Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Macht hoch die Tür!

Macht hoch die Tür!

Predigt zum 1. Advent
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 27 November

Predigt zu Offenbarung 3, 14-22

Predigttext:

Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: 15 Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest! 16 Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. 17 Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. 18 Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. 19 Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße! 20 Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl[1] mit ihm halten und er mit mir. 21 Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron. 22 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Predigt:

Liebe Gemeinde,

dieses Jahr liegt die längst mögliche Adventszeit vor uns. Weil der Heiligabend auf einen Samstag fällt, ist der Advent diesmal wirklich volle 4 Wochen lang. Mehr Zeit als sonst also, um das Weih­nachts­­fest vorzubereiten: Wem möchte ich etwas schenken und was? Wer fährt wohin? Kommen die Kinder? Und wenn ja, wann? Wie können wir als Paar, als Familie, wie kann ich alleine die Feiertage verbringen?

Ich will von einem Mann erzählen, der sich auch auf die Weihnachtstage vorbreitet. Er hat beschlossen, seine Familie einzuladen: Die Tochter mit ihren zwei Kindern, den Sohn und die Schwiegertochter, den Bruder mit Frau, eine angeheiratete Tante, die noch lebt – sieben Personen insgesamt. Sie alle sollen, so stellt er es sich vor, an Weihnachten gemeinsam um den großen Tisch sitzen und miteinander feiern. Aber das muss eben gut vorbereitet sein. Deswegen sitzt er jetzt an seinem Schreibtisch und verfasst die Einladungen. Und zwar persönlich, jeder und jede bekommt einen individuellen Brief. Sechs Umschläge liegen dort schon, nun kommt das letzte Schreiben – an seinen Bruder, vielleicht das schwierigste. Die Einladung zum Weihnachtsessen hat er schon formu­liert, Ort und Zeit stehen auf dem Papier, aber das reicht nicht. Er schreibt weiter:

„Du tust immer so, als ob alles ok wäre zwischen uns. Nach außen hin ist das wohl auch so, da steht die Fassade. Alles gut. Aber nichts ist gut. Ich war dir immer ziemlich egal, großer Bruder. Du hast dein Ding gemacht und durch mich hindurch­geschaut. Wenn ich mit den Eltern Schwierig­keiten hatte, dann bist du mir nie in den Rücken gefallen, aber für mich eingesetzt hast du dich auch nicht. Wenn du wenigstens mal Position bezogen hättest. Aber du warst nie greifbar für mich, hast dich immer so durchgewurstelt. Aalglatt. Du wirst vermutlich sagen: ‚Wieso, es ist doch alles in Ordnung zwischen uns, wir haben keinen Streit, was hast du denn?‘ Aber ich finde dein Verhalten – verzeih den Ausdruck – zum Kotzen. So will ich das nicht mehr. Und ich schreibe das so hart und so deutlich, weil du mir eben nicht egal bist. Weil mir an unserer Beziehung liegt, einer ehrlichen echten Beziehung. Also bitte ich dich, denk über das alles nach, lass dich auf dieses Gespräch ein, nimm meine Einladung an. Ich bin sicher, dann tun sich für uns ganz neue Türen auf.“

Sie merken, der Brief ähnelt dem, den wir in der Lesung gehört haben. Dem Brief, den der Seher Johannes im Buch der Offen­barung schreibt. Auch da wird reiner Tisch gemacht mit drastischen Worten. Johannes schreibt im Namen Christi an die sieben Gemeinde in Kleinasien. Man weiß von diesen früh­christ­lichen Gemeinden, dass sie eine Krisenzeit durchlebten. Es gab zum einen Konflikte mit den örtlichen Synagogen­gemeinden und zum anderen nahm der Kaiserkult zu, dem sich die christlichen Gemeinden natürlich nicht unterwerfen konnten. Es kam zu lokalen Christen­verfolgungen. Und damit waren die Gemeinde natürlich auch in ihrer innerlichen Ausrichtung in Frage gestellt: Was glauben wir eigentlich? Und wie müssen wir uns als Christinnen und Christen verhalten, damit wir nach innen und außen glaubwürdig bleiben? Manche Gemeinden haben sich auf diese Fragen wohl gar nicht ernsthaft einge­lassen und eher eine pragmatische Antwort gelebt.

