Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Grenzüberschreitungen

Grenzüberschreitungen

Predigt zu Pfingsten
Pastorin

Andrea Busse

Pfingstsonntag, 23. Mai

Predigt über 1. Mose 11,1-9

Predigt:

Heute beginnen wir mal ganz am Anfang – im Paradies. Das Wort „Paradies“ kommt aus der altiranischen Sprache und bedeutet: „eingezäunte Fläche“; ebenso dann das hebräische Wort Pardes, das für einen Garten mit Bäumen steht, der von einem Wall umgeben ist. Zum Paradies gehört also ganz wesen­tlich eine Grenze, es liegt in der Definition. Oder umgekehrt: Eine Grenze ist etwas Paradiesisches – etwas Gutes, Heilsames, Gottgewolltes.
Das ist also der Anfang: eine Grenze. Und dann lesen wir in den ersten Kapiteln der Bibel von einer Grenzüberschreitung nach der anderen:
Adam und Eva essen vom Baum der Erkenntnis, obwohl das verboten war, und fliegen aus dem Paradies.
Ihr Sohn Kain macht sich zum Herrn über Leben und Tod und erschlägt seinen Bruder. Er wird danach ein unstetes und flüchtiges Leben führen.
Dann wird es allgemeiner: Das Dichten und Trachten der Menschen war böse und Gott schickt die Sintflut, um dem ein Ende zu bereiten.
Und schließlich beginnen die Menschen einen Turm zu bauen, endlos hoch, bis in den Himmel, um sich einen Namen zu machen. Sie wollen die Grenze zwischen Gott und Mensch aufheben:

Predigttext:

Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde. Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der HERR von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde. (1. Mose 11, 1-9)

Die Geschichte beschreibt mit feinem Humor, was dann passiert: „Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm“. Offen­sichtlich war das alles doch so winzig, dass Gott erstmal näherkommen muss, um es überhaupt sehen zu können. Aber die Gefahr wird auch benannt: Wenn sie das schaffen, „dann wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können.“ Und so macht Gott das, was er von Anfang an machte: Er setzt eine heilsame Grenze. Nicht indem er die Baustelle schließt und ein Verbotsschild aufhängt, sondern indem er die mensch­lichen Möglich­keiten begrenzt. In diesem Fall die Möglichkeiten der Verständi­gung. Er verwirrt ihre Sprachen und sie verstreuen sich in alle Länder. Damit nimmt Gott den Menschen die Möglichkeit, sich gottgleich zu gebär­den und sich damit völlig zu übernehmen. Es ist keine Strafe, sondern eine Schutzmaß­nahme.

So wie vorher bei all den anderen Grenzüberschreitungen auch:
Adam und Eva werden aus dem Paradies vertrieben, damit sie nicht auch noch vom Baum des Lebens essen und ewig leben. Was wäre das für eine Horrorvorstellung, wenn wir alle unsterb­lich wären!
Der Mörder Kain muss die Konsequenzen seiner Tat tragen, aber er erhält von Gott auch das Kainsmal, ein Schutzzeichen und damit die Möglich­keit zu überleben.
Als Gott die große Flut schickt, um die Erde von aller Bosheit zu reinigen, tut er dies nicht, ohne Noah zu retten. Die Arche wird das Rettungsschiff für die Tiere und die Gattung Mensch. Und danach legt Gott seinen Kriegsbogen aus der Hand, hängt ihn in den Himmel, wo er in den schönsten Farben noch heute für uns als Regenbogen leuchtet.
Gott setzt dem Menschen immer wieder Grenzen, nicht um ihn klein­zuhalten, sondern um ihn vor sich selbst zu bewahren, vor seiner eigen­en zerstörerischen Kraft.

In Babel also wird die Sprache zur heilsamen Grenze. Und genauso erleben wir Sprache – als heilsam und als Grenze: Sprache ist ein wunderbares Mittel zur Verständi­gung, sie öffnet Türen und Herzen, sie überwindet Grenzen. Und dann ist sie wieder Quelle von Missverständnissen. Mit Worten können wir einerseits Menschen trösten, ermutigen, auf­bauen und aber genauso auch kränken, verletzen, vernichten. Auch Sprachenvielfalt ist schön und schwierig zugleich: Was für ein Reichtum auf dieser Welt mit all ihren verschiedenen Sprachen, Lauten, Schrift­zeichen. Ich liebe es, an Flughäfen oder Bahnhöfen vertrauten und fremden Klängen zu lauschen und zu raten, welche Sprache da gerade gesprochen wird. Und doch ist die Fremdsprache für viele, die ins Ausland kommen wollen oder müssen, wie eine Mauer, die es zu überwinden gilt, um überhaupt ankommen zu können.

