Predigttext: Epheser 1, 3–14

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus. 4 Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten in der Liebe; 5 er hat uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, 6 zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten. 7 In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, 8 die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit. 9 Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluss, den er zuvor in Christus gefasst hatte, 10 um die Fülle der Zeiten heraufzuführen, auf dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist, durch ihn. 11 In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt, nach dem Ratschluss seines Willens, 12 damit wir zum Lob seiner Herrlichkeit leben, die wir zuvor auf Christus gehofft haben. 13 In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, nämlich das Evangelium von eurer Rettung – in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist, der verheißen ist, 14 welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung, dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Die Fragen nach dem Großen und Ganzen, nach dem berühmten „Sinn des Lebens“ – manchmal kommen sie ganz unschuldig und unverhofft daher. Wie auf der Fähre nach Dänemark, als ein kleiner Junge neben mir stand, sich am Geländer festhielt, nach unten in die grau-blauen Fluten schaute und seine Mutter fragte: „Und was war da vor dem Meer?“ Oder als meine kleine Enkeltochter auf die Aussage, dass ihr verstorbener Urgroßvater jetzt im Himmel sei, fragte: „Und wo im Himmel?“ Die großen Fragen, die manchmal gar nicht so leicht zu beantworten sind …

Unser Predigttext heute, der Anfang des Epheserbriefes – er gibt uns seine Antwort. Eine Antwort des Urchristentums auf die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält. Er antwortet darauf mit einem großen Gotteslob:

Gelobt sei Gott,
der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen
im Himmel durch Christus.
In ihm hat er uns erwählt,
ehe der Welt Grund gelegt war (V. 3+4)

Vor Beginn der Zeit, bevor es die Erde und die Meere gab, hat Gott uns Menschen gesegnet mit „allem geistlichen Segen“. Vor der Zeit, in der Ewigkeit, die unsere Zeit umspannt, hat Gott uns schon mit seinem Heiligen Geist und Segen bedacht.

In mir klingt bei diesen Worten das Weihnachtslied an „Ich steh an deiner Krippen hier“, in dem wir Christi Geburt besingen. Da formuliert Paul Gerhardt den gleichen Gedanken so:

„Eh ich durch deine Hand gemacht,
da hast du schon bei dir bedacht,
wie du mein wolltest werden.“ (EG 37, 2)

Diese innige, heilvolle Beziehung zwischen Gott und seinen Menschen – sie bildet für die Christinnen und Christen des Epheserbriefes den Grund des Lebens. Sie ist der Referenzrahmen für die Fragen nach Sinn und Zweck, Ethik und Glaube, Bestimmung oder Zukunft.

Gelobt sei Gott,
der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen
im Himmel durch Christus. (V. 3)

Dieser Segensraum unseres Lebens wird dann in den folgenden Strophen des großen Lobgesanges ausgemalt und ausbuchstabiert.

Beschrieben wird, wie sich der Segen Gottes des Vaters durch seinen Sohn für uns konkretisiert. Wie Jesus Christus der irdische Mittler des Segens ist und im Zentrum des Kraftfeldes steht, in das wir durch ihn hineingenommen sind:

In ihm hat Gott uns erwählt,
seine Kinder zu sein. (V. 4+5)
In ihm sind wir von den Mächten des Bösen befreit,
ist uns vergeben. (V. 7)
In ihm wissen wir die Geheimnisse Gottes. (V. 9)
In ihm sind wir als Erben eingesetzt (V. 11),
dass wir aus der Fülle des Segens leben
und Gott dafür danken. (V. 12+14)

Abstrakt mögen diese Bilder und Begriffe auf uns wirken. Fern der Fragen nach dem Sinn des Lebens, wie sie uns heute überfallen können, wenn wir denken an die Kriege, die weltweite Aufrüstung oder den Klimawandel, oder wenn wir miterleben, wie Menschen unter die Räder geraten oder Krankheit das Leben bedroht. Auf solche Fragen scheint das große Gotteslob des Epheserbriefes nicht unmittelbar zu antworten; mag die Vorstellung vom geistlichen Segensraum Gottes für uns nicht gleich zu greifen.

Ich denke, vielleicht geben uns die keltischen Christinnen und Christen des Mittelalters einen Schlüssel an die Hand, können uns mit ihren Traditionen und Vorstellungen eine Brücke bauen:

Für die Kelten war es Jesus Christus, der sie faszinierte und der sie für diesen neuen Gott einnahm, sodass sie Christen wurden. Ein Gott, der die Gestalt eines Menschen annimmt, um ihnen auf Erden nahe zu sein. Jesus Christus wollten sie folgen. Von ihm erwarteten sie auch den Schutz und die Stärke, die sie brauchten, um auf ihren rauen und gefährlichen Wanderungen, in ihren vielen Kämpfen zu bestehen.

Zu den bekanntesten Schutzgebeten der keltischen Christen gehören die „Circle Prayers“, die Kreisgebete. Wenn die keltischen Heiligen bedrängt oder angegriffen wurden, zogen sie in der Richtung des Sonnenumlaufs einen Kreis um sich herum, den sogenannten „Caim“. Sie machten sich auf diese Weise die Gegenwart Gottes bewusst. So, wie wohl auch die keltischen Steinkreise Sonnenkalender und Gottesraum in einem darstellen.

Eins der ältesten Kreisgebete, das bis heute bekannt ist, geht auf den Schutzheiligen Irlands zurück, auf Saint Patrick. Es wird bis heute als Segenswunsch gesprochen:

„Der Herr sei vor dir,
um dir den rechten Weg zu zeigen.

Der Herr sei neben dir,
um dich in die Arme zu schließen
und dich zu schützen.

Der Herr sei hinter dir, um dich zu bewahren
vor der Heimtücke böser Menschen.

Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen,
wenn du fällst, und dich aus der Schlinge zu ziehen.

Der Herr sei in dir, um dich zu trösten,
wenn du traurig bist.

Der Herr sei um dich herum,
um dich zu verteidigen,
wenn andere über dich herfallen.

Der Herr sei über dir, um dich zu segnen.

So segne dich der gütige Gott.“

„Der Herr“ – das ist der alte Titel für Jesus Christus, mit dem wir ihn auch in der Liturgie anrufen: „Kyrie eleison“.

Christus zu imaginieren und ihn anzurufen – ihn vor mich, neben mich, hinter mich, unter und über mich zu rufen – das ist nicht Aberglaube oder Magie. Sondern ein Gebet, mit dem man gedanklich einen Kreis um sich zieht, vielleicht sogar mit sichtbaren und spürbaren Gesten. Zeichen, die helfen, nicht nur mit dem Kopf und nur nach oben zu Gott hin zu beten, sondern auch mit dem Körper das Anliegen in alle Richtungen nachzuvollziehen.

Körperlich spüren zu können, was unseren Verstand übersteigt. Räumlich zu markieren, was geistlich und ewig ist: Gottes Segensraum, in den wir von Anbeginn gerufen sind. In dessen Mitte, an dessen Rändern Jesus Christus steht, der uns mit dem Heiligen Geist anrührt und uns Schutz schenkt, Trost und Frieden.

So, wie wir zum Segen einander die Hand auf den Kopf, die Schulter oder den Rücken legen, um Gottes heilsame Kraft deutlicher zu spüren, so kann ein „Circle Prayer“ helfen, uns die Gegenwart Gottes bewusst zu machen. Zum Beispiel vor einem schwierigen Gespräch, auf das wir uns innerlich vorbereiten, vor Aufgaben, die uns einschüchtern, oder in Gedanken, die uns bedrängen. Wenn man sich schutzlos fühlt, kann man im Gebet mit der Hand, in Gedanken oder Worten einen Kreis um sich schlagen. Um in uns wachzurufen und uns zu vergegenwärtigen: Wir stehen in Gottes Schutz- und Segensraum. Wir sind „in Christus“.

Für mich gehört diese Vorstellung vom „Raum“ Gottes, in den wir gestellt sind, zu den wesentlichen Einsichten der sogenannten Trinitätslehre. Erst die Dreifaltigkeit spannt einen heiligen Raum auf, der die Zweierbeziehungen von Vater und Sohn, Gott und Geist, Gott und Mensch weitet. Der den Glauben ermöglicht, dass wir uns im Kraftfeld der Liebe Gottes bewegen können, dass wir von Gott umgeben sind.

Geliebt von Gott, geschützt durch Jesus Christus, berührt vom Heiligen Geist. Von Anbeginn, wie es der Epheserbrief sagt, „gesegnet mit allem geistlichen Segen“ (V. 3).

Dieser Segensraum Gottes sei der Grund unserer Fragen. Er gebe uns den Halt, die Orientierung und Kraft, die wir zum Leben brauchen. Amen.

Predigttext: Ezechiel 37, 1-14

Die Lesung aus dem Alten Testament zugleich der Predigttext, ist eine Vision des Propheten Ezechiel.

Des HERRN Hand kam über mich, und er führte mich hinaus im Geist des HERRN und stellte mich mitten auf ein weites Feld; das lag voller Totengebeine. Und er führte mich überall hindurch. Und siehe, es lagen sehr viele Gebeine über das Feld hin, und siehe, sie waren ganz verdorrt. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: HERR, mein Gott, du weißt es. Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret des HERRN Wort! So spricht Gott der HERR zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet. Ich will euch Sehnen geben und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe euch mit Haut und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig werdet; und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin.

Und ich weissagte, wie mir befohlen war. Und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und siehe, es regte sich und die Gebeine rückten zusammen, Gebein zu Gebein. Und ich sah, und siehe, es wuchsen Sehnen und Fleisch darauf und sie wurden mit Haut überzogen; es war aber noch kein Odem in ihnen.

Und er sprach zu mir: Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott der HERR: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden! Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam der Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ein überaus großes Heer.

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns. Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels. Und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole. Und ich will meinen Odem in euch geben, dass ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen, und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der HERR.

Predigt:

Großes Kino, was uns Ezechiel da bietet. Wer ist das überhaupt dieser Prophet? Jesaja, hat man schon mal gehört und Jeremia, aber Ezechiel oder Hesekiel? Schon der Name – der übrigens „Gott möge kräftig machen“ bedeutet – also schon der Name ist schwer auszusprechen. Und schwer zu verdauen ist vieles, was in seinem Buch zu lesen ist: Entrück­ungen, apokalyptische Visionen, drastische Zeichen­handlungen werden von ihm berichtet. In der älteren Forschung hat man seinen Gemütszustand bisweilen als schizophren dia­gnostiziert. Also Ezechiel fällt schon mal aus der Rolle, aber solche Fern­diagnosen über die Jahrtausende finde ich dann doch ziemlich gewagt.

Also wer ist dieser Ezechiel und was hat er uns zu sagen?
Priester war er, so kann man nachlesen, und Angehöriger einer einflussreichen Jerusalemer Familie. 597 v. Chr., als das Groß­reich Babylon das schwache Israel erobert und die oberen Zehntausend (daher stammt übrigens diese Redewendung) ins Exil führt wird, ist er, Ezechiel, dabei. Er wird in die Exulanten­siedlung Tel Abib am großen Kanal in Babylonien verschleppt.

Das ist vermutlich, wie wenn man aus einer Harvestehuder Villa in eine Flüchtlingsunterkunft mit vielen anderen und ohne jede Privatsphäre verpflanzt wird, in einem Land, in der die eigene Sprache und Qualifikation nicht mehr zählt und man kein An­recht auf Mindestlohn hat, geschweige denn eine Arbeitser­laubnis. Dafür Zwangsarbeit leisten darf, und zwar in der Land­wirtschaft, so war das damals am Großen Kanal in Babylon.

