Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Eva Menasse – Dunkelblum

Eva Menasse – Dunkelblum

Literaturgottesdienst in der Reihe: "Wie viele Wahrheiten gibt es?"
Pastorin

Andrea Busse

Predigt am Sonntag 11. September

Predigt zum Roman Dunkelblum

Zitat aus dem Roman Dunkelblum von Eva Menasse:

„Das ist eben das Problem mit der Wahrheit. Die ganze Wahrheit wird, wie der Name schon sagt, von allen Beteiligten gemeinsam gewusst. Deshalb kriegt man sie nachher nie mehr richtig zusammen. Denn von jenen, die ein Stück von ihr besessen haben, sind dann immer gleich ein paar schon tot. Oder sie lügen, oder sie haben ein schlechtes Gedächtnis. So war es auch in Dunkelblum.“ (S. 253)

Lesung aus dem Roman Dunkelblum von Eva Menasse:

Am Schluss des Romans betritt ein Bauer – es könnte auch irgendein anderer der Bewohner Dunkelblums sein – die Kirche des Dorfes:

„Er war lange nicht einfach so in der Kirche gewesen, und welche Kraft oder Macht immer ihn darum bat, sie hatte recht. (…) Er hatte vor, sich mittendrin in eine der Bänke zu setzen und die Stille auf sich wirken zu lassen, aber es zog ihn weiter, bis nach vorne, vor das Altarbild mit dem letzten Abendmahl. (…) An der Seite stand ein Mann, er war gerade hereingekommen. Blass und verstört schaute er auf Jesus, der sich bereits erhoben hatte. Dieser Mann war Judas, natürlich, aber es sah gar nicht böse aus, nur unendlich verzweifelt. (…) Unter ihm standen die berühmten gefiederten Teufelchen (….) Als der Faludi-Bauer auf den Messias schaute und dessen Gesichtsausdruck zu ergründen suchte, begannen sich die kleinen Teufel am Rand des Gesichtsfeldes zu bewegen. Und er hörte sie flüstern. (…) ist es nicht, glaubte der Faludi-Bauer zu verstehen, Geschichte, ist nicht, das. Der Faludi-Bauer hielt den Atem an, schloss die Augen und bekreuzigte sich. Und nun hörte er es klar, im Chor gesprochen von vielen boshaften Stimmen, die zwischendrin metallisch kicherten. Sie wiederholten es immer wieder, es kam ihnen unendlich lustig vor, den kleinen gefiederten Teufeln auf dem dreiflügeligen Altzar der Kirche von Dunkelblum: Das ist nicht das Ende der Geschichte.“ (S. 510 – 512)

Predigt

Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges sagt eine Weis­heit. Wir erleben das im Moment wieder, wenn wir Nach­richten aus der Ukraine hören, die regelmäßig begleitet werden mit dem Satz: „Nachprüfen lassen sich diese Angaben nicht“. Bei vergangenen Kriegen lassen sich Angaben oft noch schlechter nachprüfen und je stärker es bei dem Geschehenen auch um Schuld geht, desto größer das Interesse, die Wahrheit – ich sag mal – „auf sich beruhen zu lassen.“ Wie trügerisch diese Ruhe ist, das erlebt das kleine Städtchen Dunkelblum im Burgenland in den Spätsommertagen des Jahres 1989. Nicht nur, dass an der nahegelegenen Grenze zwischen Österreich und Ungarn die Dinge in Bewegung kommen und sich plötzlich manches und mancher nicht mehr ausgrenzen lässt. In diesen Tagen trifft auch ein Besucher in der Stadt ein, den keiner kennt, bzw. er-kennt, und der doch wiederum Dunkelblum und seine Vergangenheit zu kennen scheint. Dieser Besucher ist auf der Suche nach der Wahrheit, die man auf sich beruhen lassen wollte und die dort sprichwörtlich als Leiche im Keller liegt – bzw. auf der Rotensteinwiese. Auf dieser Wiese nämlich könnten die Opfer eines Massakers vergraben sein, das kurz vor Kriegs­ende an jüdischen Zwangsarbeitern verübt wurde. Manche Dunkelblumer wissen davon, manche befürchten es, andere sind ahnungslos. Aber graben will dort lieber keiner!
Nur der Besucher, der mit kleinen Holzkästen angereist ist, kleinen Urnen, in denen die menschlichen Überreste, die er zu finden hofft, dann tatsächlich zur Ruhe gebettet werden könnten. Was innerhalb des Romans nicht geschieht. Und das ist das Problem: Die Leichen werden eben nicht gefunden. Und des­wegen ist die Geschichte noch nicht zuende, wie die Teufel­chen es am Ende treffend zusammenfassen.

