Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Lasset uns singen und spielen vor Gott

Lasset uns singen und spielen vor Gott

Predigt am 10. Oktober
Pastor i.R.

Josef Kirsch

19. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zu Jesaja 38, 9-20

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,
im heutigen Predigttext geht es um den jüdischen König Hiskia (725-697 vor Christus), es geht um Heil und Unheil für Jerusalem und es geht um uns.

Hiskia war ein sehr gottesfürchtiger König zur Zeit des Propheten Jesaja. Dennoch war auch er nicht davor geschützt, sterbenskrank zu werden. Jerusalem und Juda gerieten in höchste Gefahr durch den Ansturm der Assyrer. Dennoch wurden sie gerettet; vielleicht durch eine Seuche, die im assyrischen Heer ausgebrochen war. Vorläufig wurden sie gerettet und Hiskia wurde wieder gesund gegen alle Erwartung und regierte danach noch 15 Jahre. Es ist ein rückblickender Bericht aus nachträglicher Zeit, denn er endet mit der Erwähnung der sehr viel späteren babylonischen Gefangenschaft, die das Ende von Jerusalem und Juda bedeutete. Und mittendrin steht der Predigttext des heutigen Sonntags. Formal ist es ein Psalm, der Hiskia gewissermaßen in den Mund gelegt worden ist, das Klagelied eines einzelnen, durchzogen von unendlichen Schmerzen. Aber im letzten Teil dieses Gedichtes kippt die Stimmung. Sie wird von überschäumender Hoffnung getragen. So sind diese Klagelieder gebaut: Der größte Schmerz, die größte Verzweiflung werden zur Sprache gebracht. Nie aber sind sie das letzte, das ein Mensch von seinem Leben sagen kann, sondern Gott führt dieses Leben weiter, selbst in unserem Psalm heute, der keine Jenseitshoffnung kennt, aber der als letzten Grund unseres Daseins Gott bekennt. Und jetzt lese ich diesen Psalm, den Predigttext des heutigen Sonntags aus dem 38. Kapitel des Propheten Jesaja:

Dies ist das Lied Hiskias, des Königs von Juda, als er krank gewesen und von seiner Krankheit gesund geworden war:

Ich sprach: In der Mitte meines Lebens muss ich dahinfahren,
zu des Totenreichs Pforten bin ich befohlen für den Rest meiner Jahre.
Ich sprach: Nun werde ich nicht mehr sehen den Herrn,
ja den Herrn im Lande der Lebendigen,
nicht mehr schauen die Menschen mit denen, die auf der Welt sind.
Meine Hütte ist abgebrochen
und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt.
Zu Ende gewebt habe ich mein Leben wie ein Weber;
er schneidet mich ab vom Faden.
Tag und Nacht gibst du mich preis;
bis zum Morgen schreie ich um Hilfe;
Aber er zerbricht mir alle meine Knochen wie ein Löwe,
Tag und Nacht gibst du mich preis.
Ich zwitschere wie eine Schwalbe und gurre wie eine Taube.
Meine Augen sehen verlangend nach oben;
Herr, ich leide Not, tritt für mich ein!
Was soll ich reden und was ihm sagen? Er hat´s getan!
Entflohen ist all mein Schlaf bei solcher Betrübnis meiner Seele.
Herr, davon lebt man, und allein darin liegt meines Lebens Kraft:
Das lässt mich genesen und am Leben bleiben.
Siehe, um Trost war mir sehr bange.
Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe;
denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.
Denn die Toten loben dich nicht und der Tod rühmt dich nicht,
und die in die Grube fahren, warten nicht auf deine Treue;
sondern alleine, die da leben, loben dich so wie ich heute.
Der Vater macht den Kindern deine Treue kund.
Der Herr hat mir geholfen, darum wollen wir singen und spielen,
solange wir leben, im Haus des Herrn.

Wir befinden uns im Jahre 712 vor Christus. 13 Jahre hatte Hiskia das Land Juda und die Stadt Jerusalem klug und gottesfürchtig regiert. Es waren keine ruhigen Zeiten. Sehr gefährlich war die Großmacht Assyrien und ihr ist in dem geteilten jüdischen Land das Nordreich Israel rettungslos zum Opfer gefallen. Fortan gab es nur noch das Südreich Juda mit der Hauptstadt Jerusalem, bedroht, gefährdet und dennoch – vorläufig jedenfalls – erhalten. Aber dann wird Hiskia – wie gesagt – krank, todkrank. „In der Mitte meines Lebens muss ich dahin fahren, zu des Totenreiches Pforten bin ich befohlen für den Rest meiner Jahre.“ So klagt der später gedichtete Psalm. Breit und ausführlich wird das Leiden geschildert. Gott wird in diesem Leben keine Rolle mehr spielen, die Menschen wird der König nicht mehr sehen, das Leben ist zu Ende gewebt und der Weber schneidet den Faden ab. Hart klagt Hiskia Gott an: „Wie ein Löwe zerbricht er meine Knochen, Tag und Nacht gibst du mich preis.“ Dies ist der tiefste, der dunkelste Boden, auf dem menschliches Leben ankommen kann. Aber wie in allen Klagepsalmen gibt es ein Dennoch: „Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele angenommen, dass sie nicht verdürbe; die Toten loben dich nicht, nur die da leben loben dich, so wie ich heute. Der Herr hat mich gerettet, darum wollen wir musizieren im Hause des Herrn, solange wie leben.“