In der Trostlosigkeit dieses Exils ergreift Gottes Geist unseren Ezechiel und lässt ihn Unglaubliches sehen. Vielleicht hatten Sie vorhin – bei der Lesung und der Musik innere Bilder vor Augen: Da ist ein riesiges Feld von Gebeinen, über das der Hauch des Todes weht. Grinsende Totenschädel, verstreute Knochen – soweit das Auge sehen kann. Eine Horrorvision.

Und doch gibt es solche Totenfelder ja leider ganz real. Es gibt sie die verdorrten Gebeine, die zurückbleiben auf den Flucht­routen durch die afrikanische Wüste, verzweifelte Menschen, die das Mittel­meer nie erreichen. Das Mittelmeer ist selbst ein Massen­grab geworden für Tausende Flüchtende jährlich. Und natürlich gibt es die Totenfelder auf den Kriegsschau­plätzen: Leichen auf den Straßen von Butscha, im Kibbuz Beeri, unter den Trümmern in Gaza.

Abgründe der Unmenschlichkeit werden uns da gezeigt und viele dieser verdorrten Gebeine werden vergessen oder bekommen im besten Fall ein Andenken gegen das Vergessen, rücken ein in die Erinnerungskultur. Manchmal mag es gelin­gen, dass Unrecht zur Sprache kommt, dokumentiert wird in Prozess­akten. Das macht die Toten allerdings nicht lebendig.

Meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? fragt Gott Ezechiel.
Meinst du wohl….
Meinst du, da geht noch was?
Meinst du, es gibt Hoffnung?
Meinen wir angesichts der Totenfelder, deren Andenken wir wahren oder die wir Menschen gerade ganz aktuell neu schaffen, meinen wir angesichts dessen, dass diese Welt noch zu retten ist? Was meinen Sie?

Die Horrorvision des Ezechiel ist auf jeden Fall nicht das Ende des Kapitels, sondern der Anfang. Da passiert etwas auf dem Totenfeld: Die Knochen rücken zusammen, sortieren sich, finden sich zu Körpern, Sehnen bilden sich, Fleisch und Muskeln, Haut umschließt sie, Haare wachsen, Gesichter werden erkennbar. Ein Wind hebt sich, ein Atmen, er bläst Leben in die verdorrten Körper.

Odem, Hauch, Wind, Atem, Geist – auf Hebräisch heißt all das Ruach. Und diese Ruach – sie ist tatsächlich weiblich – eine Geistkraft also eher, sie ist schon von Anfang an da. Schon als die Erde wüst und leer war, schwebt die Geistkraft Gottes über dem Wasser und wird kurz darauf dem Menschen als Leben eingehaucht.

Diese Geistkraft ist der zentrale Begriff der Vision und der Grund, warum wir sie inzwischen nicht mehr an Ostern, sondern an Pfingsten bepredigen. Es ist nicht wirklich eine Auf­erstehungsgeschichte, auch wenn sie auf den ersten Blick so daherkommt, sondern eine Geist-Geschichte. Im Gespräch mit seinem Propheten Ezechiel, den Gott diese Wandlung vom Horror zur Hoffnung schauen lässt, erklärt er zum Schluss, was da geschieht. Die Deutung wird also netterweise mitge­liefert:

„Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns.“

Die Israeliten befinden im Exil, ihr Land ist verwüstet, Jerusalem zerstört und das Volk sitzt an den Flüssen von Babylon und weint. Sie haben ihre Hoffnung verloren. Sie glauben nicht mehr an eine Rückkehr und Rettung, sie werden untergehen. Verdorrt, verloren, vorbei. Babylon hat Israel das Existenzrecht genommen.

Und dahinein sagt Gott: „Ich meine sehr wohl, das geht noch was.“
„Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels. Und ich will meinen Odem in euch geben, dass ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen. Ich rede es und tue es auch, spricht der HERR.“

Ein Hoffnungsbild für Israel und was für eines. Und Gott tut es! Er führt sein Volk heraus aus dem Exil, Jahrzehnte später unter dem Perserkönig Kyrus dürfen sie zurückkehren und bauen ihr Land wieder auf.

Und Jahrhunderte später kehren sie zurück aus den Gräbern und Gaskammern Deutschlands und Europas. Sie kehren zurück in diesen Landstrich und gründen den Staat Israel.

„Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr.“

Ich erinnere hier noch einmal an den Wochenspruch, denn ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich kann diese Worte vom Volk Israel, das Gott in sein Land setzen will, nicht lesen, und gleichzeitig ausblen­den, was gerade in diesem Land geschieht und welche Toten­felder dort neu entstanden sind und entstehen und welche Horrorvision dort gerade Realität wird.

Da sind die Bilder vom entsetzlichen Massaker am 7. Oktober und von der humanitären Katastrophe im Gazastreifen jetzt. Und wieder tun sich menschliche Abgründe auf und wieder schreien die Gebeine der Toten – und dabei ist es egal, ob sie auf Hebräisch oder Arabisch schreien.

Die Frage ist gleich:
Meinst du wohl….?
Meinst du wohl, da geht noch was?
Meinst du wohl da gibt es Hoffnung, Hoffnung auf Leben und Zukunft? Hoffnung auf den Wind, den Gott herbeiruft, auf den Geist? Auf eine Geistkraft, die für Frieden sorgen kann, für Verstän­digung zwischen den Sprachen, den Kulturen, den Völkern. Und dieses Fragen hinein hören wir heute die Geschichte von Pfingsten, vom Geist, der ausgegossen wird, und alle können sich verstehen und verständigen.
Meinst du wohl da geht noch was….?

So haben sich vermutlich auch die Jünger und Jüngerinnen damals in Jerusalem gefragt. Die ganze Stadt feiert ausgelassen das Schawuotfest und sie sitzen drinnen hinter verschlossenen Türen. Sie haben auch ein Totenfeld vor Augen, eine Schädelstätte, genannt Golgatha. Ein Kreuz und die ausgetrockneten Gebeine ihres geliebten Freundes. Ins Grab haben sie die gelegt. Und dann haben sie ihn wieder­gesehen irgendwie lebendig, aber nicht greifbar, bei ihnen, aber dann doch entrückt in den Himmel. Das alles ist so verwirrend, sie verstehen das nicht, können nicht damit um­gehen. Die Trauer lähmt sie noch immer, sie haben Angst, wissen nicht, wohin mit sich. So sitzen sie hinter verschlos­senen Türen, igeln sich ein, machen dicht.

Und dann passiert etwas: Dann wird der Wind herbeigerufen wie damals bei Ezechiel. Ein frischer Wind bläst durch das Haus, wie ein Brausen und Beben, so erzählt es die Pfingstgeschichte. Er öffnet die Fenster und Türen des Hauses und die Herzen der Jünger. Er treibt sie nach draußen. Er be-geistert sie. Sie sind Feuer und Flamme. Leben kommt in sie, mit diesem Hauch, Atmen, Wind, die Geistkraft bringt das Leben zurück und die Hoffnung.

Meinst du da geht noch was?
Meinst du es gibt Hoffnung für diese Welt?
Für den Nahen Osten, für die Ukraine, für diesen gebeutelten Planeten?
Nein, sagen sicher die Pessimisten.
Nein, sagen vielleicht auch die Realisten.
„HERR, mein Gott, du weißt es.“ – sagt Ezechiel
Und Gott sagt: Ja, da geht noch was. Mein Geist geht, er weht, er kommt. Er schafft neues Leben. Das ist die Hoffnung, die Pfingsten uns predigt.

Hoffnung auf Neuanfang, für den uns Gott die Kraft schenkt. Das heißt nicht, dass uns alles in den Schoß fällt. Als die Israeliten damals aus dem Exil heimkehrten, wich die Euphorie schnell der Ernüchterung. Sie kamen in eine zer­störtes Nachkriegsland, der Aufbau war mühsam und dauerte Jahrzehnte. Neuanfang ist mühsam. Als die Juden und Jüdinnen vor den Pogromen und aus den KZs nach Zion flüchteten, wurden sie nicht mit offenen Armen empfangen. Wie schwierig die Geschichte des Staates Israels ist, erleben wir ja gerade ganz aktuell. Neuanfang ist nicht ein Happy End, es ist eben ein Anfang. Aber dass es einen Anfang geben kann, wenn alles zuende scheint, Lebensodem, wo Todeshauch zu spüren war, das ist der Geist der Hoffnung, den wir heute an Pfingsten feiern.

Schließen möchte ich mit einem Text von Dietrich Bonhoeffer über diese Hoffnung:
„Mich beschäftigt die Behauptung“, schreibt Dietrich Bonhoeffer, „dass kein Mensch ohne Hoffnung leben kann, und dass Menschen, die wirklich alle Hoffnung verloren haben oft wild und böse werden. Es bleibt dabei offen, ob hier Hoffnung gleich Illusion ist. Gewiss ist auch die Bedeutung der Illusion für das Leben nicht zu unterschätzen; aber für Christen kann es sich doch wohl nur darum handeln, begründete Hoffnung zu haben. Und wenn schon die Illusion im Leben des Menschen eine so große Macht hat, dass sie das Leben in Gang hält, wie groß ist dann erst die Macht, die eine absolut begründete Hoffnung für das Leben hat und wie unbesiegbar ist so ein Leben.“ Amen.

Predigttext:

Jesus zeigt sich den Aposteln nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang und redete mit ihnen vom Reich Gottes. 4 Und als er mit ihnen beim Mahl war, befahl er ihnen, Jerusalem nicht zu verlassen, sondern zu warten auf die Verheißung des Vaters, die ihr – so sprach er – von mir gehört habt; 5 denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden nicht lange nach diesen Tagen. 6 Die nun zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen: Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel? 7 Er sprach aber zu ihnen: Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat; 8 aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde. 9 Und als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf, weg vor ihren Augen. 10 Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. 11 Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen. 

Predigt:

Als meine Oma starb, dachten alle, jetzt muss Opa ins Heim. Meine Oma hat immer alles gemacht. Klassische Rollenauf­teilung damals: Sie hat den Alltag organisiert, hat gekocht, Wäsche gewaschen, meinem Opa rausgelegt, was er morgens anziehen sollte, dass sie ihn nicht angezogen hat, war eigent­lich alles. Als sie weg war, war er total hilflos. Saß im Sessel und starrte auf das Sofa, wo sie immer gesessen hatte. Meine Eltern haben also nach einem Heimplatz gesucht, aber es gab lange Wartelisten. Dann haben sie versucht, eine Betreuerin zu engagieren, die ins Haus kommt, aber die fand man damals auch nicht so einfach.
Wir waren so damit be­schäftigt, eine Lösung zu finden, dass wir gar nicht mitbe­kommen haben, dass Opa irgendwann aufgestanden ist aus seinem Sessel. Einmal kam mein Vater zu ihm ins Haus und stellte fest: Alle Schranktüren standen offen: Küchenschränke, Kleider­schränke, Keller­schränke, alles. „Ich muss doch sehen können, wo was ist!“ war der Kommentar meines Opas. Seine Klamotten hatte er alle gefunden. Die Kombinationen, die er seitdem trug, waren seltsam, aber alles war am Mann: frische Socken, Hose, Hemd, Pulli. Und dann ließ er sich von meinem Vater erklären, wie die Wasch­maschine funktioniert. Im Küchen­schrank hatte er die alte Kladde mit Rezepten gefunden, hand­geschrieben von meiner Oma. Nachdem er eine gefühlte Ewig­keit nur von Käsebroten gelebt hatte, fing er mit Kartoffeln an. Die ersten waren total verkocht. Er aß sie trotzdem. „Gemüse“, sagte er, „ich muss lernen, Gemüse zu kochen. Sie hat immer gesagt, das brauchst du, das ist gesund“. Und er mühte sich mit seinen alten Händen, Karotten zu schälen. Schließlich kochte er sie einfach ungeschält, nur gut gewaschen, ging ja auch. Er ging zur Bank und ließ sich erklären, wie man eine Über­weisung ausfüllt und wie man an Bargeld kommt. Der Ange­stellte dort war wohl sehr freundlich und geduldig.

