Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Umwertung der Werte

Umwertung der Werte

Predigt am 27. Febuar
Pastor i.R.

Josef Kirsch

Gottesdienst zu Estomihi

Predigt zu Markus 8, 31- 36

Predigttext:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.Jesus fing an, die Jünger zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird es behalten. Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? (Markus 8, 31-36)

 

Predigt:

Liebe Gemeinde, warum ging Jesus nach Jerusalem? Er wirkte in Galiläa, im Norden des Landes, in dem Gebiet um den See Genezareth herum. Eigentlich war alles sehr in Ordnung; die Jünger begleiteten ihn, bewunderten ihn und die Leute kamen zu ihm, um ihn zu hören, ihn zu erleben, um geheilt zu werden. Und so erging es wohl auch den Jüngern. Der erste, zu dem Jesus gesagt hatte: „Folge mir nach“, war Simon Petrus, der Familie und Beruf aufgab und sich Jesus anschloss. Jesus muss etwas sehr zwiespältig Faszinierendes ausgestrahlt haben, so dass viele Menschen alles aufgaben und sich ihm anschlossen. Sie hatten etwas sehr Großes in ihm gesehen. Sicherlich war er einer, dessentwegen es sich lohnte, alles aufzugeben. Wahrscheinlich wird er Israel befreien vom römischen Joch und dann winkten große Ehren. Unmittelbar vor unserem Predigttext fragt Jesus seine Jünger: „Wer sagen die Leute, wer ich sei?“ Und die Jünger tragen alles Mögliche zusammen. „Und wer sagt ihr, wer ich sei?“ Und Petrus antwortete wahrscheinlich für alle anderen: „Du bist der Christus, d.h. der Gesalbte Gottes, der Nachfolger Davids, der zukünftige König.“

Petrus hatte im vorhergehenden Text den Grund angegeben, warum sie alle in Jesus etwas Besonderes sahen, sich Großes von ihm erhofften. Und jetzt tritt das Gegenteil ein. Jesus sagt: Es wird etwas gänzlich Anderes geschehen. Der wiederkehrende David, der erhoffte Erlöser vom römischen Joch bin ich nicht. Im Gegenteil: Ich muss viel leiden in Jerusalem, ich werde verworfen und getötet werden.

Und Petrus ist wirklich schockiert: Herr, so haben wir uns den Weg mit dir nicht vorgestellt. Geh doch bloß nicht nach Jerusalem. Das ist doch weit weg. Wir haben doch hier im Norden, in Galiläa genug zu tun. Gerade in der Stadt, in der wir uns befinden, in Caesarea Philippi. Markus hatte bei der Abfassung des Evangeliums, etwa 40 Jahre nach den erzählten Ereignissen, sicherlich vor Augen, dass der römische Kaiser Vespasian und sein Sohn Titus von Caesarea Philippi aus den Rachefeldzug gegen Jerusalem wegen verschiedener Aufstände gestartet hatten und Jerusalem im Jahre 70 zerstörten, einschließlich des Tempels. Markus lässt gerade von Caesarea Philippi aus den Gegenkönig Jesus seinen Weg beginnen. Ich muss viel leiden und getötet werden. Sehr scharf reagiert Jesus auf Petrus: Geh hinter mich, du Satan, denn du meinst nicht, was göttlich ist, sondern was menschlich ist. Ein hochemotionaler Text. Petrus, der alles verlassen hatte, weil er in Jesus die Erfüllung der Hoffnung des alten Israel sah: Befreiung vom römischen Joch und Wiederherstellung der Davidsherrschaft und Jesus, der dieses in aller Schärfe zurückweist. Aus dir spricht der Satan. Du sagst, ich bin der Christus, der König von Israel, ich aber sage euch, ich muss viel leiden und getötet werden. Ein gewaltiger Gegensatz zwischen Jesus und seinen Jüngern, eine gewaltige Korrektur ihrer Erwartungen.

Jesus würde dennoch Petrus teilweise recht geben: Ja, es stimmt, dass die Welt voll gewaltiger Schmerzen ist, in der Ukraine, in Syrien, im Mittelmeer, um nur einige zu nennen, voll schwerer Krankheiten, auch voller Hass, voller Menschenverachtung. All dieses stimmt und hier in Galiläa gäbe es auch genug zu tun. Petrus ist in gewisser Weise auch ein Sprecher der ganzen erlösungsbedürftigen Menschheit. Mein Weg aber, sagt Jesus, ist ein anderer. Ich bin nicht der triumphale König, dem die Leute beim Vorbeiziehen applaudieren. Für einen Moment sah es in Jerusalem so aus beim Einzug auf einem Esel. Aber schon dieses Bild ist eine Karikatur auf einen triumphalen Einzug. Nein, sagt Jesus, im Kontakt mit mir kann man nicht applaudierend am Straßenrand stehen bleiben.

Und dann entwirft er ein extrem hartes Bild. Es ist der zweite Teil des Evangeliumstextes, die sog. Nachfolgesprüche. Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich. Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren. Aber wer es um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, der wird es behalten; denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden an seiner Seele zu nehmen? Eigentlich kann man diesen Worten Jesu nur zustimmen oder sich abwenden. Entweder: “Ja, so ist es“ oder „Nein, das will ich nicht“. Mein Weg, sagt Jesus, ist ein total anderer als der mit Toten gesäumte Weg der Gewaltherrscher dieser Erde; mein Weg ist gewaltlos, es ist der Weg der Liebe Gottes.

