Predigttext: Lukas 16, 19–31

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. 20 Ein Armer aber mit Namen Lazarus lag vor seiner Tür, der war voll von Geschwüren 21 und begehrte sich zu sättigen von dem, was von des Reichen Tisch fiel, doch kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. 22 Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. 23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. 24 Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme. 25 Abraham aber sprach: Gedenke, Kind, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, du aber leidest Pein. 26 Und in all dem besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. 27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; 28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. 29 Abraham aber sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. 30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. 31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Liebe Gemeinde!

Es gibt Wohlfühlgeschichten und Lieblingstexte in der Bibel, wie das Hohelied der Liebe, manche Psalmen, Rettungs- oder Heilungsgeschichten, und es gibt Geschichten wie den heutigen Predigttext. Die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus, bei der einem ungemütlich werden kann.

Schon die Stichworte stechen uns: „Der reiche Mann“. Und wir wissen ja, dass wir in einem der reichsten Viertel in einer der reichsten Städte Europas leben. Dass unser Wohlstand zu Lasten anderer geht. Also ahnen wir auch, wo wir in der Geschichte wohl zu verorten sind…

Dann ist die Rede von der „Hölle“, die einem Angst machen kann, die Menschen jahrhundertelang geängstigt hat. Eine Vorstellung, die wir weitgehend abgelegt haben, und darauf sind wir auch irgendwie stolz.

Der altertümliche Ausdruck „Abrahams Schoß“ – und doch sehnen wir uns danach, wie nach den Engeln, die uns behüten und tragen mögen, nach Geborgenheit und Frieden, wenigstens im Tod.

Und schließlich die Weigerung von Abraham, die Brüder des Reichen durch Lazarus warnen zu lassen. Wie ungerecht ist das denn?!

Leicht gerät es uns mit dieser Geschichte so, dass wir uns angeklagt, abgelehnt oder ausgegrenzt fühlen, und dann drehen wir den Spieß sozusagen um und klagen die vermeintliche Ungerechtigkeit oder Lieblosigkeit der Geschichte an.

Ich will daher eingangs etwas tun, was man in einer Predigt eigentlich auf keinen Fall tun soll, nämlich sagen, worum es in Jesu Erzählung vom reichen Mann und armen Lazarus nicht geht.

Es ist keine Beispielgeschichte über Himmel und Hölle oder das Gericht. Von einem Gericht ist gar nicht die Rede, von der Hölle eigentlich auch nicht. Denn im griechischen Urtext steht dort „Hades“, also das Totenreich, von dem man in der hellenistischen Welt der Antike, zu der der Evangelist Lukas gehörte, mehr oder weniger konkrete Vorstellungen hatte – aber nicht die von Höllenfeuer und Paradiesgarten.

Es ist eher eine bildreiche, mythologisch aufgeladene, als eine ethische oder eschatologische Geschichte. Dafür spricht das Bild von Abraham, dem beispielhaften Gerechten und Urvater im Glauben, in dessen Schoß oder an dessen Seite nach jüdischer Vorstellung ein rettender Ehrenplatz war.

Der Text ist schließlich auch keine Lehrgeschichte über Reiche und Arme. Die Moral von der Geschichte, die Pointe lautet nicht: Reiche landen in der Hölle, Arme im Himmel. Die Erzählung geht ja weiter; sie endet nicht mit der erschreckenden Gegenüberstellung von Lazarus und dem reichen Mann im Jenseits.

In dieser ungemütlichen Geschichte geht es um anderes: Um Menschen und um Gott und um die Beziehung zwischen ihnen.

Zuerst kann einem auffallen, dass „der reiche Mann“ in der Geschichte keinen Namen hat, der arme Mann aber schon: „Lazarus“, das heißt „Gott hilft!“ So, wie es früher die Vornamen „Gotthelf“, „Gottlieb“ oder „Gottfried“ bei uns gab.

Für die Beziehung zwischen Gott und uns Menschen heißt das wohl, dass bei Gott auch die Menschen einen Namen haben, die in der Welt ohne Rang und Namen sind. Manche Namen kennen wir ja gut, auf manche Namen beziehen wir uns gerne, seien es Prominente aus Politik, Wirtschaft oder Kultur, Leute mit guten Verbindungen oder Einfluss. Menschen, unter deren Schutz oder in deren Glanz wir uns stellen möchten, von denen wir uns Unterstützung erhoffen. Der Arme dagegen setzt seine Hoffnung auf Gott: „Gott hilft!“ Sein, der Erzählung nach einziger, Gewährsmann ist Gott. Der wiederum kennt Lazarus beim Namen.

Dieser, mit Gott in einer Beziehung stehende Mensch wird von Engeln in Abrahams Schoß getragen. Denn wo die eigene Kraft nicht ausreicht und die Nächsten fehlen, da – so erzählt es die Bibel immer wieder – sendet Gott seine Engel. Zu dem unerwartet schwangeren, unverheirateten Mädchen Maria, zu dem lebensmüden, ausgelaugten Propheten Elia wie zu dem im Dreck sterbenden Lazarus. Der Reiche mag das eher weniger kennen, dass die eigene Kraft, das Geld oder die Beziehungen nicht reichen, um sich selbst zu helfen, und sich stattdessen auf Engel zu verlassen.

Der Reiche stirbt nun auch, aber er sieht Abraham und Lazarus im Totenreich nur von Ferne. Er ist von dem Ort des Friedens und der Gottesnähe weit entfernt. Das quält ihn. Nun will er, dass Abraham Lazarus zu ihm schickt, damit der ihm die Zunge mit Wasser kühlt. Wie selbstverständlich geht er davon aus, dass der Arme ihm zu Diensten sein müsste. Er beherrscht auch die Spielregeln der Mächtigen, wendet sich direkt an die höchste Ebene: Vater Abraham soll Lazarus wie einen Sklaven zu ihm schicken.

Der Reiche, der sich zu Lebzeiten nicht um den Mann gekümmert hat, der krank, hungrig und obdachlos vor seiner Tür lag, dem er noch nicht einmal seine Essensreste überlassen wollte, meint noch immer, es gehe nach seinem Wunsch. Es gibt, wie Abraham nüchtern bemerkt, „zwischen uns und euch eine große Kluft“ (V. 26)

Ich glaube, diese Kluft kennen wir. Sie tut sich nicht erst nach dem Tod, im Jenseits oder beim Letzten Gericht auf. Es gibt diese himmelschreiende Kluft zwischen Reichtum und Armut auf der Erde und in schwächerer Form auch in unserer Stadt.

Aber es gibt daneben noch eine weitere erschütternde Kluft zwischen Menschen, die ihre Hoffnung auf Gott und ihre Nächsten setzen, und Menschen, deren Herz allein an ihrem Hab und Gut, ihrem Tisch, Haus und Beruf, ihrer eigenen Kraft und Gesundheit hängt. Es gibt eine riesige Kluft zwischen Menschen, die auch für andere oder nur für sich selbst leben. Und meistens spüren wir schon im Gespräch, noch bevor es um Taten geht, mit welcher Sorte Menschen wir es zu tun haben. Daran, wie jemand zuhört, ob er sich in andere hineinversetzen und mitfühlen kann, ob sie das Wohl von anderen im Blick hat…

Unendlich schwer fällt es dem reichen Mann in der Geschichte, von sich selbst abzusehen. Noch im Tod schielt er auf das, was er auch gerne hätte: Engel, Geborgenheit, Erleichterung… Mit Mühe lenkt er seine Gedanken schließlich auf seine Brüder als seine engsten Verwandten: Diese Fünf mögen doch gewarnt werden, indem Abraham den Lazarus auferstehen lässt und als Boten zu ihnen schickt!

Auf dieses letzte Ansinnen der Indienstnahme des Armen für die Rettung der eigenen Familie antwortet Abraham – und darin stecken wahrscheinlich Jesu eigene Gedanken: „Wer Mose – also das Gesetz – und die Propheten nicht hört, lässt sich auch nicht überzeugen, wenn jemand von den Toten aufersteht.“ (V. 31)

Denn ihr wisst, wir wissen ja, was uns im Alten wie im Neuen Testament gesagt ist: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (vgl. 3. Mose 19, 18; Lk 10, 27)

Das ist die Botschaft, die wir hören sollen, die Pointe der Geschichte, die Gott uns durch seine Propheten immer wieder gesagt hat, für die Gott schließlich in seinem Sohn selbst zu uns gekommen ist. Die Grundlage jeder Gottesbeziehung, die sich nicht an arm und reich entscheidet und auch nicht erst im Tod, sondern jetzt, im Leben: Der Liebe Raum zu geben, Kraft, Gedanken und Vermögen – der Liebe zu Gott, zu unseren Nächsten und zu uns selbst.

„Was für ein Mensch möchtest du sein?“ hat die Rednerin Aster Obereit bei der Antirassismus-Veranstaltung „Speech&Sound“ am Donnerstag im Gemeindesaal gefragt. Gott stellt uns diese Frage auch, damit wir – auch durch ungemütliche Geschichten wie den heutigen Predigttext – uns erkennen und uns entscheiden, was für ein Mensch wir sein möchten.

Nur dass dies im Glauben nicht beliebig ist und nicht allein bei uns liegt, sondern Gott sich von uns eine bestimmte Entscheidung, ein bestimmtes Menschsein wünscht: Dass wir zu Menschen werden, die ihn und die er mit Namen kennt. Dass wir dann und wann von unseren eigenen Sicherungssystemen absehen und uns wie von Engeln tragen lassen. Dass wir möglichst mehr als bloß unsere Reste mit anderen teilen und in unseren Nächsten nicht Sklaven und Dienerinnen sehen, sondern Bilder Gottes, unsere Geschwister.

Auch Lazarus sei dabei. „Gott hilf!“ uns allen. Amen.

Stimmen von Pflegekräften

Exemplarischer Dienstreport auf der Intensivstation:
In der Regel beginnt der Dienst mit einer ärztlichen Übergabe an uns Pflegekräfte. Wir bemühen uns um eine faire Verteilung der Patienten, aber allen ist klar, dass das Arbeitspensum für keinen zu schaffen ist, jedenfalls nicht unter Einhaltung der Qualitätsstandards. Die Station alarmiert ununterbrochen. Vitalwerte oder Beatmungsparameter liegen außerhalb der siche­ren Grenzfelder, Dialysen melden Druckalarm und drohen stehen zu bleiben, Medikamenten- & Ernährungspumpen laufen leer. Kollegen brauchen Hilfe. Die brauchen wir alle. Es kann nur ver­zögert auch auf überlebenswichtige Alarme, wie ein Lösen des Patienten vom Beatmungsgerät, reagiert werden. Viele Patienten äußern Ängste. Zu recht. Die gesamte Kulisse wirkt bedrohlich, die Lautstärke, die Unruhe, die Erkrankung an sich, welche zur Intensivpflichtigkeit geführt hat.
Ich versuche die wichtigsten Tätigkeiten bis zum Dienstende zu erledigen. Es braucht viel Zeit, die gesamte Intensivmaschinerie mit Beatmung, Medikation und Dialysen überhaupt am Laufen zu halten. Zu pflegerischen Tätigkeiten wie sorgsamer Körper­pfle­ge, Mobilisation, Reorientierung und Wahrnehmungs­förderung kommt man nur sehr selten. Ich bin schon dankbar, wenn sich der Zustand meiner Patienten während meiner Schicht nicht gra­vierend verschlechtert hat, ich außerdem alle Medikamente mit weniger als einer Stunde Verzögerungszeit verabreichen konnte. Wenn ich die Patienten ohne Eigenmotorik alle 4 Stunden gela­gert habe und zur Übergabe an die nächste Schicht keiner in Blutlachen oder Exkrementen liegt. Mehr als die absolute Notver­sor­gung ist derzeit kaum möglich. Um nicht komplett frustriert zu sein, muss man seinen Eigenanspruch stark drosseln. Die Stim­mung auf Station ist schnell angespannt, da jeder regelmäßig an die Grenze des Schaffbaren stößt.

Das Wasser geht mir bis zum Hals. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist. (Aus Psalm 69)

Während der ersten Covidwelle hatten wir ad hoc ein völlig neues Fachgebiet. Nicht nur, dass wir uns mit einem Virus auseinandersetzten mussten, von dem wir wussten, dass wir nichts wussten. Sondern auch plötzlich mit hämato-onklogischen Patient:innen und KMT-Patient:innen. Bitte was?! Ein Monat ohne fachspezifische Unterstützung, zwei Assistenzärzt:innen reichen aus. Es sind zu viele Pflegekräfte krank. Doch es heißt: „Ihr schafft das schon.“ Erst nach einem Monat kam dann Hilfe. Endlich. Fachliche Hilfe, personelle Hilfe. Hilfe von der Führungs­ebene? Nein. Supervision und psychologische Begleitung? Fehlanzeige.