Irgendwann holte er beim Drogeriemarkt große blaue Säcke und packte nach und nach all die Kleider meine Großmutter hinein. Wir alle waren erstaunt, dass es ihm nicht schwerfiel, sich davon zu lösen. Er konnte also doch alleine. Und im Prinzip war er auch gar nicht ganz ohne seine Frau. Er sagte oft: „Sie hätte das so gemacht“, und machte es dann so. (Oder auch anders.) Er kam zurecht. Ein neuer Lebensabschnitt.

Die Himmelfahrtsgeschichte erzählt auch von einem neuen Abschnitt, einem neuen Lebensabschnitt für die Jüngerinnen und Jünger. Sie erzählt von Los-Lösung. Und auch davon, dass das nicht so einfach ist. Jesu Anhängerinnen und Anhänger stehen erstmal da und starren in den Himmel. Sie schauen Jesus hinterher und scheinen nicht so recht zu wissen, was sie tun sollen, obwohl doch alles ange­kündigt war. Aber ihr Alpha-Tier ist weg! er, dem sie nachge­folgt sind, der ihnen Gott und die Welt erklärt hat, der gesagt hat, wo’s langgeht, auch wenn dieser Weg manchmal schwer war. Sie haben ihm vertraut und jetzt ist er ver­schwunden.

Dem, was vergangen ist, hinterher zu starren, ist sehr mensch­lich. Vermutlich haben wir alle schon auf unterschiedliche Weise Abschied nehmen müssen von etwas, das uns wichtig war, von jemandem, der uns nahestand. Ein Mensch ist nicht mehr da oder anderes da, als er vorher da war: Kinder ziehen aus, der gemeinsame Alltag ist verschwunden. Eine Arbeitsstelle wird gekündigt und der tägliche Kontakt mit den Kolleg:innen entfällt. Ein Mensch wird dement und verändert seine Persönlichkeit. Ein Umzug nimmt uns die vertraute Umgebung, in der wir uns beheimatet fühlten. Trennung und Tod be­enden Beziehungen. Und wir reagieren dann mit Trauer, vielleicht auch mit Wut und Ent­täuschung. Mit Sehnsucht. Die Frage ist: Können wir uns lösen?

Manchmal schauen wir auch als Kirche oder als Gemeinde den (angeblich) guten, alten Zeiten hinterher, als die Stimme der Kirche noch gesellschaftlich relevant war, als noch viele Leute in den Gottesdienst kamen – auch wenn nicht wie heute drei Gemeinden zusammensitzen, als man noch nicht über Zu­sammenarbeit und Fusionen einzelner Gemeinden nachdenken musste, sondern darüber, wie man viele Kirchen baut, damit die Leute kurze Wege dorthin haben. Ja, vielleicht war das schön, als es noch selbstverständlich war, sich taufen, trauen und kirchlich beerdigen zu lassen. Kirche wird sich verändern. Da werden wir uns von einigem Liebgewonnenen lösen müssen. Das wird dann Neuem Platz machen. Wie das genau aussehen wird, keine Ahnung.

Bei den Gedanken an die Zukunft der Kirche oder auch unserer eigenen Zukunft stehen wir manchmal etwas verloren rum zwischen alter und neuer Zeit und wissen nicht so recht, wohin mit uns. Und halten dann fest an dem, was wir kennen.
Manche halten an ihren Vorstellungen fest, weil sie sich nichts anderes vorstellen können.
Manche halten Menschen fest, aus Angst, sie zu verlieren,
manche halten Ängste fest, weil die so schön vertraut sind,
manche halten am Stress fest, weil sie mit Muße gar nicht umgehen können,
manche halten daran fest, dass es ihnen schlecht geht, weil ihnen das Aufmerksamkeit und Zuwendung sichert.
Wir halten fest, um die Kontrolle zu behalten.

An etwas festzuhalten ist ja per se auch nicht schlecht. Nur, wenn das, was wir festhalten wollen, eigentlich schon längst weg ist, schon längst Vergangenheit, dann starren wir – wie die Jünger – ins Leere. Und dann brauchen wir jemanden, der – in weißen Gewändern oder auch nicht – daherkommt und sagt: Was steht ihr da unbeweglich rum und schaut zurück? Das Leben geht weiter!

Ich bin sicher, man braucht die Zeit zum Hinterherstarren und Trauern. Mein Opa brauchte das. Die Jünger auch. 40 Tage lang zeigt Jesus sich ihnen, redet mit ihnen, bereitet sie vor auf das, was kommt. Nach diesen symbolischen 40 Tagen erzählt Himmelfahrt dann vom Aufbruch. Jesus entzieht sich, und die Jünger:innen müssen los, müssen sich los-lösen.

Diese Himmelfahrtserzählung aus der Apostelgeschichte ver­spricht auch, dass sie die Kraft dazu haben werden. Es geht nicht nur um Los-Lösung, sondern auch um eine Art „Ab-Lösung“. Jesus geht, aber er lässt seine Anhänger:innen nicht allein zurück, er verheißt als Ab-Lösung den Heiligen Geist:

„Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen.“

Da kommt die Geschichte fast schon pfingstlich daher. Aus den Nachfolger:innen, die Jesus hinterherliefen, werden Zeug:innen, die von ihm erzählen – und zwar in Jerusalem und ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde. Das hat offensichtlich funktioniert, sonst würden wir hier in Hamburg nicht als christliche Gemeinden zusammensitzen.

Los-Lösung setzt Kräfte frei. Manchmal kommt einige Zeit nach der Trauer auch Erleichterung hoch. Oder zumindest ein neuer Freiraum, die Möglichkeit, etwas anders zu machen, anders zu werden. Mein Opa fing irgendwann an, mit Mais zu kochen. Das hatte meine Oma nie gemacht, kannte sie nicht, machte sie nicht. Diese Rezepte gab es nicht in ihrer Kladde. Aber in der Apo­theken­­rund­schau gab es sie, die hat mein Opa mitgenommen. Er hörte auch auf Hemden zu tragen, T-shirts fand er beque­mer. Er schlief morgens länger, ging abends später ins Bett. Er ver­änderte kleine Dinge und genoss es heimlich, auch wenn er das nicht zugeben wollte. In mancherlei Hinsicht war er freier.

Himmelfahrt ist ein Tag, der Freiraum verschaffen kann: Auch wir machen heute etwas anders, wir sitzen nicht drin, sondern draußen unter einem weiten Himmel. Da kann man die Gedanken vielleicht auch ein bisschen weiter schweifen lassen. Da könnte man mal überlegen, was man los­lassen kann, will, muss. Solche Gedanken macht man sich vermutlich nicht am Schreibtisch oder im Büro, auch nicht in dem Sessel, in den man sich immer fallen lässt und der sich schon der eigenen Form angepasst hat. Für neue Gedanken ist es gut, sich ein bisschen von den vertrauten Orten zu ent-rücken. Los-lassen hat ja auch immer mit sein-lassen zu tun, vielleicht auch mit ver-lassen werden, das ist nicht nur schön, da kommt auch Unangenehmes hoch. Und doch: Sich lösen kann auch ent-krampfen. Wir können uns an Himmelfahrt, das ja von einer Ent-rückung erzählt, auch ein bisschen aus unserem Alltag entrücken. Abstand von dem, was belastet, was uns bevorsteht, was im wahrsten Sinn des Wortes noch un-gelöst ist. Ein Tag, um Kraft zu sammeln für neue Wegabschnitte. Oder besser noch, um sich der Kraft zu vergewissern, die uns ja schon gegeben ist: die Kraft des Heiligen Geistes. Was Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern versprochen hat, das hat er ein-gelöst: Nach der Los-Lösung kommt die Ab-Lösung – der Heilige Geist. Das passende Fest, Pfingsten, werden wir in 10 Tagen feiern.

Aber Himmelfahrt gibt uns schon eine Vorahnung davon. Wir werden – wie die Jünger:innen – zu mündigen, selbst­ständigen Zeug:innen Jesu. Gott traut uns zu, dass wir das können. Dass wir nicht die Hoffnung verlieren angesichts der Krisen der Welt, der Kirche oder auch unseres eigenen Lebens. Natürlich sind wir von all dem nicht „völlig los-gelöst“. Wir leben unseren Alltag darin und damit. Und wir spüren die Trauer und den Schmerz wie andere auch. Aber über diesen Alltag mit seinen Krisen wölbt sich der Himmel. Ich glaube, das ist gemeint, wenn wir davon sprechen, dass Jesus uns er-löst. Dass wir dem allen eben nicht völlig ausgeliefert sind, sondern darauf vertrauen, dass die Kraft des Heiligen Geistes uns trösten und leiten wird. Mit diesem Versprechen schickt uns der Himmel­fahrtstag ins Freie und stellt unsere Füße auf weiten Raum.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

 

Pilgerreise

 

Alle Informationen zur nächsten Pilgerreise, die Pastorin Dr. Claudia Tietz und Hauptpastor Dr. Martin Vetter mit dem Veranstalter TOBIT anbieten, finden Sie im nebenstehenden Reiseprospekt!

Predigttext: Lukas 11, 5–13

Und Jesus sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.

9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. 11 Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? 12 Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? 13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten! 

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Ein Festtag ist dies heute! Feiern wir doch neben der Einführung von zwei Mitarbeiterinnen auch die Eröffnung einer kleinen Ausstellung. „Klein“, denn es handelt sich nur um wenige, dafür großformatige Bilder, die an den Seitenwänden im hinteren Teil des Kirchenschiffes bis Ende Mai zu sehen sind.

Bilder in Acrylfarbe, gemalt an der Nordsee und in Schleswig-Holstein. Sie zeigen das Meer und die Elbe, Wiesen und Weite und den Himmel. Er ist immer mit dabei.

Die Künstlerin Nina Catharina Nollen hat der Ausstellung den Titel gegeben: „Ich möchte nie ohne Himmel sein …“

Mal ist der Himmel im Hintergrund des Bildes zu sehen, bildet den Horizont, die Grenze der Landschaft. Mal spiegelt sich der Himmel im Wasser, ist sein Gegenüber. Mal steht der Himmel mit seinen Wolkenformationen und Farbspielen im Vordergrund, füllt das Bild fast ganz aus.

Nina Catharina Nollen hat schon viele verschiedene Dinge in ihrem Leben gemacht und ist erst relativ spät zum Malen gekommen. Aber dann hat es sie gepackt! Beim Malen, so sagt sie, kommt sie in Verbindung mit ihrer eigenen inneren Kraft und Kreativität – und auch mit ihrer Umgebung, der Außenwelt, die von einer anderen Kraft – ich würde sagen: von Gottes Kraft – mit durchdrungen ist.

„Ich möchte nie ohne Himmel sein“ – das könnte man in ihrem Fall also übersetzen mit: „Ich möchte nie ohne Beziehung zur schöpferischen Kraft sein“.

