Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Senfkorn Glaube

Senfkorn Glaube

Predigt zur Konfirmation
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Konfirmationsgottesdienste am 22.+23. August 2020

Predigt zu Matthäus 17,14-20

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde!

Erinnert ihr euch an die Konfirmandenfreizeit Ende Februar in Wentorf? Es kann einem so vorkommen, als wäre das ewig her – so fern scheint jetzt vieles, was vor der Corona-Krise lag… Nur drei Wochen vor dem Lock-Down waren wir noch mit 40 Konfirmanden, mehreren Teamern und Studierenden in einem Haus mit 2- und 4- und 6-Bettzimmern, saßen dicht gedrängt im Essraum und in der Kapelle, waren Tag und Nacht – vor allem nachts – miteinander beschäftigt, im Gespräch, am Basketballkorb, am Kicker, mit oder ohne Handy und Musik, beim Rufen, Rennen, Singen, Reden… Erfahrungen von Freiheit und Gemeinschaft, die man unter den jetzigen Beschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens gar nicht so leicht machen kann.

An diesem Wochenende haben wir uns intensiv mit der Geschichte von Jesus beschäftigt, die Simon/Marleen/Ntiimi eben vorgelesen hat. Eine eher sperrige Heilungsgeschichte, wie einem viele biblische Texte zuerst fremd oder unverständlich erscheinen – und wenn man dann zusammen darüber spricht, sich die Szenen bildlich vorstellt, die Symbole oder Begriffe deutet, merkt man, dass die Geschichten doch zu uns sprechen können. Das ist jedenfalls etwas, das Simon, Ntiimi, Constantin Gröhn und ich mit euch geübt und ausprobiert haben: biblische Texte, christliche Traditionen aufzuschließen und darin Botschaften für uns zu entdecken.

In dieser Heilungsgeschichte kommt ein Mann zu Jesus und bittet ihn, seinen „mondsüchtigen“ Sohn zu heilen, wie es heißt. In meiner Kleingruppe haben wir lange über diese Krankheit gesprochen. Dass „mondsüchtig“ vielleicht hieß, dass der Junge Epileptiker, Spastiker oder Schlafwandler war oder dass er seltsame Stimmungen hatte. Und dass man in der Antike glaubte, dass Krankheiten durch Dämonen – durch böse Geister oder Mächte – verursacht werden.

Für euch Konfirmandinnen und Konfirmanden war es gar nicht so schwer, diese „Dämonen“ für euch zu deuten und zu übersetzen. Wenn wir auch heute wissen, dass Krankheiten durch Viren, Bakterien oder Vererbung hervorgerufen werden, so wisst ihr auch, dass viele Krankheiten in unserer Zeit – und jetzt rede ich nicht von Corona! – durch so etwas wie böse innere oder äußere Mächte entstehen. Als erstes kam euch dazu Magersucht in den Sinn, auch Depressionen, Ängste und Süchte…

Beileibe nicht alles davon kommt aus unserm Innern, wurde uns so in die Wiege gelegt oder ist von Gott gewollt. Sondern es gibt Leistungsdruck, Schönheitsideale, sehr hohe Erwartungen oder auch unendlich viele Möglichkeiten, die verlockend sein können, von denen man aber auch geradezu wie besessen sein kann, die einen lähmen oder auffressen können. Informations- und Bilderfluten im Internet, auf Instagram oder Tiktok, die einen zwar nicht mondsüchtig, aber vielleicht bildersüchtig oder idealbildabhängig machen können.

In der Geschichte weiß der Vater des kranken Jungen nicht mehr ein noch aus. Offenbar hatte er zuerst die Jünger um Hilfe gebeten – allerdings erfolglos. Als Jesus davon hört, gerät er in Rage! „Ungläubig“, „verdorben“ nennt er die Jünger, die nicht wussten oder sich keine Mühe machten, den wonach auch immer süchtigen Jungen zu heilen. Richtig sauer wird er. Und ich frage mich, ob sich im übertragenen Sinne dieser Ärger heute gegen manche von uns Erwachsenen richten würde, die wir mitunter den Dämonen unserer Zeit zu wenig entgegensetzen oder ihnen sogar selbst verfallen sind.

In der Geschichte wird deutlich, dass Jesus von ihnen so richtig die Nase voll hat. Keine Geduld mehr hat mit denen, die sich zwar als seine Anhänger verstehen, als Eingeweihte und Wissende – aber offensichtlich nicht begreifen, dass es darum geht, wie sie selber glauben, denken und vor allem handeln. Dass Gruppenzugehörigkeit, Bildung oder sozialer Status allein noch gar nichts aussagen darüber, wie wir zu anderen Menschen und zu Gott stehen.