Ich warte, ob jemand Mitleid habe – aber da ist niemand, und auf Tröster, aber ich finde keine. (aus Psalm 69)

Eine ältere Dame (Heimbewohnerin, beginnende Demenz) liegt im Isolationszimmer mit einer bakteriellen Darminfektion. Sie hat Angst. Noch versteht sie, warum sie im Krankenhaus ist. Aber sie versteht nicht immer, was wir sagen. Die Wörter machen ihr Angst. Ständig kommt jemand rein und rennt dann gleich wieder raus. Sie würde gerne telefonieren. Mit ihrer Tochter. Aber wie geht das nochmal mit diesem Fernseher mit dem man auch tele­fonieren kann? Sie traut sich nicht zu fragen. Sie hat auch bereits seit 1 Uhr unter sich gelassen und liegt in ihren Exkrementen. Ihr ist das so peinlich. Sie war immer sehr gepflegt und hat viel auf ihr Äußeres geachtet. Aber selbst, wenn sie was sagen würde – wer hätte schon Zeit, ihr die Bedienung des Telefons zu erklären und sie zu säubern. Wer hätte schon Zeit, 1x pro Stunde die Schutz­hose zu wechseln? Behutsam, achtsam, würdevoll. Die Haut ist mittlerweile schon ganz rot und brennt wie Feuer. Die Dame schließt bei der Intimpflege vor Schmerz die Augen. Sie ist es gewohnt, nicht zu klagen. Am Ende der Schicht lächelt sie mich an und sagt „Gehen Sie nach Hause, mein Liebes. Sie sehen so müde aus.“ Ich schaffe es gerade noch aus dem Zimmer, bevor ich anfange zu weinen. Ich schäme mich.

Die Schmach bricht mir mein Herz und macht mich krank. (Aus Psalm 69)

Die Kolleginnen und Kollegen in der Pflege sind oft ausgebrannt. Man denkt da zuerst an Überarbeitung: körperlich, geistig, emo­tio­nal. Eingesprungen aus dem Frei, Überstunden, freiwillig eine Doppelschicht. Freiwillig? Nicht so ganz. Emotionale Erpressung ist bei uns an der Tagesordnung. „Ich muss eine Doppelschicht machen, weil meine Kollegin/ mein Kollege sonst alleine ist! Das kann ich ihr/ihm nicht antun!“ Natürlich erwartet das meine Kolle­gin nicht. Aber sie alleine lassen kann ich auch nicht. Also mache ich die Überstunden. Mache ich keine Pause. Trinke und esse ich nicht. Hole ich nicht kurz Luft. Gehe ich nicht auf die Toilette – wieso auch? Wenn ich nichts trinke, esse und eh wieder alles rausschwitze. Denn irgendjemand muss sich ja um die Patien­t:innen kümmern. Da kann ich doch nicht einfach gehen.

Ich aber bete, HERR, Gott, nach deiner großen Güte, erhöre mich mit deiner treuen Hilfe. (Aus Psalm 69)

Biblischer Text: Der Barnmherzige Samariter

Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. 31 Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. 32 Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. 33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn; 34 und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. 35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme. (Lukas 10, 30 – 35)

 

Ansprache:

Pflege am Limit – was das konkret in einem Krankenhaus, auf einer Station, für eine Patientin, einen Pfleger heißt, davon haben wir eben in den Berichten eine kleine Ahnung bekommen. Pflege am Limit – heißt das auch Barmherzigkeit in der Krise?

Barmherzigkeit ist ein etwas altertümlicher Begriff, der fast nur noch im kirchlichen Kontext benutzt wird. Woher das Wort an sich kommt, ist nicht ganz klar, es gibt mehrere Erklärungen dafür: Die eine besagt, dass es eine Lehnübersetzung aus dem Lateinischen ist: In „misericordia“ steckt zum einen „cor, cor­dis“ das „Herz“ und zum anderen „miser“ – das heißt „arm“ und daraus wurde durch ein b ergänzt die erste Silbe „barm“. Barm-herzig ist also jemand, der ein Herz für die Armen hat.
Oder – die zweite Erklärung – die erste Silbe „barm“ bedeutete im Althochdeuten so etwas wie „Schoß/Busen“. Etwas also, das mir sehr nahe ist: Ich drücke jemanden an meine Brust, um ihn zu trösten, oder wir fühlen uns gebor­gen wie in Abrahams Schoß. Diese Erklärung ist insofern ganz interessant, weil das hebrä­ische Wort rächäm, das in unseren Bibeln mit Barm­herzigkeit übersetzt wird, zwei Bedeu­tungen hat: im Singular heißt es Mutterschoß und im Plural entweder Inneres/ Einge­weide oder eben Barmherzigkeit/Erbarmen. Ich finde, das ganz passend, denn Barmherzigkeit ist etwas, das aus dem Inneren kommt, etwas, das uns als ganzen Menschen ergreift. Barmherzig bin ich mit jemandem, wenn mich sein Schicksal berührt – und zwar nicht nur äußerlich, sondern wenn es mir an die Eingeweide geht.

Diese Stimmen von den Pflegekräften, sie haben mich erschüt­tert und mir beim ersten Lesen die Tränen in die Augen getrie­ben. Aber meine Tränen sind nicht genug – sie helfen der Pflege­­kraft nicht, die zwischen den Betten hin- und herläuft und ausgebrannt und erschöpft ist.
Auch Applaus ist nicht genug – wie der Titel des Buches von David Gutensohn zu Recht sagt. Ich habe damals auch am Fenster gestanden und geklatscht im ersten Coronafrühjahr. Und ich fand es wichtig und richtig, dass die Pandemie den sowieso schon existierenden Pflegenotstand endlich mehr ins öffentliche Bewusstsein geholt hat, auch in mein Bewusstsein. Aber Klatschen ändert nichts oder zumindest nicht genug.

Barmherzigkeit will und soll nicht im Gefühl steckenbleiben, in Betroffenheit, Mitleid oder Hilflosigkeit. Barmherzigkeit äußert sich im Tun. Das Paradebeispiel dafür, das weit über den religi­ösen Kontext hinaus bekannt ist, ist „der barmherzige Samariter“, weil er vorlebt, wie Barmherzigkeit geht: Er sieht nicht nur das Leid – so wie die beiden anderen vor ihm, die auch sehen und weitergehen, sicher aus gutem Grund. Er sieht das Leid und es jammert ihn. Aber eben nicht nur: Das Jammern führt zum Tun: Er geht hin, er verbindet den Ver­letzten, er nimmt ihn mit (!), er pflegt ihn und er zahlt für die weitere Pflege. Das ist das „Gesamtpaket“ Barmherzigkeit.

Also zunächst: Hingehen. Das heißt aus der Distanz raus­gehen. Der Samariter fühlt sich verantwortlich, obwohl er nicht selbst betroffen ist. Er ist weder überfallen worden, noch ver­wandt oder bekannt mit dem Opfer. Ich bin im Moment auch nicht betroffen: Ich habe – glücklicherweise – niemanden in meiner Familie, der gerade pflegebedürftig ist. Niemanden, der in der Pflege arbeitet – ich stehe auf Distanz. Wenn mich das Thema streift, bin ich erschüttert. Das reicht nicht! Wenn uns diese Er­schütterung nicht alle dazu bringt: Hinzusehen und hinzu­gehen, kann die Barmherzigkeit nicht Raum gewinnen.

Als nächstes legt der Samariter selbst Hand an: Er gießt Öl in die Wunde, verbindet ihn, nimmt ihn mit und pflegt ihn. Das, was er an diesem einen Tag tun kann, tut er. Er leistet Erste Hilfe. Am nächsten Tag muss er weiter. Jetzt kommt die Lang­zeitpflege. Die leistet er nicht. Die kann er nicht leisten. Die delegiert er. Und bezahlt er!

„Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme.“

Er vertraut dem Wirt, dass dieser die Pflege fortsetzt, und der Wirt vertraut umgekehrt dem Samariter, dass er wiederkommt und die fälligen Mehrkosten übernimmt. Und so kann der Ver­letzte sich sorglos seinem Heilungsprozess anvertrauen.

Auch wir delegieren unsere Verletzten, unsere Kranken und Älteren an andere weiter. An Menschen, die das gelernt haben, die damit umzugehen wissen und die diese Aufgabe gewählt haben. Aber wie ist es mit dem gegenseitigen Vertrauen? Wenn wir die Berichte von den Zuständen auf Station hören – können wir dann noch darauf vertrauen, dass unsere Angehörigen oder im Fall des Falles auch wir selbst gut versorgt werden und uns dem Heilungsprozess oder auch dem schwächer Werden im Alter anvertrauen können? Und umgekehrt, können die Menschen, die wir damit beauftra­gen, darauf vertrauen, dass sie ordentlich bezahlt und aus­gestattet werden, um das zu tun, was sie tun sollen. Dass Sie dafür wertgeschätzt und angemessen behandelt werden? Können Sie darauf vertrauen, dass wir die Kosten übernehmen, auch für Menschen, mit denen wir nicht verwandt und bekannt sind, also solidarisch für die in unserer Gesellschaft, die das selbst nicht tun können – in der Höhe, in der es gut wäre.

Das System ist aus dem Gleichgewicht geraten, scheint mir, weil die Gewichtung nicht mehr stimmt. Zu wenige tragen zu viel Gewicht, zu viel Verantwortung, zu viel Arbeit, zu viel Leid. Wenn zu viele, die nicht betroffen sind, einfach vorbeigehen, weil sie vergessen, dass sie selbst unter die Räuber fallen könnten, wenn die Herbergen und Wirte erstmal den Gewinn berechnen, wenn niemand bereit ist das Geld zu zahlen, das die Pflege kostet, dann bleibt die Barmherzigkeit auf der Strecke.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

So schlicht und ergreifend lautet unser Auftrag. Und den müssen wir nicht nur ernst nehmen, wir können das auch.
Sich erbarmen können, Mitgefühl haben, das kommt aus der Ge­wissheit heraus, dass ich mich nicht verliere, wenn ich mein Herz für andere öffne. Dass ich auch nicht zu kurz komme, wenn aus diesem Erbarmen barmherzige Taten folgen. Dass ich nicht rechnen muss, weil es sich immer rechnet, sich Barm­herzigkeit etwas kosten zu lassen. Sie ist doch das Wertvollste, was wir als Gemeinschaft, als Gesellschaft haben.

Wenn wir barmherzig denken und handeln, dann können wir Lösungen für Probleme finden, die schwierig und verwickelt er­scheinen. Barm­herzigkeit kommt von Herzen und erreicht damit Herzen, sie kann Umdenken und Umlen­ken schaffen in fest­gefahrenen Situatio­nen. Barmherzigkeit ist das Gegen­programm zu der Angst, man könnte zu kurz kommen, wenn man nicht zuerst an sich selbst denkt, man könnte sich selbst verlieren, wenn man auf andere zugeht. Man könne doch diese riesigen Probleme und Systeme sowieso nicht ändern. Doch kann man, man kann es zumindest versuchen und nicht einfach vorbeigehen. Man kann Barmherzigkeit üben.

Und glücklicherweise hat unsere Barmherzigkeit eine Quelle, die unerschöpflich ist: Gottes Barmherzigkeit. Sie kann unser Herz und Hirn dafür öffnen, barmherzigere Wege in der Pflege zu finden: für die Pflegebedürftigen, die Pflegenden und uns als Gesellschaft. Amen.

Apostelgeschichte 2, 1–19

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. 2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. 5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen:

Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? 8 Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? 9 Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, 10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, 11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. 12 Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! 15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; 16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: 17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; 18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. 19 Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Liebe Pfingstgemeinde!

Vor einigen Jahren habe ich einen Seniorennachmittag zum Thema „Glück“ gemacht. Ich habe die Besucherinnen und Besucher gefragt: „Was war der glücklichste Moment in Ihrem Leben?“ Fast alle älteren Frauen haben geantwortet: „Als meine Kinder geboren sind.“ Und einige haben gesagt: „Als mein Mann aus dem Krieg zurückkam.“ Auch einige Männer nannten diesen Moment, als sie nach dem Krieg wieder ihr Heimatdorf erreichten oder vor der Tür ihres Elternhauses standen. Andere erinnerten ihre Verlobung oder Hochzeit.

