Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Ich bin lebendig

Ich bin lebendig

Predigt am Ostersonntag, 4. April 2021
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Ostersonntag, 4. April 2021

Predigt zu Matthäus 28,1–10

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Ein gelungener Osterscherz kursiert gerade auf den Handy- und PC-Bildschirmen. Er zeigt das Foto einer offenen Felshöhle, rechts neben dem dunklen Eingang ein großer, wie zur Seite gerollter Stein. Darunter der Satz: „Das mit der Ausgangssperre hat noch nie funktioniert!“

Ein gelungener Witz, nicht weil die Ausgangssperre oder die ihr zugrunde liegende Situation zum Lachen wäre, sondern weil das Bild bejaht und verstärkt, was an Ostern kaum zu glauben ist: dass keine Sperren, Gitter oder Fesseln der Welt Jesus im Tod festhalten konnten. Weil Gott in seinem Sohn die Macht des Todes brechen wollte.

Im Leben seines Sohnes, das ein Fest der Liebe gegen die Ausgrenzung und Verachtung von Menschen war, und auch in seinem Tod, in dem eine neue Tür zum Leben in der Auferstehung geöffnet wurde.

So schwer ist dieses Ostergeschehen zu fassen, dass es in der Bibel gleich mehrere verschiedene Erzählungen davon gibt.

Bei Matthäus, dessen Ostergeschichte Christopher Bender eben für uns gesungen hat, kommt ein Engel vom Himmel. Er wälzt den Stein, der die Grabhöhle verschloss, zur Seite und setzt sich darauf. Und als die Frauen kommen, um Jesus einen letzten Liebesdienst zu tun und seinen Leichnam einzubalsamieren, sagt er das, was Engel meistens sagen: „Fürchtet euch nicht!“ Gottes Hauptbotschaft an die Menschen: „Fürchtet euch nicht! Habt keine Angst! Verzagt nicht!“

Der Engel lässt die Frauen mit eigenen Augen ins Grab schauen, dann schickt er sie los: „Geht schnell los und sagt seinen Jüngern, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Und passt auf, ihr werdet ihm begegnen!“

Und schon gehen sie los, „mit Furcht und großer Freude“, wie Matthäus schreibt, laufen, rennen, um die Botschaft den Jüngern zu überbringen.

Das leere Grab, die Dunkelheit und Kälte des Todes, die Furcht, das Erstarren der Frauen – das ist die eine Hälfte des Osterbildes. Die andere ist der Aufbruch der Frauen, wie sie in Bewegung kommen und loslaufen.

Der Aufbruch, der Neuanfang – wobei eine Besonderheit des Osterevangeliums darin besteht, dass die Frauen „nach Galiläa“ gesandt werden, also aus Jerusalem zurück in ihre und Jesu Heimat, nach Hause, in den Alltag und die Normalität.

Wie oft haben wir uns das in den letzten Monaten gewünscht: dass die Corona-Krise ein Ende hätte und wir aufbrechen, umkehren könnten in das normale Leben! In die uns vertrauten Alltage und Festtage, zu unseren Familien, Freundinnen und Bekannten, in Kinos, Universitäten, Konzertsäle und Sportanlagen, in unsere Lebens- und Spiel- und Denkräume.

Als wir im Kirchengemeinderat im letzten Winter überlegten, was wohl ein Motto für die kulturellen Veranstaltungen, Literaturgottesdienste oder besonderen Konzerte in diesem Jahr sein könnte, da einigten wir uns auf den Begriff „Aufbruch“. Verbunden mit der Vorstellung, in 2021 endlich wieder aus den Beschränkungen, aus Lähmung und Vereinzelung aufbrechen und neu anfangen zu können.

Aufbruch, der zur Zeit so schwer möglich ist – und uns doch zugesagt bleibt. Gottes Kraft und Wille zum Leben gegen die Mächte des Todes, Krankheit und Gewalt.

Ich frage mich: Wie ist der Aufbruch den Frauen am Grab gelungen, wie sind sie losgekommen? Und welche Aufbrüche zum Leben sind uns möglich?

Für Matthäus steht zwischen dem erschreckten Blick der Frauen in die Finsternis des Todes, den ja auch wir kennen, und ihrem Lauf zu den Jüngern die Botschaft des Osterengels. Über dem Aufbruch steht als erster Satz:

Fürchtet euch nicht!

Lasst euch nicht von Furcht beherrschen, die euch eng macht und lähmt, sodass euch nie ein Aufbruch möglich wird. Zählt nicht eure Sorgen, sondern den Segen, der trotz allem auf eurem Leben liegt. Löst euch von den Schreckensnachrichten, schüttelt allzu viel Panik ab, und räumt der berechtigten Angst, die wir immer wieder haben können, einen begrenzten Platz in euren Herzen und Köpfen ein. Schafft Raum in euch auch für andere Gefühle und Gedanken, und pflegt, nährt und stärkt sie mit konkreten Erfahrungen, Taten, Worten und Bildern. „Fürchtet euch nicht!“

Der zweite Satz des Osterengels lautet:

Geht zu seinen Jüngern und sagt ihnen, dass Jesus von den Toten auferstanden ist!

Sagt die Worte des Lebens weiter, gebt sie an eure Freundinnen und Freunde, an eure Kinder, Enkel und Geschwister weiter. Sagt sie denen, die trauern, Angst haben, allein oder verunsichert sind.

Im Sprechen, im Formulieren, im Nacherzählen bekommen unsere Gedanken und Gefühle Gestalt – das kennen wir. Und auch unser Glaube gewinnt Gestalt, wenn wir davon sprechen, wenn wir Gottes Wort mit unseren Worten weitersagen. Vom Sieg des Lebens über den Tod erzählen, von Gottes Freude am Leben, vom Licht und Neuanfang des Ostermorgens. Und die Botschaft wird ihre Botschafterinnen und Botschafter prägen…

Und schließlich steht über dem Aufbruch der Frauen die Verheißung des Engels:

Ihr werdet ihm begegnen!

Ich denke mir, mehr als alles andere wird dieser Satz die Frauen in Bewegung gesetzt haben. Die Aussicht, Jesus wirklich zu begegnen, ihn in ihrem Leben, im Alltag wiederzufinden.

„Weil Hoffnung alles verändert“, steht auf dem neuen weißen Banner an unserer Kirchenwand draußen. Und für uns Christen ist es im Kern diese Hoffnung: dass wir Jesus Christus begegnen werden. Dass wir in Berührung kommen mit seiner Liebe und Zärtlichkeit, mit seiner Kraft zu trösten und zu heilen, mit seiner Hingabe, seinem Dienst und Opfer, die unsere Vorstellungen sprengen.

Unser Vertrauen und unsere Vorfreude Jesus zu begegnen, wird unser Glaube sein. Unser Vertrauen, dass Gott gegenwärtig ist im Leben und im Sterben, mal unsichtbar, mal überraschend – wie zu Ostern – und immer so, dass wir gespannt, neugierig und vorfreudig aufbrechen mögen.

„Ihr werdet ihn finden!“

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.