Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Geschwister unter sich

Geschwister unter sich

Predigt am 27. Juni
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

4. Sonntag nach Trinitatis, 27. Juni 2021

Predigt zu 1. Mose 50,15–21

Predigttext: 1. Mose 50,15–21

Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte.

Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Als ich um 20 Uhr zum Taufgespräch komme, sind beide Kinder schon im Schlafanzug. Paula, fast fünf Jahre alt, hüpft und dreht sich gekonnt auf dem Sofa. Ihre kleine Schwester Eva, knapp zwei, versucht auch, aufs Sofa zu klettern. Die Eltern loben sie und feuern sie an: „Los, Eva, das schaffst du! Toll machst du das!“ Wie zufällig springt Paula da auf die kleinen Hände ihrer Schwester. Eva schreit. Paula guckt kurz erschrocken, dann springt sie weiter, immer höher, immer wilder, bis sie mit dem Kopf gegen die Wand schlägt… Beide Mädchen weinen. Beide sind müde, gereizt, unzufrieden. An diesem Abend sind zum Glück beide Eltern da: Papa nimmt Paula auf den Arm, trägt sie ins Bett und singt ihr vor. Mama nimmt Eva auf den Schoß und zeigt ihr ein Bilderbuch. Frieden kehrt ein.

Eine kleine, alltägliche Szene, wie wir sie selbst oder mit unseren Kindern, Nichten, Neffen und Patenkindern sicher schon oft erlebt haben. Es gibt nicht einmal besondere Rivalitäten oder eine besondere Konfliktsituation. Hier beanspruchen einfach zwei Kinder Raum, im Wohnzimmer auf dem Sofa, zwischen Mutter und Vater. Zwei Geschwister mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Und daraus entwickelt sich Streit, Unwohlsein, Schmerz…

Die Bibel steckt voller Geschwistergeschichten – und meistens verlaufen sie viel dramatischer als diese harmlose Szene, von der wir ja auch nicht wissen, ob und wie sie einmal für die Beziehung zwischen den beiden Schwestern stehen wird.

Die erste Geschwisterbeziehung, von der die Bibel erzählt, ist die zwischen Kain und Abel. Zugleich ist sie einer der erschreckendsten und abgründigsten. Sie beginnt mit Neid und endet damit, dass Kain seinen jüngeren Bruder erschlägt. Fortan trägt er das sog. Kainsmal auf der Stirn. Gottes Zeichen an ihm, das ihn sowohl als Mörder als auch als Schützling Gottes markiert. Denn Gott vergilt nicht an Kain seine Tat an Abel.

Respekteinflößend ist auch die Geschichte der Zwillinge Esau und Jakob. Der Liebling der Mutter, der jüngere Jakob, erschleicht sich mit ihrer Hilfe den Segen des Vaters, der eigentlich dem Erstgeborenen gilt. Aus Furcht vor Esaus Rache flieht Jakob und kehrt erst Jahre später als erwachsener, verheirateter, reicher Mann in seine Heimat zurück. Mit großen Geschenken und unter Ehrerbietungen bittet er Esau um Vergebung.

In der Josefsgeschichte, deren Abschluss heute unser Predigttext ist, wird das Drama des Geschwisterkonflikts in der nächsten Generation weitererzählt. War Jakob der Liebling seiner Mutter, so ist sein jüngerer Sohn Josef Jakobs Liebling. Der erste Sohn mit Jakobs Lieblingsfrau Rahel, ein Kind des Alters, das er unverhohlen seinen anderen Söhnen vorzieht. Berühmt der bunte, kostbare Rock, mit dem er ihn ausstaffiert. Bekannt auch Josefs Träume, wie Vater, Mutter und alle älteren Brüder ihm zu Füßen fallen.

So weit kommt es, dass die Geschwister Josef schließlich fortschaffen, ihn umbringen wollen. Nur Ruben, der Älteste, stellt sich dagegen und bewirkt, dass Josef nicht getötet, sondern in eine Grube geworfen und allein zurückgelassen wird. Josef wird von einer vorbeiziehenden Karawane nach Ägypten verschleppt und steigt dort wie im Märchen vom Sklaven zum Oberhofmeister, vom Tellerwäscher zum Millionär auf.

Während Josef am ägyptischen Hof im Überfluss lebt, leidet Israel unter Dürre und Hungersnot. Die Brüder betteln im reichen Nachbarland um Korn – und stoßen dort auf ihren totgeglaubten Bruder. Alle Beteiligten meinen – oder hoffen – zunächst, nicht erkannt zu werden.

Schuld steht zwischen ihnen und verstellt ihnen den Blick. Schuld, die ein wahrhaftiges, liebevolles gegenseitiges Erkennen verhindert.

Die Schuld, dem Bruder nach dem Leben getrachtet zu haben, ihn weggewünscht, ausgelöscht haben zu wollen. Schuld, die auch nach langer Zeit lebendig und machtvoll ist, ein schwer kontrollierbares Eigenleben führt. Schuld, die sperrig im Weg steht, drückend in der Luft hängt, schwer zu begreifen und noch schwerer zu benennen.

Vielleicht steht auch Scham zwischen den Geschwistern. Scham der Brüder über ihre niederträchtigen Gedanken und aggressiven Gefühle. Scham dem Vater, der Mutter gegenüber, deren Idealbildern und Hoffnungen nicht genügt zu haben. Scham vor sich selbst: so ein Mensch zu sein!

Vielleicht auch Josefs Scham: sich selbst so über die Brüder und Eltern erhoben zu haben, so eingebildet und selbstverliebt, im Grunde so beziehungslos gewesen zu sein. Und nun steht er da, satt und reich, und die Brüder sind abhängig von seinem Wohlwollen!

In der Schlussszene in unserem Predigttext finden die Geschwister nun endlich zusammen, geben sich einander zu erkennen und sprechen sich an. „Vergib uns!“, sagen die älteren Brüder mit den Worten, die der Vater ihnen mit auf den Weg gegeben hat.

Vergib uns unsere Missetat und Sünde!

(V. 17a)

Als Leser oder Hörerin mag man denken: „Nun los, Josef, vergib ihnen! Du bist doch reich, glücklich, angesehen… Sag schon: ‚Ja, ich vergebe euch!‘“

Aber die Josefsnovelle wäre keine weisheitliche Lehrerzählung, wollte sie uns nicht eine Weisheit nahebringen, uns zu einer Erkenntnis verhelfen. Und so macht die verschlungene, kunstvoll erzählte Geschichte auch an dieser Stelle, kurz vor dem Finale, noch einmal einen Schlenker:

Josef weinte, als man ihm solches sagte.

(V. 17b)

Es ist für mich eine der eindrucksvollsten Szenen der tiefgründigen Erzählung. Eine Leerstelle, eine Verzögerung, ein Innehalten… Denn was geht jetzt wohl in Josef vor?

Weint er allein aus Rührung? Aus Freude über das Wiedersehen mit seinen Brüdern und die bevorstehende Versöhnung? Oder weint er noch einmal aus Schmerz über das, was ihm seine Geschwister antun wollten und was sein Leben bestimmt hat? Aus Schmerz über die lange Trennung und Entfremdung von seiner Familie? Weint er aus Trauer über die verknoteten Lebensfäden in seiner Familie, die sie blockieren und zugleich aneinanderbinden – und das über Generationen? Oder aber ist sein Weinen ein Gebet?

Macht dieser Moment, in dem Josef sich abwendet und aus der Situation quasi heraustritt, in der die Brüder nicht miteinander sprechen, sich nicht sofort in die Arme fallen, vielleicht erst Platz für eine tiefere Einsicht?

So scheint es mir. Denn erst jetzt kommt Gott ins Spiel. Gott, von dem in der ganzen langen Josefsnovelle bisher fast gar nicht die Rede war. Jetzt holt Josef Gott in die Geschichte:

Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.

(V. 20)

Das Happy End, die große Versöhnung, sie ist nicht möglich ohne diesen Dritten im Bunde. Den, der die Schuld halten kann, die wir allein nicht ertragen, mit der wir so schwer umgehen können. Die wir oftmals nicht allein aus der Welt schaffen können, weil Verletzungen, Angriffe, Worte, auch Unausgesprochenes als Schuld bleiben. Weil manchmal die Vergebung des anderen nicht reicht, um einen zu heilen und zu versöhnen; weil wir auch selbst manchmal nicht vollständig vergeben und heilen können…

Es braucht den Dritten im Bunde, dem wir uns anvertrauen und von dem wir glauben, dass er wirklich Neues schaffen, neue Anfänge setzen kann. Dass er für alle Menschen und Völker Gutes im Sinn hat, Leben und Frieden.

Gott gedachte, Gott gedenkt es gut zu machen…

Für Josef und für seine Brüder. Für dich und mich, unsere Familien und die Menschen, mit denen wir leben.

Für die Beziehungen und Geschichten, die uns umtreiben, uns zornig machen oder schamerfüllt, in denen wir schuldig werden, andere verdrängen oder wegschaffen wollen, Kontakte abbrechen, schweigen, vielleicht weinen… Und in denen es neben unserer eigenen Bereitschaft, um Vergebung zu bitten und auch Vergebung zu gewähren, immer Gott als Dritten im Bunde braucht. Unser Bitten und Flehen, dass er dazukommt und mitträgt, was wir allein nicht vollbringen können.

Unser tiefes Vertrauen in den, der es gedenkt gut zu machen. Von Anfang an und jeden Tag neu.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.