Starke Erinnerungen an besonders glückliche Momente, in die sich oft auch noch andere Gefühle mischten: Stolz, Anstrengung, Erleichterung oder auch Gefühle von Verwirrung Der berühmte russische Theaterlehrer Konstantin Stanislavski hat den Begriff von „emotional memories“ aufgebracht. Auf Deutsch: „emotionale Erinnerungen“ oder das „emotionale Gedächtnis“. Heute wird der Begriff auch in der Neurologie gebraucht. Seinen Schauspielschülerinnen und -schülern empfahl Stanislavski, mit eigenen Gefühlserinnerungen zu arbeiten: “that type of memory which makes you relive the sensation you felt when your father died.“

 

(https://www.wondriumdaily.com/what-is-emotional-memory/, 04.06.2022)

Um gut Theater zu spielen, um sich in den Charakter, die Situation einer anderen Person gut hineinzuversetzen, sie möglichst lebendig darzustellen, sollten die Schauspieler auf ihre eigenen „emotional memories“ zurückgreifen, auf besonders gefühlsstarke Erlebnisse.

Die großen Feste unserer christlichen Tradition – Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten – bergen alle spezifische „emotional memories“, die uns als Gemeinschaft verbinden.

Das beliebteste, glücklichste Fest ist zweifellos Weihnachten, Jesu Geburt. Weit verbreitet, mit unzähligen Bräuchen, Liedern und Speisen behaftet. Es gibt wohl niemand unter uns, der nicht einen Heiligabend aus der Kindheit in sich wachrufen könnte – den berühmten Blick durchs Schlüsselloch oder den Klang des Weihnachtsglöckchens – mit all den dazugehörigen Gefühlen von Spannung, Vorfreude, Kichern und Gerangel mit den Geschwistern. Weihnachten wie ein kollektives Glücksfest, in das sich unsere Freude über alle Neugeborenen, über die glücklichen Geburten von Kindern im Familien- und Freundeskreis und vielleicht auch über unsere eigene Geburt mischen.

Pfingsten, das Fest, das wir heute feiern – 50 Tage nach Jesu Tod und Auferstehung – hat es naturgemäß schwerer, in uns gefühlsmäßig Platz zu finden. Denn es geht um so etwas Flüchtiges und Luftiges wie den Heiligen Geist. Viel abstrakter als die Geburt eines Kindes oder der Tod eines jungen unschuldigen Menschen.

Pfingsten, so wird es uns in der Apostelgeschichte erzählt, geschieht etwas Unbegreifliches: „ein Brausen vom Himmel, wie von einem gewaltigen Sturm“, „Zungen, zerteilt wie von Feuer“, und dann erhebt sich brodelnd, laut und durcheinander ein Stimmengewirr. Der Heilige Geist ist da!

Von den Bildern und Eindrücken her ist das Pfingstgeschehen emotional verworren, gegensätzlich oder zumindest sehr gemischt: Ängstlich und eingeschüchtert werden die Jünger damals in Jerusalem gewesen sein. Erschrocken, als ein Sturm durch das Haus stob, in das sie sich zurückgezogen hatten, als Feuerflammen über ihren Köpfen im Raum erschienen. Möglich, dass sie sich insgeheim fragten, ob nach Jesu Tod jetzt nicht doch das Ende der Welt anbrach?

Dann die Irritation der anderen, als draußen auf den Straßen alle durcheinander redeten, in den verschiedensten Sprachen. Verwirrung, Chaos. Auch das wird in den meisten eher unangenehme Gefühle ausgelöst haben. Vielleicht so ähnlich, wie wenn man im Gedränge in einem überfüllten Bahnhof steckt oder im Gewühl auf einem exotischen Marktplatz, und man versteht weder die Sprachen, noch die Gesten und Bräuche, auch die Gerüche und Farben sind fremd.

Und dann der Moment des Verstehens: „Ich verstehe die anderen wie in meiner eigenen Sprache. Ich höre Stimmen, Klänge, Worte, die mir vertraut sind.“ Unruhe, Fremdheit, vielleicht Angst und Überforderung legen sich. Verstehen und Vertrauen stellen sich ein. Ein Kontakt, der verbindet und beruhigt.

Das sind die ersten Geistesgaben, die ersten Wirkungen, die Menschen dem Heiligen Geist zugeordnet haben: Verständigung und Verbindung.

Wenn wir dieses Geschehen als „emotional memory“ unserer Tradition, als unser „emotionales Gedächtnis“ zu fassen versuchen, welche Gefühle, Bilder und Erinnerungen gehören wohl für uns dazu? Welche Erlebnisse kennen wir, wo sich brodelnde Unruhe, Chaos und Fremdheit in Verständigung und Verbindung verwandelt haben? Wo wir uns zunächst fremd und allein fühlten und dann doch einer Gruppe zugehörig, auf- und angenommen, verstanden.

Nicht zufällig gibt es schon in der biblischen Pfingstgeschichte die Frage, ob nicht alle, die da durcheinanderreden und sich zu verstehen meinen, betrunken sind. Das Rauschhafte, die Entgrenzung gehören sicher zu unseren „emotional memories“ von Pfingsten dazu: zu Bockbier und Maibäumen, Zeltlagern, Grillfesten, Open-Air-Konzerten… Endlich wieder draußen sein, wie gestern, mit vielen feiern, tanzen, essen und trinken. Eine großzügige, fröhliche Feststimmung, bei der die verschiedensten Menschen dazugehören dürfen, um ein Feuer, einen Grillplatz, eine Band…

Die Nordkirche hat ihr großes Gründungsfest vor zehn Jahren auf Pfingsten gelegt: Als aus der Nordelbischen, der Mecklenburgischen und der Pommerschen Landeskirche eine gemeinsame evangelisch-lutherische Kirche in Norddeutschland wurde und Tausende sich zum Feiern auf der Dominsel in Ratzeburg versammelten, Chöre, Bläser, Gemeinde- und Jugendgruppen…

Ich denke auch an das große Tauffest an der Elbe Pfingsten 2019, als 500 Täuflinge in der Elbe getauft wurden, knapp 100 Pastorinnen und Pastoren und mehrere Hundert Patinnen und Paten im Einsatz waren zwischen Biertischen und Picknickkörben und einem ziemlich kühlen norddeutschen Pfingstwind.

Oder an den großen Segnungsgottesdienst vor zwei Wochen in Berlin-Neukölln, als das Segensbüro alle Paare, die wollten, zu einem Pop-Up-Hochzeitsfestival eingeladen hatte: alt und jung, verheiratet und unverheiratet, muslimisch und christlich, hetero- und homosexuell. 72 Paare ließen sich segnen – ohne Beschränkungen, Gesetze und Vorschriften.

Große Feste, ob in der Kirche, auf dem Festivalgelände oder im Park, wo wir den Heiligen Geist spüren und „geistreich“ sind, weil wir seine Geistesgaben in Fülle haben: Verständigung, Verbindung, Fröhlichkeit – zu der oft auch etwas Überbordendes, Entgrenztes gehört.

Und ich glaube, wir wissen auch, dass dies die großen Beispiele oder die lauten Erlebnisse mit der Kraft des Heiligen Geistes sind. Dass Verbindung und Verständigung auch leiser, alltäglicher und unbemerkter geschehen – und wir spüren dennoch deutlich, was der Heilige Geist bewirken, wie er Menschen verbinden kann.

Ich denke an eine Begegnung in der letzten Woche, als wir einer Ukrainerin und ihrem jugendlichen Sohn die kleine Wohnung für Geflüchtete in unserem Gemeindehaus gezeigt haben, die zum 1. Juli wieder frei wird. Und als ich sie fragte: „What do you think about the appartment?“, fing sie an zu weinen und sagte: „You can see.“ Weinend und lächelnd sagte sie: „Du kannst sehen, was ich denke.“

Verbindung und Verständigung, die zwischen Fremden geschehen kann, zwischen Menschen verschiedener Sprache, verschiedener Kulturen oder Milieus.

Der Heilige Geist wie eine Brücke zwischen Menschen, mal laut und mitreißend wie ein Sturmwind, mal leiser und intimer, eher wie ein Lufthauch. Der uns anrührt und miteinander verbindet, dass wir uns durch Gottes Geistkraft verstehen. Geistreich, geistesgegenwärtig oder begeistert von dem Verständnis und der Verbundenheit, die Gott uns schenkt.

Hütet eure „emotional memories“, dass wir erkennen und feiern, wenn der Heilige Geist da ist, mitten unter uns! Amen.

Liebe Gemeinde,

der leere Sonntag. Wir sind zwischen den Zeiten: das Himmelfahrtsfest ist der symbolische Ausdruck für die leibliche Abwesenheit Jesu Christi und die Ausgießung des Hl. Geistes geschieht für uns zu Pfingsten. Der heutige Sonntag, Exaudi, liegt dazwischen. Es geht also um eine Lücke; um eine Lücke zwischen Gott und uns. Der heutige Sonntag steht noch in der Abschiednahme Jesu und schon in der Erwartung der Ankunft des Hl. Geistes. Und jetzt lese ich den Predigttext aus dem 8. Kapitel des Römerbriefes:

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich`s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will, Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen: Die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

Die Lücke, die Paulus hier anspricht, ist das Gebet. Also unser Antwortenkönnen auf Gottes Wort, unser Antwortenkönnen in Lobpreis, in Dank , aber auch in Klage oder Anklage. Mit anderen Worten es geht um unsere Lücke im Gottesdienst. Denn Gottesdienst ist ja nichts anderes, als dass Gott in seinem Wort zu uns spricht und wir ihm antworten in der Musik, im Lobpreis, im Dank, und natürlich auch Klage und Anklage. Wir wissen nicht, was wir beten sollen, schreibt Paulus. Erst einmal ist das überraschend. In jedem Gottesdienst wird natürlich gebetet. In vielen Familien wird zum Essen, zum Schlafengehen gebetet; aber in der Regel wird es dort schon zu einer Sache der Kinder. Wenn wir wie Paulus,ehrlich sind, sind wir fast immer zu schwach zum Beten. Da hilft weder positives Denken, noch mönchische Gebetspraxis. Und doch haben wir ein Bedürfnis, vor Gott zur Sprache zu bringen, was uns im letzten bewegt. Zugleich merken wir, dass der Schmerz, die Trauer, die Angst unsere Sprache blockiert. Die glatten, routinierten Gebete sind unecht und unangenehm. Paulus verweist auf einen Ausweg in dieser Lücke. Wenn uns die Worte schwerfallen, wenn sie uns fehlen angesichts der Schmerzen unseres Lebens und dieser Erde, dann sollten wir uns ins Gedächtnis rufen, dass es einen Stellvertreter gibt, der wahrhaftig ist und der dennoch oft auch nur seufzen kann: der Heilige Geist. Dieser Römerbrieftext beleuchtet die dunkelsten Seiten unseres Innern, – wenn wir eine Metapher gebrauchen wollen-, die dunkelsten Seiten unseres Herzens oder unserer Seele: Wir wissen nicht, was wir beten sollen. Das spiegelt nicht nur ein sprachliches Unvermögen, sondern auch ein Unvermögen unserer Innenschau. Die geheimsten Wünsche, Sehnsüchte, Träume unseres Innern sind uns meistens nicht zugänglich. Unsere Fähigkeit, in uns selbst hineinzuschauen, hineinzuhorchen, ist beschränkt. Wir brauchen einen Versprachlicher. Unser Text sagt: Gott selbst erforscht unsere Herzen, und der Hleilige Geist bringt unser Geheimstes vor Gott zur Sprache, oft nur als Seufzer. Ich merke, dass Paulus uns an eine Grenze bringt, die zu überschreiten mir sehr schwerfällt, eine Grenze des Vertrauens. Er schreibt: Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Ist dieses die Wahrheit, in der wir leben? Ist dieses die Realität, die uns umgibt, die uns trägt? Wenn es mir gut geht, wenn die Dinge so laufen, wie ich es mir vorstelle, dann ist das ja kein Problem. Aber wenn es mir schlecht geht, wenn meine Nachbarn umgebracht werden oder auf der Flucht sind vor dem Tod, wie es in der Ukraine geschieht, dann ist es doch Zynismus zu sagen, alle Dinge dienen denen zum Besten, die Gott lieben. Dann gilt doch etwas Anderes; dann gilt es doch, dem Verbrechen mit allen erlaubten Mitteln ein Ende zu bereiten. Oder gelten vielleicht zwei Dinge zugleich? Natürlich gilt es, dem Verbrechen ein Ende zu setzen. Aber daneben gilt noch ein Zweites. Es gilt, die Umgebrachten, die Verzweifelten, die Trauernden nicht aufzugeben. Wir wissen nicht, was wir beten sollen. Oftmals wissen wir noch nicht einmal, was wir glauben sollen. Aber entspricht es nicht unserer tiefsten Sehnsucht, dass die Umgekommenen, die Ermordeten von Gott nicht aufgegeben sind, dass auch für sie der Heilige Geist eintritt mit unaussprechlichem Seufzen und Gott zur Vollendung führen wird, was vor unseren Augen zerbrach. Wir kommen an eine Grenze unserer Sprache. Aber genau dahin führt uns Paulus. Der Heilige Geist ist nicht der Zeitgeist. Der Zeitgeist ist positiv, beredt, er glaubt an den Fortschritt, an das Machbare aller Dinge. Er ist nicht falsch, aber bestenfalls ist er nur die halbe Seite der Wirklichkeit, die halbe Wahrheit. Der Heilige Geist ist so etwas wie die dunkle Seite des Zeitgeistes. Er gibt dem Zwiespalt Raum. Er akzeptiert die Gegensätze. Er bringt vor Gott zur Sprache, wo wir sprachlos werden. Er verheißt Leben, wo vor unseren Augen das Leben zerbricht. Er kehrt unseren Blick um. Wir sind es gewohnt, vom Leben zum Tod zu denken. Der Heilige Geist denkt vom Tod zum Leben. Das ist keine Erklärung, es ist auch kein Zynismus, es ist eine neue Dimension, die Paulus eröffnet. Der Glaube an Gott, das Gespräch mit Gott bringt uns nicht in eine andere Wirklichkeit, die geborgener, behüteter, geschützter wäre. Wie sollte das auch möglich sein, wenn Gott am Kreuz das tiefste Dunkel unserer Wirklichkeit geteilt hat? Der Glaube an Gott, das Gespräch mit ihm verändert unseren Blick auf diese Wirklichkeit und auf uns selbst. Er wird tiefgründiger, komplexer, zwiespältiger als es dem Zeitgeist recht ist. Und das finde ich einen Zugewinn, den ich unter keinen Umständen missen möchte. Es macht mir Mühe, aber im letzten glaube ich, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Spätestens hier stellt sich natürlich die Frage: Wird unser Gebet erhört? Wir sind es ja gewohnt, für Wohlergehen, Gesundheit, materielles Auskommen, Schutz, gute Noten bei Prüfungen usw. zu beten und merken in der Regel: Gott schweigt. Diese Gebet finden in der Regel keine Erfüllung. Eines aber geschieht auf jeden Fall, wenn wir beten: Wir verändern uns selbst. Wie gesagt, unser Blick auf uns, auf unseren Mitmenschen, auf unsere Welt, auf Gott verändert sich. Wenn wir unsere Brüchigkeit und Unzulänglichkeit vor Gott zur Sprache bringen, dann entdecken wir das Leiden unsere Mitmenschen, dann entdecken wir das Leiden Gottes an dieser Welt. Das Leiden gehört zu uns, weil es auch zu Gott gehört. Damit wird das Gebet nicht überflüssig, denn ohne das Gebet hätten wir diese Entdeckung, diese Erfahrung der Nähe Gottes nicht gemacht.

