Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Zu jung, zu alt, zu doof …

Zu jung, zu alt, zu doof …

Predigt am 2. August
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

9. So. n. Trin., 2. August 2026

Predigt zu Jeremia 1, 4–10

Predigttext: Jeremia 1, 4–10

Und des HERRN Wort geschah zu mir: 5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. 6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. 7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. 9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. 10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

„Und des HERRN Wort geschah zu mir“ – so beginnt die kurze einprägsame Geschichte, die der große Prophet Jeremia am Anfang seines Buches von seiner Berufung erzählt. Von seiner Berufung zu einem der größten und zu Lebzeiten wohl auch unbeliebtesten Propheten im alten Israel. Ignoriert, lächerlich gemacht und angefeindet von seinen Zeitgenossen, weil er nicht lobte, sondern kritisierte. Nicht rosarot malte, nicht nach dem Mund redete, sondern wieder und wieder zur Umkehr rief. Zur Besinnung, zur Veränderung und zu Neuanfängen.

„Und dann hatte ich einen Traum“ – so erzählt es die Irin Zoë Daly in einem Youtube-Video und auf ihrer Homepage, auf die ich während meines Irland-Urlaubs stieß. Daly war studierte Informatikerin, arbeitete in Dublin in der Filmindustrie, hatte zwei kleine Töchter und eine Scheidung hinter sich, da träumte sie eines Nachts: von ihrer irischen Heimat mit grünen Wiesen und kleinen Waldstücken, von Schafherden, einer Wollspinnerei und einem Schafbauern.

Für ihre Lebensgeschichte, für ihre Mission ist es ihr wichtig, von den Anfängen zu erzählen. Wie alles begann. Mit einem Traum. Der sie in Unruhe versetzt, Fragen in ihr auslöste, sie auf den Weg schickte und eine entscheidende Lebenswende für sie einleitete.

Denn sie ging den Schafen, der Wolle, den alten stillgelegten Wollspinnereien in Irland nach, von denen sie geträumt hatte. Sie lernte Schafbauern kennen, erfuhr, wie wenig Geld sie für die Wolle ihrer Schafe bekommen, wie die irische Wolle exportiert wird, in Billiglohnländern zu Teppichen und minderwertigen Kleidungsstücken verarbeitet wird … Wie die Wollproduktion, die einmal der Stolz und ein Kennzeichen Irlands waren, zugrunde gegangen sind.

Seit ihrem Traum ist viel passiert: Zoë Daly hat einen Landwirt geheiratet und mit ihm eine Wollmarke gegründet. Sie haben ein Netzwerk von Schafbauern gegründet, zahlen höhere Preise für bessere einheimische Wolle, sind mit Strickerinnen vernetzt, welche die alten irischen Strickmuster kennen, haben alte Spinnereien wieder in Betrieb genommen und stellen hochwertige, nachhaltige Kleidungsstücke her.

Ein Weg der Veränderung, der Umkehr und Besinnung … auf alte Traditionen, nachhaltige Weidewirtschaft, hochwertige Wollproduktion, angemessene Löhne und sinnvolle Arbeitsplätze.

Wenn Menschen ungewöhnliche Lebensentscheidungen treffen, neue Wege einschlagen, gegen den Mainstream schwimmen – dann ist es für sie oft wichtig, die Anfänge festzuhalten. Sich an ihre Berufung, ihren Ruf oder ihre Vision zu erinnern. Im Großen wie im Kleinen, zu Jeremias Zeiten wie heute.

Warum zum Beispiel Eine damals, in den 60er Jahren alleine aus Deutschland in die USA auswanderte … Oder wie Einer dazu kam, aus der Reihe der Väter und Großväter auszuscheren und einen ganz anderen Beruf zu ergreifen … Wie ein Paar sich dazu entschloss, zu seinen leiblichen Kindern noch ein Pflegekind aufzunehmen … Warum sich ein angesehener Arzt zum Prädikanten ausbilden ließ, zu einem ehrenamtlichen Laienprediger in der evangelischen Kirche …

Ungewöhnliche, überraschende Lebenswendungen, eingeleitet weniger durch äußere Umstände oder Notwendigkeiten, als durch einen Ruf, einen Traum oder eine innere Stimme.

Manche unter uns mögen solche Lebenswendungen kennen. Wenn nicht aus dem eigenen Leben, dann aus dem von Verwandten, Freundinnen oder Bekannten. Im Großen wie im Kleinen, in beruflicher oder familiärer Hinsicht.

Dass noch einmal alles ganz anders wird. Dass etwas im Leben Gewicht und Gestalt bekommt, das vorher im Verborgenen lag, nicht gelebt wurde.

In diesem Sinne buchstabiert in unserem Predigttext auch der Prophet Jeremia seine Anfänge, seine Berufungsgeschichte nach. Er vergewissert sich seines Auftrags, erinnert sich an seinen Ruf. Weil damit sein Leben eine völlig neue Wendung nahm und er selbst eine neue Identität erhielt.

Jeremia hält den dreifachen Zuspruch Gottes fest, den er gehört und erfahren hat, der für ihn in seiner Lebenswende wahr wurde.