Ich selbst habe das beim Leben im Ausland erfahren. Wenn ich in Kairo unterwegs war und mit Ägypter:innen, die in mir natür­lich immer zuerst eine Touristin vermutet haben, angefangen habe, in meinem rudimen­tären Arabisch zu sprechen, dann war das jedes Mal wie ein Türöffner: Eine Ausländerin, die Arabisch spricht oder es zumindest versucht! Ich wurde angelächelt, mir wurde geholfen, ich wurde eingeladen, mein Arabisch wurde gelobt und verbessert.
Anderseits gab es genügend Situationen, wo mein Arabisch eben zu rudimentär war. Wenn in den Kirchenkeller das Wasser lief und ich den Handwerkern erklärten wollte, dass wir ein Rückschlagventil brauchen, da kam ich schnell an meine Grenzen. Ich fühlte ich mich sprachlich so amputiert, so ohn­mächtig, dass ich hätte heulen können. Die täglichen Kämpfe um Verständigung, das völlige Verpassen der Zwischentöne und sprachlichen Nuancen, das hat auch Unmengen an Kraft gekostet.

Die große Sprachenvielfalt auf dieser Erde, deren Entstehung in unserer Geschichte legendenhaft beschrieben wird, sie bereichert und begrenzt uns. Sie lässt manches gelingen, manche Brücken werden gebaut, aber manche Türme der Sehnsucht bleiben eine Bauruine. Der Turm, dessen Spitze bis in den Himmel reicht, der uns den totalen Überblick ermög­licht, das bleibt ein Traum. Die Wirklichkeit ist für uns viel niedriger angesiedelt und immer eine Baustelle. Immer einzelne Bau­steine, Frag­mente, auch Trümmer. Sie sind Zeichen für unsere Begrenztheit.

Grenzen sind dabei genauso zwiespältig wie Sprache: Sie sind ein heilsamer Rahmen für unser Leben, paradiesisch sozu­sagen, sie schützen und bewahren uns. Und doch sind sie manchmal wie Mauern, an denen wir uns die Nase blutig schlagen. Sogar Grenzüberschreitun­gen sind zwiespältig – manchmal werden sie als Überheblichkeit bestraft, manchmal als Fortschritt gepriesen.

Wenn wir hinter die Kulissen der biblischen Babelgeschichte schauen, können wir diese Zwiespältigkeit schon dort ent­decken. Denn vermutlich liegt der Ursprung der Erzählung bei Nomaden, die mit der antiken Stadt­kultur im Orient konfrontiert werden. Sie, die es gewohnt sind, in Zelten zu leben und auch Fremden gegenüber Gastfreundschaft zu pflegen, treffen in Städten plötzlich auf Mauern, die himmelhoch vor ihnen auf­ragen und die dazu da sind, andere auszusperren. Nomaden bauten, wenn überhaupt, aus Lehm, das lässt sich schnell verändern, abbre­chen, woanders wieder aufbauen; Städter brannten Ziegel und bauten für die Ewigkeit. Diese städtische Kultur bedrohte das nomadi­sche Leben und seine Werte. Und so beschreiben Nomaden in ihren Erzäh­lungen die Bauherren in Babel als gottlos und die eigene Lebensweise in der Zerstreuung als Lösung des Problems – samt der Sprachen­vielfalt, die unter den Nomadenstämmen normal war. Und Gott erscheint in ihrer Geschichte als Garant der alten Lebensweise.