Der leere Sonntag. Sicherlich macht er uns auf eine Lücke bei uns aufmerksam. Aber nicht nur bei uns, sondern auch bei Gott. Denn untrennbar gehört es zu unserem Glauben hinzu, dass Gott Mensch wurde. Und deswegen können wir nicht mehr von Gott sprechen, ohne immer zugleich auch vom Menschen zu sprechen und nicht mehr vom Menschen reden, ohne immer auch zugleich von Gott zu reden, Die thematisch bestimmten Sonntage des Jahres bringen ja nicht nur ein zentrales Thema für diesen Sonntag zur Sprache, sondern exemplarisch für jeden Tag des Jahres.

Die schmerzhafte Leere dieses Sonntags trennt uns nicht von Gott, sondern verbindet uns mit ihm. Und deswegen gilt trotz allem Furchtbaren unserer Wirklichkeit der großartige hymnische Abschluss des 8. Kapitel des Römerbriefes:

Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann, von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Predigttext: Lukas 11, 1–10

Und es begab sich, dass Jesus an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. 2 Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. 3 Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag 4 und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird. Und führe uns nicht in Versuchung.

5 Und er sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.

9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Ich gehöre zu den Menschen, die sich zwar immer über einen guten Witz freuen, sich aber fast nie einen Witz merken können. Nur ganz wenige Witze haben sich mir wirklich eingeprägt. Darunter diese beiden über das Beten. Der Erste:

Ein Missionar in Afrika wird allein, mitten in der Wüste von einem Löwen angegriffen. Er schließt die Augen und betet: „Lieber Gott, mach auch aus diesem Untier einen frommen Christen!“ Als er die Augen öffnet, liegt der Löwe vor ihm mit gefalteten Tatzen und betet: „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!“

Der andere Witz:

Ein Bischof besucht auf einer Inspektionsreise ein Kloster auf einer einsamen Insel, das nur von drei Nonnen bewohnt wird. Bei der Frage, wie sie Gott anrufen, tragen sie ihm ihr Gebet vor: „Gott, wir sind drei, du bist drei, steh uns bei!“ Dem Bischof fehlen das Amen, das Ave Maria und das Credo. Unter Mühen bringt er ihnen immerhin das Vaterunser bei. Als sein Schiff schon ablegt, kommen die Nonnen zum Ufer gerannt und rufen: „Heiliger Vater, wie ging das nach dem Geheiligt-werde-dein-Name nochmal weiter?“

Zwei Witze, die das Gebet treffend aufs Korn nehmen. Das Erste die Wirkmacht des Gebets: Es trifft zwar ein, worum der Missionar gebeten hat – der Löwe scheint fromm und andächtig geworden zu sein –, aber anders als gehofft. Und außerdem: Der Löwe hat ein eigenes Gebetsanliegen!

Der zweite Witz parodiert die Tradition: Braucht es bestimmte Worte oder Vorkenntnisse zum Beten? Und was unterscheidet ein Gebet von einer magischen Formel?

Fragen, die viele von uns beschäftigen, wenn es ums Beten geht. Jedenfalls höre ich solche Fragen oft im Gespräch: Hilft beten eigentlich? Und was macht Gott, wenn die Einen um das Eine, und die Anderen um das Andere bitten? Spielt es eine Rolle, ob ich das Vaterunser oder ein freies Gebet spreche? Und warum sollte ich eigentlich im Gottesdienst in Gemeinschaft beten? Ich bete lieber allein zuhause.

Beten ist heikel, weil Beten etwas Intimes und Persönliches ist. Im Gebet sage, äußere ich, was mir besonders wichtig ist, worüber ich vielleicht sonst gar nicht spreche. Ich zeige mich damit Gott. Und im gemeinschaftlichen Gebet verbinde ich sogar meine persönlichen Anliegen, Wünsche oder Hoffnungen mit denen der anderen; mache mich zum Teil einer Gruppe im Dialog mit Gott.

Ich vermute, solche und ähnliche Unsicherheiten haben auch die Menschen zu Jesu Zeiten umgetrieben. Immerhin sind uns im Neuen Testament eine ganze Reihe von Texten überliefert, in denen Jesus Fragen zum Gebet beantwortet und auf das Wie, Wo und Warum des Betens eingeht. Als rabbinisch gelehrter Jude antwortet er oft sowohl mit prägnanten Merksätzen als auch mit Gleichnissen, also mit Beispielerzählungen, und diese haben mitunter auch einen humorvollen oder anekdotischen Charakter.

Der Predigttext heute enthält beides: zuerst eine knappe, eher nüchterne Anleitung, was man am besten beten, worum man bitten soll. Und dann eine anschauliche Geschichte, wie wir beten sollen.

Die Jünger bitten Jesus, ihnen ein Gebet beizubringen, so wie es andere religiöse Lehrer auch täten, zum Beispiel Johannes der Täufer. Anscheinend sind sie ein bisschen unsicher, welche Worte sie verwenden sollen. Ob es für das Gespräch mit Gott bestimmte Regeln gibt?

Im Lukas-Evangelium ist uns auf diese Fragen eine Kurzfassung des Vaterunsers überliefert. Auf das „Geheiligt-werde-dein-Name“ und das „Dein-Reich-komme“ folgen die Bitten um das tägliche Brot, um Sündenvergebung und um Bewahrung vor Versuchung. Diese Drei scheinen für Jesus das Wesentliche gewesen zu sein, worum wir zu bitten haben. Dreierlei, was wir uns selbst nicht geben können, aber dennoch dringend zum Leben brauchen:

Essen – Brot, Fisch, Wasser und Wein –, um körperlich gesund und kräftig zu sein. Vergebung, um in guten, friedlichen Beziehungen zu unseren Nächsten zu leben. Und weil dies ein wechselseitiges Geschehen ist, gehört auch die zweite Satzhälfte dazu: „denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird“. Und als Drittes Gottes Schutz, seine Bewahrung vor Versuchungen zum Bösen, vor Sünden, die mir oder anderen, meiner Mitschöpfung, schaden. – Brot, Vergebung und Schutz.

Ich glaube, in abgewandelter Form kommen diese drei Bitten in sehr, sehr vielen Gebeten vor, die Kinder, Jugendliche, jüngere und ältere Frauen und Männer täglich vor Gott bringen. Auf der ganzen Welt und auch in unserer Gemeinde.

Die Bitte ums tägliche Brot, die nach Martin Luthers Interpretation im Kleinen Katechismus Kleidung und Geld, Haus, Hof und Beruf, Familie, Freunde und Nachbarn einschließt, „alles, was not tut für Leib und Leben“. In der Corona-Krise die vielen Gebete um Gesundheit, aber auch darum, dass das Kurzarbeitergeld reichen möge oder dass bei Selbstständigen wieder Aufträge reinkommen oder auch um bezahlbare Wohnungen. Die Gebete der Jugendlichen um Vergebung und Wiederaufnahme in eine Gruppe, aus der sie herausgefallen sind – oder um Versöhnung der Eltern. Und die Bitten um Schutz und Bewahrung vor falschen Entscheidungen, vor Dummheiten oder Ignoranz. Auch viele Gebete für andere gehören dazu: für Angehörige, Freundinnen und Freunde, Kranke, Trauernde, Notleidende…

In Jesu Formulierung des Vaterunsers stehen alle diese Bitten unter dem Satz: „Dein Reich komme!“ Ich verstehe ihn wie eine Öffnung zu Gott hin. All mein Bitten, Reden und Denken stelle ich in die Verheißung des kommenden Reiches Gottes. Ich erwarte, dass Veränderungen möglich sind. Ich erwarte, dass Gott noch etwas mit uns vorhat. Dass Gott die Zukunft im Blick hat – unsere und auch meine Zukunft.

Wenn ich bete: „Dein Reich komme!“, dann vertraue ich mich sozusagen Gottes Weg in die Zukunft an. Dass er mich ernährt, mir vergibt und mich behütet, damit ich auch morgen leben kann. Diese Bitte gibt die Richtung vor und hebt unseren Blick in die Zukunft.

Beten funktioniert nicht so, das wissen wir alle, dass man um etwas bittet und dann fällt einem das Gewünschte in den Schoß. Weder lassen sich alle Krankheiten noch alle beruflichen Katastrophen oder persönlichen Enttäuschungen abwenden. Der hungrige Löwe in der Wüste sitzt nicht fromm in der Kirchenbank. Aber im Beten um das kommende Reich Gottes mache ich mich bereit für Gottes Antworten und Wege, öffne ich mich für Gottes Kraft und seine Liebe.

Folgen wir dem Predigttext, der Beispielgeschichte, die Jesus seinen Jüngern nach der konkreten Anleitung zum Vaterunser erzählt, dann hat Jesus aber noch mehr und anderes vor Augen als ein „Mich-bereit-halten“ für Gottes Antworten.

„Stellt euch vor“, erzählt Jesus, „ihr habt einen Freund, der kommt nachts unangemeldet zu Besuch und ihr habt nichts zu Essen im Haus. Ihr würdet doch – nach dem Gebot orientalischer Gastfreundschaft – zu einem Freund in der Nachbarschaft gehen, ihn aus dem Bett klopfen und bitten euch auszuhelfen. Ich bin sicher, wenn er euch auch nicht aus Freundschaft etwas geben würde, so würde er euch doch deshalb helfen, weil ihr so unverschämt wart zu bitten.“

Das ist eine Geschichte mit komischen Zügen: Wenn wir uns konkret vorstellen, wie wir nachts im Schlafanzug über die Straße gehen… Auf welche Klingel würden wir wohl drücken, um einen Schlafsack, etwas Brot und Käse, eine Flasche Wein zu erbetteln? Und wie würde der, die andere uns angucken? – Oder auch die bildliche Vorstellung, Gott sozusagen aus dem Bett zu klingeln, seinen ganzen himmlischen Hofstaat aufzuwecken… So einen Lärm zu machen, nur damit mein Freund, mein Gast bekommt, was er braucht.

Ein humorvolles und ein einprägsames Bild: Beten ist wie nachts beim Nachbarn klingeln. Das tut man bei Menschen, die einem vertraut sind, vor denen man sich nicht so sehr schämt. Und das kann man bei Gott machen, vor dem wir uns auch nicht schämen müssen. Der uns kennt und mit dem wir umso vertrauter werden, je öfter wir mit ihm sprechen und zu ihm beten.