Dennoch, die Frage bleibt: Warum ging Jesus nach Jerusalem? Den Weg der Liebe Gottes hätte er auch in Galiläa verwirklichen können. Ich muss gestehen, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall ist den Texten abzulesen, dass Jesus in Jerusalem ein anderer war als in Galiläa, viel härter, viel kompromissloser, viel provozierender; so als lege er es darauf an, zum Tode verurteilt zu werden. Vielleicht wollte er genau das beweisen: Die Umwertung der Werte wird in den damaligen Herrschaftsverhältnissen und in den Herrschaftsverhältnissen der meisten Länder heute nicht akzeptiert. Was bleibt uns übrig? Wir müssen über die Nachfolgesprüche nachdenken. Was heißt das: sich selbst verleugnen, sein Kreuz auf sich nehmen, Schaden an seiner Seele nehmen? Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren, und wer es um meinetwillen verliert, der wird es behalten. Wir sind doch voll ausgelastet mit Arbeit und Freizeit, mit den Anforderungen des Berufes und der Familie. So leben wir alle Jahre, aber hin und wieder drängt sich doch die Frage auf: Was ist eigentlich wirklich wichtig? Was ist die Wahrheit meines Lebens? Und dann können uns die Nachfolgesprüche einfallen und wie ein Stachel schmerzen.

Gelingt es mir, hin und wieder meine Wichtigkeit zu vergessen und der Liebe Gottes in dieser Welt Gestalt zu geben? Ich kann mir vorstellen, dass dieses dann mehr Leben, mehr Erfüllung schafft als jeder Karriereschritt. Und dennoch werden wir immer wieder daran scheitern, weil wir anders geschaffen sind. Und Markus, der – wie gesagt – etwa 40 Jahre nach dem 1. Karfreitag schrieb, kann noch eine Perspektive hinzusetzen. Er lässt Jesus sagen: Ich muss viel leiden und getötet werden, und in der Rückschau setzt Markus hinzu: und nach drei Tagen auferstehen. Hinter dem Leiden, dem Jesus in Jerusalem entgegengeht, sieht Markus das Licht des Ostermorgens. Ich habe die Vermutung, dass Jesus wohl nach Jerusalem ging, weil er die Ahnung hatte, dass er in dem beschaulichen Galiläa Schaden an seiner Seele nehmen würde. Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden an seiner Seele zu nehmen?

An zwei Beispielen möchte ich die Wahrheit dieses Wortes verdeutlichen, einmal aus der Opferperspektive und einmal aus der Täterperspektive:

Janusz Korczak leitete als jüdischer Kinderarzt im Warschauer Ghetto in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Waisenhaus für jüdische Kinder, deren Eltern ermordet worden waren. In dieser Funktion war er weltberühmt. Und als die Kinder ins KZ abtransportiert werden sollten, wurde ihm von den Nazis der Vorschlag gemacht, sich von den Kindern zu trennen, weil die Nazis wohl spürten, die eigene Reputation in der Welt erhöhen zu müssen. Er wies den Vorschlag ohne Diskussion zurück und wurde dann im KZ mit den Kindern ermordet. Janusz Korczak wusste, dass er schweren Schaden an seiner Seele nähme, wenn er die Kinder verließ. Das andere Beispiel ist Wladimir Putin. Sie alle wissen, dass er in Friedenszeiten ohne Verteidigungsgrund der Ukraine den Krieg erklärt hat, nur um Macht und Einfluss und Herrschaft zu sichern oder auszudehnen. Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? In einem Fall kann einer die der Ermordung ausgesetzten Kinder nicht alleine lassen, im anderen verursacht einer unendliches Leid und den Tod vieler Menschen um große Teile der Welt zu gewinnen. Gott offenbart sich auf zweierlei Weise: im Gesetz und im Evangelium, m.a.W. im bedingungslosen Weg der Liebe und im undiskutierbaren eindeutigen: Es ist nicht erlaubt. Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? Beiden Aspekten, dem Gesetz und dem Evangelium begegnen wir in diesem Spruch. Schmerzhaft entdecken wir, Janusz Korczak ist dem Nachfolgespruch gefolgt. Genauso schmerzhaft entdecken wir aber auch, Wladimir Putin hat in furchtbarer Weise dagegen verstoßen.

Gott sei Dank, haben die Fragen unseres Lebens nur in seltenen Ausnahmen dieses Gewicht. Aber die Frage Jesu bleibt an seine Jünger damals und an uns heute: Wollt ihr mit mir den Weg der bedingungslosen Liebe Gottes gehen oder nicht?

Sicherlich spiegeln die Nachfolgesprüche ein Utopie. Und zum Wesen der Utopie gehört, dass sie nie allgemeine Realität wird. Nie werden Hass und Menschenverachtung aufhören, wie wir an den Nazis sehen, wie wir an dem Überfall auf die Ukraine sehen. Aber dier Utopie übt einen Druck aus, der die Wirklichkeit verändert, manchmal nur bei Einzelnen, aber genau darin weist sie einen Weg im Lichte des Ostermorgens.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen