Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Du meine Seele singe

Du meine Seele singe

Liedpredigt zum Sonntag Kantate
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 15. Mai

Predigt zu Paul Gerhardt

Lied: Du meine Seele singe

1. Du meine Seele singe Du meine Seele, singe, /wohlauf und singe schön
Dem, welchem alle Dinge / zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben / hier preisen auf der Erd;
Ich will ihn herzlich loben, / solang ich leben werd.

2. Wohl dem, der einzig schauet / nach Jakobs Gott und Heil!
Wer dem sich anvertrauet, / der hat das beste Teil,
Das höchste Gut erlesen, / den schönsten Schatz geliebt;
Sein Herz und ganzes Wesen / bleibt ewig unbetrübt.

3. Hier sind die starken Kräfte, / die unerschöpfte Macht;
Das weisen die Geschäfte, / die seine Hand gemacht:
Der Himmel und die Erde / mit ihrem ganzen Heer,
Der Fisch unzähl’ge Herde / im großen wilden Meer.

8. Ach ich bin viel zu wenig, / zu rühmen seinen Ruhm;
Der Herr allein ist König, / ich eine welke Blum.
Jedoch weil ich gehöre / gen Zion in sein Zelt,
Ist’s billig, dass ich mehre, / sein Lob vor aller Welt.
Text: Paul Gerhardt 1653

Predigt:

Heute nehme ich Sie mit auf eine Reise ins Jahr 1676. Ziel unserer Reise ist Lübben. Das ist ein kleines Städtchen im Spree­wald ca. 80 km südlich von Berlin. Bekannt ist es vor allem durch einen berühmten Mann, der dort seine letzten Lebens­jahre verbracht hat und begraben liegt – und den auch wir heute besuchen wollen, nämlich den Liederdichter Paul Gerhard.

Im Jahr 1676 ist er fast 70 Jahre alt und ahnt, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Ich stelle mir vor, er sitzt an seinem Schreibtisch, auf dem sich Notizen und Noten stapeln. Im selben Zimmer: Sessel, Schrank und Bett – er lebt bescheiden. Die Frühjahrs­sonne scheint durch das Fenster, während er ein Blatt Papier zurechtlegt. Es wird eine Art „Testament“ werden, was er an diesem Tag verfasst. Gerichtet an seinen Sohn, seinen einzigen. Alle anderen vier Kinder, die ihm und seiner Frau geboren wurden, sind gestorben – z.T. noch ganz jung, die Kindersterblichkeit ist groß in diesen Zeiten; der damit ver­bundene Schmerz auch. Paul Friedrich, sein einziger über­lebender Sohn, ist jetzt gerade mal 13 Jahre alt, Paul Gerhard mit seinen 70 Jahren ein alter Vater; er hat ja auch erst mit 48 geheiratet. Erst als er in Mittenwalde als Pfarrer ein festes Amt innehatte, konnte er es sich leisten eine Familie zu gründen.

Nur er und sein Sohn sind noch am Leben, und er wird ihn bald nicht mehr selbst erziehen können, deswegen ist es ihm so wichtig, ihm zu schreiben, ihm etwas zu hinterlassen, wonach er sich richten kann und soll. Er taucht die Feder ein und schreibt als ersten Satz: „So danke ich Gott zuvörderst für alle seine Güte und Treue“. Diese Überschrift gibt er allem, was nun folgt. Zunächst ein Rückblick auf sein Leben, das vor allem von Krieg und Hunger, von Pest und Tod geprägt war. Den gesamten 30-jährigen Krieg hat er miterleben müssen, gerade mal 11 Jahre war er alt, als das grausame Morden begann. Mit 12 Jahren hat er seinen Vater verloren, 2 Jahre später seine Mutter. 1637 wird sein Eltern­haus von Soldaten zerstört, sein älterer Bruder stirbt im gleichen Jahr an der Pest. Auch später – als er dann endlich eine feste Stellung hat – bleibt er von Leid nicht verschont. Nicht nur vier seiner fünf Kinder muss er betrauern, auch seine Frau Anna Maria stirbt nur 13 Jahre nach der Hoch­zeit. Und als er sich aus Glaubens­gründen bei theologischen Streitigkeiten seinem Landesvater, dem Kurfürst, widersetzt, wird er kurzer­hand seiner Stelle enthoben und steht mit 59 Jahre arbeitslos und ohne Verdienst da.

Doch was er da an seinen Sohn schreibt, ist kein Klagelied, sondern er weiß sich selbst in allen Brüchen seines Lebens von Gott begleitet und getragen. Letztlich ist für ihn nichts selbst­verständlich und alles ein Geschenk, ein großes Wunder. Diese Haltung möchte er seinem Sohn weitergeben. Glaube und Arbeit, Hoffnung und Liebe, Leben und Beten gehören für ihn zusammen, so hält es sein Schreiben fest.