Und dabei werden wir auch unsere Erfahrungen machen, wie oder womit Gott antwortet.

Erwartungsoffenheit und Beharrlichkeit braucht es fürs Beten, so verstehe ich Jesus. Und dann möge Gott uns und allen Menschen geben, was wir am nötigsten brauchen: Brot, Vergebung und Schutz, damit Gottes Reich komme und sein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Amen.

Lied: Du meine Seele singe

1. Du meine Seele singe Du meine Seele, singe, /wohlauf und singe schön
Dem, welchem alle Dinge / zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben / hier preisen auf der Erd;
Ich will ihn herzlich loben, / solang ich leben werd.

2. Wohl dem, der einzig schauet / nach Jakobs Gott und Heil!
Wer dem sich anvertrauet, / der hat das beste Teil,
Das höchste Gut erlesen, / den schönsten Schatz geliebt;
Sein Herz und ganzes Wesen / bleibt ewig unbetrübt.

3. Hier sind die starken Kräfte, / die unerschöpfte Macht;
Das weisen die Geschäfte, / die seine Hand gemacht:
Der Himmel und die Erde / mit ihrem ganzen Heer,
Der Fisch unzähl’ge Herde / im großen wilden Meer.

8. Ach ich bin viel zu wenig, / zu rühmen seinen Ruhm;
Der Herr allein ist König, / ich eine welke Blum.
Jedoch weil ich gehöre / gen Zion in sein Zelt,
Ist’s billig, dass ich mehre, / sein Lob vor aller Welt.
Text: Paul Gerhardt 1653

Predigt:

Heute nehme ich Sie mit auf eine Reise ins Jahr 1676. Ziel unserer Reise ist Lübben. Das ist ein kleines Städtchen im Spree­wald ca. 80 km südlich von Berlin. Bekannt ist es vor allem durch einen berühmten Mann, der dort seine letzten Lebens­jahre verbracht hat und begraben liegt – und den auch wir heute besuchen wollen, nämlich den Liederdichter Paul Gerhard.

Im Jahr 1676 ist er fast 70 Jahre alt und ahnt, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Ich stelle mir vor, er sitzt an seinem Schreibtisch, auf dem sich Notizen und Noten stapeln. Im selben Zimmer: Sessel, Schrank und Bett – er lebt bescheiden. Die Frühjahrs­sonne scheint durch das Fenster, während er ein Blatt Papier zurechtlegt. Es wird eine Art „Testament“ werden, was er an diesem Tag verfasst. Gerichtet an seinen Sohn, seinen einzigen. Alle anderen vier Kinder, die ihm und seiner Frau geboren wurden, sind gestorben – z.T. noch ganz jung, die Kindersterblichkeit ist groß in diesen Zeiten; der damit ver­bundene Schmerz auch. Paul Friedrich, sein einziger über­lebender Sohn, ist jetzt gerade mal 13 Jahre alt, Paul Gerhard mit seinen 70 Jahren ein alter Vater; er hat ja auch erst mit 48 geheiratet. Erst als er in Mittenwalde als Pfarrer ein festes Amt innehatte, konnte er es sich leisten eine Familie zu gründen.

Nur er und sein Sohn sind noch am Leben, und er wird ihn bald nicht mehr selbst erziehen können, deswegen ist es ihm so wichtig, ihm zu schreiben, ihm etwas zu hinterlassen, wonach er sich richten kann und soll. Er taucht die Feder ein und schreibt als ersten Satz: „So danke ich Gott zuvörderst für alle seine Güte und Treue“. Diese Überschrift gibt er allem, was nun folgt. Zunächst ein Rückblick auf sein Leben, das vor allem von Krieg und Hunger, von Pest und Tod geprägt war. Den gesamten 30-jährigen Krieg hat er miterleben müssen, gerade mal 11 Jahre war er alt, als das grausame Morden begann. Mit 12 Jahren hat er seinen Vater verloren, 2 Jahre später seine Mutter. 1637 wird sein Eltern­haus von Soldaten zerstört, sein älterer Bruder stirbt im gleichen Jahr an der Pest. Auch später – als er dann endlich eine feste Stellung hat – bleibt er von Leid nicht verschont. Nicht nur vier seiner fünf Kinder muss er betrauern, auch seine Frau Anna Maria stirbt nur 13 Jahre nach der Hoch­zeit. Und als er sich aus Glaubens­gründen bei theologischen Streitigkeiten seinem Landesvater, dem Kurfürst, widersetzt, wird er kurzer­hand seiner Stelle enthoben und steht mit 59 Jahre arbeitslos und ohne Verdienst da.

Doch was er da an seinen Sohn schreibt, ist kein Klagelied, sondern er weiß sich selbst in allen Brüchen seines Lebens von Gott begleitet und getragen. Letztlich ist für ihn nichts selbst­verständlich und alles ein Geschenk, ein großes Wunder. Diese Haltung möchte er seinem Sohn weitergeben. Glaube und Arbeit, Hoffnung und Liebe, Leben und Beten gehören für ihn zusammen, so hält es sein Schreiben fest.

Vielleicht greift Paul Gerhard, während er über sein Leben nach­­denkt, zu den Gesang­büchern, die dort auf seinem Schreib­­­tisch liegen. Das erste Büchlein ist 1647 in Berlin erschie­nen. Er blättert durch die Seiten:
Auf, auf mein Herz mit Freuden,
Wach auf mein Herz und singe
Nun ruhen alle Wälder
18 seiner Lieder sind darin abgedruckt. Als das Gesangbuch sechs Jahre später neu aufgelegt wird, sind schon 64 Lieder aus seiner Feder, mit dabei:
Geh aus, mein Herz, uns suche Freud
Befiehl du deine Wege
Lobet den Herren, alle, die ihn ehren
Könnte Paul Gerhard durch unser Gesangbuch blättern, das Sie gerade in der Hand halten, er würde 27 seiner Lieder finden, die wir noch heute singen und in denen sich seine ver­trauensvolle Grundhaltung zum Leben in vielen, vielen Strophen – unter 10 Strophen macht er es selten – in denen sich dieses Urvertrauen zu Gott sprachge­waltig zu Wort meldet.

Wenn er darin die Fröhlichkeit besingt, dann nicht, weil irgend­eine Trübsal erfolgreich überwunden ist, sondern weil seine Freude sozusagen zwischen den Steinen des Leides hervor­sprießt. Sie wächst und gedeiht immer wieder, holt sich Ge­lände zurück, weil die Wurzeln tief hinabreichen zur Quelle seines Trostes, zu Gott selbst.

Und was hilft am besten, Zuversicht und Freude zurückzu­gewinnen, gerade in schweren Zeiten? Das Singen!
Kein Wunder, dass so viele seiner Lieder genau davon handeln:
Wach auf mein Herz und singe
Ich singe dir mit Herz und Mund
Sollt ich meinem Gott nicht singen
Wir singen dir, Immanuel
Und natürlich: Du meine Seele singe!

Paul Gerhard ist nicht als Theologe oder Pastor berühmt ge­worden. Ich kenne ehrlich gesagt keine einzige Predigt von ihm, aber er hat sich über Jahrhunderte in unsere Herzen gesungen. In einer Zeit, in der viele Menschen nicht lesen konnte, war das die effektivste Art, Texte zu lernen, zu verinnerlichen, im Herzen zu bewegen. Seine Lieder und diese überschwängliche Auf­forder­ung zu singen, das ist das Testament, das er an uns Nachgeborene richtet und das wir uns heute am Sonntag „Kantate“ zu Herzen nehmen.

Eines meiner liebsten Lieder von ihm ist: Du meine Seele singe! Er hat darin ein uraltes Lied – heute würde man sagen – „gecovert“. Nämlich Psalm 146, den wir vorhin gemeinsam gelesen haben. Die Psalmen, die ja häufig auch als das Gesangbuch des alten Israels bezeichnet werden, waren ursprünglich Lieder. Ihre Melodien sind nicht erhalten, aber ihre tiefe Weisheit und ihr Gottvertrauen. Sie geben uralten allge­mein-menschlichen Erfahrungen eine Stimme und Martin Luther oder eben auch Paul Gerhard haben ihnen auch wieder einen Klang gegeben.

Auffallend bei unserem Psalm und Lied: Da spricht jemand mit sich selbst, mit der eigenen Seele. Ich fordere mich selbst auf zu singen. Und zwar mit meiner Seele. Die Seele, was ist das eigentlich in mir? Ich würde sagen, die Seele ist der Ort, wo Gott in mir wohnt, sie ist der heile, der unzerstörbare Kern, mein Mensch-Sein, das ewig Lebendige. Es ist das, was sich bei Paul Gerhard, trotz allem Leid, das er erfahren musste, als unbeschädigt erwiesen hat und ihn immer wieder das Lob hat anstimmen lassen.

So richtig verstanden, was die singende Seele in diesem Lied bedeuten könnte, habe ich allerdings erst, als ich von einem Pastor gelesen habe, der in der Psychiatrie arbeitet. Er be­schrieb, wie er Menschen begegnet, die lebens-müde gewor­den sind, keine Lebenskraft mehr haben, keinen Lebensmut. Und wie er sie dazu führen möchte, den Ton wieder zu hören, der tief in ihnen klingt. Tief in uns ist etwas Heiles, Gutes, Lebendiges – die Seele. Und diese Seele klingt, sie hat einen Ton, einen ewigen Ton, der schon immer in ihr klang und noch heute klingt. Ich finde das ein schönes Bild, dass in unserer Seele ein Ton klingt, auf den wir hören und den wir singenderweise nach außen holen können. Klingen und singen, das ist sehr nahe beieinander, aber eben doch nicht dasselbe. So wie der Klang der Seele etwas anderes ist als der Klang der Stimme.

Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön – das heißt nicht, jemand muss eine schöne Stimme haben, den Ton treffen, die Melodie kennen. Sondern wir sollen uns selbst erinnern, dass jeder und jede diesen Klang in sich hat. Dass Gott ihn angestimmt hat, uns eingehaucht hat und dass wir mit diesem Hauch, mit diesem Klang wiederum Gott loben mögen.

Und das tut Paul Gerhard in diesem Lied – ausnahmsweise „nur“ 8 Strophen lang. Er besingt Gott, dem wir uns anvertrauen können, wie sich andere vor uns ihm anvertraut haben – Jakob z.B. Er besingt Gott, der starke Kräfte hat, Schöpferkräfte, die sich in Himmel und Erde, Meer und Getier zeigen. Er besingt Gott, der gerecht und zuverlässig ist und uns schützt, der sich auf die Seite der Schwachen stellt, der Hungernde und Fremden, Kranken und Blinden, Witwen und Waisen.

Paul Gerhard wird für mich in seinem Lied das, was er seinem Sohn in seinem Testament sein wollte: Vorbild eines gläubigen Menschen. Staunend stehe ich davor und bewundere, dass ein Mensch, der so viel Leid und Grausamkeit, Mittellosigkeit und Hunger, Krankheit und Tod erlitten hat, dass der sich trotz allem oder vielleicht gerade deswegen so in Gott geborgen wusste. Ich bin froh, dass Paul Gerhard uns sein Testament als klingen­des hinterlassen hat. Wenn ich die Zeilen an seinen Sohn lese, dann lese ich Verhaltensregeln für ein gottgefälliges Leben und kann den Zeigefinger nicht ganz ausblenden. Wenn ich aber dieses Lied höre, dann weckt das in mir die Sehnsucht nach dieser Geborgenheit in Gott, dann steckt es mich an, mitzu­jubeln und mitzuloben:

„Ach, ich bin viel zu wenig zu rühmen seinen Ruhm“.

Das bringt meine Seele zum Klingen und ändert meine Haltung. Wo ich vorher vielleicht eher kritisch gefragt hätte, warum Gott uns diese Pandemie zumutet oder warum er diesen Krieg nicht verhindert, danke ich ihm für Bewahrung in der Pandemie und für den jahrzehntelangen Frieden, den wir hatten und hier haben. Wenn ich das so sage, kann man mir vielleicht Schön­reden vorwerfen. Wenn Paul Gerhard das dichtet, dann ist das so authentisch und wegen seines Lebensweges so glaub­würdig, dass sich mir manche kritische Frage gar nicht mehr stellt und ich einfach mitsinge und mitklinge in seinem Gottes­lob. Seine Lieder machen uns, wenn wir einstimmen in den Gesang, zumindest für den Moment zu Menschen, die ver­trauen, die dankbar sind, gerecht und stark sein können, loben und lieben wollen – sich selbst und die Nächsten. Wenn wir den Klang, der in unserer Seele wohnt, ab und zu singenderweise nach außen holen, ihm selbst lauschen, dann gibt uns das Mut und Kraft. Es erinnert uns, dass der Ton nicht verklingt, wenn das Lied verstummt – auch nicht in Corona­zeiten. Die Stimmen mögen eingerostet sein, der Klang nicht, den können wir immer wieder hervor­kitzeln. Und Paul Gerhard will uns in diesem Sinne kitzeln.

