Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – In der Wüste

In der Wüste

Predigt am 21. Februar 2021
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Sonntag Invocavit

Predigt zu Matthäus 4,1–11

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Mit Aschermittwoch hat in der letzten Woche im Kalender des Kirchenjahres die Passionszeit begonnen. Die sieben Wochen vor Ostern, die Jesu Weg ans Kreuz in den Blick nehmen und uns sensibilisieren für Leid und Schmerz in der Welt. Gefühlsmäßig jährt sich in diesen Frühlingstagen der für uns wahrnehmbare Beginn der Corona-Pandemie, die für viele von uns in sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht wirklich eine Leidenszeit ist. Wie eine überlange Passionszeit, die nun in die nächste Runde geht…

Zum 1. Sonntag der kirchlichen Passionszeit, Invocavit, gehört wie ein Auftakt die Geschichte von der Versuchung Jesu, die wir eben gehört haben.

Jesus geht als junger Mann nach seiner Taufe in die Wüste. Er zieht sich zurück aus der Gemeinschaft seiner Familie und Freunde, um nach sich selbst und Gott, dem Sinn seines Lebens und seinem Auftrag zu suchen. In der Wüste, während er fastet und hungert, wird er vom Teufel auf die Probe gestellt.

Zuerst geht es um Brot, um Nahrung und leibliche Bedürfnisse:

Wenn du Gottes Sohn bist, dann schaff dir doch aus diesen Steinen Brot!

 

(V. 3)

Dann geht es um Jesu Gottvertrauen:

Wenn du Gottes Sohn bist, dann wirf dich doch von der Zinne des Tempels; dein Gott wird dich schon auffangen!

 

(V. 6)

Und schließlich um Reichtum und Macht, um die Machtfrage überhaupt:

Alle Schätze und Macht in der Welt will ich dir geben, wenn du mich anbetest!

 

(V. 9)

Drei Anfechtungen oder Versuchungen, bei denen die biblische Geschichte deutlich macht, dass es nicht um Schokolade, Alkohol oder Sexualität geht, um die sog. kleinen oder groß-gemachten Sünden. Sondern dass es bei echten Versuchungen für uns – wie für Jesus –um Macht und Identität geht. Wir werden herausgefordert, Farbe zu bekennen: Wer bin ich? Welchen Wünschen oder Neigungen folge ich? Und wann kommt der Punkt, wo ich meinen Verstand, meine Nächstenliebe, mein Gottvertrauen abgebe?

Die Corona-Krise ist für viele von uns eine Leidenszeit, und in Leidenszeiten wird man, wie man früher sagte, „geprüft“. Man wird auf die Probe gestellt. Ich meine nicht, dass Leidenszeiten deshalb gut wären, weil sie sozusagen eine moralische, eine erzieherische oder charakterbildende Wirkung hätten! Ich denke, dass es einfach eine Tatsache ist, dass wir in schwierigen Zeiten vielleicht mehr als in rosigen Zeiten innerlich herausgefordert werden.

Für manche Familien, deren Unterhalt an der Gastronomie, der Hotellerie oder kulturellen Einrichtungen hängt, stellt sich die Frage, wie sie mit weniger Geld auskommen, zum Teil mit viel weniger Geld. Soll, muss jetzt am Auto, an der Miete, an Nahrungsmitteln, Kleidung oder Geschenken gespart werden? Sparen Erwachsene zuerst an sich oder an ihren Kindern? Welche Status-Symbole sollen erhalten bleiben, wofür nehmen wir Kredite auf, was ist uns am wichtigsten?

Am Geld, besonders wenn es knapp wird, entscheidet und zeigt sich vieles: unsere Beziehungen in der Familie, in Patenschaften, zu Freundinnen und Kollegen. Unsere Bedürfnisse nach Sicherheit oder Freiheit. Unsere Wünsche nach Schönheit und Perfektion oder unsere Bereitschaft, mit dem Unvollkommenen und Unfertigen zu leben…

Andere Menschen leiden in dieser Zeit am meisten unter der fehlenden Nähe zu anderen. Dass Besuche, Ausflüge, Feste, selbst harmlose Einladungen nicht leicht möglich sind! Dass wir manche Menschen schon so lange nicht mehr in echt und zusammen gesehen haben! Und manche trauern auch um Verstorbene, die ihnen fehlen und von denen sie sich nicht richtig verabschieden konnten.

Auch die Trennung und Isolation kann man wie eine Prüfung erleben, die einen abgrundtief traurig macht oder gegen die man sich auflehnen möchte, die einem ungerecht und zu hart erscheint.

Und wieder andere stehen in dieser belastenden Zeit in der Versuchung – oder sie erliegen ihr –, Gründe, Drahtzieher und böse Mächte heraufzubeschwören, die angeblich hinter der Corona-Krise und den Beschränkungen des öffentlichen Lebens stehen. Wie eine Faszination des Bösen!

