Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Macht hoch die Tür

Macht hoch die Tür

Predigt zum 1. Advent
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

1. Advent, 3. Dezember 2023

Predigt zu Psalm 24

Predigttext: Psalm 24

Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist,
der Erdkreis und die darauf wohnen.
Denn er hat ihn über den Meeren gegründet
und über den Wassern bereitet.
Wer darf auf des HERRN Berg gehen,
und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?
Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist,
wer nicht bedacht ist auf Lüge
und nicht schwört zum Trug:
der wird den Segen vom HERRN empfangen
und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils.
Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt,
das da sucht dein Antlitz, Gott Jakobs.
Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehre einziehe!
Wer ist der König der Ehre?
Es ist der HERR, stark und mächtig,
der HERR, mächtig im Streit.
Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehre einziehe!
Wer ist der König der Ehre?
Es ist der HERR Zebaoth;
er ist der König der Ehre.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

„Draußen vor der Tür“ – in diesem Antikriegsstück hat Wolfgang Borchert im Winter 1946/47 seine eigenen Kriegserlebnisse verarbeitet. Er schildert, wie Beckmann äußerlich unbeschadet aus dem Krieg heimkehrt und vor der Tür seines Elternhauses steht:

Unser Haus steht noch! Und es hat eine Tür. Und die Tür ist für mich da… Da kommt mein Vater jeden Morgen um acht Uhr raus. Da geht er jeden Abend wieder rein. Nur sonntags nicht… jeden Tag, ein ganzes Leben. Da geht meine Mutter rein und raus. Dreimal, siebenmal, zehnmal am Tag. Jeden Tag. Ein Leben lang. Das ist unsere Tür… Der Krieg ist an dieser Tür vorbeigegangen. Er hat sie nicht eingeschlagen und nicht aus den Angeln gerissen… Und nun ist diese Tür für mich da. Für mich geht sie auf, und hinter mir geht sie zu, und dann stehe ich nicht mehr draußen. Dann bin ich zu Hause. (W. Borchert, Draußen vor der Tür, Hamburg 1956, 11. Aufl. 2011, S. 34 f.)

In der Erleichterung, die Schrecken des Krieges überstanden zu haben, steht die Tür von Beckmanns Elternhaus für das Nachhausekommen. Für Geborgenheit und Sicherheit im Haus, in der Familie, in den vertrauten Ritualen der Eltern. Die Tür wie ein Zugang zur scheinbar heilen Vorkriegszeit, wie zur Kindheit.

Türen, heißt es, haben symbolische Bedeutung. Wir alle machen konkrete, alltägliche Erfahrungen mit Türen, die uns ihre Symbolkraft zugänglich machen. Und diese Symbolkraft wiederum bezieht sich auf unser inneres, seelisches Erleben.

 

Ganz real, alltäglich gedacht: Welche Türen sind uns besonders vertraut? Welche können Sie, könnt ihr sofort vor eurem inneren Auge wachrufen? Wahrscheinlich die eigene Haus- oder Wohnungstür, vielleicht die Tür zum eigenen Zimmer oder zur Küche… Vielleicht auch die Bürotür, die Tür zum Klassenzimmer, die U-Bahn- oder Autotüren…

Die einen gehen leicht auf, andere klemmen, wieder andere springen so schnell auf und zu, dass man sich beeilen muss hindurch zu schlüpfen. Nicht alle Türen in unserem Alltag sind ästhetisch schön, vielleicht sogar nur ganz wenige – wie unsere schwere, mit Blätterranken beschlagene Kirchentür.

Türen öffnen und verschließen Räume, sie lassen hinein oder sperren aus. Sie trennen Wärme und Kälte, Lärm und Stille. In diesem Sinn haben Türen auch symbolische Bedeutung: Sie markieren einen Übergang, eine Grenze, einen Durchlass. Wir können sie oft, aber nicht immer, selbst öffnen und schließen.

In Wolfgang Borcherts Drama muss Beckmann schmerzlich erleben, wie aus der Tür, hinter der er eben noch sein Zuhause wähnte, eine fremde Frau tritt. Andere Menschen wohnen in seinem Elternhaus. Er ist dort nicht mehr erwünscht. Die Tür versperrt ihm den Weg zurück in eine erträumte heile Welt.

Beckmann muss lernen – im Drama scheitert er letztlich daran – mit Heimatlosigkeit und Zerstörung zu leben und Abschied zu nehmen. Bzw. nun selbst Heimat und Häuser zu bauen, neue Wege zu gehen, andere Türen für sich zu öffnen.

Dies berührt die dritte, die seelische Dimension, die Türen für uns haben können. Abschiede können sich damit verknüpfen, wie die Einsicht, dass es irgendwann die Tür zum Elternhaus nicht mehr gibt. Vorfreude vielleicht auf den Tag, an dem sich das Schultor oder die Ladentür ein letztes Mal hinter einem schließt. Der Stolz, die Tür zur ersten eigenen Wohnung zu öffnen oder ein Neugeborenes aus dem Krankenhaus zuhause über die Schwelle zu tragen… Das Ende einer Freundschaft oder Beziehung, das sich wie eine verschlossene Tür anfühlen kann. Eine neue Stelle, eine neue Liebe, die sich wie eine Tür in die Zukunft öffnet…

Der alte liturgische Text, Psalm 24, verbindet auf seine Weise, mit Bildern des Tempelberges, die verschiedenen Bedeutungen, die ein Tor, eine Tür für uns haben kann:

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehre einziehe! (Ps 24, 7)

Die Tore des Tempels in Jerusalem sind gemeint, auf dem Berg Zion, wo von alters her der Sitz des Heiligen Israels, der Thron Gottes verortet wird. Diese Holztore sollen mit Kurbeln und Seilen hochgezogen werden, damit Gott wie ein König, wie ein Feldherr mit seinem Gefolge einziehen kann. Damit Gott am richtigen, wirksamen, heiligen Ort seine Macht und Herrlichkeit entfalten kann. Und diese Macht besteht, bei allen kriegerischen Assoziationen, in Frieden und Gerechtigkeit, Liebe und Demut.

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.
(Sach 9, 9) So sagt es der Prophet Sacharja.

Und nun mag man sich fragen, welche innere Bedeutung denn diese alten Tempeltore und -türen für uns haben, durch die symbolisch der gerechte König einziehen soll?

Georg Weissel, Pfarrer in Königsberg, der mitten im Dreißigjährigen Krieg das Adventslied „Macht hoch die Tür“ dichtete, hat die verschiedenen Bedeutungsebenen klug verknüpft: Die Vorfreude auf den „König aller Königreich“, der stärker ist als alle Herren der Welt. Gerechtigkeit, Sanftmut und Barmherzigkeit bringt er in unsere Welt. „O wohl dem Land, o wohl der Stadt“ – schon hier und jetzt mögen wir es erleben. So wir denn unsere Herzenstüren für ihn öffnen, uns innerlich bereit machen.

Der Psalm nennt konkrete, eher nüchterne Voraussetzungen dafür, den Heiligen zu empfangen:

Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist,
wer nicht bedacht ist auf Lüge und nicht schwört zum Trug,
der wird Segen vom HERRN empfangen. (Ps 24, 4f)

Wer ehrlich ist, sich nicht aufbläht auf Kosten anderer, wer andere neben sich gelten lassen kann, ohne üble Nachrede, wer die Wahrheit nicht scheut und sie nicht mit „Lug und Trug“ nach den eigenen Wünschen zurechtbiegt – der, die darf Gottes Ankunft erwarten und wird Segen empfangen.

Der Königsberger Pfarrer beschreibt im Zeitalter des Barock die innere Vorbereitung anders, süßer und innerlicher: Bereitet euer Herz wie einen Tempel, sagt er, schmückt euer Herz mit Zweigen, wie Immergrün, mit „Andacht, Lust und Freud“. (EG 1, 4)

Ich denke, wir brauchen für unsere Vorbereitung auf die Ankunft des Heiligen, für unser inneres Türenöffnen wohl beides: ethische, äußere Orientierung, wie uns der Psalm Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit ans Herz legt, die Warnung vor Falschheit, „Lug und Trug“. Und auch Besinnung, Gelassenheit, „Lust und Freud“.

Vorfreude, die uns in den kriegerischen, bedrängenden Zeiten, die wir erleben, hoffen und freuen lässt auf einen anderen, himmlischen König, der Gerechtigkeit, Sanftmut und Barmherzigkeit bringt. In diese Zeit, in diese Welt. Und alle, die ihn erwarten, die nach den Zeichen seiner Ankunft Ausschau halten, die hoffen, helfen, singen, schmücken und beten… – sie, wir alle sind wie seine Botinnen und Boten. Vorläufer und Wegbereiter für den neuen König, Hebammen und Türöffner für den Retter der Welt.

Die wir Toren und Türen öffnen können für Nächstenliebe, Ehrlichkeit und Barmherzigkeit – in unserem Umgang mit anderen Menschen, mit unserer Zeit oder unserem Geld. Die wir manche Türen versuchen müssen zu schließen – vor Hass, Gewalt, Lügen und Ausbeutung. Und die wir selbst, auch in uns, Raum schaffen sollen – Räume öffnen, Räume begrenzen und gestalten, damit wir uns auf Gottes Kommen vorbereiten.

Denn er wird kommen – zu uns und allen, die sehnlich auf ihn warten, deren Herzenstüren weit offenstehen. Amen.