Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Lebenslicht

Lebenslicht

Predigt am Altjahrsabend 2020
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Altjahrsabend 2020

Predigt zu Johannes 1,1–4

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Neben der wunderbaren Musik von Pietro Locatelli dürfen wir heute zwei wunderbare Texte aus der Bibel hören. Zwei Texte, die viele besonders mögen: den des Predigers aus dem Alten Testament, der über die Zeit nachsinnt: „Alles hat seine Zeit…“, und den des Evangelisten Johannes, der ganz anders als die anderen drei Evangelisten Lukas, Matthäus und Markus über den Anfang nachdenkt, über Jesu Ankunft auf der Erde: „Im Anfang war das Wort…“

Der weisheitliche Text des Predigers, vermutlich im 3. vorchristlichen Jahrhundert in Jerusalem als ein Lehrgedicht für die Gebildeten und Hofbeamten entstanden, beschreibt die diesseitige Zeit als die uns zugängliche Zeitebene Gottes. In unserer Zeit können wir in überwältigender Vielfalt neben- und nacheinander nahezu alles erleben: weinen und lachen, suchen und verlieren, Streit und Frieden… Daneben gibt es noch eine andere Zeitebene, die Ewigkeit, die Gott zwar auch in uns angelegt hat, die uns aber verborgen bleibt.

Meine Zeit steht in deinen Händen,

(Psalm 31, 16)

heißt es in den Psalmen – jede Zeit, alle Zeiten, die wir durchleben oder die uns treffen, individuell wie kollektiv.

So, wie es in diesem zurückliegenden Jahr einerseits Zeiten, Ereignisse oder Entwicklungen gab, die uns alle betroffen haben – vor allem die Corona-Pandemie und die vielen damit verbundenen Veränderungen, Maßnahmen und Diskussionen, die uns alle auf die eine oder andere Weise umgetrieben haben – aber auch andere Entwicklungen, wie den fortschreitenden Klimawandel, gesellschaftliche Diskussionen wie „Black lives matter“ oder die rasante Digitalisierung.

Und zugleich gab es für jede und jeden von uns auch im persönlichen Leben besondere Zeiten: Entscheidungen oder neue Schritte, die wir gewagt haben, Geburten und Abschiede im Familien- oder Freundeskreis, Feste oder Gedenktage, die wir, wenn auch unter besonderen Bedingungen, feiern konnten, Auseinandersetzungen oder besondere Begegnungen, die uns bewegt haben.

Alle diese Zeiten, so betont es der Weisheitslehrer, liegen in Gottes Hand. Wir können sie kaum beeinflussen, geschweige denn etwas davon wegnehmen oder hinzufügen. Sie gehören zu unserem menschlichen Leben einfach dazu. Aber alle Zeiten sind in der Tiefe gehalten von Gott.

Das Evangelium dagegen, der berühmte Prolog des Johannes-Evangeliums, guckt ganz anders auf die Zeit. Wenngleich in seiner Zeit, im 2. Jahrhundert, auf eine ebenso intellektuelle, philosophisch aufgeladene und poetische Weise.

Johannes setzt vor aller Zeit, vor der Schöpfung ein:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

 

(Johannes 1, 1–4)

Das Wort, das Leben und das Licht – diese Drei gehören zu Gott oder machen Gott aus. Sie stehen vor Gottes Wirken in der Zeit, vor allen Zeiten, die jemals kommen können, und sie prägen auch alle Zeiten. Gottes Wort oder Geist, seine Lebenskraft und sein Licht für die Menschen sind zu allen Zeiten in der Schöpfung gegenwärtig.

So blickt Johannes auf den Anfang. In der festen Überzeugung, dass dieser Anfang, den Gott in Jesus Christus mit uns Menschen setzt, nicht abgeschlossen ist, kein einmaliges Geschehen war, sondern alles Leben, alle Zeit, alle Verhältnisse zwischen Himmel und Erde zutiefst prägt oder von innen heraus erleuchtet. Wie ein Lichtstrahl durch die Zeiten.