Dabei sind wir von der Realität eines bedrohlichen Virus herausgefordert, wie es auch viele andere gibt. Wir müssen mit Abstandsregeln, mit finanziellen Nöten, mit Angst, Sehnsucht und Trauer und auch mit Wut umgehen. Und wir sind nun je länger desto mehr gefragt, was wir den Anfechtungen innerlich entgegensetzen, welche Kräfte wir mobilisieren können?

Wir haben im letzten Jahr – lasst uns dies nicht vergessen! – zusammen schon vieles erlebt, das aus guten Impulsen und Kräften entstanden ist:

Zum Beispiel Ideenreichtum – Musiker, die immer wieder ehrenamtlich für die Bewohnerinnen der Diakoniestiftung im Mittelweg oder des Haus St. Johannis musizieren. Digitale Konzerte, aufgenommen von Studierenden in unserem Gemeindesaal für die Bewohner des Hospital zum Heiligen Geist in Poppenbüttel. Das Streaming-Konzert der Matthäus-Passion, das Christopher Bender für Ende März plant – auch um professionelle Musikerinnen und Musiker zu unterstützen –, wofür manche schon gespendet haben.

Nächstenliebe haben wir erlebt – wo im letzten Jahr viele Jüngere ihren älteren Nachbarn Hilfe angeboten haben. Zettel in Fahrstühlen und an Briefkästen: „Melden Sie sich bei Franziska und Markus im 4. Stock. Wir bringen Ihnen Ihre Einkäufe vor die Haustür.“ Andere, die für Ältere Impftermine online machen oder sie in die Messehallen zur Impfung begleiten.

Oder Dankbarkeit – Aufmerksamkeit und Freude an der Schöpfung, dem Schnee, der Sonne, dem Wasser, den Vögeln… So viele Menschen haben im letzten Jahr das Spazierengehen für sich entdeckt, beobachten Eichhörnchen, fotografieren Blüten, umarmen Bäume…

In der biblischen Geschichte wird Jesus vom Teufel dreimal auf die Probe gestellt. Und immer geht es um die Frage: Wer bist du? Und wem vertraust du: dir selbst, Gott oder mir? Zu wem gehörst du?

In unserem Leben stellen sich die Fragen meistens nicht so krass – oder aber es ist gar nicht so leicht, sie so eindeutig zu beantworten. Es gibt Schattierungen, Verflechtungen, Lebensumstände und Arbeitsbedingungen, denen wir unterworfen sind und die sich nicht einfach ändern lassen.

Und dennoch wird auch für uns in Leidens- und Passionszeiten die Frage drängender als sonst, aus welchen inneren Quellen wir schöpfen, woran wir unser Herz hängen und woran wir uns in unseren Handlungsmöglichkeiten orientieren.

Gelingt es mir, Kontakte aufrechtzuerhalten? Zu wem und zu wem nicht? Wie gehe ich jetzt mit meinem Geld um? Gebe ich noch etwas ab, und wenn ja, wem? Was hält meine Hoffnung aufrecht, und wie teile ich sie? Was entfacht meine Freude und Dankbarkeit?

Martin Luther, der sich durch die vielen inneren und äußeren Auseinandersetzungen in seinem Leben mit Anfechtungen gut auskannte, hat sich unter anderem auf das biblische Bild von der Burg bezogen, wenn er Kraft, Schutz oder Trost suchte. „Ein‘ feste Burg ist unser Gott“ haben wir eben gehört. Der Glaube an Gott wie ein innerer Schutzwall, der nicht durchbrochen werden kann. Mit kriegerischen Bildern beschreibt er die Kämpfe in der Seele, die Versuchungen, klein bei zu geben, sich einschüchtern oder nur von Angst regieren zu lassen.

Eine innere Burg, ein Schutzwall, der in Luthers Vorstellung von Jesus Christus verteidigt wird:

Es streit‘ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.

 

(EG 362, 2)

Wir verfügen nicht immer selbst über unsere seelischen Kräfte, unser Vertrauen, unsere Zuversicht, unsere Willensstärke. Sondern in echten Versuchungen und Kämpfen brauchen wir Bündnispartner, Verstärkung und Fürsprecher. Ihr werdet wissen, welche Menschen das für euch sind oder waren, wer uns aufrichten, trösten und im Glauben an das Glück des Lebens halten kann. Es ist wichtig, um sie zu wissen und die Beziehungen zu ihnen zu pflegen, damit sie uns zur Seite stehen, wenn wir sie brauchen.

Und ebenso mögen wir auch daraus Kraft beziehen, dass unsichtbar noch ein anderer an unserer Seite steht, wenn es um innere Nöte geht. Unser Bruder, Gottes Sohn, der das Leiden und den Schmerz kennt, der uns hilft zu widerstehen und den Blick auf das Wesentliche zu richten, wenn wir drohen, uns in Anfechtungen zu verlieren. Der uns immer wieder ins Leben ruft, in unsere Verbindungen mit Gott und unseren Nächsten. In Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.