Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Freudenboten

Freudenboten

Predigt zum 1. Weihnachtstag
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 25. Dezember
mit Teil II des Weihnachtsoratoriums

Predigt zu Jesaja 52, 7-10

Predigttext:

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König! Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden’s mit ihren Augen sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. 1Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes. (Jesaja 52, 7-10)

Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede. Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unsere Herz. Er segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,

stellen Sie sich vor, Gundula Gause würde heute Abend im heute journal folgende Nachrichten verlesen:

Am heutigen Weihnachtstag hat der russische Präsident Putin den Krieg gegen die Ukraine für beendet erklärt. In diesem Moment ziehen sich die russischen Truppen bereits aus ukrainischem Territorium zurück. Die Waffenlieferungen in die Ukraine sind eingestellt worden, stattdessen werden Mittel zum Wiederaufbau der Infrastruktur zur Verfügung gestellt.

Im Iran geht das Regime auf die Forderungen der Protest­bewegung nach einer Umgestaltung der politischen Macht ein. Die Zwangsverschleierung wird mit sofortiger Wirkung abgeschafft und die Sittenpolizei aufgelöst. Frauen sollen künftig stärker am gesellschaftlichen und politischen Leben beteiligt werden.

Gut einen Monat nach Ende der 27. Weltklimakonferenz in Ägypten haben sich die teilnehmenden Staaten verpflichtet, die Treibhausgasemissionen soweit zu senken, dass das Ziel der Erderwärmung von 1,5 Grad erreicht werden kann. Für den Schutzschirm und die Klimarisikofinanzierung haben die Haupt­verursacher des Klimawandels inzwischen eine ausreichend hohe Summe zur Verfügung gestellt, um vom Klimawandel betroffenen ärmeren Ländern zu helfen.

In einem Labor in Musterstadt ist ein Corona Impfstoff entwickelt worden, der sich schnell und günstig herstellen lässt und der auch gegen künftige Varianten des Virus einen ausreichenden Schutz verspricht.

 

Das wären doch mal Nachrichten. Nachrichten, nach denen wir uns sehnen, nach denen die Welt sich sehnt! Nachrichten, die total welt-fremd sind. Ungefähr so weltfremd, wie die Freudenboten, die Jesaja beschreibt: Denn diese verkündigen Frieden, predigen Gutes und verkünden Heil. Ein allgemeiner Rundumschlag an frohen Botschaften. Ungefähr so wie die himmlischen Boten, wie die Engel in der Weihnachtsgeschichte, die wir gerade haben singen hören: „Siehe ich verkündige euch große Freude!“ „Friede auf Erden!“ Weihnachten ist eigentlich total weltfremd mit seiner Botschaft vom Heil, vom Frieden, von der Zeitenwende hin zum Guten.

Können wir das Gute überhaupt erwarten? Rechnen Sie damit, dass in dieser Welt, dass in Ihrem Leben etwas passiert, dass Ihre Sicht auf die Dinge sich ver-rückt, radikal verändert, das Sie heilen lässt? Können wir wirklich noch im großen Wurf hoffen? Über das Wahrscheinliche, das Mögliche hinaus. Das Wunder erwarten? Das nicht Berechenbare, Plausible, Vorhersagbare?

Jahr für Jahr feiern wir Weihnachten. Mir geht darüber manch­mal das Radikale verloren. Das, was schon die Freudenboten bei Jesaja verkündigt haben, nämlich, dass Gott zur Welt kommt. Mir geht die Radikalität von Weihnachten verloren – vor lauter Gewohnheit, oder vielleicht auch, weil es eben so un­wahr­scheinlich ist – ein Gott, der unter uns leben will? Kaum zu glauben. Nicht ganz ernst zu nehmen. Wie eine Gundula Gause, die Frieden und Freude verkündet.

Die Freudenboten klangen damals für die Jesaja-Zuhörerinnen und Zuhörer nicht weniger weltfremd. Ihre Realität waren die Trümmer. Die Babylonier hatten ihr Land erobert, den Tempel in Jerusalem zerstört, Zehntausende ins Exil nach Babylon verschleppt. Dort saßen sie jetzt schon in der 2. und 3. Generation. Die Heimat war fern und Gott auch. Überhaupt Gott schien sie verlassen zu haben. Seine Gegenwart glaubte man besonders am Tempel, am Zion, an Jerusalem festmachen zu können – und davon war ja nichts mehr übrig, er lag in Schutt und Asche. Auch als dann schließlich die Sehnsucht nach Rückkehr erfüllt wurde, als sich das politische Blatt mit dem Erstarken der Perser änderte und die Israeliten endlich in ihre Heimat zurückkehren konnten, war die Ernüchterung groß: Denn die Heimat lag eben in Trümmern, ein Nachkriegsland am Boden, völlig zerstört.