Man könnten ja fragen – und Rezensenten des Buches haben so gefragt: Muss das sein? Schon wieder ein Nazi-Roman, schon wieder die Geschichte vom Nazi-Opa, ist das nicht längst ausgelutscht. Aber die Leichen in Dunkelblum sind eben noch nicht geborgen. Sie werden noch immer ver-borgen vom „tosenden Dunkelblumer Schweigen“.

Dunkelblum ist dabei eine Chiffre für den österreichischen Ort Rechnitz, nahe an der ungarischen Grenze gelegen. Dort feierten am Palmsonntag 1945 die örtlichen SS-Leute und deren Kollaborateure ein Fest – und ermordeten im Rahmen ihrer Feierlichkeiten 200 jüdische Zwangsarbeiter. Aufgeklärt wurde das Verbrechen nie: Verantwortliche setzten sich ins Ausland ab, Zeugen wurden ermordet, andere schwiegen dann lieber.

Und auch die Autorin Eva Menasse liefert keine Aufklärung – so gerne man die als Leserin hätte. Sie macht das, was alle machen: Sie schweigt über das, was eigentlich die Mitte ihrer Erzählung ist, nämlich jenes Massaker. Diese Nacht wird immer nur vorsichtig gestreift, angedeutet, meistens wird darum herum­­geredet oder eben gar nichts dazu gesagt.

Und doch spiegeln sich die Geschehnisse in den Bio­gra­fien und Persön­lich­keiten ihrer Dunkelblumer:
Sie spiegeln sich in der Hilfslosigkeit des Hobbyhistorikers Rehberg, dem die Wahrheit je mehr er forscht, desto mehr durch die Finger zu gleiten scheint. Sie zeigen sich im ver­narbten Gesicht des sogenannten „geschlickten Schurl“, der einst das Schweigen brechen wollte und dem die Strafe der Nachbarn dafür ins Gesicht geschrieben steht. Da sind die Erzählungen über den grausamen Schlächter Horka, der – ob­wohl am Massaker maßgeblich beteiligt – jahrelang unbehelligt blieb, bevor er dann doch verschwinden musste. Während sein öliger Gönner Dr. Alois Ferbenz, Machtzentrum des Dorfes, bleibt – bevor in einem Interview seine braune Wahrheit aus ihm heraus­bricht, was man als alters­dementen Ausrutscher schnell unter den Teppich zu kehren versucht. Und dann sind da noch die jungen Leute von außerhalb, die den jüdischen Friedhof sanieren – für die kleinen Holzkästchen des jüdischen Heim­kehrers, den eben keiner erkennen will. Und sehr sympathisch kommt die Ahnungslosigkeit des jungen Lowetz daher, dessen verstorbene Mutter eben jenen jüdischen Besucher damals in den letzten Kriegstagen ver­steckte.

Ich muss gestehen, dass ich immer darauf gewartet habe, dass dieser Lowetz im Endeffekt doch alles aufdeckt und die Schul­digen zur Rechenschaft gezogen werden. Aber sein Gefühl, dass alles, was da in Dunkelblum so wabert, doch unterirdisch irgendwie zusammenhängt, das kommentiert er zum Schluss mit: „Ich hab einfach nur gesponnen“. Der Roman ist eben kein Krimi, wo zum Schluss der Täter verhaftet wird.

„Rund um Dunkelblum“ – so schreibt Eva Menasse – „übersteigt die Anzahl der Geheimnisse seit jeher die der aufgeklärten Fälle um ein Vielfaches. Es ist, als ob die Landschaft, die hier erst noch wie eine saftiggrüne bestickte Samtborte aufgeschoppt und gekräuselt wurde, bevor sie abstürzt ins Flache, Gelbe, Endlose, sich grundsätzlich verwahrt gegen das Durchschaut werden. Und als ob das auch ihre Einwohner beträfe, die sich ähnlich disparat verhalten, alle beobachtend, nichts verstehend. Alles kommentierend, nichts erklärend.“

Das lässt uns als Leser und Leserin unbefriedigt zurück. Die Teufel kichern und wispern: „Das ist nicht das Ende der Geschichte.“
Ist das jetzt eigentlich eine Drohung oder eine Verheißung?

Was wäre, wenn die Leichen gefunden und der Besucher sie auf dem jüdischen Friedhof zur letzten Ruhe würde betten können. Würde Ruhe einkehren? Würde die Geschichte ihr Ende finden, wenn klar für jedermann ersichtlich würde, was die Horkas und Ferbenz, die Schurls und Rehbergs und all die anderen Dunkelblumer getan oder nicht getan oder zu tun unterlassen haben? Wenn die ganze Schuld klar und unzwei­deutig an die Oberfläche geholt werden könnte? Wäre dann der Wahrheit genüge getan?

Welcher Wahrheit? Wessen Wahrheit? Wie viele Wahrheiten gibt es da?

Ich finde den Roman gerade deswegen klug, weil er so realitäts­nah beschreibt, dass man die Wahrheit leider meist nicht eindeutig zu Gesicht bekommt, sondern eben nur gespiegelt in den Geschichten, schillernd, schwammig, gebrochen. Und doch ist auch das – zumindest in christlicher Sicht – nicht das Ende der Geschichte. Paulus schreibt:

„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“

Auch hier bin ich versucht zu fragen. Ist das jetzt Drohung oder Verheißung? Immer nur fragmentarisch zu wissen, nur stück­weise zu erahnen, das ist unbefriedigend. Aber wenn es um eigene Schuld und Scham geht, dient es oft dem Schutz. Denn auch wir ahnen ja manchmal nur, was an dunklen Seiten in uns verborgen liegt und wollen gar nicht gerne graben und das alles ans Licht bringen. Und doch – das ist nicht nur biblische Weisheit, sondern auch psychologische – kann die Wahrheit frei machen. Das ist es ja, was wir uns von Büchern erhoffen und was uns dieser Roman vorenthält. Eine Art Karthasis – das Gefühl, jetzt ist endlich reiner Tisch gemacht worden – und das Aufatmen, das damit einhergeht – manchmal ja auch bei den Schuldigen, wenn das Verstecken und Ver­stellen ein Ende hat. In Dunkelblum bleibt das befreite Auf­atmen aus, das Leben geht weiter seinen Gang: Der Besucher ist wohl abgereist, der Arzt wird pensioniert, Lowetz verliebt sich.

Bleibt die Wahrheit da nicht auf der Strecke?
Und wieder: Welche Wahrheit eigentlich?

Der hebräische Begriff für „Wahrheit“ im Alten Testament hat dieselbe Wurzel wie die Wörter für „Glaube“ und „Treue“. Wahrheit im biblischen Sinne bedeutet also nicht, dass eine Aussage mit der Wirklichkeit übereinstimmt, sondern dass man sich darauf verlassen kann. Sie hat Bestand und der, der etwas sagt, ist treu. Wahrheit ist das, was Menschen meinen, wenn sie jemanden als „wahren Freund“ bezeichnen oder sagen, dass jemand ein „wahres Wort“ gesprochen habe.

Wahrheit ist in diesem Sinne also kein ans Licht Zerren von Fakten, auch kein Ausgraben von Schuld. Sondern die Mög­lichkeit, sich selbst – und der eigenen Schuld! – ins Auge zu sehen. Das aber geht nicht mit einem Spiegel, der mich selbst auf mich zurückwirft, sondern das geht nur, wenn ich ein Gegenüber habe – so wie Paulus schreibt:

„Dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“

Ich kann mich erkennen, kann meiner Wahrheit über mich ins Auge schauen, weil ein anderer sie sieht, mich sieht, mich erkennt. Dieses Erkennen – das muss man dazu sagen – ist im biblischen Kontext immer ein gnädiges. Die Verse über den Spiegel und das Erkennen stehen im 1. Korintherbrief im 13. Kapitel, ein Kapitel, das auch das Hohelied der Liebe genannt wird. Diese Sätze sind gerahmt mit Aussagen wie: „Die Liebe hört niemals auf.“ und „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ In diesem Kontext, in einem liebevollen Umfeld kann man sich und seiner Wahrheit ins Auge blicken. Kann man auch Schuld annehmen, erkennen, be-kennen.

Die Teufelchen haben recht. „Das ist nicht das Ende der Geschichte.“ Wir sehen vieles durch einen Spiegel in einem dunklen Bild. Vieles lässt sich nicht nachprüfen. Viele Leichen liegen in Kellern. In unseren eigenen und in denen anderer. Und ja, wir müssen danach graben, damit die Leichen ihre Ruhe finden – und wir.

Aber es ist nicht nur eine Drohung der Teufelchen, dass die Geschichte nicht zuende ist. Auch Gott verheißt uns, dass die Geschichte weitergeht. Nicht dereinst einmal, sondern auch hier und heute, wenn wir uns der Wahrheit stellen können, weil wir uns erkannt wissen – in Gottes liebevollem Blick. Amen.