Laodizea z.B., die Gemeinde deren Brief vorgelesen wurde, Laodizea scheint es trotz allem gut zu gehen. Die Fassade steht. Kein Problem. „Ich bin reich, ich habe mehr als genug, ich brauche nichts“ – so zitiert der Schreiber die Gemeinde. Dass er ausgerechnet diese reiche Stadt – bekannt für ihr Banken­wesen, die florierende Textil- und Arzneimittelher­stellung in seinem Brief als „arm, nackt und blind“ beschreibt, entbehrt nicht der Ironie. Und dann empfiehlt er ihr im gleichen Duktus: „Ich rate dir, dass du Gold kaufst und weiße Kleider und Augensalbe.“ – „Du glaubst, du bist reich, aber im Grund bist du ganz schön armselig“, so schwingt es zwischen den Zeilen mit.

Laodizea, so der Vorwurf, laviert sich halbherzig zwischen Gottesdienst und Kaiserkult durch, biedert sich der römischen Haltung an, will lieber nicht auffallen. Statt sich klar zum Glauben zu bekennen, lebt die Gemeinde ein unerträglich pragmatisches JEIN. Und das ist „zum Kotzen“ – so steht es wörtlich in dem Brief. „Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich aus­speien aus meinem Munde.“

Befremdlich ist das für uns schon, dieser emotionale, dieser wütende Christus. Denn in seinem Namen schreibt der Seher ja. Er ist das „Ich“, welches die Gemeinde Laodizea beschimpft. Christus redet Tacheles. Dieser Begriff „Tacheles“ kommt vom jüdischen Wort „tachlit“ und meint eine Rede, die das Ende und Ziel einer Sache anspricht, ist im Endeffekt also apokalyptische Rede. Man hört dieser Rede hier den Zeitdruck an, der diese Briefe in der Offen­barung prägt. Christus will Laodizea für sich gewinnen, ehe es zu spät ist. Diese selbstverblendete Gemeinde geht ihm auf die Nerven bzw. man müsste besser sagen an die Nieren.

Vielleicht verständlich, aber für uns trotzdem befremd­lich: Wenn jemand eine Einladung ausspricht, mit jemandem in Kontakt kommen will, dann sollte er die Eingeladenen vielleicht nicht gerade beschimpfen, oder? Das entspricht nicht unseren neuzeitlichen pädago­gischen Erkenntnissen. Eine kalte Dusche wird da denen verpasst, die es eben lieber lau haben. Die Warm­duscher müssen ins Kneipp­bad. Aber – Kneippen soll ja heilsam sein. Und es gibt nicht nur die kalte Dusche, es steckt tatsächlich ein Wechselbad zwischen kalt und heiß in diesen Zeilen. Es spricht hier nicht einfach nur ein verärgerter Christus, sondern ein leidenschaftlicher, ein leidenschaftlich liebender. Ein gekränkter Liebender, der um seine Gemeinde kämpft, der sie eben an seinem Tisch sitzen haben will beim großen Mahl, zu dem er lädt, im Reich Gottes. Das ist das Ziel, auf das sich seine Tacheles-Rede richtet.

Sieben Schreiben hat er diktiert an sieben Gemeinden. Das ist kein Zufall. 7 symbolisiert Vollständigkeit und Ganzheit im göttlichen Heilsplan. Es ist nicht egal, ob eben nur sechs Gemeinden dabei sind beim großen Fest, es ist nicht egal ob Laodicea fehlt oder nicht, Christus kämpft um jede und jeden.

„Siehe, ich stehe vor der Tür….“

schreibt er. Das ist das zentrale Bild seiner Botschaft. Christus steht vor der Tür. Das ist Advent. Das ist ein Bild, das wir alle kennen. Türen sind allgegenwärtig im Advent. Und wir haben es gesungen und gesprochen. „Macht hoch die Tür!“ Wenn die Tür zu bleibt, kann keiner kommen, auch Gott nicht.

