in einem anderen Licht sehen können. Wir können Möglichkeiten erkennen, die außerhalb unseres eigenen Vermögens liegen. Der Raum dessen, was wir wahrnehmen können, weitet sich hier.
Gottesbegegnungen sind immer vorübergehend. So sagt es ja die Geschichte schon ganz am Anfang. Wir leben nicht einer fortdauernden spirituellen Ergriffenheit. Aber wenn wir gemeinsam Gottesdienst feiern, dann tun wir das in dem Vertrauen, dass Gott uns immer wieder die Augen öffnet für seine Wirklichkeit, für sein Reich, für das Heil, das er für uns bereithält. Der irische Schriftsteller C.S. Lewis hat es so auf den Punkt gebracht: „Ich glaube an Christus, wie ich daran glaube, dass die Sonne aufgegangen ist. Nicht nur, weil ich sie sehen kann, sondern weil ich durch sie alles andere sehen kann.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.