Wenn wir bei unserer Reise nach Lübben noch einen kleinen Abstecher in die Kirche dort machen, die inzwischen nach ihm benannt ist, finden wir dort ein Gemälde von ihm, das mit einem lateinischen Text versehen ist. Auf Deutsch lautet er:

Wie lebend siehst Du hier Paul Gerhardts teures Bild,
Der ganz vom Glaube, Lieb und Hoffnung war erfüllt.
In Tönen voller Kraft, gleich Asaphs Harfenklängen
Erhob er Christi Lob mit himmlischen Gesängen.
Sing seine Lieder oft, o Christ, in heil’ger Lust,
so dringet Gottes Geist durch sie in deine Brust.

In diesem Sinne – mögen uns seine Lieder be-geistern und unsere Seele zum Klingen bringen. Amen.

Predigttext: Johannes 15, 1–8

Christus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ (Joh 15, 5) So das Evangelium zum Sonntag Jubilate. Es ist eins der sieben sog. Ich-bin-Worte im Johannesevangelium. Worte, in denen Jesus in einem konkreten Bild von sich spricht: „Ich bin der gute Hirte“ (Joh 10, 14), „Ich bin die Tür“ (Joh 10, 9) oder „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8, 12).

Heute: „Ich bin der Weinstock“. So, wie wir es auf dem weißen Parament, dem Altartuch, sehen, das in der Osterzeit vorne am Altar hängt: ein Weinstock mit Reben und Laub.

Als Nordostdeutsche kenne ich mich mit Weinstöcken und Weinbau nicht gut aus. Ich kenne zwar Weinlauben im Garten oder ein Weinspalier an der Hauswand, aber richtige Weinberge kenne ich – wie Sie und ihr wahrscheinlich auch – hauptsächlich von Reisen.

Dabei haben sich mir drei Eindrücke besonders eingeprägt: Zum ersten Mal habe ich Weinberge bewusst als Jugendliche in der Provence wahrgenommen. Im Hochsommer. Lavendel- und Sonnenblumenfelder, Olivenhaine und Weinberge wechselten in der Haute Provence ab. Von diesen vier – duftender Lavendel, leuchtende Sonnenblumen, silbrige Olivenbäume und grüne Weinstöcke – erschienen mir die Weinberge eigentlich am wenigsten interessant. Auf ausgetrockneten Böden standen Ende Juli die staubig-grünen Weinstöcke in langen, gleichförmigen Reihen. Die grünen Trauben zwischen dem Laub kaum zu erkennen. Monoton und farblos.

Später durchquerte ich auf einer Pilgerwanderung auf dem Ignatiusweg in Spanien ein Rioja-Anbaugebiet. Es war Oktober. Breite Täler und langgezogene Hänge standen wie in Flammen. Das Weinlaub loderte in allen Farben: rot, lila, orange, gelb und grün. Die Trauben, fast schwarz, waren süß. Und wenn man die Augen schloss, hörte man die Weinstöcke, denn sie summten und brummten voller Bienen und Wespen.

Und ein drittes Bild steht mir vor Augen, wenn ich an Weinberge denke: Wie ich einmal im März in der Nähe von Meißen in Sachsen war. Ganz nackt standen da die Weinstöcke. Von Blättern, Trauben oder Knospen keine Spur. Krumm und schutzlos wirkten sie gegen den hellen Märzhimmel, fast wie graue Kreuze.

So verschieden können Weinstöcke aussehen! So verschieden werden auch die Bilder sein, die Sie und ihr von Weinbergen im Kopf habt. Und so verschieden wird uns auch Jesu Wort ansprechen: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15, 5)

Wir hören das sicher unterschiedlich, je nachdem, wie alt wir sind, wie wir im Leben stehen, was die starken Worte von Gemeinschaft, Miteinander-Verwachsen-Sein und Abhängigkeit in uns auslösen, welche Erfahrungen wir mit dem Glauben und der Zugehörigkeit zu Jesus Christus oder zur Kirche gemacht haben…

Manche bleiben in der Kirche, andere treten aus. Manche halten enge Beziehungen zu ihren Eltern, andere entfernen sich über die Jahre. Manche bleiben an einem Ort, in einer Gegend, andere ziehen in ihrem Leben mehrmals um, wechseln Städte oder Länder.

Und es ist nicht immer so, dass die einen die „Bleibenden“, „Treuen“ wären und die anderen die „Unsteten“ oder „Aussteiger“. Äußere Sesshaftigkeit muss nicht mit inneren Kontinuitäten einhergehen, wie äußere Umtriebigkeit nicht innere Wechselhaftigkeit bedeuten muss.

Aber dies ist eine Frage, die der Text stellt: die Frage nach dem, was uns hält. Wo bleiben wir gerne? Zu wem oder an was halten wir uns? Welche Zugehörigkeit, welche Traditionen behalten wir, auch wenn sich anderes in unserem Leben verändert? Was hält uns im Wandel der Zeiten?

Ich vermute, so natürlich, selbstverständlich und fest verbunden, wie es das Bild vom Weinstock und den Reben fasst, fühlen sich die wenigsten von uns mit Jesus Christus im Glauben verbunden. Die meisten von uns kennen Kritik und Zweifel, Unbehagen oder Unsicherheit im Blick auf den Glauben, auf ihr Verhältnis zu Jesus Christus und allzumal zur Kirche. Und ebenso kennen die meisten von uns die Suche nach dem, was uns hält.

Vielleicht erschließt sich uns das Bild vom Weinstock und den Reben am ehesten im Wandel. Im Wandel der Jahreszeiten wie im Wandel der Lebensalter.

Ich erinnere deutlich, wie ein junger Vikar in unserer Ausbildung einmal über diesen Text eine Probepredigt hielt. Wie er sich mit dem Bild des Vaters auseinandersetzte, mit dem der Text beginnt: „Christus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.“ (Joh 15, 1) Viel zu starr und zu hierarchisch erschien ihm dieses Bild. Es fühlte sich für ihn zu eng an, so an Jesus hängen zu sollen, wie eine Rebe am Weinstock, und außerdem noch abhängig zu sein von Gott dem Weinbauern. So, als könne er gar nichts selber entscheiden, als müsse er immer ganz nah dranbleiben und dürfe nichts verändern. Das waren wohl Gefühle, die er auch von zuhause, von seinen Eltern kannte, aus der Kleinstadt, in der er aufgewachsen war.

Jesus stellte er sich eher als „Tür“ oder als „Weg“ vor, wie es in anderen Ich-bin-Worten heißt. Als einen, der seinen Anhängern Freiheit und Bewegung ermöglicht, statt passives Hängen und Bleiben zu fordern.

Für Jesus selbst – der auch ein junger Mann war, als er aufbrach mit Freunden und der Botschaft vom kommenden Reich Gottes – war der Vater im Himmel oder der Weingärtner eine stärkende Macht. Gott, in dem er sich verwurzelt und aufgehoben wusste, auf dessen Hilfe er setzte. Aus der Beziehung zu Gott heraus hat er Kraft geschöpft für seinen Weg, für die Gemeinschaft mit immer wieder wechselnden Menschen, für Entbehrungen und Ängste. Das Gefühl oder Vertrauen, wie ein Weinstock zu einem bestimmten Weingärtner zu gehören, sich von ihm leiten, ziehen und pflegen zu lassen – auch wenn dessen Leitung nicht immer seinen eigenen Wünschen entsprach.

So ähnlich haben es andere nach ihm erlebt und erleben es bis heute. Die in schwerer Krankheit oder im Krieg, in Angst oder Trauer Halt finden in Gott. Die manche Worte – ihren Konfirmationsspruch oder Psalm 23 oder das Vaterunser – beten wie ein Mantra. Darauf vertrauen, dass Jesu Worte wahr sind: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.“ (Joh 15, 7) Dass wir Jesus Christus nicht immer wie von selbst oder durch seine Kraft, sondern auch durch unsere eigenen Worte und Gebete so nah bleiben, wie eine Rebe dem Weinstock.

Und zu wieder anderen Zeiten sind wir vielleicht eher mit den Früchten unseres Lebens beschäftigt. So, wie ein alter Mann, pensionierter Religionslehrer, der sich schließlich ganz auf Sizilien niedergelassen hat. Der dort ein altes, verfallenes Steinhaus wieder aufgebaut und einen kleinen Gemüsegarten angelegt hat, Ziegenkäse und Rotwein liebt, gelegentlich die Vorabendmesse in der Dorfkirche besucht. Für ihn ist das Bild von Jesus dem Weinstock und Gott dem Weinbauern stimmig. Als alter Mann ist er eins damit, sich in seinem Leben mal mehr, mal weniger zu Jesus gehalten zu haben. Zufrieden mit dem, was der große Weinbauer durch ihn hat wachsen lassen: den Beruf, die Schülerinnen und Schüler, Kinder und Enkel, Essen und Lebensfreude. Er freut sich an den Früchten seines Lebens und weiß, dass er sie kaum sich selbst verdankt. Sondern wohl vor allem dem Weinbauern, der ihn gezogen, dem Weinstock, der ihn gehalten, und dem Boden, der ihn genährt hat.

So ähnlich ist es wohl auch mit dem Jesuswort vom Weinstock: Dass es seine Kraft entfalten kann je nachdem, auf welchen Boden es in uns fällt. Wie wir es hören, in uns aufnehmen und etwas daraus machen. Zum Trost, zum Ansporn, zur Ermutigung oder Freude…

Guter Wein braucht – so heißt es – einen bestimmten Boden: tiefgründig, locker, kräftig und warm. Nicht zu sauer oder steinig. Auf guten Boden möge Jesu Wort in uns fallen, wachsen und reifen und den Geschmack entfalten, den wir wie Trauben am Weinstock Christi der Welt zu geben haben. Saft und Wein zum Zeichen der Freude am Leben!

Amen.

Predigt zur Konfirmation

Liebe Konfimand:innen,

fast zwei Jahre Konfirmandenzeit liegen hinter uns. Und nichts lief wirk­lich so wie geplant. Normalerweise steht im November, wenn man sich so ein bisschen kennen­gelernt hat, die Kirchenübernachtung auf dem Plan. Aber am 2. November 2020 kam ein sogenannter „Lockdown light“ und statt mit der ganzen Gruppe eine Nacht zu erleben, haben wir in Kleinstgruppen einen Gottesdienst vorbereitet. Ehrlich gesagt, da habt ihr mich zum ersten Mal überrascht. Ich lasse ja die Konfis gerne mitbe­stimmen, welche Themen sie interessieren und bei meiner Umfrage hat haushoch das Thema „Tod & Sterben“ gewonnen – so dass wir im November dazu einen Gottesdienst gemacht haben. Wow, dachte ich: Da geht es gleich ans Eingemachte, da geht es um Leben und Tod. Um Trauer. Und das, was wirklich zählt und wesentlich ist im Leben. Eigentlich wart ihr damit von Anfang an den entscheidenden Fragen dran, und ich erinnere bewegende Texte, die ihr für diesen Gottes­dienst geschrieben habt.

Durch den ersten November und Dezember haben wir uns also so durchgerettet, ab Januar ging dann nur noch Konfi-Unterricht per ZOOM. Sehr mühsam – für euch und für uns, die wir versucht haben mit Kahoot-Quizz, mit Montagsmaler und mit einer App auf den Spuren Jesu das Ganze trotzdem einigermaßen lebendig zu halten. Ich gebe zu, angesichts schwarzer Kacheln war das oft ziemlich zäh. Und dass auch die Freizeit, die wir für das Frühjahr 2021 geplant hatten, coronabedingt abgesagt werden musste, war die nächste Enttäuschung für uns alle. Im letzten Herbst haben wir dann die Chance genutzt und nachgeholt, was ging: die Freizeit und die Kirchen­übernachtung. Das war für viele ein Highlight. Für mich auch. Aber es blieb ein Auf und Ab: Die hohen Inziden­zien im Winter haben eine weitere geplante Freizeit Anfang dieses Jahres wieder unmöglich gemacht. Insofern haben wir viel Schönes miteinander erlebt, aber auch manche Enttäuschung.