Der Sonntag Rogate – „Betet!“ – ist der Dritte in einer Reihe von österlichen Sonntagen, deren Namen zur Beziehungsaufnahme auffordern. Beziehung aufzunehmen, Verbindung zu suchen zum lebendigen, schöpferischen Geist Gottes, den das Leben aus der Auferstehungskraft Christi verleiht: Jubilate – „Freuet euch!“, Kantate – „Singt!“ und nun: Rogate – „Betet, bittet!“

Das Freuen, das Singen und das Beten als drei Weisen, nach Jesu Tod und Auferstehung in Kontakt zu treten mit Himmel und Erde, Gott und den Menschen. Das erschütternde Geschehen von Jesu Kreuzigung und dann seiner unfassbaren Auferweckung irgendwie zu verarbeiten. Damit umzugehen, dass Jesus nicht mehr hier auf der Erde lebt, wie er es zuvor tat, aber dennoch als Auferstandener gegenwärtig und erfahrbar ist. Den Jüngern damals in den 40 Tagen nach seiner Auferweckung noch so real und nah, dass sie ihn leibhaftig schauten.

Die Wochen nach Ostern als eine Zeit, uns für Gottes Gegenwart offenzuhalten und ihr anzunähern, obwohl diese seit Karfreitag und Ostern irgendwie in der Schwebe ist.

Wer schon einmal einen nahestehenden Menschen verloren hat, wird dies kennen: den Schwebezustand, die zunächst noch offene Wunde, vielleicht wie ein Taubheitsgefühl, eine Unsicherheit gegenüber dem Alltag und der Realität. Die Fragen nach dem eigenen Leben und nach Gott.

Die Namen der Sonntage nach Ostern kann man lesen als Hinweise zu den Wegen, auf denen wir – im Zyklus des Kirchenjahres gedacht – nach Jesu Abschied wieder Zugang zu unserer eigenen Lebendigkeit und Kreativität finden:

Jubilate – verbunden mit der Frage nach unseren Gefühlen, nach unserer Achtsamkeit und Empfindsamkeit: Worüber freue ich mich, noch oder wieder? Ist meine Freude eher laut oder eher leise? Wie kann ich meiner Freude Ausdruck verleihen?

Kantate – verbunden mit der Frage nach unserer Stimme, unseren inneren Klängen und unserer Phantasie: Was kann ich singen? Wie und wovon möchte ich singen oder summen oder pfeifen?

Und nun Rogate – die Frage nach meiner Kraft und Beharrlichkeit: Wie kann ich im Gebet bleiben – oder ins Beten kommen?

Aufmerksamkeit, Phantasie und Beharrlichkeit, die es für jeden kreativen Prozess braucht, sei es das Malen, Schreiben oder Musizieren. Sei es das Beten.

Ich führe zur Zeit Gespräche mit einer jungen Frau, die sich taufen lassen möchte. Sie ist in unserem Stadtteil aufgewachsen, kennt unsere Kirche vom Sehen, aber es gab in ihrer Familie keinen Impuls zur Taufe oder zur Konfirmation, zur Verbindung mit der Kirche. Als ich sie fragte, woher ihr Wunsch rühre, meinte sie ebenso kurz, wie für mich überraschend: „Ich habe gemerkt, dass Beten hilft.“

Auf Nachfrage meinte sie, Beten würde für sie im Alltag etwas verändern. Nicht dass alles genauso passiert, wie sie es sich wünsche. Aber es würde anderes passieren, das sei spannend! Und sie würde das, was geschieht, auch anders wahrnehmen, sich selbst, die Prüfungen, die fremde Stadt, in der sie studiert, die vielen neuen Leute. „Beten hilft mir!“

Ich verstehe sie so, dass sie sich durch ihre Zwiesprache mit Gott weniger allein fühlt, sondern geborgen und begleitet. Und dass das bewusste Gebet sie auch ihr Leben bewusster erfahren lässt, sie aufmerksamer, konzentrierter und irgendwie erwartungsvoller stimmt für das, was auf sie zukommt.

Im Grunde macht die Studentin ähnliche Erfahrungen, wie die, von denen der heutige Predigttext aus dem Lukas-Evangelium spricht. Die beiden Beispielerzählungen Jesu vom bittenden Freund und vom freundlichen Vater, in deren Mitte der eindrückliche Vers steht:

Bittet, so wird euch gegeben;
suchet, so werdet ihr finden;
klopfet an, so wird euch aufgetan.
(Lk 11, 9)

Nicht, dass der Studentin, dass uns genau das gegeben wird, worum wir bitten: weder eine bestimmte gute Note in der Klausur, noch unverwüstliche Gesundheit oder der Mann, die Frau unseres Lebens. Und doch kann uns gegeben werden, so wir bitten: Konzentration zum Lernen, Zuversicht in Heilung oder Offenheit für glückliche Begegnungen, Freundschaft und Anteilnahme.

Nicht, dass wir immer das finden, was wir suchen. Manchmal geht es beim Beten wohl eher darum, dass wir uns selbst ehrlich begegnen und uns selbst finden – oder uns von Gott finden lassen.

Nicht, dass uns immer die Türen und Ohren aufgetan werden, an die wir anklopfen, wo wir unbedingt gehört und gesehen werden möchten. Aber dass uns Gottes Ohren und Gottes Haus offenstehen, dass Menschen – vielleicht auch andere, als wir zunächst hofften – sich für uns öffnen. Dass auch wir selbst uns für andere, auch für Gott öffnen können …

Mit diesen Möglichkeiten zu rechnen, auf solche Erfahrungen zu setzen – dazu fordert Jesus uns auf. Dem zu vertrauen, was Gott uns Menschen verheißen hat: dass wir Kraft oder Hoffnung oder Liebe empfangen können, so wir darum bitten, danach suchen und fragen. Dass Gottes heiliger, Gottes schöpferischer Geist uns an Leib und Seele erneuern kann.

„Ich möchte nie ohne Himmel sein“ – das sagt Nina Catharina Nollen über ihr Malen, über ihre Suche nach ihrer schöpferischen Kraft. Und es könnte auch über unseren Versuchen stehen zu beten, über unserer Suche nach Kraft, Hoffnung und Liebe.

Der Himmel – als den wir Gottes Raum beschreiben, Gottes Herrlichkeit und heilige Geistkraft – ist da. Immer. Über jeder und jedem von uns.

Das hat der griechische Dichter Jannis Ritsos in einem wunderbaren kurzen Gedicht so ausgedrückt:

„Jeder Mensch hat einen Himmel über seiner Wunde
und einen kleinen gesetzwidrigen Frühlingszettel in seiner Tasche.“

Das Vertrauen, dass der Himmel da ist – auch über unseren Wunden. Und dass wir mit diesem himmlischen Raum in Beziehung treten können, zum Beispiel durchs Malen, zum Beispiel durchs Beten.

Der „kleine gesetzwidrige Frühlingszettel“, den wir in uns tragen, hält uns in Verbindung mit der Kraft, die von oben kommt, die heilt und versöhnt und inspiriert. Auf diesen „Frühlingszettel“, auf euer Herzensgebet, gebt gut Acht! Dass ihr bittet, sucht, klopft – und bleibt. In Beziehung zu Gott und eurer eigenen schöpferischen Kraft! Amen.

Predigttext:

Und ich sah, wie sich ein gläsernes Meer mit Feuer vermengte, und die den Sieg behalten hatten über das Tier und sein Bild und über die Zahl seines Namens, die standen an dem gläsernen Meer und hatten Gottes Harfen 3 und sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker. 4 Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine Urteile sind offenbar geworden. 

 

Predigt:

„Ein gewaltiges Bilderbuch aus biblischen Texten“ hat jemand mal die Offenbarung des Johannes genannt. (Mark Meinhard). Es ist ein rätselhaftes Buch mit starken einprägsamen Bildern, die sich auf uralten Gemälden genauso wiederfinden wie in aktuellen Filmen. Uns begegnet dort eine überwältigende Symbol­­welt mit 7 Schalen und 7 Posaunen, mit apokalyptischen Reitern, die Kriege, Teuerung und Tod bringen und für das Böse die Zahl 666, die bis heute im Satanismus eine Rolle spielt. Diese apokalyp­tischen Texte, die uns manchmal wirklich er­scheinen wie das sprich­wörtliche Buch mit den 7 Siegeln, eine Redewendung, die sich ja aus der Offen­barung selbst ableitet, ist geschrieben am Ende des 1. Jahr­hunderts, in einer Zeit der Not für die noch sehr junge Christen­heit. Die Anhänger:innen Jesu werden zunehmend verfolgt und getötet. (Dass es später noch schlimmer kommen sollte, weiß man da noch nicht).

Weil diese Weltuntergangsszenarien so anschaulich und ein­drücklich sind, übersieht und überliest man manchmal, dass die Offenbarung genauso starke Hoffnungsbilder malt: neuer Himmel und neue Erde, Gott bei den Menschen, er wischt ihre Tränen ab, und kein Leid und kein Geschrei und kein Schmerz wird mehr sein. Anklänge an das Paradies kann man dort zu­recht heraushören. Johannes schreibt das alles ja nicht, um seine Leserinnen und Leser zu gruseln oder zu verängstigen, sondern um ihnen Mut zu machen und sie zu trösten. Alles, was sie an Schlimmem erleben: die Verfolgung, die Kriegsgefahr, auch die Probleme in der Gemeinde – Irrlehren, soziale Unterschiede, Gleichgültigkeit – all das wird vorbeigehen. Es ist eine Zwischenphase, sie wird vorübergehen und dann bricht Gottes neue Welt an. Johannes malt Hoffnungsbilder und für uns heute singt er ein Hoffnungs­lied:

An einem gläsernen Meer aus Feuer stehen die, die den Sieg behalten haben, und machen Musik. Sie haben göttliche Harfen in den Händen und sie singen:

Groß und wunderbar sind deine Werke,
Herr, allmächtiger Gott!
Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker. 
Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen?
Denn du allein bist heilig!
Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine Urteile sind offenbar geworden. 

So klingt die Zukunftsmusik. Aber ganz neu ist sie nicht, im Gegen­teil sie verbindet Vergangenes mit Zukünftigem: Das Lied des Mose und das Lied des Lammes. Das Lied des Mose wird zunächst von seiner Schwester Miriam angestimmt, als die Israeliten vor dem Pharao fliehen und mit Gottes Hilfe durch das Meer entkommen, in dem die Ägypter ertrinken:
Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt.
Und – so heißt es weiter:
Damals sangen Mose und die Israeliten:
Ich will dem Herrn singen, denn er hat eine große Tat getan. Der Herr ist meine Stärke und mein Lobgesang und mein Heil.

Es ist ein Lied das von Befreiung singt. Diese Befreiung aus der Gefangenschaft und Unterdrückung in Ägypten wird ja oft als „Urknall“ der jüdischen Religion angesehen: Hier haben Menschen Gott er­fahren als den, der ihr Leid sieht, der sie heraus­holt, der sie beschützt und befreit. Und sie haben als Antwort ihr Loblied angestimmt.

In der Offenbarung ist es ein zweistimmiges Lied oder besser ein Lied mit zwei Strophen geworden, denn es mündet ein in das Lied des Lammes. Mit dem Lamm ist natürlich Jesus gemeint. Und zwar immer dann, wenn es darum geht, dass er uns von Sünden befreit: „Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt“ singen wir beim Abendmahl. Das Lamm – sie sehen es hier vorne ganz oben auch in einem der Kirchenfenster – trägt die Oster­fahne – rotes Kreuz auf weißem Grund – und verweist damit auch auf die Befreiung vom Tod durch die Auferstehung Jesu.

