Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Ein Beispiel

Ein Beispiel

Predigt zu Gründonnerstag
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Gründonnerstag, 14. April 2022

Predigt zu Johannes 13, 1–15. 34–35

Predigttext: Johannes 13, 1–15. 34–35

Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater. Wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende. 2 Und nach dem Abendessen – als schon der Teufel dem Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, ins Herz gegeben hatte, dass er ihn verriete; 3 Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging – 4 da stand er vom Mahl auf, legte seine Kleider ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. 5 Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen und zu trocknen mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war. 6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, du wäschst mir die Füße? 7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. 8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. 9 Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! 10 Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; er ist vielmehr ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. 11 Denn er wusste, wer ihn verraten würde; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein. 12 Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe? 13 Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch. 14 Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. 15 Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.
34 Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. 35 Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

„Mensch, weigere dich“ – las ich neulich auf der Straße, in der Heckscheibe eines parkenden Autos, mit schwarzem Filzstift auf ein Blatt Papier geschrieben: „Mensch, weigere dich, ein Feind zu sein!“

Im Moment denkt man dabei sofort an den Krieg in der Ukraine. An den kriegerischen Konflikt, in dem Russen und Ukrainer Feinde sind und Russland für die gesamte NATO der Feind ist.

Erst nach und nach merken die Medien, dass wohl zu differenzieren ist zwischen Russland und den Russen, zwischen dem russischen Präsidenten, der Oligarchie, den Ministern und Beratern, der in sich gespaltenen russisch-orthodoxen Kirche, den Wählern, den Künstlern, den Mitläufern, den Oppositionellen, den vielen Russinnen und Russen auch mit multikulturellem und -nationalem Hintergrund. Das haben wir Deutschen nach dem 2. Weltkrieg langsam gelernt, und wie erinnern uns hoffentlich: dass nicht „der Russe“ der Feind ist oder „der Chinese“.

„Mensch, weigere dich, ein Feind zu sein!“ Das heißt nicht, dem Einmarsch einer übermächtigen Armee in ein anderes Land tatenlos zuzusehen. Es muss nicht radikalen Pazifismus bedeuten. Aber es heißt: Lass dich nicht verbiegen zur Feindschaft gegenüber anderen Menschen. Bleib ein Bruder, eine Freundin, ein Mensch! Bleib dem Nächsten nah!

Unser Nächster, unsere Nächste ist im christlichen Sinn nicht der oder die, die unserem Herzen besonders nah sind, die wir lieben oder mögen, mit denen wir zusammenleben. Unser Nächster ist nach christlichem Verständnis der oder die, die vielleicht gerade zufällig neben uns sitzt, unseren Weg kreuzt oder unsere Hilfe braucht.

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, der Beispielgeschichte zum Thema „Nächstenliebe“ hat Jesus das einprägsam formuliert, als er am Ende seine Zuhörer fragte: „Wer von diesen dreien, meint ihr, ist dem zum Nächsten geworden, der unter die Räuber gefallen war?“ (Lk 10, 36) Wer hat sich dem Ausgeraubten, dem Verprügelten als Nächster zugewandt?

Ein Nächster zu sein, eine Nächste zu werden – das könnte der Umkehrschluss aus dem Satz sein: „Mensch, weigere dich, ein Feind zu sein!“ Bleib nicht feindlich abgewandt, sondern komm nah heran!

Jesu ganze Lebensgeschichte, sein Umgang mit anderen, die Heilungen, das Brotteilen und seine Verkündigung, erzählen von diesem Selbst- und Gottesverständnis: Gott und den Menschen „nah“ zu sein. Daran hat Jesus bis zuletzt festgehalten, trotz Anschuldigungen, Verrat und Feindschaft bis zum Tod.

Zwei Beispiele der Nähe zu Gott und den Menschen hat Jesus seinen Jüngern am Vorabend seiner Gefangennahme, Verurteilung und Kreuzigung mitgegeben, wie ein Vermächtnis. Zwei Zeichenhandlungen: Das Abendmahl, in dem er ein letztes Mal mit seinen Freunden Brot und Wein geteilt hat, so wie viele Male zuvor. Und die Fußwaschung, von der nur im Johannes-Evangelium berichtet wird. Als Jesus seine Kleider hochnahm, sich eine Schürze umband, eine Schüssel mit Wasser füllte und sich vor seine Jünger kniete, um ihnen die Füße zu waschen.