Wenn ich mir das Gruppenbild anschaue, das wir damals im September 2020 hier draußen im Kirchgarten gemacht haben, und euch heute angucke, habt ihr euch ganz schön verändert. Nicht nur äußerlich. Manche, die zu Beginn in der Gruppe ruhig waren, sind nach und nach aufgetaut. Anderen habe ich die Belastungen der Coronazeit sehr angespürt. Manchmal hat sich die Kon­firmandenzeit in die Länge gezogen und jetzt habe ich das Gefühl, sie ist viel zu schnell rumgegangen. Keine Dienstag- und Mittwochnachmittage mehr mit euch – mit dem lachenden oder traurigen Smiley in unserer Anfangs­runde, mit euren Fragen, euren Ideen oder auch kritischen Stimmen.

Was bleibt nun? Was nehmt ihr mit, wenn ihr einge­segnet seid?
Ein paar Dinge nehmt ihr ganz wörtlich mit:
Ihr bekommt nachher eure Urkunde in die Hand gedrückt, in der euer Konfirmandenspruch steht. Ihr habt ihn euch alle selbst ausgesucht: Manche haben einen Vers gegen die Angst gewählt, manche das Ver­spre­chen, dass Gott zu finden ist und nahe bleibt. Manche Verse sollen euch Mut machen, sich nicht unter­kriegen zu lassen, auf sich selbst und auf Gott zu vertrauen. Manche geben eine Richtschnur für das Verhalten im Leben. Ich wünsche euch, dass ihr diesen Vers nicht vergesst, dass er euch begleitet und im entscheidenden Moment eine Hilfe ist.

Neben der Urkunde bekommt ihr auch eine Kreuzkette. Schon bei der Taufe habt ihr alle das Kreuzzeichen mit Salböl auf der Stirn empfangen, nun bekommt ihr es versilbert. Das Zeichen, dass ihr zu der Gemein­schaft derer gehört, die an Jesus, den Gekreuzigten glauben. Und auch wenn ihr in Zukunft vielleicht nicht mehr ganz so oft hierherkommt, wisst ihr doch: Ihr seid Teil dieser Gemeinde, die für euch mitbetet und euch begleitet.

Und dann nehmt ihr gleich noch etwas mit: Eure Kerze, die ihr gemein­sam bei unserem letzten Treffen gebastelt habt. Ein Licht nehmt ihr also mit. Licht ist ja etwas, wo­nach man sich ausrichtet, und so hoffe ich, dass euch in der Konfi-Zeit immer wieder ein Licht aufge­gangen ist, was ihr mit eurem Leben machen wollt, was wichtig für euch ist, was trägt, was euch Orientierung sein soll. Natürlich gibt es im Leben dunklere und heller Phasen – Corona war und ist sicher eher eine trübere. Eure Kerze, die nachher an der Osterkerze angezündet wird, soll ein Symbol dafür sein, dass dieses Licht stärker ist als alle Dunkelheit, sowie Ostern bezeugt, dass das Leben stärker ist als der Tod.

Aber diese Kerze steht nicht nur als Symbol dafür, dass der Glaube euch hoffentlich ein Lichtblick in eurem Leben ist. Sondern das Licht steht auch für euch und das, was in euch steckt. „Ihr seid das Licht der Welt!“ haben wir vorhin im Bibeltext gehört. Und dass ihr diese Überzeugung mit­nehmt, das ist mir wirklich wichtig. Eben nicht: Ihr könnt ein Licht sein, wenn ihr dies und jenes macht. Auch nicht, ihr könnt ein Licht sein, wenn ihr besonders über­zeugt glaubt und weiter zur Kirche kommt. Nein, ganz ohne Bedingung: Ihr seid ein Licht – so wie ihr seid! Da geht es nicht um Wissen und Können, sondern um Vertrauen.

Traut euch selbst etwas zu, weil Gott euch etwas zu­traut. Er traut euch zu, dass ihr die Welt erleuchtet. Und ich traue euch das auch zu, denn ich habe es selbst erlebt: Auch mir ist in der Zeit mit euch immer wieder ein Licht aufgegangen. Weil ihr Dinge in Frage gestellt habt, die mir so selbstverständlich schienen, weil ihr eine ganz andere Perspektive auf manches habt, weil ihr offen diskutiert und gezweifelt und eure eigenen Vorstellungen von Gott oder vom Glauben eingebracht habt.

Ich erinnere z.B., dass wir uns auf der Freizeit mit unterschiedlichen Gottesbildern auseinandergesetzt haben. Und ihr habt diese auf einer kleinen Holzplatte künstlerisch dargestellt: Da habe ich ganz neue Aspekte von Gott zu sehen bekommen. Gott ganz groß und weit als offener Himmel oder Regenbogen, Gott aber auch ganz nah. Eine von euch hatte die Holz­platte durchbohrt und einen Henkel daran gemacht mit der Begründung: Gott ist wie eine Handtasche, die ich überall mit hin­nehmen kann: Gott ist immer bei mir und versorgt mich mit dem, was ich brauche. Ja, da gab es viele Geistes­blitze in dieser Konfizeit, für mich und hoffentlich auch für euch.

Ihr habt was zu sagen – macht den Mund auf. Ihr glaubt an etwas, auch wenn ihr das sicher anders formuliert, als wir es vielleicht aus der Kirche kennen. Ihr leuchtet mit dem, was ihr mitbringt. Also lasst euer Licht leuchten, damit die Leute es sehen. Gott traut euch das zu. Und ihr könnt umgekehrt auch Gott zutrauen, dass er euch genau richtig so gemacht hat, wie ihr seid, so wie wir es vorhin im Psalm gehört haben:

Ich danke Gott, dass er euch wunderbar geschaffen hat.

Vertraut auf das, was Gott in euch gelegt hat, vertraut darauf, dass er an eurer Seite ist.
Dann werdet nie ganz im Dunkeln stehen und ihr werdet anderen ein Licht sein. Amen.

 

Predigttext:

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? 4Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. 6Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede, von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

„Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab, denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich sehr.“ – So endet das Evangelium heute für den Ostermorgen. So endet das Markus-Evangelium. Das kann ja wohl nicht sein! Was für ein überraschendes Finale. Evangelium das heißt ja übersetzt „Frohe Botschaft!“, aber diese Geschichte kennt keinen Oster­jubel und kein Happy-End. Die Angst hat das letzte Wort. Sie lässt die Frauen verstummen.

Darauf also läuft alles hinaus? Alles, was Jesus gesagt und getan hat, alles, was er versprochen, verheißen und an Hoffnung verkörpert hat, endet in einem leeren Grab? Selbst sein Leich­nam ist nicht mehr da, um ihn zu salben und zu betrauern. Die Frauen sind geschockt, sprachlos. Das, was sie geplant hatten, um ihre Trauer irgendwie zu bewältigen, diesen letzten Liebens­dienst an Jesus, ihn zu salben, selbst das ist unmöglich.

Da sitzt einer und sagt: „Er ist auferstanden!“ Aber die Frauen hören nur, dass er sagt: „Er ist nicht hier!“ Zweimal sagt der Jüngling, der netterweise auch noch schön weiß glänzt, das­selbe, und doch kann man es völlig unterschiedlich hören: „Er ist weg“ oder „er lebt“. Ich kann den Frauen nicht verdenken, dass sie reagieren, wie sie reagieren: Wer soll das schon verstehen: „Er ist aufer­standen.“? Das passt überhaupt nicht in ihren Erfahrungs­horizont. Das einzige, was sie verstehen und sehen, ist das leere Grab. Jesus ist verschwunden, sie sind allein. „Er ist auferstanden!“ – Was soll das heißen? Das verstehen ja selbst wir oft nicht, obwohl wir 2000 Jahre bzw. unser ganzes Leben lang Zeit hatten, uns an die Osterbotschaft von der Auf­er­stehung zu gewöhnen. Ich denke, auch wir stehen manchmal ratlos vor diesem Osterruf „Er ist auferstanden“ und die Freude will sich nicht so recht einstellen.

Trotzdem ist das Finale unbefriedigend. Es kann doch nicht sein, dass das so aufhört! Und wir wissen ja, dass es nicht so aufhört, denn wenn die Frauen geschwiegen hätten, säßen wir nicht hier. Ich habe eben gesagt: So endet das Markus-Evan­gelium. Das stimmt nicht ganz. So endete es einmal, es ist der ursprüngliche Schluss des Berichts. Aber schon früh haben Menschen das als unpassend empfunden und hatten das Gefühl, das kann man so nicht stehen lassen. Und so wurde das Happy End ergänzt. Man hat später Verse hinzugefügt, die davon erzählen, wie seine Anhänger sich zunächst zwar mit dem Glauben schwertun. Dann aber erscheint ihnen Jesus als Auferstan­dener und sie gehen schließlich hin, verkünden das Evangelium und sorgen damit dafür, dass die Botschaft auch bei uns ankommt.

Und doch glaube ich, dass Markus sich etwas dabei gedacht hat, dass er seinen Bericht mit Schock und Schweigen enden lässt. Sein überraschendes Finale ist ein offenes Ende. Und das beschäftigt uns ja oft mehr, als wenn sich schließlich alles in Wohlgefallen auflöst. Ein Buch mit offenem Ende, das kann man nicht einfach abschließen, zuklappen, zur Seite legen und dann ist gut. Man muss für sich selbst nach einer Auflösung suchen.

Ostern heißt Suchen!
Die Kinder kennen das. Es ist kein Zufall, dass es an Ostern den Brauch des Ostereiersuchens gibt. Auch während wir hier drinnen sitzen, versteckt draußen ein Osterhase Schokoeier, die nach diesem Gottesdienst die Kleinen und sicher auch die schon etwas Größeren im Kirchgarten suchen dürfen. Und wenn man die Kinder dabei beobachtet, kann man das ganze Gefühlsspektrum erleben: diese wohlige Spannung und Aufregung: Da wartet etwas Leckeres auf mich. Manchmal die Verzweiflung, zunächst gar nichts zu entdecken, selbst oder gerade dann, wenn man hektisch hin- und herläuft. Und dann die Freude, doch etwas aufzuspüren. Diese Such­bewegung gehört zu Ostern. Es hilft ja nichts, wenn andere ihr Ei schon gefunden haben. Manchmal macht das die Verzweif­lung sogar noch größer: Warum kann ich nichts sehen und finden, warum kann ich mich nicht freuen, wenn andere das doch auch können. Es hilft auch nichts, wenn die anderen für mich das Osternest suchen. Natürlich tut es gut, einen Hinweis zu be­kommen, aber finden muss ich es selber, sonst ist die Freude schal. Ich denke, nicht anders ist es mit der Oster­botschaft. Sie ist ein Geschenk für uns; geschenkt wir einem aber nichts, man muss sie immer wieder neu für sich suchen…

Dieses offene Finale entlässt uns mit offenen Fragen und wir müssen auf die Suche gehen: Mit der Ahnung, dass das, was wir finden könnten, es absolut wert ist. Ungeduldig vielleicht, manchmal verzweifelt, neidisch, wenn andere schon etwas gefunden haben, wonach wir noch suchen, freudig, wenn wir etwas entdecken. Es wird Hinder­nisse geben. Das wussten schon die Frauen. Wer wälzt uns den Stein von der Tür des Grabes? fragen sie.
Wer wälzt uns den Stein vom Grab? Wer macht uns Ostern zugänglich. Für manche ist der Stein vorm Grab die Vernunft. Auferstehung, so ein Wundergedöns, kann doch nicht sein. In der Aufklärung z.B. hat der Hamburger Gelehrte Hermann Samuel Reimarus die Auferstehungsberichte der Bibel nur so mit seinem Verstand in Einklang bringen können, dass er an­nahm, die Jünger hätten die Leiche geklaut, um ihre Krise mittels Täuschung zu überwinden. Damit stand er dann im leeren Grab, Osterfreude hat sich vermutlich nicht eingestellt.

Für andere mag der Stein die Erfahrung sein: Die Erfahrung an vielen Gräbern zu stehen, deren Steine nicht weggewälzt sind und wo kein Jüngling sitzt. Oder ein Jüngling, den wir nur „Er ist weg“ sagen hören, und für das andere sind unsere Ohren taub. Wer hilft mir zu verstehen, was unverständlich ist, den tiefer­liegenden Sinn meiner Krise, meiner Angst, meiner Trauer. Wer erklärt mir, was im Endeffekt standhält, was dem Leben Sinn gibt – selbst ange­sichts von Leid und Tod. Ich brauche den Engel. Brauche jemanden, der etwas ins Rollen bringt, der mir Türen zeigt, sie sich öffnen.

