Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Ertrag unseres Lebens

Ertrag unseres Lebens

Predigt am 7. Februar 2021
Pastorin

Andrea Busse

Sonntag Sexagesimä

Predigt zu Lukas 8, 4-15

Gnade sei mit euch und Friede. Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz. Er segne unser Reden und Hören.

Hören. Was gibt es hier schon zu hören? Eine uralte Geschichte. Dieser Sämann ist von vorgestern. Er vergeudet gelassen und großzügig kostbares Saatgut. Verschleudert es an die Vögel. Lässt es zertreten. Unter Dornen verdorren. Nur ein Teil geht auf und bringt Ertrag. Und den erwartet er. So war das damals.

Heute könnte sich das kein Landwirt mehr leisten. Die Landwirtschaft muss „wirtschaftlich“ arbeiten. Mit profes­sionellen Maschinen und exakten Mengenangaben. Die Sämaschinen von heute wollen nichts vergeuden und verschleudern. Die Effizienz ist kalkuliert. Möglichst wenig einsetzen und möglichst viel gewinnen. Die Ernte wird nicht einfach erwartet, sie wird beschleunigt. Der Boden bewässert und gedüngt, die Saat manipuliert. So ist das heute. Was soll dieses alte Gleichnis also?

Ineffektiv ist dieser Sämann. Was verschwendet der alles! Wie viel vergebliche Arbeit. Hätte es doch vorher wissen können, dass auf dem Weg und zwischen Dornen nichts gedeihen kann. Viel Input – wenig Output – sicher kein Beispiel von best practise.
Aber sicher eine Erfahrung, die wir kennen: Wie viel Mühe macht es oft, eine Idee umzusetzen, ein Projekt zu realisieren, wie viel investiert man und dann kommt doch nichts raus. Zu viele Bedenken, zu viele Widerstände und am Schluss bliebt nichts übrig. Hätte man sich die Mühe sparen können.

In diesem Gleichnis höre ich eine ganz existentielle Frage:Die Frage nach dem Ertrag, dem Ertrag unseres Lebens.Wie ist das Verhältnis zwischen Aufwand und Erfolg, Ausgaben und Einnahmen? Wie ist die Bilanz, lohnt sich unser Leben? Wir leben ja zwischen Saat und Ernte. Und zwar in einer Zeit, in der Erträge sichtbar werden sollen – und das möglichst schnell. Aber seit Monaten sind die Rahmen­bedingungen dafür extrem schwierig. Was gestern noch fruchtbarer Boden war, ist heute abgesperrt, Zutritt verboten, geschlossen. Was für eine Botschaft also, wenn dieses Gleichnis uns sagt: Selbst Gott als Sämann hat 75% Verlustquote! Und trotzdem lohnt sich die Saat!

Wir dürfen hier Gott bei der Arbeit zusehen. Mit vollen Händen streut er aus, egal wohin. Eine Kette von Misserfolgen wird geschildert: Er scheitert dreimal, bevor überhaupt was rauskommt. Aber was rauskommt, reicht. Mehr als das: Es ist ein verblüffender Erfolg. Dieses Gleichnis will uns gelassener machen in Sachen Effizienzdruck. Der Sämann erntet nur ein Viertel. Es muss nicht alles gelingen, es muss nicht mal die Hälfte gelingen. Es kann nicht mal gelingen. Das wissen auch die, die unter großem Effizienzdruck arbeiten. Henry Ford, der amerikanische Automobilpapst hat einmal über Werbung gesagt – und bei Werbung handelt es sich ja auch um Botschaften, die ausgestreut werden, um andere zu überzeugen und dann Ertrag zu bringen – er hat gesagt: „50% bei der Werbung ist immer rausgeworfen. Man weiß aber nicht, welche Hälfte das ist.“ Gott setzt sogar noch einen höheren Prozentsatz an. Wenn nur ein Viertel gelingt, dann reicht das schon. Was für eine Entlastung!

Und noch was lernen wir, wenn wir dem Sämann bei der Arbeit zuschauen: Wenn wir säen wollen, müssen wir den Samen aus der Hand geben. Was dann geschieht, haben wir nicht im Griff. Wir können nur säen, den Erfolg haben wir nicht in der Hand, denn – auch das ist sprichwörtlich – das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Wir müssen nicht gleich den Erfolg produzieren, sondern nur säen. Wie tröstlich dieses Gleichnis ist: Bei Frusterfahrungen nicht aufgeben. Geduldig bleiben, großzügig bleiben. Es gibt nicht die Alternative zwischen Scheitern und Erfolg – bei jedem Projekt wird es beides geben!