In unserer Kirche ist die Geschichte versteckt überliefert: Hinter der Kanzel, gegenüber von dem Bronzerelief, das Jesu Geißelung zeigt, ist auf einem Relief dargestellt, wie Jesus mit gerafftem Gewand wahrscheinlich vor Petrus kniet, der hier wie so oft als alter Mann dargestellt wird. Der es zunächst ablehnt, dass Jesus ihm die Füße wäscht.

„Ein Beispiel gebe ich euch“, hat Jesus gesagt, nachdem er seinen Freunden gegen deren Willen die Füße gewaschen hat. Ein Beispiel am letzten Tag seines Lebens, trotz des bevorstehenden Verrats kein Feind, sondern ein Mensch und ein Nächster zu sein.

Das ist, besonders wenn man sich eine Fußwaschung ganz konkret vorstellt, gar nicht so leicht auszuhalten, diese Nähe. Eine Freundin von mir dachte es sich so schön: In ihren ersten Amtsjahren als Pastorin war diese Geschichte von der Fußwaschung Predigttext an Gründonnerstag, wie heute. Und sie dachte, es sei eine gute Idee, ein sinnliches Erlebnis, im Gottesdienst eine Fußwaschung anzubieten. Mehrere aus der Vorbereitungsgruppe standen mit Schüsseln und warmem Wasser bereit, anderen die Füße zu waschen. Aber dann meldeten sich gleich Weitere, die gerne anderen die Füße waschen wollten – und die anderen hatten Gründe, warum es heute für sie nicht passte, die Schuhe und Strümpfe auszuziehen und die Füße gewaschen zu bekommen…

Während es zu Jesu Zeiten ein Zeichen freiwilliger Zuwendung und Ehrerbietung war, einer eigentlich höherstehenden Person die Füße zu waschen, fühlen wir uns heute sicherer und souveräner in der Rolle des Fußwäschers – und eher nackt, bloß und verletzlich, wenn wir die Füße gewaschen bekommen, selbst von Freundinnen und Freunden.

Eine besondere Form der Nähe, wie sie auch in der medizinischen Pflege geschieht – und viele kranke oder ältere Menschen müssen sich erst langsam daran gewöhnen oder lehnen dies lange ab. Ein Dienst, in dem wir uns gegenseitig sehr nah kommen – und das kann eine Zumutung für unsere Bedürfnisse nach Selbstbestimmung und Intimsphäre sein, und zugleich eine Wohltat, gewaschen, eingecremt oder angezogen zu werden. Es ist eine Herausforderung, in der Nähe, die wir in der Pflege oder in dem Dienst einer Fußwaschung brauchen, einander auf gute Weise nah zu sein. Nicht übergriffig, vereinnahmend oder ruppig auf der einen Seite, nicht abweisend, herablassend oder beleidigt auf der anderen Seite.

Eine besondere, empfindliche Beziehung zwischen Dienenden und Empfangenden, Pflegenden und Bedürftigen, Dienstleistern und Konsumenten. Wie wir sie an den verschiedensten Orten erleben können, im Restaurant, auf Reisen oder bei Hilfen im Haushalt, überall, wo wir die Hilfe oder den Dienst von anderen brauchen oder sie anderen anbieten.

Eine besondere Nähe, kostbar und dennoch gar nicht leicht auszuhalten – auch wenn wir an Gründonnerstag denken. An Jesu Abschied von seinen engsten Freundinnen und Freunden, das letzte Abendmahl. An einem Tisch zusammen zu sitzen, von einem Brot, aus einer Schale zu essen. Zu wissen, dass ein Mensch, den wir lieben, geht. Zu wissen, dass wir ein letztes Mal zusammen sind. Einander in die Augen sehen, eine letzte Umarmung, sich jede Handbewegung und jedes Wort genau einprägen…

Darin bleibt die Geschichte und die Erinnerung an die Fußwaschung Jesu wichtig, auch wenn wir sie anders als das Abendmahl nicht praktizieren. Weil sie wachruft, was Jesus wichtig war: Einander zu dienen und füreinander da zu sein, nah, verbunden und verletzlich zu sein und dies auch zu zeigen.

„Mensch, weigere dich, ein Feind zu sein!“ Bleib in der Liebe Gottes, die höher ist als unsere Vernunft und die tiefer reicht als unsere Angst und Zweifel. Amen.