Das Lied, das hier angestimmt wird, besingt die Erfahrungen, die Menschen vor uns mit Gott gemacht haben – und die wir einst mit Gott machen werden, es verbindet Vergangenheit und Zukunft – aber beim Singen ist man, das weiß jeder, der oder die gerne singt, absolut in der Gegenwart, im Hier und Jetzt. Und ja: Singen kann befreien. Schon allein im körperlichen Sinne: Es schenkt uns Luft und weitet uns. Da ist nicht nur unser Kopf beteiligt, sondern unser ganzer Körper: die Lungen, das Zwerchfell, die Stimmbänder, der Mund. Gottes Gegenwart geht da durch Leib und Seele, und es ist gut, wenn wir das in Gottesdiensten beim Singen auch spüren.

Singen hat ja nicht nur mit Stimmen, sondern auch mit Stimmungen zu tun, und zwar ganz unterschiedlichen:
Wir haben das Bedürfnis zu singen, wenn wir fröhlich sind, dann ist es ein Ventil für die Freude oder den Übermut. Menschen singen, wenn sie verliebt sind, sonst gäbe es nicht unendlich viel Liebeslieder. Und natürlich auch, wenn sie traurig sind. Manchmal ist es leichter, die Schwermut in eine Melodie zu legen als in Worte. Gesungen wird schon auch immer auch gegen die Angst – notfalls hilft im dunklen Keller auch Pfeifen – und gegen den Schmerz: „Heile, heile Segen“ ist wohl eines der wirksamsten Schmerzmittel. Singen macht es leichter, mit überschwänglichen Gefühlen, egal welcher Colour umzugehen.
Das funktioniert auch ganz gut, wenn man alleine singt. Singt man mit mehreren, kommt noch das Gemeinschaftsgefühl hinzu. Gemeinsames Singen lehrt uns, aufeinander zu hören, uns miteinander einzustimmen und abzustimmen, Harmonie zu üben, die eigene Stimme einzuordnen in ein vielfältiges Ganzes, das nur gemeinsam gut klingt.

Jetzt habe ich ein Loblied auf das Singen gesungen, aber es gibt da auch einen Misston. Denn Musik ist zweideutig. Ich glaube nicht an das Sprichwort: „Wo man singt, da lass dich nieder, böse Menschen kennen keine Lieder.“ Natürlich kann Musik auch missbraucht werden und ist missbraucht worden. Es gibt sie doch die Hass- und Hetzlieder, die Feindbilder effektiv in den Herzen verwurzeln. Alte und neue Nazis waren und sind sich dieser Wirkung bewusst und haben sie gezielt eingesetzt. Tausende sind zu Marschklängen begeistert in den Krieg gezogen. Die Musik hat auch dabei gegen die Angst geholfen, nämlich gegen die Angst vor dem Tod und auch gegen die Angst vor der eigenen Grausamkeit. Es ist also wichtig, genau hinzuhören, was da gesungen wird.

Manch einer von Ihnen tut das auch bei unseren Gesangbuch­liedern. Und manchmal sind Sie dann vielleicht verwundert, was da so alles besungen wurde und wird. z.B. die Bitte an Gott: „Du musst uns rüsten mit Waffen aus der Höh“ und „Gib uns die scharf geschliffnen Waffen der ersten Christenheit.“ Natürlich sind da keine echten Waffen gemeint, aber diese Bild­sprache kann man schon kritisch sehen. In vielen Gesangbuch­strophen wird das Jammertal der Erde besungen, die Sehn­sucht nach dem süßen Jenseits, auch Satan und Höllenpfort, spielen eine große Rolle. „Er will das ich mich füge“ heißt es in einem bekannten Morgenlied, in dem Gläubige als Sklaven bezeichnet werden. Auch das kann man hinter­fragen.
Schon das Lied des Mose rühmt Gott dafür, dass die Ägypter im Meer elendiglich abgesoffen sind. In Martin Luthers Klassiker eine feste Burg (362), soll man nicht nur Gut und Ehre, sondern auch Weib und Kind, mal eben geschwind dahinfahren lassen. Paul Gerhard (17. Jh, 83) beschreibt in seinem Passionslied die Würgebank des Lämmleins, und Philipp Spitta (19. Jh, 137) lässt zu Pfingsten den Geist des Gehorsams und der Zucht besingen. Diese Sprache ist uns fremd geworden, die Vor­stel­lungen dahinter auch. Hier spiegelt sich die Frömmigkeit aus vorigen Jahrhunderten. Will ich das wirklich singen?
Dass diese Lieder in unserem Gesangbuch abgedruckt sind und weiterhin in unseren Gottesdiensten gesungen werden, stellt uns in unsere jahrhundertealte Tradition. Diese Lieder haben uns ­– neben den biblischen Texten – den Glauben über­liefert. Damit müssen wir, damit dürfen wir uns ausein­ander­setzen. Manchmal tut es gut, sich Worte von anderen zu leihen, die anders klingen, als das, was wir selbst formulieren könnten. Manchmal ist es richtig, den zeitlichen Abstand zu spüren, die Fremdheit und auch das Verbindende. Ich glaube, wir brauchen die alten und gute neue Lieder. Unser Kantate-Psalm – selbst ein uraltes Lied – fordert ja genau dazu auf: Singt dem Herrn ein neues Lied!
Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft wird in einen Vielklang gebracht, und sehr wahrscheinlich gibt es dabei auch mal Dis­sonanzen. Und doch stimmen wir immer wieder ein in diesen Lobgesang, der laut Bibel schon seit Ewigkeiten im Himmel gesungen wird und den wir einst am gläsernen Meer in Ewigkeiten singen werden. Und jetzt schon können wir erleben, dass man sich beim Singen über sich selbst hinausheben kann, man kann auch über das Düstere, das die Offenbarung ja wirklich zur Genüge beschreibt, hinaus­wachsen. Die da singen, sind nicht in den apokalyp­tischen Szenarien unter­gegangen, sondern befreit worden und singen nun dem ihr Loblied, der sie befreit hat.

Natürlich ist das alles ein Ausblick, ein Vor-klang sozusagen. Ich musste ehrlich gesagt erst einmal nachschauen, ob es das Wort „Vor-Klang“ überhaupt gibt. Im Duden nicht, aber im deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm wird es aufgeführt. Aber Sie wissen sicher sowieso, was ich meine: So wie es einen Vor-geschmack geben kann, so bekommen wir heute in diesem Text des Johannes einen Vor-klang auf das ewige Loblied. Und wir können diesen Vor-klang erahnen in jedem Loblied, das wir hier im Gottesdienst singen. In diesem Sinne: Kantate – Singt! Amen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott – und: „Jubilate!“ Freut euch!

Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch! (Phil 4, 4)

Dies ist der Tag, den der HERR macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein. (Ps 118, 24)

Über 200mal kommt der Begriff „Freude“ im Alten Testament vor und mehr als 100mal im Neuen Testament. Es ist die in der Bibel am häufigsten genannte Gefühlsregung – und zugleich das in der wissenschaftlichen Theologie exegetisch am seltensten untersuchte Gefühl.

Vielleicht, weil es banal wirkt – freuen kann sich jeder. Oder unspezifisch, denn anders als bei Trauer oder Klage wird oft nicht der Anlass genannt. Man kann sich einfach so freuen! Oder weil gerade uns Deutschen zu viel Heiterkeit schnell suspekt wird …

Und dabei sehnen sich doch die meisten Menschen nach Freude – oder in einem umfassenderen Sinn nach Glück. Unternehmen einiges, um dieses schönen Gefühls habhaft zu werden: Durch Einladungen und Feste, auf die wir uns freuen. Komödien oder Kabarett, wo wir uns kringeln vor Lachen. Oder auch durch Anteilnahme und Mitfreude an dem, worüber sich unsere Freunde, Partner und Kinder freuen.

So viele Möglichkeiten und Anlässe zur Freude – und trotzdem können wir oft den guten Mut verlieren.

„Musenküsse“ heißt ein kleines Büchlein, in dem ich manchmal blättere. Es handelt von den individuellen Strategien von Künstlern, jedem Tag ein Kunstwerk abzutrotzen. So turnte Kafka täglich nackt bei offenem Fenster. Friedrich Schiller ließ sich von Wein, Schokolade und dem Duft fauler Äpfel inspirieren. Toni Morrison schrieb gerne im frühen Morgengrauen. Und Glenn Gould ging nie vor fünf Uhr früh zu Bett.

Was, frage ich mich, hilft uns, damit wir uns täglich frohen Mutes einlassen auf den neuen Tag mit allem, was er bringen und fordern wird? Im Vertrauen, dass uns die nötige Kraft und Freude an den Dingen, die wir tun, zufließen werden.

Dass dies nicht selbstverständlich ist, was wir meistens unbewusst, routinemäßig vollziehen, weiß, wem das Zutrauen, die fraglose Lebensbejahung schon einmal abhandengekommen ist. Sei es durch Krankheit, den Verlust eines geliebten Menschen oder eine Lebenskrise. Für andere von außen nicht immer wahrnehmbar, für die Betreffenden aber von erschütternder Tragweite.

Einen guten, einen klugen, konstruktiven Umgang damit zu finden, dass wir uns nicht immer auf uns selbst, unsere Kraft und unseren Lebensmut verlassen können; dass wir nicht immer, wie Freud es formulierte, „Herr im eigenen Hause“ sind – einen Umgang damit zu finden, fällt vielen von uns nicht leicht.

Der Apostel Paulus kannte dies aus eigener Erfahrung gut. Selbst zu den Hoch-Zeiten seiner Schaffenskraft und Energie war er immer wieder großer Erschöpfung, Unsicherheit und Zweifeln ausgesetzt. Spürte er, wie in den Gemeinden, die er selbst gegründet hatte, der Rückhalt schwand, wie man sogar über ihn spottete. Sich über sein schwächlich wirkendes Äußeres mokierte, ihn als Redner wenig charismatisch, als Leitungsfigur nicht attraktiv fand.

Umso interessanter, woran Paulus, der ja Zugang sowohl zu Erfolg und Tatkraft, als auch zu Enttäuschung und Verzagtheit hatte, sich selbst hielt, um nicht den Mut zu verlieren.

Im 2. Brief an die Gemeinde in Korinth, unserem heutigen Predigttext, schreibt er:

Es geschieht alles um euretwillen, auf dass die Gnade durch viele wachse und so die Danksagung noch reicher werde. Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und große Herrlichkeit für uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig. (2. Kor 4, 15-18)

In einer für uns ungewohnten Sprache und Vorstellungswelt legt Paulus hier dar, welche Strategie er verfolgt, um den guten Mut, die Lebensfreude nicht zu verlieren.

Zunächst, wie eine kurze Hinführung, die Ansage: Was Gott tut, geschieht um euretwillen. Unter euch, unter uns Menschen soll Gottes Gnade wachsen. Wir sollen mit Gottes Gnade erfüllt werden, damit wir Gott danken, in einer guten – man könnte auch sagen: glücklichen oder fröhlichen – Beziehung zu Gott stehen und unser gottgeschenktes Leben bejahen.