Wenn in diesen Tagen viel die Rede davon ist, dass das Licht am Ende des Corona-Tunnels durch die Möglichkeit einer Impfung immer heller wird, so guckt der Evangelist sozusagen andersherum in den Tunnel. Er fragt nach dem Licht am Anfang des Tunnels: Mit welchem Licht, mit welcher Orientierung oder Wegzehrung gehen wir in den Tunnel, als den wir das Leben zu manchen Zeiten auch empfinden können?

Johannes macht das Licht stark:

das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.

(Johannes 1, 9)

Ein Licht, das von Anbeginn da ist und uns signalisiert, worauf wir selbst nicht kommen würden: dass Gott zu uns und dieser Welt gehört und wir zu ihm. Ein Licht, das unser Leben in eine besondere Beziehung zu Gott stellt, in eine lichtvolle Verbindung, die durch das Leben trägt.

Es gibt Momente – und es mag sie für Sie und euch auch im letzten Jahr gegeben haben –, da spüren wir diese Verbindung oder Energie, die Liebe oder das Licht Gottes ganz sicher. Momente vielleicht, in denen wir uns getragen wussten, auch durch Angst, Zweifel oder Not hindurch. In den finanziellen Unsicherheiten, in Gefühlen von Einsamkeit, Leere oder Erschöpfung, in Schmerz oder Trauer, wie es viele von uns in Folge der Corona-Krise erlebt haben oder auch durch andere einschneidende Ereignisse. Dass wir dennoch ahnen konnten: Es gibt Gottes Kraft und Freude am Leben, auch für mich und mein Leben.

Es mag Momente gegeben haben, in denen wir uns beschenkt fühlten durch etwas, das wir uns nicht selbst erarbeitet oder verdient hätten. So ging, so geht es mir zum Beispiel, wenn ich Sie, die Musikerinnen und Musiker, spielen höre, die Konzentration, die Klänge in diesem Raum: dass ich gerade in diesem Jahr live gespielte Musik als ein großes Glück und Geschenk erlebe, völlig grundlos und unverdient.

Oder es gab Momente des Glücks und des Einsseins, die wir an unterschiedlichen Orten, alleine oder mit anderen zusammen erfahren haben, ohne dass wir bisher gewusst hätten, dass es sie so gibt.

Momente des wahren Lebens. Momente, in denen Gottes Wort oder Geist wirkt und Gottes Licht aufblitzt. Lichtblicke.

Das Besondere an Gottes Licht ist, dass es die Finsternis nicht scheut, nicht die Welt, den Alltag, das Bedrückende oder Ungewisse. Dass Gottes Lichtblicke sich auch dort ereignen, wo man sie nicht erwartet, ihnen nichts zutraut oder gar nichts davon wissen will. Gottes Licht, sagt Johannes, geht in jede Finsternis hinein und verwandelt sie – auch wenn die Finsternis das Licht nicht erkennt oder annimmt. Ein Glanz, ein Funkeln von dem Licht, das Gott ist, ist mit Jesus in die Welt gekommen und bleibt in ihr. Es liegt auf allem, auf jedem Leben, zu allen Zeiten.

Das Licht vom Anfang begleitet uns, in dem Gott Mensch geworden und alles Leben gesegnet hat. Das uns sozusagen von hinten den Weg, den Tunnel ausleuchtet, sodass wir mit Gottes Lebenskraft und Licht im Rücken den Weg vor uns gut sehen und gehen können. Die Unebenheiten und Engpässe, die dazu gehören, ebenso wie die geraden, weiten Bahnen, wo wir gar nicht merken, dass wir Licht und Geleit brauchen könnten.

Und so lasst uns die Lichtblicke und hellen Momente des Jahres 2020 bewahren, wie funkelnde Grüße Gottes. Und darauf vertrauen, dass Gottes Licht für uns leuchtet, auf allen Wegen, in dieser und in der kommenden Zeit, von Anfang an.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.