Vielleicht greift Paul Gerhard, während er über sein Leben nach­­denkt, zu den Gesang­büchern, die dort auf seinem Schreib­­­tisch liegen. Das erste Büchlein ist 1647 in Berlin erschie­nen. Er blättert durch die Seiten:
Auf, auf mein Herz mit Freuden,
Wach auf mein Herz und singe
Nun ruhen alle Wälder
18 seiner Lieder sind darin abgedruckt. Als das Gesangbuch sechs Jahre später neu aufgelegt wird, sind schon 64 Lieder aus seiner Feder, mit dabei:
Geh aus, mein Herz, uns suche Freud
Befiehl du deine Wege
Lobet den Herren, alle, die ihn ehren
Könnte Paul Gerhard durch unser Gesangbuch blättern, das Sie gerade in der Hand halten, er würde 27 seiner Lieder finden, die wir noch heute singen und in denen sich seine ver­trauensvolle Grundhaltung zum Leben in vielen, vielen Strophen – unter 10 Strophen macht er es selten – in denen sich dieses Urvertrauen zu Gott sprachge­waltig zu Wort meldet.

Wenn er darin die Fröhlichkeit besingt, dann nicht, weil irgend­eine Trübsal erfolgreich überwunden ist, sondern weil seine Freude sozusagen zwischen den Steinen des Leides hervor­sprießt. Sie wächst und gedeiht immer wieder, holt sich Ge­lände zurück, weil die Wurzeln tief hinabreichen zur Quelle seines Trostes, zu Gott selbst.

Und was hilft am besten, Zuversicht und Freude zurückzu­gewinnen, gerade in schweren Zeiten? Das Singen!
Kein Wunder, dass so viele seiner Lieder genau davon handeln:
Wach auf mein Herz und singe
Ich singe dir mit Herz und Mund
Sollt ich meinem Gott nicht singen
Wir singen dir, Immanuel
Und natürlich: Du meine Seele singe!

Paul Gerhard ist nicht als Theologe oder Pastor berühmt ge­worden. Ich kenne ehrlich gesagt keine einzige Predigt von ihm, aber er hat sich über Jahrhunderte in unsere Herzen gesungen. In einer Zeit, in der viele Menschen nicht lesen konnte, war das die effektivste Art, Texte zu lernen, zu verinnerlichen, im Herzen zu bewegen. Seine Lieder und diese überschwängliche Auf­forder­ung zu singen, das ist das Testament, das er an uns Nachgeborene richtet und das wir uns heute am Sonntag „Kantate“ zu Herzen nehmen.

Eines meiner liebsten Lieder von ihm ist: Du meine Seele singe! Er hat darin ein uraltes Lied – heute würde man sagen – „gecovert“. Nämlich Psalm 146, den wir vorhin gemeinsam gelesen haben. Die Psalmen, die ja häufig auch als das Gesangbuch des alten Israels bezeichnet werden, waren ursprünglich Lieder. Ihre Melodien sind nicht erhalten, aber ihre tiefe Weisheit und ihr Gottvertrauen. Sie geben uralten allge­mein-menschlichen Erfahrungen eine Stimme und Martin Luther oder eben auch Paul Gerhard haben ihnen auch wieder einen Klang gegeben.

Auffallend bei unserem Psalm und Lied: Da spricht jemand mit sich selbst, mit der eigenen Seele. Ich fordere mich selbst auf zu singen. Und zwar mit meiner Seele. Die Seele, was ist das eigentlich in mir? Ich würde sagen, die Seele ist der Ort, wo Gott in mir wohnt, sie ist der heile, der unzerstörbare Kern, mein Mensch-Sein, das ewig Lebendige. Es ist das, was sich bei Paul Gerhard, trotz allem Leid, das er erfahren musste, als unbeschädigt erwiesen hat und ihn immer wieder das Lob hat anstimmen lassen.

So richtig verstanden, was die singende Seele in diesem Lied bedeuten könnte, habe ich allerdings erst, als ich von einem Pastor gelesen habe, der in der Psychiatrie arbeitet. Er be­schrieb, wie er Menschen begegnet, die lebens-müde gewor­den sind, keine Lebenskraft mehr haben, keinen Lebensmut. Und wie er sie dazu führen möchte, den Ton wieder zu hören, der tief in ihnen klingt. Tief in uns ist etwas Heiles, Gutes, Lebendiges – die Seele. Und diese Seele klingt, sie hat einen Ton, einen ewigen Ton, der schon immer in ihr klang und noch heute klingt. Ich finde das ein schönes Bild, dass in unserer Seele ein Ton klingt, auf den wir hören und den wir singenderweise nach außen holen können. Klingen und singen, das ist sehr nahe beieinander, aber eben doch nicht dasselbe. So wie der Klang der Seele etwas anderes ist als der Klang der Stimme.

Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön – das heißt nicht, jemand muss eine schöne Stimme haben, den Ton treffen, die Melodie kennen. Sondern wir sollen uns selbst erinnern, dass jeder und jede diesen Klang in sich hat. Dass Gott ihn angestimmt hat, uns eingehaucht hat und dass wir mit diesem Hauch, mit diesem Klang wiederum Gott loben mögen.

Und das tut Paul Gerhard in diesem Lied – ausnahmsweise „nur“ 8 Strophen lang. Er besingt Gott, dem wir uns anvertrauen können, wie sich andere vor uns ihm anvertraut haben – Jakob z.B. Er besingt Gott, der starke Kräfte hat, Schöpferkräfte, die sich in Himmel und Erde, Meer und Getier zeigen. Er besingt Gott, der gerecht und zuverlässig ist und uns schützt, der sich auf die Seite der Schwachen stellt, der Hungernde und Fremden, Kranken und Blinden, Witwen und Waisen.

Paul Gerhard wird für mich in seinem Lied das, was er seinem Sohn in seinem Testament sein wollte: Vorbild eines gläubigen Menschen. Staunend stehe ich davor und bewundere, dass ein Mensch, der so viel Leid und Grausamkeit, Mittellosigkeit und Hunger, Krankheit und Tod erlitten hat, dass der sich trotz allem oder vielleicht gerade deswegen so in Gott geborgen wusste. Ich bin froh, dass Paul Gerhard uns sein Testament als klingen­des hinterlassen hat. Wenn ich die Zeilen an seinen Sohn lese, dann lese ich Verhaltensregeln für ein gottgefälliges Leben und kann den Zeigefinger nicht ganz ausblenden. Wenn ich aber dieses Lied höre, dann weckt das in mir die Sehnsucht nach dieser Geborgenheit in Gott, dann steckt es mich an, mitzu­jubeln und mitzuloben:

„Ach, ich bin viel zu wenig zu rühmen seinen Ruhm“.

Das bringt meine Seele zum Klingen und ändert meine Haltung. Wo ich vorher vielleicht eher kritisch gefragt hätte, warum Gott uns diese Pandemie zumutet oder warum er diesen Krieg nicht verhindert, danke ich ihm für Bewahrung in der Pandemie und für den jahrzehntelangen Frieden, den wir hatten und hier haben. Wenn ich das so sage, kann man mir vielleicht Schön­reden vorwerfen. Wenn Paul Gerhard das dichtet, dann ist das so authentisch und wegen seines Lebensweges so glaub­würdig, dass sich mir manche kritische Frage gar nicht mehr stellt und ich einfach mitsinge und mitklinge in seinem Gottes­lob. Seine Lieder machen uns, wenn wir einstimmen in den Gesang, zumindest für den Moment zu Menschen, die ver­trauen, die dankbar sind, gerecht und stark sein können, loben und lieben wollen – sich selbst und die Nächsten. Wenn wir den Klang, der in unserer Seele wohnt, ab und zu singenderweise nach außen holen, ihm selbst lauschen, dann gibt uns das Mut und Kraft. Es erinnert uns, dass der Ton nicht verklingt, wenn das Lied verstummt – auch nicht in Corona­zeiten. Die Stimmen mögen eingerostet sein, der Klang nicht, den können wir immer wieder hervor­kitzeln. Und Paul Gerhard will uns in diesem Sinne kitzeln.

Wenn wir bei unserer Reise nach Lübben noch einen kleinen Abstecher in die Kirche dort machen, die inzwischen nach ihm benannt ist, finden wir dort ein Gemälde von ihm, das mit einem lateinischen Text versehen ist. Auf Deutsch lautet er:

Wie lebend siehst Du hier Paul Gerhardts teures Bild,
Der ganz vom Glaube, Lieb und Hoffnung war erfüllt.
In Tönen voller Kraft, gleich Asaphs Harfenklängen
Erhob er Christi Lob mit himmlischen Gesängen.
Sing seine Lieder oft, o Christ, in heil’ger Lust,
so dringet Gottes Geist durch sie in deine Brust.

In diesem Sinne – mögen uns seine Lieder be-geistern und unsere Seele zum Klingen bringen. Amen.