„Und des HERRN Wort geschah zu mir“, so beginnt Jeremia und erinnert dann als ersten Zuspruch Gottes den Satz: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest.“ (V. 5)

Die Erinnerung an die Anfänge des eigenen Lebens – und noch vor die eigenen Anfänge. Die Erinnerung an die eigene Mutter – und noch vor die Mutter. An die Beziehung zu Gott, die weiter zurück und tiefer reicht als die zu den Eltern.

„Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete“ – in diesem Satz die wichtige Botschaft: „Du bist mehr und anderes, als die Gene, die Wünsche, Prägungen und Geschichten deiner Eltern. Du darfst mehr und anders sein, als du jetzt bist oder denkst zu sein. Du bist nicht nur ein Kind deiner Eltern, deiner sozialen Schicht oder deiner Zeit.“

Oder wie es der libanesisch-amerikanische Dichter Khalil Gibran in seinem berühmten Text sagt:

„Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch. Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.“ (Khalil Gibran, Der Prophet, 1923)

Das ähnelt dem ersten Versprechen von Gott, das der Prophet Jeremia für sich festhält: Ich stehe in einer Beziehung zu Gott, die weiter zurück und tiefer reicht als die zu meiner Mutter. Es gibt eine oder einen, der mich ganz kennt – vielleicht besser als ich mich selbst. Gott, der mich liebte und Sehnsucht nach mir hatte, noch bevor ich zur Welt kam … Welch ein Willkommen, welch ein Segen für unsere Lebenswege!

Das zweite Versprechen Gottes, der zweite Zuspruch, an den Jeremia sich erinnert, ist der Satz: „Fürchte dich nicht!“ (V. 8) Einer der beliebtesten Sätze in der Bibel. Wieder und wieder wird er Menschen gesagt; wieder und wieder müssen Menschen ihn hören. „Fürchte dich nicht!“ Die Botschaft der Bibel kurzgefasst – „in a nutshell“.

Denn auch Jeremia fürchtet sich. Er fleht Gott an: „Ach, Herr Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“ (V. 6) Ich kann nicht, ich weiß nicht, ich bin nicht geeignet! Verschone mich.

Der Moment, wenn Menschen ahnen, dass eine große Veränderung für sie ansteht, dass sie eine Entscheidung treffen müssen, dass etwas von ihnen abhängt, sie etwas wagen müssen … Selten geschieht dies leichtfertig, nicht immer freudig. Öfters wohl mit Zweifeln und Zagen: Ach, Gott, ich weiß nicht. Ich bin zu jung, zu alt, zu schwach … Nimm jemand anderes! Lass diesen Kelch an mir vorübergehen! Lass mich in meinem gewohnten Leben!

Auch davon erzählt die irische Wollunternehmerin Zoë Daly, von der ich zu Beginn sprach: von den Ängsten, den Rückschlägen, dem Unverständnis der anderen und auch dem eigenen Misstrauen gegenüber der neuen Mission.

„Fürchte dich nicht!“, sagt Gott den Anfängerinnen und Zweiflern, den Schwachen und Suchenden. Ob sie zu früh ein Kind erwarten wie Maria, ob sie jung in eine Führungsposition aufsteigen wie Josua als Nachfolger von oder plötzlich von Gott reden sollen wie der Apostel Paulus …

„Fürchte dich nicht“, sagt Gott. „Du lebst nicht nur aus deiner, sondern vielmehr aus meiner Kraft.“

Und schließlich der dritte Zuspruch, den der Prophet Jeremia für sich erinnert: dass Gott ihm zugesagt habe, bei ihm zu sein. „Siehe, ich bin bei dir und will dich erretten.“ (V. 8) Gottes Versprechen, dass diejenigen, welche aufbrechen, umkehren und neu anfangen, nicht alleine gehen. Dass Gottes Segen auf den Worten und Werken liegt, in denen Menschen der Sehnsucht nach dem Leben folgen, den Träumen von der Zukunft. Dass Gottes Kraft in den Schwachen und Suchenden mächtig ist. Und er seine Gnade denen schenkt, die ihm vertrauen.

Jeremias Erinnerung an seine Berufung endet mit einem bemerkenswerten Satz. Gott habe ihm zugesagt: „Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“ (V. 10)

Zu beidem, zu vielem begabt Gott seine Menschen, beruft Gott uns wie Jeremia: dass wir im Sinne der Liebe, der Wahrheit und der Gerechtigkeit Gottes manches aus- oder einreißen, manches beenden mögen. Seien es ungute Gewohnheiten, Muster oder Überzeugungen in unserem persönlichen Leben oder lebensfeindliche Strukturen und Entscheidungen in unserer Gesellschaft. Und dass wir auch bauen und pflanzen sollen, neu anfangen.

Wer solches tut und wirklich Veränderungen einleitet, bekommt gewöhnlich mehr Widerstand als Applaus. Er oder sie ist nicht vor Zweifeln gefeit, ob sie es wohl schaffen wird, ob sie wohl auf dem richtigen Weg ist, ob er zu jung, zu alt oder ungeeignet ist …

Darum hilft uns die Geschichte von Jeremia: dass es selbst ihm, dem großen Propheten, nicht anders ging. Dass auch er die Fragen und die Furcht kannte, etwas Neues zu beginnen, dass er sich schwach und ungeeignet fühlte und Gottes Zusage brauchte: „Fürchte dich nicht!“

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.