Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Geliebte Kinder

Geliebte Kinder

Predigt zum 1. Weihnachtstag
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

1. Weihnachtstag 2021

Predigt zu 1. Johannes 3, 1+2

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

„Laudate pueri dominum!“ – „Lobt, ihr Kinder, den Herrn!“

So hat unser Gottesdienst am Weihnachtsmorgen mit Musik von Vivaldi begonnen. Schon in der ersten Liedzeile wurden wir als „Kinder“ angeredet. So, als wären wir über Nacht, durch den Zauber der Heiligen Nacht, zurückverwandelt worden in die Mädchen und Jungen, die wir einmal waren. Als Kinder dem Kind zur Seite gestellt, dessen Geburt wir zu Weihnachten feiern.

Wie das wohl wäre, wenn wir uns heute hier als Kinder begegneten? Ob wir uns wiedererkennen würden, und wenn ja, woran? An charakteristischen Gesten oder Gesichtsausdrücken oder am Temperament? Verschiedene Zeiten kämen hier zusammen, ablesbar an Kleidung, Haarschnitten, Brillen… Und wir würden wohl anders als die, die wir jetzt als Erwachsene sind, aber dennoch uns selbst treu, auf den geschmückten Weihnachtsbaum zugehen, die Krippenfiguren untersuchen, der Musik lauschen – oder auch nicht… Wären still oder fröhlich, neugierig oder schüchtern…

Gar nicht so leicht, sich wieder in das eigene Kindsein hineinzuversetzen, auch nicht unbedingt angenehm. Manches, wo wir froh sind, es hinter uns gelassen zu haben. Und trotzdem ruft Weihnachten kindliche Bilder und manchmal auch kindliche Seiten in uns wach. Lässt uns das Kind in der Krippe unwillkürlich an unsere Kinder, Paten- oder Enkelkinder denken, an die Babys, die wir erleben durften oder die wir erwarten. Die uns anrühren und uns das Herz erwärmen können, die ein jedes für einen neuen Anfang und für Gottes Liebe zu uns Menschen stehen.

„Laudate pueri dominum!“ – „Lobt, ihr Kinder, den Herrn!“

Vielleicht gelingt es uns aus kindlicher Perspektive besser, Gott zu loben und uns zu freuen, das Wunder der Geburt Gottes in einem Kind staunend zu fassen. Den einfachen Bildern, ihrer leicht verständlichen und schwer zu begreifenden Botschaft zu trauen. Den Bildern und Liedern, die uns auf schlichte Weise von Gottes großem Wunder erzählen.

So tut es eins der bekanntesten Weihnachtslieder, das wir eben auch gesungen haben: „Ihr Kinderlein, kommet“. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde es von Christoph von Schmid gedichtet, einem katholischen Theologen, der zuerst Lehrer und Pfarrer war, später Domkapitular in Augsburg und Verwalter des Schulwesens, einer der bekanntesten Jugendbuchautoren seiner Zeit.

1811 erschien sein „Weihnachtslied für Kinder“ erstmals in einer Sammlung, die er für seine Gemeinde zusammenstellte. Über die Entstehung des Liedes ist fast nichts bekannt. Aber man kann vermuten, dass Schmid dabei seine acht jüngeren Geschwister oder die Kinder in seinem Dorf vor Augen hatte, mit denen er die Weihnachtsgeschichte nachspielte. Dass er sie mit Hilfe der Figuren in den Bann der Geschichte hineinziehen und sie an dem Geschehen teilhaben lassen wollte.

Die ersten vier der insgesamt acht Strophen kennen viele von uns auswendig. Neben Teilen der Weihnachtsgeschichte und einigen weiteren Lieder, wie vielleicht „Alle Jahre wieder“ oder „O du fröhliche“, gehören sie wohl zum Kernbestand dessen, was wir „by heart“ kennen. Was wir von Weihnachten inwendig in uns tragen und auswendig singen oder sagen können.

Als „Kinder“ werden wir in dem Lied angesprochen und zur Krippe nach Bethlehem gerufen. Da fällt der Blick zuerst auf den Glanz und das Licht, das von dem neugeborenen Kind ausgeht. Dann weitet er sich, und Maria, Josef, die Hirten und die Engel kommen ins Bild. Und wir werden aufgefordert, mit ihnen anzubeten, Gott zu loben und zu jauchzen.

Wie Kinder – auch wenn wir es vielleicht verlernt haben, wenn uns manches Lachen im Halse stecken geblieben ist. Auch wenn Gottes Geschichte mit seinem Sohn nicht an der Krippe stehen bleibt, sondern das Stroh, auf dem das Kind liegt, schon andeutet, dass der junge Mann keine Heimat auf Erden finden wird.

Und dennoch am Anfang die Freude, der Jubel über Gottes neuen Anfang mit uns auf der Erde, hinter den es kein Zurück gibt. Gottes Gegenwart bei uns Menschen, die ein Wunder ist!