Im Moment habe ich das Gefühl, dass die Steine, die da ins Rollen gebracht werden müssten, damit der Osterjubel laut werden kann, dass die sehr groß und schwer sind. Wie soll man sich freuen, angesichts der Bilder und Nachrichten aus der Ukraine? Wie soll man noch an das Licht am Ende des Tunnels glauben, das uns seit zwei Jahren Pandemie immer mal wieder versprochen wird? Im Moment geht es uns wohl allen mehr wie den Frauen: Wir hören heute das: „Er-ist-Auferstanden“, aber wir sind erschöpft, traurig, ratlos. Und um so mehr sehnen wir uns natürlich nach dem, was da sein könnte – nach froher Botschaft, nach happy End, nach Hoffnung und Zuversicht.

Und wir wissen ja immerhin, dass die Frauen irgendwann den Mund aufgekriegt haben, ihre Angst und Lähmung überwunden haben, irgendwann die Freude gespürt und die Begeisterung geteilt haben. Das, was offenbleibt, am Ende, der Weg, den die Frauen gehen, den müssen wir jetzt gehen, den müssen wir erstmal suchen. Und die Erzählung gibt uns Hinweise, wie das zu tun ist. Sie ist ja durchaus voller Hoffnungszeichen:
Die aufgehende Sonne, der weggewälzte Stein, das leere Grab.
Da ist der Engel und sein „Fürchtet euch nicht!“ Und seine klare Handlungsanweisung: Geht nach Galiläa und dort werdet ihr Jesus sehen.

Galiläa, das ist die Heimat der Jünger:innen, das ist ihr altes Leben, ihr Alltag. Also losgehen und im Alltag die Augen offenhalten, wo uns Jesus begegnen könnte, wo es Zeichen der Liebe und Zuwendung gibt, Überraschendes, das uns vom geplanten Weg in eine andere Richtung lenkt.
Galiläa, das ist auch der erste Wirkungsort Jesu. Wir könnten also aucxh das Markus-Buch noch mal von vorne lesen, wieder bei den Berichten aus Galiäa anfangen und Jesus dort neu für uns entdecken, mit dem, was er sagt und tut und von Gott zeigt.

Das offene Ende fordert uns auf zurückzublicken, auf den Lebensweg Jesu und auch auf den eigenen. Jemand hat einmal gesagt, das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Oft lassen sich im Rückblick erst Zeichen erahnen, die trotz allem von Gottes Macht des Lebens erzählen.

Ich empfinde dieses Ostern – wie auch schon im letzten Jahr – schwermütiger, gedämpfter. Manchmal denke ich, das müsste doch fröhlicher sein und unbeschwerter, leichter und gelöster. Und dann sehe ich die Frauen am Grab mit Zittern und Entsetzen und verstehe, dass die Osterfreude sicher nicht schlagartig kommt. Sie kommt im Alltag, beim Suchen, beim Gehen, beim sich innerlich Bewegen. Eines ist ja deutlich: In der Trauerstarre lässt sich Jesus nicht finden, nicht im Beklagen alter Zeiten, er hat sich nicht fest­nageln lassen, er ist kein geschlossenes Kapitel. Er hat sich in Bewegung gesetzt, als alle versteinert waren – er ist uns vorausgegangen. Gehen wir also los:

Luther hat einmal gesagt:
Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden,
nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden,
nicht ein Sein, sondern ein Werden,
nicht eine Ruhe, sondern eine Übung.
Wir sind’s noch nicht, wir werden‘s aber.
Es ist noch nicht getan oder geschehen,
es ist aber im Gang und im Schwang.
Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg“

Ostern ist nicht der Schlusspunkt einer Erzählung, es ist der Beginn unseres Weges. Machen wir uns also auf die Oster­suche. Keine Ahnung, wie schnell wir etwas finden, was uns schmeckt, stärkt und gut tut, keine Ahnung, was genau das sein wird – das Ende ist offen. Aber das Ende ist ein Neuanfang mit all den Verheißungen, die darin liegen. Amen.

Predigt zu Johannes 19, 26+27

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Am Ende ist von Jesu Leben, Lieben und Leiden nur das Kreuz geblieben. Das Symbol des Kreuzes, ganz schlicht. Man kann es mit zwei Fingerstrichen in den Sand malen, mit Wasser einem Täufling auf die Stirn zeichnen oder aus zwei Ästen zusammenbinden.

Das Kreuz als ein universales Zeichen. Eigentlich steckt darin die ganze christliche Botschaft: die Liebe, Treue und Wehrlosigkeit Jesu, in dem wir Gottes Sohn glauben. Seine Hingabe bis zum Tod – und sein Durchgang durch den Tod zu neuem Leben.

Das Kreuz kann für sich alleine stehen, ohne Hintergrund, ohne Umgebung, ohne Menschen. Es spricht für sich allein. Aber es ruft nach Menschen, es fragt nach Menschen. Nach den Menschen damals, von denen wir eben in der Passionsgeschichte gehört haben, die Jesu Tod gefordert oder gebilligt haben oder ihn miterleben mussten. Es fragt auch nach den Menschen heute, die sich und ihr Leben in Beziehung zum Kreuz setzen, Jesu Kreuz ins Leben ziehen.

Diese Spannung zwischen den Fragen, die das Kreuz uns Menschen stellen kann, und den Fragen, die wir ans Kreuz haben mögen, macht auf eindrückliche Weise der bekannteste zeitgenössische Künstler des Nordens Per Kirkeby deutlich. Für mehrere Kirchen in seiner Heimat Dänemark und in Deutschland, wo er lange als Kunstprofessor in Karlsruhe und Frankfurt a.M. gelehrt hat, schuf er Altarbilder, Glasfenster und Skulpturen.

Ein Altarbild hat es mir besonders angetan. Ich möchte es euch schildern, damit ihr euch davon eine Vorstellung machen könnt.

Das Bild entstand 2012 und befindet sich in der kleinen, an sich schmucklosen Kirche im Stadtteil Gentofte im Norden von Kopenhagen. Es hängt im Hochaltar, füllt dessen mittlere Tafel ganz aus. Auf den ersten Blick sieht man darauf einen Stamm. Nicht tot, sondern sehr lebendig, mit einer längs geriffelten, feucht glänzenden Rinde. Licht und Schatten spielen darauf in vielen Farben. Rechts vom Stamm Dunkelheit, kräftige schwarze Pinselstriche, durch die es grün und braun schimmert. Als sei eine fruchtbare Landschaft schwarz durchgestrichen worden. Links vom Baumstamm sonnige Farben: hellgrün, gelb und orange.

Erst auf den zweiten Blick fallen die beiden Farbflächen am Fuß des Stammes auf: klares Blau auf der einen, klares Rot auf der anderen Seite. Einige Tupfer Violett, wo sich die beiden Farben gerade nicht berühren.

Rot und blau, eine Anspielung, ein Zitat der Menschen, die da in der kirchlichen Kunst seit dem Mittelalter stehen, auf Altartafeln, in Kreuzigungsgruppen und auf Ikonen. Maria, die Himmelskönigin, oder in Gegenden, die von der Seefahrt geprägt sind, auch „Stella maris“, Seestern Maria, in einem himmel- oder wasserblauen Umhang. Und Johannes, der Lieblingsjünger oder beste Freund Jesu, in einem Gewand so rot wie Blut, so rot wie die Liebe.

Wenn zwei Menschen unter dem Kreuz abgebildet sind, kann man ziemlich sicher sein, dass es diese beiden sind: Maria und Johannes. Wie auch unter dem Kreuz in unserem Hochaltar. Sie stehen da, weil es im Text so steht, jedenfalls im Evangelium nach Johannes. Aber das wird für einen modernen, experimentellen Künstler wie Per Kirkeby nicht die einzige Begründung, keine zwangsläufige Herleitung sein. Wenn er sich auf die mittelalterliche Farbtradition bezieht, so trifft er eine bewusste Wahl. Er gibt dem Kreuz in seiner Sprache Antwort oder Deutung, zieht es auf seine Weise ins Leben.

Maria und Johannes, die Per Kirkeby so leuchtend farbig zitiert, wie der schillernde Baumstamm auf seinem Bild das Kreuz zitiert, sie stehen am Fuß des Stammes als Zeugen, vielleicht auch als Mittler oder Interpreten. Sie bezeugen die Liebe Jesu, seine Fürsorge, die noch im Sterben anderen galt: seiner Mutter und seinem besten Freund. Er wies sie aneinander, dass sie sich fortan gegenseitig helfen und unterstützen sollten. Sein Mitgefühl mit dem Schmerz derer, die seinen Tod erleiden müssen, denen er im Leben fehlen wird. So, wie manche Sterbende vor allem mit der Hilflosigkeit, der Einsamkeit oder Trauer derer beschäftigt sind, die zurückbleiben werden. Eine tiefe Verbundenheit, die nicht mit dem Tod endet. „Er liebte die Seinen“, heißt es, „und er liebte sie bis ans Ende“ (Joh 13, 1).

Wenn Jesus am Kreuz sagt: „Frau, siehe, dein Sohn!“ Und: „Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19, 26+27), dann gab er damit Maria und Johannes zugleich einen Auftrag. Einen einfachen Hinweis auf das, was im Leid hilft, uns trösten und aufrichten kann: die Nähe, Zuwendung und Hilfe anderer. Nicht alleine zu bleiben mit Gewalt, Tod und Zerstörung, sei es im privaten oder im öffentlichen Raum, in Katastrophenfällen oder im Krieg. Manches Leid ist nicht alleine zu tragen. Mal braucht es Worte, mal eine Umarmung oder körperliche Nähe, mal praktische Hilfe, um nicht unterzugehen im Schmerz.

Als Jesus seinen Freund und seine Mutter aneinander weist, da stiftet er im Abschied so etwas wie eine neue Familie. Insofern bezeugen Maria und Johannes auch die christliche Gemeinschaft, die vom Kreuz ausgeht und schnell viel größer wurde als die Zwölfergruppe der Jünger. Eine Gemeinschaft, zu der von Anfang an Menschen in instabilen Familienverhältnissen gehörten, diese vielleicht auch besonders suchen: Witwen, verwaiste Eltern oder Geschwister, Fremde. So, wie sich bis heute in manchen Kirchengemeinden viele Zugezogene, Vertriebene, Geflüchtete, Umgesiedelte und Vagabunden versammeln. Menschen mit mehreren Heimaten. Der Schmerz des Abschieds mag uns einen, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit oder Freundschaft und auch die Bereitschaft, im andern einen Bruder oder eine Schwester, eine Mutter oder einen Sohn zu sehen, ganz gleich, woher wir kommen.

Alle dürfen dazu gehören, auch dafür stehen Maria und Johannes. Johannes ein Mann, so jung, dass er noch keinen Bart trägt, ohne Familie. Maria eine Frau, Ehefrau und Mutter, schon älter. Zusammen stehen sie da für uns alle, ob wir alleinstehend, verheiratet, verwitwet oder geschieden sind, Mütter und Väter oder Töchter und Söhne. Gleichermaßen verletzlich und ohnmächtig, liebend und trauernd. Entsetzt über das, was zum Beispiel in der Ukraine geschieht, bangend um den Zusammenhalt und die Sicherheit in Europa, ängstlich oder wütend über die Klimakatastrophe, in Sorge um die Zukunft. Gemeinsam stehen wir da, in Johannes und in Maria. Weinend und ratlos wie Maria in ihrem tränenblauen Umhang, zornig und leidenschaftlich wie Johannes in seinem flammendroten Überwurf.

„Für uns“ ist Jesus Christus am Kreuz gestorben, so hat es unsere Tradition formuliert. Und wir versuchen immer wieder, dieses „für uns“ zu verstehen… „Für unsere Sünden“, für unsere heillose Welt mit ihren tödlichen Mächten, die sich an Jesu Kreuz ausgetobt haben, sodass Friede sei. Sodass wir spüren könnten, dass Gottes Liebe zum Leben größer ist als die Gewalttätigkeit der Menschen.

Im Glauben wird Jesus „für uns“ wahr. In unserer Beziehung zum Kreuz, zur Liebe und zum Leid. Ausgegossen sind Gottes Tränen über dem Kreuz seines Sohnes, wie ein Meer. In Flammen steht Gottes Liebe am Kreuz, seine leidenschaftliche Liebe zum Leben, aus der heraus neues Leben für uns entsteht, stärker als der Tod.

Zwei Farbflächen, rot und blau, am Fuß eines schillernden Stammes. Auf mystische Weise bezeugen sie die Anwesenheit Gottes in der Welt: im Wasser, in dem alles Leben entstanden ist, in der Luft, die wir zum Atmen brauchen. Und in der Liebe, in der Leidenschaft und im Feuer, das uns nährt und wärmt und neues Leben schenkt.

„Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich“, heißt es im Hohelied der Liebe. „Ihre Glut ist feurig und eine gewaltige Flamme Gottes. Viele Wasser können die Liebe nicht auslöschen noch Ströme sie ertränken.“ (Hld 8, 6+7)

In Jesu Kreuz für uns halten wir daran fest. Amen.