Wie das gelingen kann, dazu unterscheidet Paulus zunächst zwischen dem äußeren Menschen, der sichtbar und vergänglich ist, und dem inneren Menschen, der Tag für Tag erneuert wird. Dann unterscheidet er zwischen dem, was für alle sichtbar ist, und dem, was sich nur denen erschließt, die auch auf das Unsichtbare schauen. Und schließlich stellt er das Zeitliche des Sichtbaren fest, während das Unsichtbare ewig sei. Er verweist auf die Nicht-Zeitlichkeit und Unsichtbarkeit der Ewigkeit, die wir in unserem alltäglichen Fühlen und Tun oft nicht mitdenken.

„Ewig“ ist für Paulus, was uns ahnen hilft, dass unser Leben, so wie es von Gott her gedacht ist, nicht aufgeht in dieser Welt, in unserem Alltag, wie er uns vor Augen steht. Sondern dass unser Leben immer auch geprägt und durchwirkt ist von dem, woher wir kommen und wohin wir gehen, worin wir unsichtbar tief gegründet sind. Was bei Gott – wie das Meer – ohne Anfang und Ende ist.

Auf das Unsichtbare sehen – das klingt wie ein Paradox. Wie ist das Unsichtbare zu sehen?

Ein Perspektivwechsel, zu dem uns Paulus aufruft, gerade dann, wenn unsere Kräfte zu schwinden drohen und wir nur mit dem allzu Sichtbaren und Vorherrschenden beschäftigt sind: Wollen wir es dann bei unserem Blick auf die Enttäuschung und Erschöpfung belassen, auf das Leiden an dem, was nicht glückt oder uns noch nie geglückt ist?

Oder gelingt es uns, trotz dem, was uns traurig stimmt, wovon wir erschöpft oder enttäuscht sind, auch einen Zugang zu dem zu finden, was ebenso Gültigkeit hat? In dessen Licht das, was uns jetzt matt und müde sein lässt, sein erschlagendes Gewicht und seine Düsternis verliert.

„Was auch kommen mag“, könnte Paulus sagen, „ich werde mich doch nicht mutlos und verzagt machen lassen. Als gäbe es nicht auch und genauso diese andere Dimension meines Lebens, auf die ich meine Hoffnung setze und aus der ich meine Kraft schöpfe.“

Wenn es gelingt, diesen Blickwechsel zu vollziehen und mit unserem inneren Blick auf das für die äußeren Augen Unsichtbare, Ewige zu sehen, was schon jetzt für unser Leben wirksam ist, dann kann sich heilsam relativieren, was sich mitunter raumgreifend in den Vordergrund spielt. Dann kann uns gelingen, dass wir uns wieder auf das fokussieren, was in Paulus‘ Sinn ewig ist, uns hält und trägt: die Liebe, die Allgegenwart Gottes, die unsichtbare Beziehung zwischen mir und der ewigen, immer neuen Schöpfungsmacht Gottes.

Und das mag – je nach Temperament – beruhigen und trösten oder Freude oder Jubel in uns wecken. Eine Widerstandskraft gegen die Kräfte der Dunkelheit – oder in Paulus‘ Worten: gegen das Zeitliche und sichtbare.

Die amerikanische Theologin Angela Gorrell hat an der Universität Yale zur „Theologie der Freude und des guten Lebens“ geforscht. Sie macht aus der biblischen Tradition heraus stark, dass Freude eine Ressource der Kraft sei. Und um diese Ressource zu erschließen, plädiert sie dafür, Freude als spirituelle Tugend zu üben. Sich an Schönes zu erinnern, sich in Dankbarkeit zu üben, Räume für Freude zu öffnen.
[Vgl. https://www.reflab.ch/freude-ein-akt-des-widerstandes/]

Für mich eine zeitgemäße Übertragung des paulinischen Perspektivwechels vom Äußeren auf das Innere, vom Sichtbaren auf das Unsichtbare. Freude – wie Glaube und Hoffnung – eine Widerstandskraft, eine Orientierung an dem unsichtbaren, ewigen Gnadengrund unseres Lebens.

Und darum, nicht nur heute: „Jubilate!“ – Freuet Euch! Amen.

Predigttext:

Hört mir zu! Ein Bauer ging aufs Feld, um zu säen.Während er die Körner auswarf, fiel ein Teil davon auf den Weg. Da kamen die Vögel und pickten sie auf. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde gab. Die Körner gingen schnell auf, weil sie nicht tief im Boden lagen.Aber als die Sonne hoch stand, wurden die Pflanzen verbrannt. Sie vertrockneten, weil sie keine tiefen Wurzeln hatten. Ein weiterer Teil fiel zwischen die Disteln. Die Disteln schossen hoch und erstickten die junge Saat. Deshalb brachten sie keinen Ertrag. Aber ein anderer Teil fiel auf guten Boden. Die Körner gingen auf, wuchsen heran und brachten Ertrag: Manche dreißigfach, andere sechzigfach, andere sogar hundertfach.« Und Jesus sagte:»Wer Ohren zum Hören hat, soll gut zuhören.«
Als Jesus allein mit ihnen war, fragten die Zwölf und seine anderen Begleiter ihn nach den Gleichnissen.
Und Jesus sagte zu seinen Jüngern: (…) Bauer sät das Wort Gottes aus. Ein Teil davon fällt auf den Weg. Er steht für die Menschen, die das Wort hören, wenn es gesät wird. Aber sofort kommt der Satan und nimmt das Wort wieder weg, das in sie hineingesät wurde. Ein anderer Teil fällt auf felsigen Boden. Er steht für die Menschen, die das Wort hörenund es sofort mit Freude annehmen. Aber es schlägt keine Wurzeln in ihnen, weil sie ihre Meinung schnell wieder ändern. Wenn ihnen das Wort Schwierigkeiten bringt, lassen sie sich sofort davon abbringen. Noch ein anderer Teil fällt zwischen die Disteln. Er steht für die Menschen, die das Wort zunächst hören. Aber dann kommen die Alltagssorgen oder die Gier nach irgendetwas anderem. Sie ersticken das Wort, und es bringt keinen Ertrag. Aber ein Teil wird auch auf guten Boden gesät. Er steht für die Menschen, die das Wort hören und aufnehmen. Bei ihnen bringt es viel Ertrag.

Predigt:

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
liebe Familien, Gäste und Gemeinde,

vermutlich sind heute einige hier, die von auswärts kommen, die extra angereist sind, um diesen großen Tag mit euch zu feiern. Vielleicht sind manche das erste Mal hier in Hamburg oder zumin­dest das erste Mal in dieser Kirche. Wer sich nicht aus­kennt, muss seinen Weg suchen, um richtig anzukommen. Das ist heute ziemlich einfach, man gibt sein Ziel bei google Maps oder in das Navi des Autos ein, lässt den eigenen Standort suchen und schon hat man eine schöne blaue Linie, der man hinterherlaufen oder fahren kann.

Um solche blauen Linien – oder vielleicht könnten man auch sagen: rote Fäden – geht es in der Konfirmandenzeit. Es geht um Orientierung: Um den eigenen Standpunkt und mögliche Ziele, es geht darum seinen Weg zu finden.

Wer seinen Weg finden will, muss erstmal wissen, wo er/wo sie gerade steht. Einen Standpunkt zu beziehen, liebe Konfirman­dinnen und Konfirmanden, das ist ja nicht nur eine geographi­sche Herausforderung, sondern viel anstrengender und auch spannender ist es, den persönlichen Standpunkt zu finden: Was ist dir wichtig? Wer bedeutet dir etwas? Wofür setzt du dich ein? Wer hier für sich Antworten weiß bzw. sie ernsthaft sucht, bei dem entwickeln sich Standpunkte. Und die brauche ich, um mich zurecht zu finden – in der Familie, in der Schule, im Freundes­kreis. Wo ergreift ihr Partei? Wo widersprecht ihr aus Überzeugung? Menschen brauchen Standpunkte, damit sie selber wissen, wo sie hingehören und andere wissen, woran sie bei ihnen sind.

Eure Konfirmation hat auch etwas mit einer Standort­be­stimmung zu tun. So frage ich euch nachher nach eurem Standpunkt, nach dem „Wo stehst du?“: Wollt ihr als Christinnen und Christen leben und mit zur evangelischen Gemeinde gehören? Damit ist gemeint: Wollt Ihr im Vertrauen auf die Liebe Gottes Euren Weg als Christinnen und Christen gehen? Wollt Ihr Euch im Sinne der Nächstenliebe für andere einsetzen, dass Ihr ein Spiegel dieser Liebe werdet? Wollt Ihr Euren Beitrag zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Welt leisten? Da ist Euer Standpunkt gefragt. Und wenn Ihr diese Fragen mit Ja beantwortet, dann legt Ihr euch fest: Hier stehe ich, dafür stehe ich ein.

Wer auf eine Navigationshilfe zurückgreift, der will ja nicht nur wissen, wo er/wo sie sich gerade befindet, sondern die Frage ist: „Wo will ich hin?“. Es ist nicht besonders schwer, mit einem Navi unsere Johanniskirche zu finden oder den Brunsberg bei Sprötze oder das Jugenheim im Plön, wo wir gemeinsame Wochenenden verbracht haben. Aber wenn es um den eigenen Lebensweg geht, da ist die Frage: „Wo willst du hin?“ kniffliger, übrigens nicht nur für Konfirman­dinnen und Konfirmanden. Haben wir da eine Peilung oder leben wir eher planlos in den Tag hinein? Es gibt für euch ja un­heimlich viele Mög­lichkeiten, euch auszupro­bie­­ren. Vielleicht mal für ein Jahr ins Ausland gehen, in einer Gastfamilie oder im Internat leben? Sozial­praktikum wählen, Betriebspraktikum oder wem „Zeit schenken“­, wie manche von euren Schulen das vorgeben. Und später stehen euch natürlich noch viel mehr Wege offen: Nach dem Schulabschluss erstmal ein gap year, einfach nur chillen, work und travel in Australien, au pair in Frankreich oder Freiwilliges Soziales Jahr in Kapstadt? Oder gleich in die Aus­bildung oder ins Studium?

Dass so viele Lebensentwürfe möglich sind, stellt Euch natür­lich vor die große Herausforderung, Ziele zu benennen, wahr­scheinlich gleich mehrere, kurz-, mittel und langfristige Ziele. Da geht es der einen um einen interessanten und vielleicht ja auch lukrativen Berufsweg, einem anderen um eine verlässlichen Lebens­partnerin oder darum, etwas Sinnvolles zu bewirken. Das macht jede und jeder anders – und das ist auch gut so. Manchmal verändern sich Ziele – auch das ist völlig normal. Wichtig ist aber, dass ihr euch selbst Ziele setzt. Es wäre zu schade, das eigene Leben ziel- und planlos dahinplätschern zu lassen.

Jetzt ging es um den Standpunkt und das Ziel. Bleibt die Frage, wie ich zuverlässig von A nach B komme. Heute hilft das Handy: Wenn der Punkt von der blauen Linie abkommt, dann liege ich eben falsch. Dann nehme ich einen Umweg oder muss umkehren. Früher hat man zur Orientierung Landkarten, Stadt­pläne oder auch einen Kompass benutzt.

Seit September 2022 haben wir euch eine Art Kompass vorge­stellt, der uns immer wieder Richtung gibt – nämlich Gott. Und die dazugehörige Landkarte – die Bibel mit ihren Geschichten über diesen Gott. Mit ihren Erzählungen darüber, wie wir gut mit anderen Menschen auskommen, wie wir ihnen mit Respekt und Wertschätzung begegnen, gerade wenn wir sie vielleicht nicht auf den ersten Blick mögen. Auch wie wir mit Fehlern und Schuld umgehen können – von anderen und auch von uns selbst. Wie Gerechtigkeit aussehen könnte und was Barmherzig sein bedeutet.