Das gilt auch bei dem Projekt, um das es hier geht: Beim Verkündigen des Wortes Gottes – damals und heute. Natürlich fragen sich haupt- und ehrenamtliche Mitglieder einer Gemeinde, fragen wir uns immer wieder: Wie können wir als Gemeinde, als Kirche attraktiver sein? Wie können wir mehr Menschen ansprechen und begeistern? Wie können wir sie besser ansprechen? Natürlich sind wir gefrustet vom Mitgliederschwund, vom Bedeutungsverlust der Kirchen, von der Entchristiani­sierung. Warum entfaltet sich das Wort Gottes nicht häufiger? Nicht gewaltiger? Warum begeistert es nicht mehr?

Und dann sehe ich da den Sämann, den nicht abschreckt, dass Dreiviertel seiner Bemühungen vergeblich sind, der weiter sät und sät, großzügig austeilt und nicht danach fragt, was rauskommt. Und welcher Boden seine Bemühungen wert ist. Jeder ist es ihm wert. Heißt für mich: Wir müssen Vergeblichkeit und Scheitern nicht schönreden, wir können uns nüchtern auf die Realität einlassen. Wir können nicht nur predigen, dass Gott uns nicht nach Leistung beurteilt, wir können auch unser eigenes Predigen von diesem Leistungsdruck entlasten. Und eben weiter säen, warten und auf die Ernte vertrauen. Geduldig, gelassen. Sein Reich wächst.

Dieses Gleichnis will Zweifel am Erfolg der guten Botschaft nicht säen, sondern zerstreuen. Uns bleiben die Nieder­lagen im Leben nicht erspart, nicht die Enttäuschung und wir machen uns auch immer wieder schuldig, aber da ist diese Gestalt zu sehen: Der Sämann, der ausschreitet, zu säen seine Saat. Da ist eine Hand, die alles schuf und trägt, die neues Leben schenkt in verschwenderischer Fülle – glücklicherweise.

„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ so heißt es im Gleichnis. Unsere Ohren verändern sich durch die Jahrhunderte. Durch die Erfahrungen, die wir machen. Durch die Welt, in der wir leben. Während ein Bauer, der damals Jesus zuhörte, sicher verblüfft war, über die reiche Ernte, die ein Viertel der Saat bringt, sind wir schockiert über die Ineffizienz des Sämanns. Das ist das Faszinierende an Jesu Gleichnissen, dass sie für alle Ohren eine Botschaft haben – auch wenn die ganz anders ausfallen mag.

Ich habe Ihnen vorhin, als der Predigttext gelesen wurde, einen Teil vorenthalten. Wir finden nämlich schon in der Bibel ein Zeugnis, wie damals in der Urkirche dieses Gleichnis gehört wurde. Die erste Predigt über diesen Text sozusagen – und die hört sich natürlich ganz anders an, als meine bisher:

Es fragten ihn aber seine Jünger, was dies Gleichnis bedeute. Er aber sprach: (…) Das Gleichnis bedeutet dies: Der Same ist das Wort Gottes. Die aber auf dem Weg, das sind die, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt das Wort aus ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden. Die aber auf dem Fels sind die: wenn sie es hören, nehmen sie das Wort mit Freuden an. Doch sie haben keine Wurzel; eine Zeit lang glauben sie und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab. Was aber unter die Dornen fiel, sind die, die es hören und gehen hin und ersticken unter den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden des Lebens und bringen keine Frucht.Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld. (LK 8, 9- 15)

Sie merken schon: Hier ist nicht die Ineffizienz des Sämanns im Blick – das war ja normal damals in der Landwirtschaft. Überhaupt ist nicht so sehr der Sämann und sein Tun im Mittelpunkt, sondern der Boden und sein „Empfangen.“ Die Frage ist hier also nicht so sehr, wie wir etwas säen bzw. sagen, tun und leisten – und mit welchem Erfolg oder Misserfolg, sondern, wie wir etwas hören und wie es in uns fruchten kann. Das ist wohl typisch für uns heute, dass wir uns erstmal eher mit dem „Macher“ identifizieren und unsere Empfäng­lichkeit vernachlässigen.

Also wagen wir einen Perspektivwechsel: Gucken wir uns den Boden in seiner vielfältigen oder besser vier-fältigen Beschaffenheit an. Die Menschen, die das Wort hören und aufnehmen oder nicht aufnehmen. Weil diese Deutung der Urkirche Jesus in den Mund gelegt wurde – als Erklärung an seine Jünger – hat sie eine unglaubliche Wirkung entfaltet. Noch im 17. Jahrhundert findet man das in einem Vers verdichtet:

„Vierfach ist das Ackerfeld – Mensch, wie ist dein Herz bestellt?“

Da werden die Menschen in vier Gruppen aufgeteilt – drei scheitern, eine schafft es. Zu welcher gehörst du? Das klingt eher nach Anspruch als Zuspruch. Als Kind ist mir – in einem pietistischen Kontext – dieses Gleichnis genauso gepredigt worden und ich fragte mich damals beklommen und ängstlich, ob ich wohl fruchtbare Erde sei….