Jesus lässt den Jungen holen, treibt den Dämon aus – und er ist gesund. So eine Wunderheilung, mag man denken, das wäre ein Traum! Es wäre wunderbar, wenn Krebs oder Corona, Mager-, Spiel- oder Drogensucht einfach so durch die Begegnung mit einer besonderen Person oder mit Gott geheilt werden könnten. Den meisten von uns ist ja schmerzlich bewusst, wie lange Wege Heilung oft braucht und dass sie auch nicht immer gelingt.

Trotzdem sind von Jesus viele Heilungsgeschichten überliefert. Sie gehören zu dem Bild, das frühere Generationen und wir uns von ihm machen. Irgendwie berühren sie uns, wecken Hoffnung wider den Augenschein, können uns trösten … Jede und jeder von uns mag damit eigene Erfahrungen von Krankheit und Heilung, Angst und Erlösung, Trauer und Freude verbinden.

Ich glaube, wesentlich ist, dass die Geschichten von Jesus das Motiv der Heilung oder des Heils für uns wachhalten. Uns ein Bild, eine Geschichte dafür an die Hand geben, dass es Veränderung geben kann, auch wo wir sie uns nicht vorstellen können. Heilung, wo es noch keine Medikamente oder Impfungen gibt. Heil auch für alle, die in Ungerechtigkeit oder Gewalt gefangen sind.

Diese Heilung unserer persönlichen Situation und unserer gesellschaftlichen Zustände geschieht nach christlichem Verständnis von außen. Den Anstoß dazu gibt Gott oder Jesus Christus oder der Heilige Geist… Gottes Kraft der Liebe, mit der unsere inneren Mächte, Wünsche und Gewohnheiten auch manchmal kämpfen müssen. Wir brauchen es, dass andere Menschen uns ansprechen – manchmal auch widersprechen – und berühren, und dass Gott zu uns spricht, sich uns mit seinen Engeln oder Botinnen in den Weg stellt, uns tröstet oder ermutigt.

Aus solchen Erfahrungen von außen kann in uns entstehen, was wir Glauben nennen, Vertrauen. Selbstvertrauen aber auch Vertrauen in andere Menschen, Vertrauen in die Zukunft, Vertrauen auf vernünftige, gerechte und menschliche Lösungen.

„Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn…“ sagt Jesus. „Wenn ihr nur so ein mini-kleines Fitzelchen Glauben oder Vertrauen in euch hättet, wie ein 1,5mm kleines Senfkörnchen, dann könntet ihr Berge bewegen.“

Mit euren Konfirmationssprüchen, die wir gleich hören werden, und in den Texten, die ihr dazu geschrieben habt, erzählt ihr davon, wie dieses Senfkorn Glaube in euch aussieht. Welche Erfahrungen oder Hoffnungen ihr damit verbindet. Welche Berge ihr versetzt haben möchtet mit eurem Glauben an Gottes Nähe und Kraft:

Dass Menschen nicht mehr lügen oder einander ausgrenzen wegen ihres Aussehens, ihrer Hautfarbe oder sexuellen Orientierung. Dass niemand allein sein muss, weil das für viele von euch das Schlimmste ist. Dass nach schwerer Krankheit oder Tod neues Leben beginnen kann. Dass Traurigkeit ein Ende hat. Dass Freundschaft und Liebe über das Böse siegen. Und wir uns freuen können, hoffen und vertrauen im festen Glauben auf Antwort und Sinn.

„Für euch wird nichts unmöglich sein“, sagt Jesus am Schluss der Geschichte. Das gilt für euer inneres Leben, für euer geistliches Leben, wie man im religiösen Sinn sagt. Auch mit einem Glauben, der vielleicht zu manchen Zeiten unseres Lebens so klein und schwach ist wie ein einzelnes Samenkorn, kann es hell in uns sein. Könnt ihr widerstandsfähig sein, mutig oder geduldig, wach und hoffnungsvoll.

So, wie ihr das jetzt oft seid: mit all eurer Neugier, Lebenslust und Vorfreude, mit euren kritischen Fragen und stillen Beobachtungen, mit euren Ängsten und Träumen. Ganz und gar lebendig.

Nichts wird euch unmöglich sein, keine Hoffnung zu groß, kein Traum zu bunt, kein Weg zu lang – im Vertrauen darauf, dass Gott euch immer wieder Kraft schenkt und euch ins Leben ruft, in Freundschaft und Liebe, in Fürsorge und Engagement für seine Menschen und seine Schöpfung.

Gottes Frieden sei mit euch und mit uns allen! Amen.