Manches in der Bibel oder am Glauben ist auch nicht so leicht zu verstehen. Mit manchen biblischen Worten und Geschichten ging es euch vermutlich wie mit den Samenkörnern, von dem wir vorhin gehört haben. Sie fallen auf fruchtbaren Boden – oder auch nicht. Manchmal ja, manchmal nein. Manches von dem, womit wir uns beschäftigt haben, hat euch angesprochen, mit manchem könnt ihr nicht so viel anfangen. Und vieles ver­steht man auch nicht gleich. Das ging ja selbst den engsten Freunden von Jesus so. Man sollte glauben, die sind Experten, aber sie müssen auch nachfragen, was das Gleichnis mit dem Samen bedeutet. Sie brauchen eine Erklärung und sie kriegen sie auch. Ich hoffe, dass wir euch in den letzten 1 1/2 Jahren manche Erklärung haben liefern können, und ich bin überzeugt, dass ihr euch vor allem auch gegenseitig Dinge verständlicher machen konntet.

Wichtig ist das, was im Gleichnis ganz zu Anfang steht: Hört mir zu! – damit beginnt es. Wer gar nicht zuhört, der oder die hat auch keine Chance, sich angesprochen zu fühlen. Dass ihr in den Konfirmandenunterricht gekommen seid, zeigt, dass ihr bereit wart zuzuhören, dass ihr etwas hören wolltet vom Glau­ben, von den christlichen Werten, vom dem, was Orien­tierung schenken kann. Und es ist völlig normal, dass nicht alles auf offen Ohren trifft, genau davon erzählt ja das Gleichnis. Aber das, was ankommt, das reicht. Das bringt genug Frucht, das ist die Bilanz des Gleichnisses. Die Jünger von Jesus haben auch oft nichts verstanden. Aber was sie kapiert haben, war, dass ihnen die Nähe Jesu, die Nähe Gottes guttut. Jesus hat seine Leute einmal gefragt, wo sie hingehen wollen, was ihr Ziel ist. Und Petrus hat darauf geantwortet:

„Wohin sollen wir denn gehen? Du hast Worte, die zum Leben führen!“

Ich hoffe, dass ihr das aus eurer Konfirmandenzeit mitnehmt. Da ist sicher nicht alles auf fruchtbaren Boden gefallen, aber das, was euch erreicht hat, das hat euch hoffentlich genug gegeben, damit ihr euch im Leben orientieren könnt. Es gibt in der Bibel viele Worte, die zum Leben führen, die ein guter Kompass sind. Und ihr alle habt euch mit eurem Konfirmations­spruch solche Worte selbst ausgesucht – als Begleiter für euren Weg: um euren Standort zu bestimmen, um euer Ziel zu wählen, um gut von A nach B zu kommen.

Ich habe euch alle gebeten, zu begründen, warum ihr gerade diesen Vers als Konfirmationsspruch ausgewählt habt. Eine hat geschrieben: „Ich wollte einen Konfirmationsspruch haben, der mich in meinem Leben begleitet. (…) Er gibt mir Vorgaben, wie ich mich richtig verhalten kann, um den richtigen Weg in mei­nem Leben zu finden.“ Ein anderer ganz ähnlich: „Mir gefällt dieser Spruch, weil mir Gott den Weg weist und weil es mir Selbst­vertrauen gibt.“ Es geht viel um Vertrauen in euren „Le­bens­­worten“. Mehrere haben geschrieben, dass ihr Vers davon spricht, dass sie Gott vertrauen können, dass Gott hilft, dass er immer an eurer Seite ist, dass ihr nie fürchten müsst, allein zu sein. Dass man, egal was man tut, von Gott beschützt wird. Oder Zitat: „Wenn ich traurig bin schaue ich mir den Vers an, weil ich weiß, dass es dort jemanden gibt, der mich versteht, der mich genauso gut kennt, wie ich mich selbst kenne, jemand, der mich in Höhen und Tiefen meines Lebens begleitet.“ Genauso hoffe ich, dass euch euer Vers immer eine gute Navi­gations­hilfe sein wird.

Und dann bekommt ihr heute noch zwei weitere Navigations­hilfen mit:

Eine Kerze, die ihr selbst gestaltet habt, und die euch hoffent­lich dann leuchtet, wenn ihr mal im Dunkeln tappt, damit ihr den Weg wieder klarer vor euch seht.

Und eine Kreuzkette. Das Kreuz ist das Symbol unseres Glaubens, insofern verweist es euch auf euren Standpunkt, darauf, dass ihr euch heute zum Christsein bekennt. Aber das Kreuz gibt mit seinen zwei Balken auch zwei Richtungen vor: Die Querbalken verweisen euch wie ausge­streckte Arme daran, dass ihr immer eine Gemeinschaft braucht: Menschen, mit denen ihr euer Leben teilt. Ihr braucht eurer Nächsten und sie brauchen euch. Und heute entscheidet ihr bewusst, Teil dieser Gemein­schaft, dieser Kirchengemeinde zu sein. Und der Längsbalken verweist euch an eure Verbindung nach oben, zu Gott. Wenn ihr euch in die Beziehung zu Gott und in die Beziehung zu anderen Menschen stellt, dann wird euch das Leben gelingen.

Und wenn doch etwas scheitert, dann denkt an den Sämann aus dem Gleichnis: Gott sät seinen Samen aus und ¾ davon geht ein. Macht nichts, der Rest reicht. Wenn das selbst bei Gott reicht, dann reicht das bei euch allemal. Wenn ihr also mal Schwierigkeiten habt, von A nach B zu kommen, wenn ihr euren Standpunkt verloren habt oder kein Ziel mehr vor Augen, dann denkt an den Psalm, den wir vorhin gesprochen haben:

„Zeige uns den Weg, den wir gehen sollen;

Lass uns erkennen, was gut ist für uns und für andere,

damit wir alle uns am Leben freuen können.“

 

Amen.

Gebet:

Dies ist der Tag, denn du Gott, für uns gemacht hast.
Damit hast du einen neuen Anfang gesetzt, wo sich alles im Kreis dreht.
Du hast vom Leben erzählt, wo alles an den Tod glaubt.
Du hast uns gefunden, wo wir steckengeblieben sind.
Lass uns aufstehen und das Leben suchen, das uns verloren ging.
Lass uns aufstehen und die Heiterkeit entdecken, die uns abhanden kam.
Lass uns aufstehen und die Liebe wiederbeleben, die wir haben erkalten lassen.
Gott, sei du mit uns, damit wir aufstehen mit dir. Amen.
(Aus: Feministische Predigtreihe, hg. von Sabine Väuerle ind Elisabeth Müller, Frankfurt/Berlin 1996-1997, S. 152)

Predigttext:

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe. (Johannes 20, 11–18)

 

Predigt:

Liebe Gemeinde,

heute feiern wir Ostern. Ein wunderbares Fest. Wir haben die schwere Passionszeit hinter uns, wir dürfen den Blick abwenden vom Leid und Schmerz und uns freuen, dass das Leben stärker ist als der Tod.
„Dass das Leben stärker ist als der Tod“ – Das klingt schon verdächtig nach Floskel.
Was heißt das eigentlich konkret: Leben stärker als der Tod.
Wie kann ich mir das vorstellen mit der Auferstehung?

Helfen mir die Bilder dabei, die andere sich gemacht haben?
Hier in unserer Kirche gibt es ein Osterbild: Jesus schwebt mit triumphierender Geste aus dem Grab. Ich gebe zu, ich kann damit wenig anfangen, und es erstaunt mich nicht, dass das Bild versteckt in der Sakristei hängt.
Helfen mir vielleicht eher die Geschichten dabei, die alten bibli­schen oder auch die neuen, aktuellen?
Es gibt eine Ostergeschichte, die mich schon immer ganz beson­ders angesprochen hat, weil es darin um das Angesprochen-Werden geht. Wir haben sie gerade gesungen gehört. Ostern liegt in unserem Predigttext heute eigentlich in einem einzigen kleinen Wort, ein Name nur, „Maria“.

Am Anfang steht die Trauer. Im nächtlichen Dunkel beginnt Marias Weg. Früh morgens macht sie sich auf zum Grab Jesu. So wie es Unzählige tun, die einen geliebten Menschen verloren haben: Am Grab suchen sie Trost in ihrem Schmerz, und im Erinnern ersehnen sie die Nähe des Verstorbenen. So möchte Maria dem verstorbe­nen Jesus nahe sein. Sie möchte festhalten, was er ihr bedeutet hat – er, der ihr einen neuen Lebensinhalt gegeben hat, er – der ihr Leben war. Das ist es ja eben: Sie und die anderen Jünger, sie trauern ja nicht nur um einen Menschen, den sie geliebt haben, sondern auch um das, wofür er stand. Für dieses Lebendig­machende, Verwandelnde, Hoffnungs­volle. Ihr Lebensentwurf ist mit ihm zerbrochen. Die Trauer ist doppelt tief und verzweifelt.

Auch wir trauern nicht nur um Menschen, sondern auch um ver­passte Mög­lichkeiten, um vertane Chancen, um Lebenswege, die wir nie gegangen sind. Manchmal trauern wir auch um den Menschen, der wir gerne wären und nie sein werden.

Maria stellt sich der Trauer: Sie geht zum Grab, sie weint, blickt ins Dunkle, sie weicht dem nicht aus, stellt sich dem Schmerz. Wer das tut, dem öffnen sich neue Lebensperspektiven. Maria sieht mehr als vorher, sie sieht die Engel. Das sind seit alters her Lebensboten. Und zur weinenden Maria sprechen sie. Sie sprechen so, dass sie sich umwendet. Wechselt sie dabei auch die Perspektive? Was sie nun sieht, ändert auf den ersten Blick gar nichts: Ein Gärtner. Der fragt das Naheliegende: Warum weinst du? Ein Gespräch mit einem Fremden. Aber plötzlich geschieht das Wunder. Völlig unerwartet. Bei diesem Unbekannten, den sie für den Gärtner hält. Auf einmal wird sie angesprochen: „Maria“. Das eine Wort ändert alles. Es ist nicht die Gestalt des Mannes – ein Unbekannter, ein Un-erkannter. Es ist nicht mal die Stimme. Nur WIE er sie anspricht. So hatte das nur Jesus getan. Niemand anders hatte sie so im Innersten berührt mit seinen Worten, niemand anders hatte ihr so viel gesagt, wenn er sie nur ansprach. Maria! Auf einmal erkennt sie das wieder. Kein Zweifel: Jesus ist es gewesen, der sie angesprochen hat. Und in dem gleichen ver­trauten Ton kann sie sagen: Rabbuni! Mein Meister! Das ist Ostern. Jesus, der Totgeglaubte lebt. Vertraute Worte, Worte, die Leben wecken. Nichts Spektakuläres. Weder das leere Grab, noch die Engel können den Osterglauben begründen. Für Maria ereignet sich Ostern ganz anders, nur in einem Wort. Und doch weiß sie: Jesus ist da, er lebt.

Und Jesus hält keine Vorträge, er erklärt nicht, was es auf sich hat mit der Auferstehung – das könnte keine Tränen trocknen. Er ist nur einfach da und spricht Maria mit ihrem Namen an. Das verwandelt Maria, so wie es auch andere verwandeln würde. Wenn jemand mich beim Namen nennt, mich ansieht, mich wirklich meint – das kann wie neues Leben sein. Ein Wort, das mich anrührt – das kann mich herausholen aus dem Dunkel, aus der Traurigkeit und zu neuem Leben wecken.