Auch das höre ich heute anders als damals. Ich glaube nicht, dass es darum geht, die, die das Wort hören, in vier Schubladen, vier Menschenkategorien einzuteilen. Meine Erfahrung ist eher: jeder Boden steckt in jedem. Zumindest in mir, finde ich von allem etwas.

Manchmal ist das so:
Ich höre und lese. Lese und höre. Neue Worter decken die alten zu.Ich lese nicht nach, ich höre nicht hin. Keine Zeit, zu viel Arbeit, zu viel auf der To-Do-Liste. Zuviel Ablenkung. Zu viel Zweifel auch. Kein Wort bleibt hängen. Auch Gottes Wort nicht. Es erscheint mir wie Worthülsen. Alles schon mal gehört und selbst gesagt. Der Inhalt ist mir irgendwie abhanden gekommen. Wie aufgepickt von Vögeln.

Manchmal ist das so:
Ich höre und bin begeistert. Auch von Gottes Wort. Ich denke: Wow, diese Geschichte habe ich schon so oft gelesen und gehört – und plötzlich sehe ich wieder was ganz Neues. Wie bei diesem Gleichnis: Merke, dass ich nicht nur Ackerfeld bin, das sich abstrampeln muss, möglichst häufig zur Kategorie des guten Bodens zu gehören, sondern erlebe den Zuspruch: Mach weiter, säe aus, auch wenn Erfolg nicht gleich zu sehen ist. Gott ist großzügig und verschwenderisch. Also will ich großzügig sein und verschwenderisch. Dann kommt die nächste Mail und ich frage mich genervt: Warum klappt das denn jetzt nicht? Das müsste doch jetzt schneller vorangehen, wieso ist das noch nicht erledigt. Meine Ungeduld holt mich wieder ein und der Sämann ist schnell vergessen, am Horizont verschwunden.

Manchmal ist das so:
Ich höre, höre Gottes Wort. Und dann höre ich, was meine Kinder erzählen: Stress in der Schule, soviel Druck jetzt mit dem E-Learning. Höre, was meine Freundin mir am Telefon sagt: vielleicht ist es Hautkrebs, das Ergebnis steht noch aus. Lese, was meine Mutter mir mailt – übers Älterwerden und Nicht-mehr-so-gut-können. Höre im ZOOM-Meeting: von neuen Baustellen und engen Finanzen, lese in der Zeitung vom Putsch in Myanmar und merke einmal mehr, wie verletzlich Demokratie ist. Ich höre und lese. So viele Worte, die von Trostlosigkeit sprechen und von Leid. Wie soll da die Hoffnungs­botschaft noch glaubhaft sein?

Und manchmal ist das so:
Ich höre und bin berührt. Ich sehe und wache auf. Ich wage zu kritisieren. Ich wage sogar zu loben. Ich tue etwas, es verändert sich etwas. Ich verändere mich. Ich kann mit meinem Glauben in dieser Welt leben, merke, wie er mich trägt, wie er mir Kraft gibt, Wege zeigt, Distanz gewinnen lässt. Mir Gelassenheit gibt, mich großzügiger macht. Hoffnung keimt, trotz allem. Liebe wächst.

So ist das – bei mir und sicher auch bei Ihnen. Wort Gottes hören wir alle – gerade in dieser Stunde.
Mag sein, dass es Ihnen wie Worthülsen erscheint, wie Floskeln.
Mag sein, dass es nicht dem standhält, was Ihnen sonst an Worten durch Kopf und Herz geht.
Mag sein, dass Sie den Sämann vor Ihrem inneren Auge sehen. Wie er aussät. Geduldig. Immer weiter.
Macht nichts, wenn heute bei Ihnen nichts ankommt, wenn heute nichts keimen kann, wenn sich nichts verwurzelt in Ihnen. Er sät weiter – keine Angst – immer wieder. Verschwenderisch. Sie müssen nichts tun. Nur warten und offen sein, geduldig und gelassen. Gott zwingt uns nicht zu wachsen. Er benutzt keinen Kunstdünger. Gott hat die Geduld und die Gewissheit, dass doch genug auf gutes Land fällt – auch in uns. Wenn er die Gewissheit hat – dann können wir zuversichtlich sein, dass auch in uns ein Wort zu wachsen beginnt, ein Same, vielleicht noch unbemerkt.

Und so schließe ich, wie ich begonnen habe:
Gott gebe uns ein Wort für unser Herz und ein Herz für sein Wort. Er segne unser Reden und Hören. Amen.