„Laudate pueri dominum!“

In dieser Liedzeile, in diesen drei lateinischen Worten zusammengefasst, worin das Geheimnis unseres Gottes besteht: seine Menschenfreundlichkeit, seine Liebe zu den Kleinen, den Kindern, den Unfertigen und Geringgeschätzten, die gerade sie aufatmen, lachen und Gott loben lässt.

In Psalm 113, den Antonio Vivaldi seinem Musikstück zugrunde gelegt hat, werden sie genannt: die Elenden, die Armen, die Unfruchtbaren, denen die Zukunft fraglich ist, deren Hoffnung auf dünnem Eis liegt.

So wie manche von uns in den letzten beiden Jahren der Pandemie Sicherheiten verloren haben – materielle, gesundheitliche oder emotionale – und wir unsicherer geworden sind, was uns trägt, was uns schützt und wer uns tröstet.

Gerade uns oder ihnen, den Suchenden, Unfertigen und Unsicheren, ist Gottes Nähe verheißen:

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden.

(1. Johannes 3, 1+2)

Nicht jeder, nicht jede mag dabei mit den Bildern von Gott als einem Vater, oder von uns Menschen als seinen Kindern etwas anfangen können. Nicht alle haben liebevolle Erfahrungen mit ihren Eltern oder anderen Erwachsenen gemacht. Aber Kind sein, kindlich vertrauen, das eigene innere Kind mitnehmen dürfen, ohne Angst, ausgelacht oder ausgenutzt zu werden – dazu ermutigt uns der neutestamentliche Text heute Morgen.

Er führt uns nicht zurück in unsere Kindheit – er führt uns in die Zukunft. In die Zukunft, die mit Gottes neugeborenem Sohn anfängt. So klein und zart, wie er unter uns Menschen gekommen ist, so erzählt er uns etwas davon, wozu auch wir berufen sind, was wir als Kinder Gottes erleben können.

Wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden.

Ein Geheimnis, das auf jeden und jede von uns wartet: dass auch in uns und durch uns offenbar werden möge, was es heißt, „Gottes Kind“ zu sein.

Ganz zu Beginn meiner Berufstätigkeit als Pastorin hat mir einmal ein alter Mann in der Kirchengemeinde in Steilshoop erzählt, wie er Gottes Geheimnis, Gottes Gegenwart in seinem Leben für sich entschlüsselt hat:

Seine Lebensgeschichte deutete er nur in knappen Stichworten an: geboren um 1920 in Ostpreußen, aufgewachsen mit zu vielen Geschwistern und zu wenig zu essen auf einem kleinen Hof, Tischlerlehre, dann Soldat im Zweiten Weltkrieg, Kriegsgefangenschaft und Flucht in den Westen. Mehr mochte er darüber nicht sagen.

Aber als ich ihn nach seiner Familie fragte, leuchteten seine Augen: „Wir hatten ja Kinder!“

Dann erzählte er mir von der Liebe in seinem Leben: Nicht mehr ganz jung lernte er in Steilshoop seine Frau kennen. Sie zogen zusammen, heirateten und hätten so gerne Kinder gehabt, aber sie waren zu alt. Seine Frau wurde darüber immer trauriger, und das bedrückte ihn. Dann zog eine Afrikanerin in das Erdgeschoss ihres Hochhauses, die mit ihren vier Kindern aus Ghana geflüchtet war. Sie ging tagsüber putzen, war viel weg, aber die Kinder fanden schnell heraus, dass es da ein älteres Paar im Haus gab, das ihnen öffnete, wenn sie klingelten, weil sie allein oder hungrig waren. Im Laufe der Zeit gewannen der Mann und die Frau die Kinder lieb.

Als sie älter waren, schon Jugendliche, hielt es ihre Mutter nicht mehr in Deutschland aus. Sie wurde depressiv und krank und kehrte schließlich alleine in ihre Heimat zurück. Da adoptierten sich die vier afrikanischen Kinder und das deutsche Ehepaar gegenseitig. Sie behielten die getrennten Wohnungen im Haus und auch getrennte Kassen. Aber sie feierten gemeinsam Weihnachten und die Geburtstage und hielten wie eine Familie zusammen. Die Jugendlichen hätten „Mama“ und „Papa“ zu ihnen gesagt.

„Wir waren so glücklich,“ strahlte der alte Herr mich an, „wir hatten ja Kinder!“

Erfahrungen, wie wir gute Väter und Mütter finden können, die nicht unsere leiblichen Eltern sein müssen. Dass wir geliebte Kinder sein können, auch außerhalb unserer Familien. Wie der christliche Glaube immer wieder Gemeinschaften stiftet, die anders oder weiter sind als verwandtschaftliche Beziehungen. Eine Ahnung, wie Gott sich vielleicht freut, Menschen auf der Erde zu finden, die im Geist der Liebe seine Kinder sein möchten!

Wir dürfen Gottes geliebte Töchter und Söhne sein, liebenswert und liebesfähig. Wir sind es schon. Das ist noch selten sichtbar, und für uns selbst oft kaum zu glauben, aber das mag nun offenbar werden, an den neuen Tagen nach der Heiligen Nacht.

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!

Amen.