Marias Geschichte ist eine uralte Ostergeschichte, eine der ersten. Es gibt auch neue Ostergeschichten. Ich habe von einer Jugend­lichen gehört, die nicht mehr Teresa heißen will, sondern Nicki. Sie kann sich nicht festlegen, was sie/was er ist: Junge oder Mädchen. Nicki, das kann beides sein, das ist offen genug. Aber für ihre Eltern ist das unvorstellbar. Ihr Mädchen, ihre Tochter, ihre Teresa eben. So haben sie sie tausendmal genannt, so steht es in der Geburtsurkunde, auf dem silbernen Serviettenring, auf den Schul­zeug­nissen. So ist es in ihr Herz geschrieben. Aber Nickis Herz fühlt sich nicht als Teresa. Teresa, das war immer das falsche Leben. Das hat sie nicht gemeint oder nur einen kleinen Teil von ihm. Nicht genug. Die Jugendliche wird depressiv, auto­aggressiv, das ist nicht das Leben, das er will, das sie aushält. Der Vater sieht sein Kind leiden, er sieht die Striche an den Armen, wo es sich geritzt hat, die Narben, den Schmerz, er fühlt sich total hilflos. Also sucht er sich Hilfe, professionelle. Und irgendwann kann er verstehen, dass es einfach nur darum geht zu leben. Und dass sein Kind nur leben kann, wenn er sein darf, wie sie ist. An dem Abend klopft der Vater an die Tür des Kinderzimmers. Keine Reaktion, wie so oft. Und dann überwindet er sich, klopft noch einmal und ruft: Nicki? Da ist er der Name, der so viel mehr bedeutet. Die Tür öffnet sich langsam. Die Tür des Kinderzimmers, die Tür innerhalb der Familie, die Tür zu einem neuen Leben.

Angesprochen werden, als die, die wir sind. Eine Erfahrung, die wir alle machen können, sicher schon öfter gemacht haben. Unspektakulär eigentlich. Aber sie holt ins Leben. Das Wunder von Ostern ist kein fernes Ereignis der Vergangenheit und auch keines der fernen Zukunft. Es geht nicht um ein unver­ständ­liches magisches Ereignis, sondern um das Wunder des Leben-Dürfens, Leben-Könnens.

In Gottes Liebe, so erzählt Marias Geschichte, ist Jesus lebendig. Von ihm beim Namen genannt, finden Menschen neues Leben. Das ist Ostern, das kann auch heute geschehen. Manchmal ganz unerwartet: im Gespräch mit einem Unbekannten, in einer alltäg­lichen Begegnung oder in der Gemeinschaft der Gemeinde. Da können wir uns auf einmal angesprochen fühlen und wissen: Ich bin ganz persönlich gemeint. Ich, so wie ich bin, bin von Gott geliebt, von anderen geschätzt. Das verwandelt.

Maria jedenfalls hört auf zu weinen und sie will nach Jesus greifen. Sie will diesen beglückenden Moment festhalten. Sie will nach ihrem Glück greifen – und dann dieses abweisende: „Rühr mich nicht an!“ Der Auferstandene ist nicht zu fassen. Ostern ist nicht mit Händen zu greifen, nicht zu begreifen. Man kann solche Erfahrungen, wenn man sich plötzlich angesprochen fühlt – man kann diese Erfahrungen nicht festhalten – sie sind flüchtig wie das Glück.

„Rühr mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater.“ sagt Jesus. Noch nicht aufgefahren, aber auch nicht mehr ganz hier, zumindest nicht greifbar hier. Er ist nicht von dieser Welt, hinter dieser Wirklichkeit liegt eine andere. Zwei Wirklichkeiten: nicht mehr Tod, Verlorenheit, Verzweiflung, Einsamkeit, Schuld – aber auch noch nicht das andere. Das Neue ist erfahrbar, aber nicht festzuhalten; nicht ganz und doch ganz bestimmend, wenn man darauf vertraut.

Von Auferstehung spricht der Text überhaupt nicht. Das Wort kommt nicht vor. Die Geschichte spricht davon, dass wir im menschlich sichtbaren Jesus Gott erfahren können, dass beide Wirklichkeiten eins sind, dass wir in dieser Erfahrung das Leben haben, dem man vertrauen kann. Vielleicht spricht sie auch davon, dass der Kern unserer Wirklichkeit die Liebe ist, die sich im Glück des Augenblicks erleben lässt. Ein Moment des Glücks hebt ja die Zeit auf und ist insofern ewig und nicht dem Tod unterworfen. Es ist der Moment, wenn die beiden Wirklichkeiten eins werden, der Moment der Hingabe ans Leben. Man kann auch sagen: Es ist Gegenwart Gottes. So wie Maria sie erlebt.

Darin und daraus zu leben ist wunderbar. Solange wir leben, leben wir mit beiden Wirklichkeiten, der irdischen und der, die darüber hinausgeht. Und solange wir leben, wird die Einheit immer wieder zerfallen. Solange ist Wahrheit und Liebe zerbrechlich wie ein Spiegel, wie eine Wasseroberfläche, die man nicht berühren darf, weil sonst das Bild verschwimmt. Aber es ist die Wahrheit, die den Tod überwindet. Die Leben schenkt, das stärker ist als der Tod. In diesem Sinne: Frohe Ostern! Amen.

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

„Den Tod über- …“ Ich konnte den Titel zuerst gar nicht richtig lesen. Der Wind hatte mir eine Zeitungsseite vor die Füße geblasen. Darauf unten die Werbung für eine Neuerscheinung: Das Portrait eines weißhaarigen Mannes und neben ihm der Buchtitel, den ich dann ganz las:

„Den Tod überleben, wie geht das?“

Ich war auf dem Weg in die Diakoniestiftung Altenheim im Mittelweg. Ich dachte an die Bewohnerinnen im Rollstuhl, im Bett, teils sehr schwach, teils dement, teils pflegebedürftig …

„Den Tod überleben, wie geht das?“

Ich fragte mich, wollen sie das, will ich das? Möchte ich meinen eigenen Tod erleben und überleben? Wäre das eine schöne Vorstellung?

Der Autor des Buches, Wilhelm Schmid, nach eigenen Worten ein „Lebenskunstphilosoph“, schreibt, wir würden das in unserer Gesellschaft versuchen – den Tod zu überleben –, indem wir über ihn schwiegen. Indem wir ihn leugneten und so täten, als gäbe es ihn nicht. Jedenfalls nicht für uns selbst, jedenfalls nicht, solange wir am Leben sind.

Und dann geht Schmid der Frage nach, die Menschen schon immer umtreibt: Wohin gehen die Toten? Gibt es vielleicht ein Leben nach dem Tod? Wie wäre dies vorstellbar?

Unsere Tradition antwortet auf diese Fragen mit dem Tod und der Auferstehung von Jesus Christus. Aber ich würde sagen, sie antwortet nur zum Teil. So viel sie voraussetzt – den Glauben an Gottes Sohn, an seine Worte und Werke, seine Kreuzigung und Auferstehung – so viel lässt sie auch offen. Wie das Leben nach dem Tod ist, wo, wann und in welcher Gestalt die Toten leben, beantwortet sie nicht.

Aber dass es ein Leben nach dem Tod in der Auferstehung gibt, dass Jesus Christus uns in die Auferstehung vorangegangen ist – das ist eigentlich das Zentrum unseres Glaubens. Davon singen wir: „Wir wollen alle fröhlich sein …“

Die christliche Auferstehungshoffnung heißt nun jedoch gerade nicht: „den Tod überleben“!

Die Berichte der Evangelien lassen keinen Zweifel daran, dass Jesus wirklich litt und starb. Dass er tot war und bestattet wurde, wie Menschen zu allen Zeiten sterben. Auch von den Toten, die Jesus den biblischen Geschichten nach zu neuem Leben erweckte, wie Lazarus, heißt es, dass er wirklich, schon tagelang tot war. Schmerzen, Krankheit, Verfall und Tod werden nicht geleugnet.

Ich denke, hier liegt die Pointe des christlichen Glaubens: dass Leid und Kreuz nicht ausgespart oder übersprungen werden. Und die Auferstehung, das neue Leben hier einsetzt.

Manche Menschen, die große Krisen oder tiefe Trauer kennen, die um das Gefühl und den Zustand wissen: Es geht nicht mehr weiter. Es ist aus. Ich bin am Ende … Die den Tod im Leben erfahren haben, durch berufliches oder persönliches Scheitern, durch Flucht, durch Trennung oder den Tod naher Angehöriger – sie können auch erzählen, wie Auferstehung geschieht. Welche Anzeichen sie begleiten. Wie wir neues, von Grund auf verändertes Leben erfahren, eben weil das alte Leben, wie wir es kannten, zu Ende gegangen ist. Wie etwas Wesentliches von uns oder von dem, was zu uns gehörte, wirklich gestorben ist.

„Die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe.“ So setzt die Erzählung von der Schöpfung ein. Bevor Leben überhaupt entsteht, herrschen die Todesmächte Chaos und Finsternis.

Noah und seine Familie harren monatelang in der verschlossenen Arche aus. Tausende sind in den Fluten ertrunken. Die Zukunft ist ungewiss; was sie kannten, gibt es nicht mehr.

Und neben diesen beiden Geschichten haben wir heute zu Beginn in der Dunkelheit von dem Gräberfeld gehört, auf dem die Gebeine durch Gottes Geist wieder lebendig werden sollen.

Wie Auferstehung geschieht, ist ein Geheimnis. Wie das Licht in die Welt und in unser Leben kommt. Wann die Fluten abziehen, die das Leben bedrohen. Wodurch wir neue Kraft und Lebensmut bekommen – all das bleibt Gottes Geheimnis. Wir können nur staunend bemerken, dass neue Lebenskraft entsteht. Wie, wann, wodurch – oft wissen wir es nicht.

Ich denke an einen Freund, der nach einem schweren Schlaganfall wieder sprechen und gehen gelernt hat. Ich denke an eine Frau, deren erstes Kind an einem Herzfehler starb. Es dauerte Jahre, aber sie wurde wieder lebensfroh und bekam ein zweites Kind. Ich denke an die Frauen und Männer, die aus Syrien, dem Iran, der Ukraine zu uns kommen. Wie lange es oft dauert, bis für sie wirklich ein neues, gutes Leben beginnt! Aber es geschieht.

Menschen kommen aus Trauer, Erstarrung und Dunkelheit ins Leben. In ein anderes, verwandeltes Leben.

Auf Ikonen, wie sie in den orthodoxen Kirchen des Ostens verbreitet sind, wird der Ostermorgen traditionell anders dargestellt als bei uns im Westen. Jesus schiebt hier nicht einfach den Sargdeckel beiseite, steigt aus dem Sarkophag und schwenkt die Siegesfahne, als hätte er nur eine kurze Zeit geschlafen.

Die Auferstehungsikonen zeigen, wie Jesus die Toten aus dem Totenreich heraufführt. Er nimmt sie an die Hand und zieht sie aus der dunklen Unterwelt ans Licht. Auf die Erde, ins Leben.

Manchmal trägt Jesus ein weißes Gewand, manchmal hat er große Flügel. Oft steht er auf einem zerbrochenen Kreuz, die Folterwerkzeuge liegen verstreut. Sein Tod hat dem Tod die Macht genommen.

Denn so soll es nach Gottes Willen sein: dass wir leben und andere ins Leben ziehen. Dass wir auferstehen im Leben wie aus dem Tod. An der Hand unseren Herrn und Bruders Jesus Christus. Amen.