Damit schwingen in dieser Erzählung schon bei der Entstehung Tenden­zen mit, die jede moderne Veränderung kritisieren. Das hat sich in der Auslegungsgeschichte fortgesetzt: Turmbau zu Babel als Musterbeispiel für biblische Zivilisationskritik. Mit dieser Geschichte legitimierte man im 19. und 20. Jahrhundert die Verteufelung von wissenschaftlichem und techni­schem Fortschritt. Babel als Metapher für spektakuläre Grenzüber­schreitungen von der Dampfmaschine bis zum chirurgischen Eingriff, vom Internet bis zur Genetik.

Sind aber wirklich alle Grenzüberschreitungen schlecht?
Grenzüberschreitungen gehören zum menschlichen Leben dazu, von Anfang an, vom Paradies an. Und heute an Pfingsten feiern wir doch sogar so etwas wie eine Grenz­über­schreitung. Da sitzen die Jüngerinnen und Jünger in Jerusalem ängstlich zusammen und wissen nicht so recht, was sie tun sollen, nachdem Jesus aus ihren irdischen Leben verschwunden ist. Und dann passiert etwas, was offensichtlich die Grenzen ihrer Beschreibungs­möglichkeiten übersteigt. Denn wie soll man das in Worte fassen, wenn der Heilige Geist kommt. Man hat es versucht: Es wird erzählt von einem Sturm­brausen und von Feuerzungen. Und so beschreiben wir noch heute Begeisterung: Wir reden vom Mitgerissen werden und vom Feuer&Flam­me-Sein. Das geht durch Wände und Türen und holt die Jünger:­innen raus auf die Straße zu den Men­schen.

Und zwar zu den Menschen, die immer noch in der Zerstreuung leben, also in aller Herren Länder, und alle möglichen Sprachen sprechen. Und was dann passiert, ist nicht die Gegenerzählung zu Babel. Es geschieht ja nicht ein Sprachwunder, das aus der Sprachenvielfalt eine Einheits­sprache schafft. Keine wunder­same Sprachenvereinheitlichung, sondern was geschaffen wird, ist Verständigung über die Sprachgrenzen hinweg. Und das wird als Wunder erlebt, als ganz und gar heilsame Überwindung von Grenzen.

Wie damals in Babel, so greift Gott auch in Jerusalem ein. Und bei beiden Geschichten wird eines ganz deutlich: Wo Gott ist, ist Vielfalt. In dieser Woche war in der Kita St. Johannis Kinder­bibelwoche – und zwar zum Thema Vielfalt. Und auch da haben wir ganz am Anfang angefangen: im Paradies. Als Gott nämlich eine Vielfalt von Pflanzen schafft – und siehe es war sehr gut. Er erschafft die unterschiedlichsten Tiere – und siehe es war sehr gut. Und natürlich trifft das auch auf uns Menschen zu: Die Kinder haben in dieser Woche spielerisch erfahren, wie wertvoll es ist, dass wir alle so unterschiedlich sind. Manchmal auch anstrengend, aber im Endeffekt – sehr gut.

Vielfalt setzt eine Grenze, eine heilsame Grenze, aber eben nicht die Grenze zwischen Menschen – wie diese Grenze geistreich überwunden werden kann, das erzählt ja die Pfingstgeschichte – sondern die Grenze zwischen Gott und Mensch. Und die darf nicht in Frage gestellt werden, sonst wird es unheilvoll. Da müssen wir uns nur wieder an die Geschichten vom Anfang erinnern.

Wenn wir also fragen, sind Grenzüberschreitungen nun gut oder schlecht, dann ist genau das das Kriterium: Grenzen zwischen Menschen zu überschreiten, das ist unser Auftrag und seit Pfingsten haben wir auch den nötigen Geist dazu. Die Grenze zwischen Gott und Mensch aber, ist lebensnotwendig zu unserem eigenen Schutz.

Es geht also darum, nicht wie Gott werden zu wollen, sondern Mensch zu bleiben. Denn – und da sind wir wieder bei der Sprachenvielfalt – denn keine Sprache vermag Grenzen so wirksam aus den Angeln zu heben wie wahre Menschlichkeit. Unsere Sprachverwirrung endet, wo wir hinter den Grenzen der Sprache den Menschen selber wahrnehmen. Sie und mich. Grenzenlos verbunden durch Gottes guten Geist. Da können wir etwas vom heilsam umzäunten Paradies ahnen. Und mehr braucht es nicht zum Leben. Amen.