Aber dann – mitten in dieser hoffnungslosen Situation – ertönt Fußgetrappel auf den Bergen, Freudenboten tauchen auf. Verkünden, dass Gott zurückkehrt zu den Menschen. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass die Boten auf dem Berg stehen. Von dort oben hat man den besseren Ausblick und Überblick. Man kann weitersehen, als nur bis zum nächsten Hügel. Wer im Tal sitzt, sieht nur, was Schatten wirft. Der Sonnen­aufgang kündigt sich oben an. Und so verbreitet sich die Freudenbotschaft von dort oben: Was die Freudenboten rufen, greifen die Wächter der Stadt auf, und schließlich jubeln und freuen sich die Trümmer. Die weltfremde Botschaft kommt in der harten Realität der Welt an. Vermutlich gerade da. Es ist ja auch nicht König Herodes, der sich freut, als er vom neuen König erfährt, der die Welt auf den Kopf stellen soll, sondern die Hirten. Ihnen singen die Engel. Aber das, wovon sie singen ist eben nicht etwas Abge­hobenes, etwas was in den himmlischen Sphären wieder verklingt, sondern es wird Fleisch und Blut. In Windeln, in der Krippe.

Die Hirten damals gingen hin. Und sie sahen und hörten und staunten. Vielleicht sangen sie ihm ein Wiegenlied zum Ein­schlafen, so wie Johann Sebastian Bach das im Oratorium vorschlägt. Ich habe mir immer vorgestellt, wie die Hirten das winzige Kind auf den Arm nehmen dürfen. Hoffnung zum Greifen und Halten und Anfassen. Und die rauen Hände werden ganz zart bei dieser Geste.

Wir haben das Kind nicht im Arm. Wir sind auf die Botschaft davon angewiesen und die Boten. Die Hirten werden, nachdem die Engel ihnen die Freudenbotschaft gebracht hatten, selbst zu Boten. Sie kehrten zurück, heißt es in der Weihnachts­geschichte und priesen Gott und lobten ihn für das, was sie gehört und gesehen hatten. Sie singen das „Ehre sei Gott in der Höhe“ mit und tragen es weiter. Tragen es bis zu Lukas, der Evangelisten. Das griechische Wort „Evangelium“ heißt ja nichts anderes als Frohe Botschaft. Auch Lukas ist ein Froher-Botschaft-Bringer, ein Freudenbote. Und wenn heute hier …. Sängerinnen und Sänger den Chor der himmlischen Heerscharen aufnehmen und uns das „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ singen, dann stehen auch s/Sie in der Tradition der Freudenboten. Und singen uns die frohe Botschaft ins Herz, wie damals die Engel auf dem Feld.

Wenn schon die Trümmer Jerusalems einstimmen konnten in den freudigen Gesang, wenn schon die bettelarmen Hirten sich anstecken ließen, wieso sollten wir das nicht auch können? Egal ob wir auf Trümmern sitzen, auf Scherbenhaufen mancher Lebenspläne oder auch einfach gemütlich und erfüllt unter dem Weihnachtsbaum.

Und die Botschaft lautet: Gott kommt zur Welt. In die Trümmer, zur Armut, zur Resignation, zu uns. Kommt uns entgegen. Wir können ihn nicht halten und greifen. Wir werden Gott nie haben und besitzen in unserem Leben. Aber mit der Freude darüber, dass er uns nahe­­­kommen will, mit der Hoffnung darauf, ist die Zeitenwende schon eingeläutet, kann sich alles ändern. Verheißungen entfalten ihre Wahrheit nie erst von ihrer Er­füllung her, sondern darin, dass Menschen an sie glauben in ihren Tagen. Und dass sich durch diesen Glauben schon im Hier und Jetzt etwas ändert. Dann werden die Trümmer nicht plötzlich zu Häusern aufer­stehen. Nicht in Jerusalem und nicht in der Ukraine. Auch das Kind in der Krippe zog nicht in den Palast von König Herodes ein, sondern wurde zum Flüchtling. Und trotzdem hat es die Welt verändert. Es kann auch unsere Welt verändern, wenn wir auf die Freudenboten lauschen. Sie kommen in vielfältigen Formen.

Ein Trümmerbild hat sich mir in den letzten Monaten eingeprägt. Der mysteriöse Street-art Künstler Banksy soll in den Trümmern von zerbombten ukrainischen Städten seine Kunstwerke hinter­lassen haben. Eines davon, in Kiew, zeigt zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, die eine Panzer­falle aus Metall als Wippe nutzen. Ihre Körper­sprache zeigt, dass sie Freude an ihrem Spiel haben. Ein Hoffnungszeichen mitten im Krieg, mitten in den Trümmern. Wir können – wie die Kinder – Spielräume finden im wahrsten Sinn des Wortes. Spielräume für die Freude. Weil es dieses Kind gibt, das uns zeigt, dass Raues zart werden kann und Wunder geschehen. Amen.