Da steht jemand vor der Tür. Das ist eine alltägliche Situation. Ich bin mir sicher, jeder und jede von uns hat die Tür­klingel auch schon mal überhört. Weil man mit etwas anderem beschäftigt war, weil man Kopfhörer im Ohr hatte, weil andere Geräusche – das Radio, der Wasser­kocher, ein Gespräch – so laut waren, dass man gar nicht mitgekriegt hat, dass da jemand zu uns kommen will. Vielleicht haben manche von uns auch schon mal bewusst die Türklingel überhört. Da will man einfach seine Ruhe haben oder man will gerade die Person, die kommt, jetzt nicht sehen und sprechen, sich nicht mit ihr auseinandersetzen.

„Siehe, ich stehe vor der Tür….“

Christus steht vor der Tür der Gemeinde von Laudizea und klopft an. Bisher hat ihm wohl niemand freudig die Tür geöffnet. Es hat sie ihm auch niemand vor der Nase zugeknallt. Mit seinen drastischen Worten hämmert Christus – um im Bild zu bleiben – nun ziemlich laut an diese Tür, um klar zu machen: Hallo, hier bin ich! Will mich eigentlich jemand reinlassen?

Aufmachen oder Dichtmachen – das ist die Frage im Advent. Irgendwie durchlavieren, durchwursteln, so ein bisschen, einen Spalt, vielleicht, irgendwann, das ist – Entschuldigung ist zitiere es nochmal – „zum Kotzen“. Vielleicht muss Christus auch bei uns und bei unserer Gemeinde etwas lauter klopfen, um sich Gehör zu verschaffen. Auch bei uns sind die Nebengeräusche manchmal laut, der Terminkalender voll, die Prioritäten woanders.

Aber diese Adventszeit ist so lang wie sonst nie. Wir haben vier volle Wochen, nicht nur, um Weihnachten zu planen – Geschenke, Besuch etc. – sondern auch um reinen Tisch zu machen, um die Geräusche unseres Lebens, den Termin­kalender und die Prioritäten zu überprüfen. Und um vor die Tür zu gucken, wer da steht. Ein jüngerer Bruder vielleicht mit seiner Kränkung. Und mit der Leidenschaft, die Beziehung neu zu gestalten und sich an einem Tisch zu setzen. Möglichst einen reinen.

Advent ist in diesem Sinne eine Chance und eine Zumutung, eine zwiespältige Angelegenheit. Advent ist Neuanfang, Kirchenjahresbeginn. Alle Anfänge sind schön und schwer. Neue Chance und gleichzeitig Verände­rungen, die Angst machen. Advent ist nicht nur gemüt­liche und glitzernde Vorfreude auf Weihnachten, sondern in kirchlicher Tradition immer auch Buß- und Fastenzeit gewesen. Das ist etwas in Vergessenheit geraten, und so mag uns dieser apoka­lyptische Brief über­rumpeln und aufs Adventsgemüt schlagen. Den auf den wir warten, kennen wir als sanftmütigen König, aber er kann eben auch Tacheles reden. Diese Tacheles-Rede soll keine Angst schüren, sondern will uns aufs Ziel hin ausrichten: Können wir in Frieden miteinander zu Tisch sitzen an Weihnachten? Alle zusammen? Vielleicht brauchen wir dazu den Engel, von dem in der Offenbarung die Rede ist: Er sucht uns ja nicht heim mit seinen drastischen, offenen Worten, sondern er will uns heim-leuchten. An den Tisch eben, an dem wir gemein­sam sitzen, und an dem wir nur in Frieden sitzen können, wenn wir vorher reinen Tisch machen. Dazu gehören im Advent vielleicht Fragen wie:
Vermissen wir Gott in unsrem Leben?
Wollen wir, dass er kommt?
Welche Türen wollen wir öffnen? Amen.