Wie spricht dieser Psalm von Gott? Auf jeden Fall ganz anders als wir es gewohnt sind. Wir sind es gewohnt, freundlich von Gott zu sprechen, allgemein von Gott zu sprechen, relativ unpersönlich von Gott zu sprechen. Gott ist die Liebe, Gott ist die Hoffnung, Gott ist die Wahrheit, Gott ist das Leben, das Licht, die Kraft, das Heil, das Wort usw. All diese Aussagen sind gut biblisch; daran kann kein gläubiger Mensch Anstoß nehmen. Und dennoch fehlt ihnen etwas: Es fehlt ihnen die Leidenschaft, es fehlt der Schmerz, es fehlt das Unerwartete, das gänzlich Andere, das Erschreckende, das Furchtbare, das feste Wissen, ohne dem nicht mehr leben zu können, wenn ich einmal damit in Berührung gekommen bin. All das kommt in diesem Psalm zur Sprache. Zugegeben, wir können von Gott nur in Metaphern reden, aber Metaphern nageln das Gegenüber nie fest. Metaphern sind Hinweise, niemals das Ganze. Es bleibt ein Darüberhinaus, eine Differenz. Und damit haben wir es heute zu tun in unserem Psalm.

Wie können wir angemessen von Gott sprechen? Ich glaube, da können wir von dem Psalm des Hiskia sehr viel lernen. Im Gottesdienst antworten wir Gott auf sein Wort. Meistens tun wir das gemäßigt, respektvoll, lobend. Es gibt aber, vor allem im Alten Testament, nicht das geringste Verbot, vor Gott zu klagen, ihn anzuklagen, ja, ihn sogar vor das Gericht der Welt zu fordern, wie Hiob es tat. Wir müssen es tun. Wir müssen auch das Dunkel unseres Lebens mit dem Dunkel Gottes zusammen sehen, weil sonst unsere Wirklichkeit zerbricht in eine gute Seite, für die Gott zuständig ist, und in eine dunkle, schmerzhafte Seite, für die die Natur oder der Teufel oder was weiß ich wer zuständig ist. Wenn Gott allmächtig ist, wenn er die alles bestimmende Wirklichkeit ist – und das glauben wir, dann ist er nicht nur die Instanz für das Nette und Angenehme.

Hiskia oder wer auch immer unseren Psalm gedichtet hat, sagt das unmissverständlich: „Er zerbricht mir die Knochen wie ein Löwe, er schneidet mich ab vom Faden des Lebens wie ein Weber.“ Brutaler kann man es nicht sagen, und dennoch hält der Beter an Gott fest. „Du hast dich meiner Seele angenommen, dass sie nicht verdürbe. Alles, womit ich schuldig geworden bin, wirfst du hinter dich.“ So erschütternd die Anklage ist, so überwältigend ist die Vertrauensaussage. „Dennoch, trotz allem bleibe ich stets an dir; wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten, bist du doch, Gott, meines Herzens Trost und mein Teil.“ So sagt es ein anderer Psalm (73,23ff). Eine gewaltige Sprache, die nichts, aber auch gar nichts, klein oder schön redet. Selbst das Fehlen jeder Auferstehungshoffnung in unserem Psalm hindert den Beter nicht, sein ganzes Lebens an Gott zu binden mit allen Schmerzen, aber auch mit aller Begeisterung. Im Gegenteil.

Die Auferstehungshoffnung hat in der Kirche oftmals zu einer Vertröstung auf das Jenseits und zu einer Geringschätzung des diesseitigen Lebens geführt. Zu einer Weltflucht. Das ist in diesem Psalm ausgeschlossen. Alles Wichtige, alles Entscheidende geschieht hier im diesseitigen Leben, im Kontakt mit anderen Menschen, aber immer vor Gott, immer als leidenschaftliche Antwort auf ihn. Und dann wollen wir musizieren im Hause des Herrn, solange wir leben. 15 Jahre hatte Hiskia noch nach seiner schweren Erkrankung gelebt, und er hat diese Jahre sicherlich mit aller Leidenschaft, mit aller Diesseitigkeit verbracht.

Liebe Gemeinde, kein Mensch kann sagen, dass unser Leben einfach ist mit seinen Krankheiten, mit seinen Abschieden, mit der Klimakatastrophe, mit den Kriegen, die in der Welt nicht aufhören, mit den Menschen, die fliehen müssen vor Tod und Untergang, auch zu uns. All dieses müssen wir zusammen denken mit Gott, und dieses geht nur im absolut diesseitigen, leidenschaftlichen Dennoch. Ja zu sagen zu dem Gott, der in allem sich unser herzlich annimmt, dass wir nicht verderben. Nicht nur Ja zu sagen, sondern es zu leben, es zu gestalten, dem Heil Gottes Raum zu geben in unserer Mitte, denn das ist auch da. Im letzten ist Gott Liebe. Und darum musizieren wir im Gottesdienst, solange wir leben.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus, Jesus. Amen.